Genie und Rowdytum, das erste Kapitel – Oasis

Es existiert diese Legende, wonach Oasis im Februar 1994 – noch vor Veröffentlichung ihres Debütalbums – eine Fähre nach Amsterdam bestiegen, um dort ein Konzert zu spielen. Während der Überfahrt dürfte es unter der Federführung Liam Gallaghers zu einem ordentlichen Alkoholexzess gekommen sein, was darin gipfelte, dass Liam und der Bassist Paul „Guigsy“ McGuigan wegen einer tätlichen Auseinandersetzung an der Bar noch an Bord eingesperrt und gleich zurück nach Großbritannien verfrachtet wurden. Lediglich Noel Gallagher soll Amsterdam erreicht haben. So zumindest will es die Anekdote, die immerhin auch von der BBC verbreitet wurde. Und tatsächlich versinnbildlicht diese Geschichte das Genie und das Rowdytum, welches Oasis Zeit ihres Wirkens begleitet haben. Diese Band hat Britpop in seiner schillerndsten und zugleich ungestümsten Form dargeboten. Bereits mit ihrem vor zwanzig Jahren erschienenen Erstlingswerk Definitely Maybe wurde der Grundstein für den Mythos Oasis gelegt. Und so sehr sich auch andere Bands um Kultstatus mühten, was Oasis Mitte der Neunziger entfachten, bleibt wohl unerreicht. Wo Pulp und Blur noch zur Fußnote in der Musikgeschichte taugen, gehört die Kapitelüberschrift dieser Zeit letztlich Oasis. Die Gebrüder Gallagher bescherten Großbritannien die deftige Renaissance des Rock. Nach all dem Synthie-Pop und dem durchgestylten New Wave legten Oasis wieder den Grundstein fürs Grobe und Dreckige. Doch wo der amerikanische Grunge etwa noch mit Leidensmiene in die Saiten griff, durchwob Definitely Maybe die Euphorie des Seins. Definitely Maybe und die folgenden Alben der Neunziger waren das triumphale letzte Kapitel europäischer Musikgeschichte, ehe durch Internet und Filesharing das Musikbusiness in seinem Fundament für immer erschüttert wurde. Der Songwriter Noel Gallagher schien von Anfang an von sich sehr überzeugt, betrachtete sich als die einzig existiernde Inkarnation der Beatles. All der Größenwahn war jedoch noch Untertreibung. Noel war das kompositorische Ausnahmetalent, wie es nur eines pro Generation geben kann. Zusammen mit der impulsiven Rampensau Liam hat Noel ein Zeitgefühl geprägt, die Musikhistorie nachhaltig beeinflusst. Definitely Maybe war dabei das erste Kapitel.

Oasis_Photo_credit_Jamie_Fry

Photo Credit: Jamie Fry

 Weiterlesen

Lauschrausch LIV: James

Es gibt in der Musikbranche solche und solche Urgesteine. Etwa jene, die sich nur noch durch Eskapaden bei ihren Ausflügen aus dem Rockolymp auszeichnen, oder aber Bands, die sich auch nach Jahrzehnten noch um Relevanz bemühen und sich nicht auf den Lorbeeren von einst ausruhen. In letztere Kategorie fällt James, eine vor allem in den Neunzigern erfolgreiche Band aus Manchester. Nach einer nahezu obligatorischen Auflösung 2001 fanden die Mannen rund um Sänger Tim Booth 2007 wieder zueinander. Und nach der Comeback-Platte Hey Ma und zwei Mini-Alben folgt mit La Petite Mort nun ein weiterer Beleg dafür, dass man das Comeback nicht aus Gründen der Altersversorgung unternommen hat.

