Schlaglicht 56: The Divine Comedy

Wenn man britischen Musikern und Songwritern ein Kompliment machen möchte, nennt man sie sophisticated. So inflationär der Begriff bisweilen auch verwendet wird, so zutreffend erweist er sich, um Neil Hannon und seine Formation The Divine Comedy zu charakterisieren. Hannons kultiviertes, ironiereiches Songwriting sucht seinesgleichen. Ich möchte das an ein paar Beispielen festmachen. Der Song The Booklovers vom Album Promenade (1994) funktioniert als schelmische Reise durch die Literaturgeschichte, zählt die größten Autoren aller Zeiten in einer Art parodistischen Hommage auf. Ein brillantes und einzigartiges Stück! Ein weiteres Lied, das mich immer wieder neu begeistert, ist Sweden von der Platte Fin de Siècle (1998). Es besticht als Sehnsuchtsarie walküresker Dimension. Was zunächst als opernhafter-pompöser Pop in die Ferne schweift („I would like to live in Sweden/ When my work is done/ Where the snow lies crisp and even/ ‚Neath the midnight sun„), erwächst zum Ende hin zu einer grotesk überspitzten Liebeserklärung („I’ll grow wings and fly to Sweden/ When my time is come/ Then at last my eyes shall see them/ Heroes every one/ Ingmar Bergman/ Henrik Ibsen/ Karin Larsson/ Nina Persson„). Als Meisterstück Hannons schätze ich freilich das Album A Short Album About Love von 1997 ein. If… ist eines meiner absoluten Lieblingslieder, und warum dem so ist, habe ich vor Jahren schon einmal näher ausgeführt. Was als romantische Vorstellung zu Herzen geht, erfährt in der letzten Strophe eine verstörende Brechung. Wer A Short Album About Love nicht in seiner Plattensammlung hat, missachtet wohl eines der 5 besten Alben britischer Herkunft der letzten 20 Jahre!

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Der Kloß im Hals – Tindersticks

Über den sonoren Bariton des Herrn Stuart A. Staples könnte ich ewig und drei Tage palavern. Und obwohl zum neuesten Werk bereits wunderbare Worte geschrieben wurden, will ich dennoch die Gelegenheit nutzen, Staples nochmals zu würdigen. Über die letzten Jahrzehnte hat er sich nämlich – getragen von seinen Tindersticks – zum Grandseigneur plüschiger Schwermut gemausert. Er verkörpert einen der letzten Romantiker, einen Gentleman britischer Prägung, der nächtens im schummrigen Salon bei einem Glas Wein über Liebe, Leid und Leben brütet. Dabei gibt er weder den Dandy noch den Casanova, er kokettiert ebensowenig mit abgehalftertem Verlierertum. Eher schon zeigt er uns den Geistesmenschen, der an der Macht der Emotion ein aufs andere Mal zerschellt. Oder aber er lässt das sensible Wesen aufblitzen, das von der eigenen Grübelei erlegt wird. Natürlich ist Herr Staples nur ein Teil des Dreigestirns Tindersticks, ein David Boulter und Neil Fraser sollten keinesfalls unerwähnt bleiben. In den letzten Jahren hat sich die Band sogar zu einem fünf Mitglieder umfassenden Ensemble verfestigt. Nichtsdestotrotz ist es jener unnachahmliche Gesang mit all seinen Untertönen, der dieser ohnehin speziellen Formation seinen Stempel aufdrückt. Auch dem jüngsten Album The Waiting Room.

Gerade weil Staples das Aushängeschild der Tindersticks ist, möchte ich zuerst auf den instrumentalen Song Fear Of Emptiness verweisen. Wie großartig gediegen der Sound der Briten ausfällt, wie kammermusikalisch superb die beredten Melodien wirken, all dies rückt ab und an in den Hintergrund. Solch Chamber Pop ist in seiner atmosphärischen Dichte und eingangs geschilderten Ästhetik unerreicht.  Weiterlesen

Janusköpfig – Acorn Falling

Diesmal möchte ich ein ausgeprochen stimmungsträchtiges, intensives, abseits des Üblichen angesiedeltes Album erwähnen. Auf 2nd Plateau of Normalcy herrschen zum einen Schwermut und Unheimlichkeit vor, andererseits schwelgt die Platte in anmutigster Ästhetik und Schönheit. Post-Rock-Anflüge, kühler Chamber Pop, Ambient sowie Electro-Verschwurbelungen gestalten es formvollenedet aus. Lars Kivig, seines Zeichens in Kopenhagen ansässig und Hirn des Projekts Acorn Falling, ist ein Werk entschleunigten Erzählens gelungen, welches mit Atmosphären flirtet, allerlei Gemütslagen malt.