 Weiterlesen

Ästhetiker des Alltags – Travis

Auf gewisse Weise sind Travis jene Sorte Kumpel, von denen man nie genug haben kann. Bescheidene, verständnisvolle, feinfühlige Menschen, Ästhetiker des Alltags, Zelebranten kleiner Glücksmomente, behagliche Grübler. Vielleicht taugen sie nicht für Saufgelage oder ausgelassene Partys, eher schon für die Tage, Stunden, Minuten zwischen höchsten Höhen und tiefsten Tiefen. Travis sind keine Clowns, die Tränen wegjuxen, Travis sind keine feisten Motivatoren, welche das Leben schön reden. Die Schotten stehen für eine geradezu unscheinbare Verlässlichkeit, für eine sanfte, meist wohlige Emotion. Es gibt Personen, deren positive Ausstrahlung noch nachwirkt, obwohl sie den Raum schon vor Stunden verlassen haben. Travis sind die musikalische Entsprechung dazu, wie das jüngste Werk Where You Stand unterstreicht.

travis_presse_web

 Weiterlesen

Kein Rückzug aufs Altenteil – Beady Eye

Oasis haben immer und stets an einem Minderwertigkeitskomplex gelitten. Die Gebrüder Gallagher konnten es selbst am Höhepunkt des Erfolges nicht verwinden, dass nicht sie die Musik erfunden haben und es Jahrzehnte zuvor bereits eine Band namens The Beatles gegeben hat. Aus dieser Mulmigkeit heraus mussten sich Oasis immer größer als das Leben geben, Gigantomanie mit flegelhafter Rockstarattitüde unterstreichen. Im Rückblick blieb daher oft der Eindruck hängen, dass die Gallaghers in ihrer kranken zwischenbrüderlichen Chemie eher legitime Erben von The Three Stooges waren, sich nur ab und an nebenberuflich als Beatles-Epigonen betätigten. Derart haben es sich Oasis über kurz oder lang mit Presse, Fans und der ganzen Welt verscherzt. Ihr mit Methode vorgebrachter Wahn hat den Fokus von ihren Songs genommen. Dabei haben Oasis Lieder aufgenommen, die in ihrer Genialität keinen Vergleich scheuen müssen. Keinen. Nun sind Oasis (vorerst) Geschichte und Liam Gallagher versucht mit seiner Band Beady Eye einen neuen Mythos zu kreieren. Sein Album BE verkennt somit einmal mehr Realitäten – und wird vielleicht deshalb auch verkannt.

 Weiterlesen

A Fucking Legend – Noel Gallagher’s High Flying Birds

Kurz vor dem Ende der musikalischen Antike, in allerletzter Sekunde vor der Durchdringung unserer Leben durch das Internet und den damit verbundenen Auswirkungen auf Produktion und Rezeption von Musik, vermochte eine begnadete Generation britischer Bands musikalische Mythen in Stein zu meißeln: The Verve, Oasis und Radiohead. Während Richard Ashcrofts Sangeshymnen alles in den Schatten stellten, Radioheads Visionen eine verstörende Zukunft vorweg nahmen, funktionierte das Gesamtpaket Oasis mit Mastermind Noel Gallagher als Prototyp der letzten Rockstars klassischen Zuschnitts. Mehr als eine Dekade später wächst Ashcrofts Werk weiter, ohne dass davon allzu viel Notiz genommen wird, sind Thom Yorke und Konsorten zuletzt zu apathischen Cassandrarufern ohne Deutungshoheit mutiert – und die Gebrüder Gallagher noch längst nicht erwachsen.

Noel Gallagher’s High Flying Birds – AKA … What a Life! from verstaerker on Vimeo.

Der Künstler als ewiges Kind spiegelt all die Zeitgenossen wider, deren Maß der Anstrengung sich bestenfalls durch eine aus zusammengepressten Lippen hervorlugende Zungenspitze erahnen lässt. Oasis haben sich die längste Zeit in Bruderzwistigkeiten verfangen, viel Zeit und Mühen dafür aufgewendet, die Marke Oasis erheblich darüber definiert. Dabei jedoch das großartige Songwriting zu oft in den Hintergrund gerückt. Auf die Trennung folgt nun der Konkurrenzkampf, den Liam Gallagher mit Beady Eye Anfang des Jahres eingeläutet hat. Während Liam weiter auf ein Bandgefüge setzt, werkt Noel Gallagher aller Fesseln frei unter dem Namen Noel Gallagher’s High Flying Birds. Getragen von dem Wissen, dass es sich leichter gegenüber Gott und der Welt blasiert sein lässt, wenn man keinen rüpelhaften, kleinen Bruder an seiner Seite hat. Diese Befreiung durchwirkt das selbstbetitelte Album auch.

Noel Gallagher’s High Flying Birds – If I Had A Gun from verstaerker on Vimeo.

Es mag verwunderlich klingen, aber Noel Gallagher stellt sein bisheriges schöpferisches Tun nicht auf den Kopf, schwört dem Britpop keineswegs ab. Er verleugnet Oasis keine Sekunde lang, weil er ja damit auch an der eigenen Legende kratzen würde. So ist vorliegende Scheibe allenfalls eine – vom Gesang abgesehen – Veränderung in Nuancen. Everybody’s On The Run erobert ausladend orchestriert, streichergetränkt und chorschwanger, mit einer für Gallagher typischen Melodie das Herz des Hörers. Der Einzelkämpfer Noel instrumentiert mit feinerer Klinge, opfert manch Robustheit zugunsten einer Opulenz, freilich ohne dabei die Pferde scheu zu machen. If I Had A Gun.. gerät zu einem der wohlig wärmsten Tracks der Platte, ja sogar des gesamt Schaffens des Meisters. Aber die Uhr kann niemand zurückdrehen, deshalb wird der Hymne (I Wanna Live In A Dream In My) Record Machine 2011 kein Charts-Erfolg beschieden sein. Hätte der Track vor 15 Jahren das Licht der Welt erblickt, wir hätten es heute mit einem durch das Spiel in Arenen geeichten Klassiker zu tun. Doch genau hier liegt der Knackpunkt. Gallagher hält musikalische Trends für Humbug, vertraut der reinen Lehre, die sich neumodischem Schnickschnack verweigert. Das macht sein Songwriting zu einem zeitlosen Relikt, dessen melodisches Donnerwetter meist jedwede Angestaubtheit bannt. Doch überspannt er auch ab und an den Bogen, erinnert Soldier Boys And Jesus Freaks einfach zu stark an einen auf modern getrimmten Song von The Kinks. Wenn sich Gallagher auf sich selbst besinnt, sich im eigenen Fundus bedient, entstehen Höhepunkte wie etwa Stop The Clocks, das mit seinem Gitarrenbombast nach Genialität duftet. Hier wirkt der Künstler in seinem Element, mehr noch als wenn er Beatles auf eine Brass Band aus den Südstaaten treffen lässt. The Death Of You And Me scheint die Sorte von Experiment zu sein, das erst durch diesen Alleingang möglich wurde. Meist jedoch bleibt Gallagher ohne jeden Fehl und Tadel, zieht allen Epigonen überlegen, lässig Tracks wie das famose AKA… Broken Arrow hervor.

Noel Gallagher’s High Flying Birds – The Death Of You And Me from verstaerker on Vimeo.

Gallagher tut gut daran, sich nicht neu erfinden zu wollen. Dies würde ihn angreifbarer machen, am Status der Ikone rütteln. Gleichsam würde eine solche Abkehr Oasis mit all den Begleitgeräuschen zur Jugendsünde deklarieren und den erwachsenen Gallagher mit einer Sinnsuche konfrontieren. Dafür erscheint in seinem Selbstverständnis kaum Platz. Deshalb wird Noel Gallagher’s High Flying Birds zu einem Vehikel, welches die Tradition hochhält, gegebenenfalls verfeinert. Warum auch sollte ein Könner nicht weiter mit der selben Masche am eigenen Nimbus stricken? Wer dem Solodebüt unter diesem Gesichtspunkt lauscht, wird von Noel Gallagher auch alles andere als enttäuscht werden. Eine verdammte Legende darf von der Gegenwart eine Rückbesinnung erwarten, nicht umgekehrt!