Sehen wir uns die Tracks kurz näher an. The Whistle at Tragedy Bay überwältigt als ein sich ganz allmählich aus einem repetitiven Piano heraus entwickelndes, zum Ende hin von groteskem Drama erfülltes viktorianisches Schauermärchen.  Weiterlesen

Schlaglicht 8: Plumes Ensemble

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Vor gut einem Jahr habe ich bereits über die Formation Plumes geschrieben, ihren Indie-Pop mit dem Flair klassischer Musik angepriesen. Dieser Tage nun gilt es die EP Future Loves zu würdigen, bei der die mittlerweile zum Plumes Ensemble angewachsene Gruppe den Pop endgültig von klassischer Ästhetik dominieren lässt. Futures Loves umfasst sämtliche Eigenkompositionen des letzten Jahr erschienen Albums Folk Songs and Future Loves, auf dem auch Stücke eines Béla Bartók zu finden waren. Wer die ohnehin vor allem in deutschsprachigen Landen vorherrschende Unterscheidung von E-Musik und U-Musik seit jeher blödsinnig findet, wird angesichts dieser feinen, kammermusikalisch arrangierten EP einmal mehr den Kopf schütteln. Hier trifft federleichte, französisch inspirierte Klassik auf eleganten, ernsten Pop. Da wäre zum einen Veronica Charnleys Gesang zu betonen, der charmant und souverän und eindringlich erstrahlt. Wie alles an diesem famosen Projekt wirkt auch er einerseits augenzwinkernd gestelzt und zugleich liebenswürdig sprunghaft. Dazu passen die Kompositionen von Geof Holbrooks, deren pittoreske Patina die märchenhafte Magie der EP unterstreicht. All dies wird durch eine zarte, beredte Instrumentierung mit Harfe, Klarinette, Bratsche und Cello noch verstärkt. Die Lyrics wiederum gehen mit einer gehörigen Portion Staunen und Verletzlichkeit durch die Welt. Frappé etwa entzückt mit Zeilen wie „I learned to run barely touching the ground,/ What I would give for this lightness that once abounded./ My sleep is troubled all night, scarcely a breeze blows,/ When I want nothing on me, I need you most!„.  Auch die Texte bewahren sich somit den Crossover-Gedanken, indem sie irdische Sorgen und Nöte mit fantasiehaften Farbtupfern aufhübschen.  Weiterlesen

Ein Herz, das zwickt und zwackt – Erland & The Carnival

Ein Herz, das zwickt und zwackt. Dazu flausendes Grübeln im Kopf und ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Sophisticated Pop war noch selten kompliziert gefühliger. Der britischen Formation Erland & The Carnival ist so ein feines, feines Werk gelungen. Dabei hatte schon 2011 das Vorgängeralbum Nightingale für Entzücken gesorgt. Jene Platte vermochte psychedelischen Britpop und skurrile Folktronica zu kredenzen, weswegen ich Erland Cooper, Simon Tong und Konsorten als traurige Harlekine bezeichnete. Mit dem nun endlich veröffentlichten dritten Album Closing Time wurde der zuvor praktizierte Rock und die eingestreute groteske Note von einem kultivierten, leidenden Pop abgelöst. Coopers feierliche Stimme trägt meist eine Träne im Knopfloch – und das meine ich keinesfalls abschätzig. Dazu gesellt sich ein kammermusikalischer Sound, der die bekenntnishafte und eingeständnisreiche Würde des Werks unterstreicht.

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Identitätsbestimmung mit Ausrufezeichen – Ashia & the Bison Rouge

Vor zwei Wochen schon habe ich auf eine spannende Konzertreise von vier höchst talentierten Singer-Songwriterinnen hingewiesen. Unter der Bezeichnung American Songbirds touren gerade Ashia Grzesik, Kyrie Kristmanson, Rachelle Garniez und Stephanie Nilles durch Deutschland. Speziell die unter dem Namen Ashia & the Bison Rouge musizierende Ashia Grzesik habe ich für mich entdeckt. Grzesik ist im polnischen Breslau geboren und in den USA aufgewachsen. Ihr kammermusikalischer, stets mit omnipräsentem Cello ausgestalteter Pop bekennt sich daher zur osteuropäischen Pro­ve­ni­enz, offenbart sich burlesk bis surreal, kreuzt Chanson mit dem Charme des Cabaret, scheut schließlich auch vor manch slawischer Ballade nicht zurück.