Noel Gallagher’s High Flying Birds ist am 14.10.11 auf Sour Mash erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

Noel Gallagher auf Facebook

SomeVapourTrails

Pferd ohne Apfel – Beady Eye

Jedes Ende ist auch ein Anfang, irgendwie oder so ähnlich. Mit dem Ende von Oasis wurde nun Beady Eye aus der Taufe gehoben und nicht wenige trauten der neuen Band keinerlei Wunderdinge zu. Doch sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Freilich darf man Skepsis hegen, denn Liam und Noel Gallagher ähneln Laurel und Hardy, ihr rabiater Slapstick funktionierte perfekt im Paket, schwankte zwischen Genialität und Hanebüchernem. In den letzten Jahren überschatteten die Schmähungen das musikalische Wirken, zu Unrecht. Doch könnte dieser Fluch nun zum Segen mutieren. Denn Liam ohne Noel schien wie ein Pferd ohne Apfel. Man glaubte ein Debakel geradezu mit den Händen greifen zu können. Different Gear, Still Speeding gibt den Kassandrarufern unter den Oasis-Fetischisten einen Korb. Beady Eye eifern nicht etwa Oasis nach, die Mannen um Liam Gallagher zitieren lieber die Beatles, Stones, Hollies und etliche andere Kaliber der sechziger Jahre. Und dies derart offensichtlich, dass einem die Fußnoten nur so um die Ohren fliegen. Oasis ist passé. Warum denn auch die Epigonen imitieren, warum nicht gleich die alten Meister aufs Korn nehmen?

Wie jede rückwärts akzentuierte Platte vermag auch Different Gear, Still Speeding keine neuen Impulse zu versprühen. Das Album unterhält jedoch diejenigen, welche keine falschen Ansprüche daran stellen. Natürlich gibt Liam auf The Roller John Lennon. Möglicherweise ist es einfach Instant Karma, auf den Schultern der Giganten zu stehen. Wobei manch unbedarftes jüngeres Gemüt wohl nicht zu unterscheiden vermag, wer Schüler und wer Lehrer. Die Patina wirkt eben nicht zu dick aufgetragen. Beady Eye rocken, direkt und unbeschwert. So als hätte der jüngere der Gallagher-Brüder nicht selbst tonnenweise Musikgeschichte am Buckel. Four Letter Word gehört zu den schnittigsten Nummern der Platte, ein Song der bereits verdammt nah an dem kratzt, was dem Werk zur Krönung fehlt: Ein Smash-Hit nämlich, der auch ein paar Dekaden später noch aus Oldie-Radios grölen wird. Selbiges gilt für Bring The Light, arschknapp am Legendenstatus vorbeischrammend. Spätestens Wigwam, das sich von der Würze der Kürze verabschiedet, bestätigt nachdrücklich, dass das Songwriting nicht im Tarnen, Kaschieren und Abpausen besteht. Leicht psychedelisch angeschwurbelt, ins Hymnische gedrechselt, mit vielstimmigem Background-Gesang verbrämt erwächst hier ein Geheimtipp, dem eine Handvoll Hördurchläufe gut zu Gesicht stehen. Die Ballade The Morning Son marschiert letztlich dem Licht entgegen, kippt in den Gestus der Erhabenheit, versinnbildlicht eine Aufbruchsstimmung zu neuen Ufern.

Über 13 Titel hinweg pflügen Beady Eye einen schon lange bestellten Acker. Holpern damit nur zweimal aus der Spur. Beatles And Stones atmet naiven Größenwahn, das eigentlich gefällige For Anyone grenzt an Selbstverleugnung. Der Rest ist ein selbstbewusstes Back to the roots, wobei sich die Herren Gallagher, Archer, Bell und Sharrock gerade so benehmen, als hätte der Britpop der Neunziger nicht existiert. Dieser Charme des Neuanfangs mit Scheuklappen trägt Different Gear, Still Speeding. Ob sich damit dauerhaft reüssieren lässt, wage ich mit Fragezeichen zu versehen. Im positiven Sinne ewig gestrige Musikfans werden das Album allemal zu schätzen wissen. Der Bruch mit Oasis ist vollzogen, derart anständig, dass dies auch ein altersweiser Noel irgendwann einmal mit Wohlwollen registrieren wird.

Different Gear, Still Speeding ist am 25.02.11 auf Beady Eye Records erschienen.

Konzerttermine:

14.03.11 Köln – E-Werk
30.05.11 Hamburg – Großen Freiheit 36

Link:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

Ungeniert Eier gezeigt – RPA & The United Nations of Sound

Yet for all of Ashcroft’s messianic posturing, these songs are all dressed up with nothing to say. (Pitchfork)

Life isn’t to be wasted. So, instead of devoting 56 minutes of yours listening to RPA & The United Nations Of Sound, why not watch two episodes of My Family back to back? (NME)

Too often Ashcroft descends into mawkish over-sentimentality (Life Can Be So Beautiful), empty sloganeering (America), or worse, cod philosophy (literally every other song). (The Guardian)

This is hugely conservative, risk-averse music. The melodies are plodding and unexciting. The lyrics are unimaginative. And it is so, so dull. Just like a regular Richard Ashcroft solo album, then. (musicOMH)

Vielleicht sollte Ashcroft es doch lieber als singende Ich-AG probieren. Für den Moment ist er wieder Teil einer Band, aber keinen Schritt weiter. (Plattentests.de)

Is that a falsetto we hear? No, that’s Ashcroft attempting a falsetto. (Slant Magazine)

Mensch, rüffel einer mal die Plattenfirma! Hat selbige als verspätetes Aprilscherzchen den ehrenwerten Kritikern die ersten Gehversuche einer Coverband, die sich Herrn Ashcrofts Schaffen verschrieben hat, untergejubelt? Fakt scheint jedenfalls, dass ich eine gänzlich andere CD in Händen halte. Ein Album nämlich, das Eier zeigt. Aber da sich Profirezensenten ja lieber auskotzen, als es beim Kleckern zu belassen, könnte man ihnen durchaus mit aller Böswilligekeit unterstellen, dass sie schlechterdings nicht mehr in der Lage sind, gut gemachte Musik zu erkennen, selbst wenn sie ihnen ganz und gar ins Auge springt. Pitchfork zumindest hat diesbezüglich verdammt viel auf dem Kerbholz.

Was RPA & The United Nations of Sound angeht, will ich gleich eines vorwegnehmen: Das Schlechteste an dieser Platte ist der Bandname, welchen Richard Ashcroft für sein neues Vehikel gewählt hat. Denn sonst besticht United Nations of Sound als zutiefst schmissige Platte, die ordentlich Rabatz macht und sich zugleich eine vertraute erhabene Opulenz gönnt.

Aber ich will gar nicht allzu viele Worte über dieses Album verlieren, es spricht für sich. Dekoriert Ashcroft mit einem weiteren Orden am Revers. Mit Verlaub, gibt es denn wirklich eine feinere, rundere  Stimme von der Insel? Ashcrofts gesanglicher Ausdruck schlägt sie alle. Von dem Händchen für exiquistes Songwriting ganz abgesehen. Aber dazu später. Vorerst seien nochmals die Schmähungen der Kritiker drangsaliert. Wenn Gavin Haynes auf NME.com Ashcrofts Solokarriere in der Mittelmäßigkeit verortet, dabei von Christopher Monk auf musicOMH.com unterstützt wird, der die Soloalben als matt einstuft, schrammen solch Urteile arschknapp am Tatbestand infamer Täuschung des Lesers vorbei. Denn in der letzten Dekade vermochte kein britischer Singer-Songwriter auf derart konstant hohem Niveau zu wirken. Michael Cragg mokiert sich im Guardian über die Menge an Streichern, allerdings behagt ihm auch endloses Gitarren-Geschrammel nicht. Huw Jones vom Slant Magazine lässt sich gar zu einem mit der Ironie des Fragezeichens aufwartenden Statement hinreißen, dass die Streicher Ashcrofts Musik so kultiviert wirken lassen, ehe auch er das Marathon-Gitarrensolo aufs Korn nimmt. Zudem gleichzeitig dem laienhaften Hörer vergibt, der Are You Ready? als starken Track einstuft. Gut, also besser keine Streicheruntermalung, Gitarre höchstens dezent eingesetzt. Sonst noch Wünsche? Na klar, in nahezu völliger Eintracht werden die Lyrics durch den Kakao gezogen, noch milde als Geschwafel deklariert. Wenn man schon mal austeilt, warum nicht gleich als Rundumschlag? Höchstens die Rezension auf Plattentests.de lässt ihm mit Einschränkungen Gerechtigkeit widerfahren. Selbstredend sind die massiv vorgetragenen Einwände meist völliger Mumpitz, bestenfalls Humbug.

Photo credit: Dean Chalkley

Wer nach derartiger Kritikerschelte nun meint, dass das Anhören der Platte schlimmsten Masochisten vorbehalten sein sollte, mag eine veritable Gehirnwäsche hinter sich haben. Gerne möchte ich unterstreichen, dass United Nations of Sound vielmehr eine Exit-Strategie aufzeigt, wie sich das zunehmend lahmarschig gewordene Gros an Britpop-Bands weiterentwickeln könnte. Der Meister holt sich die Inspiration jenseits des großen Teichs, lädt Black Music in sein Schaffen ein. Flirtet mit dem Blues, gibt die Kastratenversion eines Barry White (Life Can Be So Beautiful), inkludiert Hip-Hop-Beats. Ohne Berührungsängste werden nicht zuletzt dank des Produzenten No I.D. neue Einflüsse inkorporiert, dennoch haben wir es hier mit einem waschenechten Album Marke Richard Ashcroft zu tun. Nach dem in der Tat guten, aber nicht überragenden Comeback Forth von The Verve zeigt sich der Sänger von Zwängen und Erwartungshaltungen gelöst und schöpft durchaus großkotzig aus dem Vollen. Wer Eier hat, darf sie auch zeigen – dies Motto durchzieht die gesamte Platte. Solch ungeniert zur Schau getragenes Ego kann sich nicht jeder leisten, Herr Ashcroft jedoch stets und immer. Besonders im Bewusstsein, dass mit Steve Wyreman (Gitarre), No I.D. (Beats) und Benjamin Wright (Streicher-Arrangements) nun keine Nobodys zwecks Unterstützung zusammengekommen sind.


RPA and the United Nations of Sound – Born Again
Hochgeladen von EMI_Music. – Sieh die neuesten vorgestellten Musikvideos.

Neben dem Opener Are You Ready?, welcher noch die bewährte Ashcroftsche Schule pflegt, finden sich noch weitere Glanzlichter auf vorliegender CD. America sei in seiner gesamten hymnischen Beats-Herrlichkeit zu nennen, Beatitudes als rotzfrecher Rocker, How Deep Is Your Man? als tiefe Vorbeugung John Lee Hooker samt knackig ausladendem, inbrünstig intonierten Refrain, auch die die Tradition seines Soloschaffens exzellent fortführende Ballade She Brings Me The Music. Ebenso erwähnenswert This Thing Called Life oder Royal Highness.

Wenn Richard Ashcroft auf America  „The universal language/ This is music/ Are you tunin‘ in?“ fragt, scheint er dies in voller Kenntnis dessen zu tun, dass viele Musikkritiker vermutlich  zu den musikalischen Analphabeten zu zählen sind. Gerne wird versucht, ihm die Bürde seiner bisherigen Großtaten – speziell mit The Verve – um den Hals zu hängen und ihn im Ozean der Gescheiterten zu versenken. Wissen denn die Herrn Rezensenten nicht, dass ein Ashcroft über das Wasser zu wandeln vermag? Mit The United Nations of Sound hat er nun seine Jünger gefunden, weitere Wunderdinge sind zu erwarten.

Link:

Richard Ashcrofts offizielle Webseite

SomeVapourTrails

Heißer Scheiß von der Insel oder wie man mit Disco-Britpop-Nudeln Cha Cha tanzt

Langer Titel: Kurzer Sinn: Der Song ist ne sehr geile Gute-Laune-Nummer! (Und mir heute ins Postfach gehüpft). Cha-Cha nennt sich Formation The Fellowship der Song, Pop Noodle das Label und dieses serviert die Vorspeise des Albums We are (VÖ: 10.05.10) frei Haus.

Auf der Labelseite Pop Noodle könnt ihr die Zip mit dem Song kostenlos downloaden.

Da tret‘ ich doch gerne die tanzende Gefolgschaft an. Mal schaun, ob der Rest des Albums genauso gut ist. Der Hund im Video heißt übrigens Floyd, sowas sollte nie unerwähnt bleiben. Auch nicht die Regisseurin Alice Seabright natürlich. Demnächst dann hier mehr zur Band. Bald schreib ich nicht mehr als Zeitangabe, dazu winkt der Review-Stapel zu drohend.

Link: MySpace

Viel Spaß damit!
DifferentStars

Wenn der Postmann zweimal klingelt, gibt’s ne Stereophonics Review + Verlosung

Foto: Søren Solkær Starbird

Irgendwie zu spät erreichte das Stereophonics Release Keep Calm and Carry On das deutsche Festland. Noch ein bisschen zuspäter erreichte mich dann die CD, schon geklaut gewähnt, trudelte die CD dann nach knapp 2 Wochen auf dem Postweg bei mir ein, einen Tag, nach dem die zweite, bei der Promofirma georderte bei uns eintraf – aber dazu später.

Schon wollte ich einen wütenden Artikel schreiben, da wurde im vergangenen Jahr so einige und auch schon in diesem das ein oder andere musikalische Päckchen gemoppst oder die Post würde wohl sagen: Irgendwie verloren gegangen. Nun rotiert Keep Calm and Carry On sehr zu meinem Vergnügen in meinem Player. Endlich wieder Hörfutter für meine Britrock/Britpop-verliebte Seite. Wer diese Liebe fürs Genre nicht teilt, dem werden die Stereophonics ohne Frage total am Arsch vorbei gehen. Hier wird das Rad nicht neu erfunden, aber es rollt sehr schön und angenehm 😉

Absolutes Highlight ist der Song 100mph, zurückhaltend auf den Punkt arrangiert und instrumentiert, steht hier die kratzige Stimme von Sänger Kelly Jones im Vordergrund. Ein Lied, das leise beginnt und sich dann zur Wucht entwickelt, Stadion Rock der besseren und unkitschigen Art.

Das neue Album der Stereophonics hätte wunderbar ins Britpop-Revival 2008/2009 gepasst. Wir erinnern uns – da wurden so einige Comebacks gefeiert, The Verve und Oasis riefen das totgesagte Genre wach. Generell zwei starke Jahre was Indie-Rock aus GB betrifft: Manic Street Preachers, Placebo, Doves, Travis… dazu natürlich die neuen Acts, von einer Newcomer Band  wie den White Lies träum ich in diesem Jahr noch (und hoffe auf unerwartete Überraschungen, The Big Pink hab ich ja auch viel zu lange übersehen).

Langer Rede kurzer Schluss: Die Stereophonics haben’s verpasst mit auf den Zug aufzuspringen und so den Hype für sich zu nutzen, veröffentlichten stattdessen 2008 ein Best Of und trödeln nun mit einer feinen Platte dem Zeitgeist hinterher, bleiben im Jahr des Weichspüler-Electro-Pop-80ies-Sound auf halber Strecke liegen. Zu Unrecht, den die Platte hält sehr starke Songs bereit, klingt frisch, erdig, authentisch und – oder aber auch: Altmodisch. Laut Promoinfo wollten die Waliser eine Platte produzieren, die wie ein Debüt wirkt, so haben sie sich auf alte Tugenden aus ihren Anfangstagen besonnen und die liegen nun auch schon ein Weilchen zurück. Ihr Debüt-Album Word Gets Around veröffentlichten sie 1997 auf dem neu gegründeten Label V2. Was fehlt,  ist eindeutig die Wut und größenwahnsinniger, jugendlicher Übermut, der Debüts in der Regel die nötige Würzige verleiht. Von Sozialkritik haben die Stereophonics schon lange Abstand genommen, stattdessen wird geliebt und in Herzensangelegenheiten gelitten. Die Nabelschau auf der Wohlstandscouch ist dann auch das Manko, dass sie der wahren Größe beraubt und etwas belanglos werden lässt.

In den UK schafften sie es mit sage und schreibe 5 Alben Nr. 1 in den Charts zu werden, hierzulande gelang ihnen jedoch nie der große Durchbruch. Die großen Magazine scheinen die aktuelle Veröffentlichung ganz übersehen bzw überhört zu haben.

Keep Calm and Carry On gehört zu den Platten, die Zeit brauchen, um sich zu entfalten, die sehr schön sind, leider aber auch unspektakulär. Genre-Liebhaber zeigen sich begeistert, andere nölen und finden’s langweilig.

Keep Calm and Carry On gefällt mir, hör ich gerne – nicht mehr und nicht weniger – keine hoch jauchzende Liebe – aber immerhin 😉

Tracklist:

1. She’s Alright
2. Innocent
3. Beerbottle
4. Trouble
5. Could You Be The One?
6. I Got Your Number
7. Uppercut
8. Live ’n‘ Love
10. Wonder
11. Stuck In a Rut
12. Show Me How

Label: Universal
VÖ: 26.0210

Last but not least: Da ich jetzt die CD doppelt habe, reiche ich gerne eine weiter. Wer sie will, hinterlässt bitte bis nächsten Sonntag (21.03.2010) einen Kommentar. Bei mehreren Interessenten, entscheidet das Los. Die Verkündung findet dann am folgenden Tag statt.

DifferentStars

Britische Bäume stricken feine Jacken für Schneemänner

Passend zum Wetter, selbst Berlin ist weiterhin schön verschneit und die Bürgersteige unschön vereist, möchte ich euch hier die feinen TheTrees (ja zusammen geschrieben) kurz vorstellen, die diese feine Winter-Ode fabriziert haben:

TheTrees – Jackets For Snowmen

Beginnt Jackets For Snowmen noch ein wenig Twee-haft, so entwickelt sich der Song schön zu bestem Indie Rock, der irgendwie Indie und auch Britpop und genau das ist, was ich sehr liebe, für das es nur noch keinen richtig passenden Genre-Begriff gibt. TheTrees gründeten sich in den späten 90er Jahren, legten dann aber auf Grund von Krankheit und Problemen mit dem Management ein Pause ein. Jetzt mit neuer Kraft, Elan und Plänen ist der Wintersong Vorbote auf das neue Album Changes.

Ein paar kostenlose Mp3s verteilen die Briten via Widget und auf ihrer Last.Fm-Seite.



Band website template

Ich werd‘ die Jungs mal im Auge (und Ohr) behalten und euch dann hoffentlich bald mehr und Gutes berichten können. Bis dahin…

Viel Spass damit!

DifferentStars
Quantcast

Mehr Infos: MySpace