Ihr letzten Herbst veröffentlichtes Werk Diesel vs Lungs beeindruckt vor allem als Identitätsbestimmung, die das europäische Erbe facettenreich in der Gegenwart entfaltet und verwurzelt.  Weiterlesen

Triumph anmutiger Nüchternheit – Big Fox

Manch Lied kann bei aller Kürze eine interessante Geschichte erzählen. Andere Songs wiederum breiten über 3-4 Minuten eine einzige Empfindung aus, vermitteln ein Gefühl. Damit meine ich keines der sattsam bekannten Hurra-Sentimente. Im Idealfall gleicht Pop keinem Malen nach Zahlen, geht über die Schablone heraus, unterstreicht die Besonderheit der Emotion, verlangt dem Hörer einen Gedanken, eine Erkenntnis ab. Die Schwedin Charlotta Perers vermag unter dem Namen Big Fox genau das zu leisten. Ihr Album Now knöpft sich mit jedem Lied einen neuen Seelenzustand vor. Ob Verlangen oder Furcht, ob Bedauern oder Verunsicherung, immer gießt sie Gefühle in eine edle, oft balladeske Form, die skandinavisches Temperament mit nordamerikanischem Songwriting vermengt. Now ist introspektiv, warm im Ton, so sanft wie elegant, voll tröstlicher Schönheit.

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Keine Spinnennetze der Tristesse – Dark Dark Dark

Es gibt Momente im Leben eines hartgesottenen Musikfans, die in Unvergessenheit verharren. Die ersten gekauften Alben, erinnerungswürdige Konzerte oder einfach der Augenblick, in dem eine neue Band in das Leben tritt. Der US-Formation Dark Dark Dark möchte ich die Qualität attestieren, eine Wonne seligen Grinsens ins Gesicht des Hörers zu zaubern. Ihre Ende April in deutschen Gefilden veröffentlichte Platte Wild Go ist süßer Nektar, den man bereits nach dem ersten Nippen nicht mehr missen möchte. Dark Dark Dark versprühen chansonesquen Charme, mengen den Liedern einer gehörige Prise Folk oder Jazz bei, kleiden die Lieder mit der Schmissigkeit von Pop aus. Entwickeln einen warmen, melancholischen, ab und an profund anachronistischen Sound, der lebhaft wie bescheiden bleibt, nie in schallende Heiterkeit abdriftet oder Spinnennetze der Tristesse spannt.

Photo Credit: Tod Seelie


(Free Download nach Angabe einer E-Mail-Adresse)

Dark Dark Dark geraten zum Lichtblick, dessen gleißender Schein Wolken teilt. Der spezielle Sound vermag den Hörer zu durchdringen, dank feiner Nuancen wohlig ins Mark einzusickern. Alles ohne jedwede Markigkeit, aber mit einer gesunden Portion Exzentrik. Dergestalt erzeugt die Band um die überragende Sängerin Nona Marie Invie ein in jeglicher Hinsicht stupendes Werk, getragen von dem Wissen um die eigene Qualität und der damit einhergehenden Souveränität. Die Leckerbissen auf Wild Go sind dicht gedrängt. Da wäre beispielsweise die sacht beschwingte Piano-Ballade Daydreaming zu nennen, das mit Beirut’scher Instrumentierung aufwartende Celebrate (Akkordeon! Bläser!), ein mit dramatischem Gestus ausladendes, bitteres Something For Myself. Nicht minder edel, geradezu erbaulich, überirdisch schön: Robert. Und nicht zuletzt die abgesangliche Americana-Ballade Wild Go, die dem Hörer nachhaltig über den Rücken schauert.

Dark Dark Dark darf man den großen Durchbruch wünschen, ihre süffigen Melodien versprühen einen Charme, der weit über Indie-Grenzen sein Publikum finden müsste. Wild Go ist eine ausnahmslos elegante Scheibe, die aus Schwermut nie Langeweile werden lässt, die wohldosiertes Temperament anstelle von Monotonie anzubieten hat. Dark Dark Dark ziehen dieser Tage durch Deutschland, man sollte sich ihre Auftritt keinesfalls entgehen lassen. Zumindest dann nicht, wenn man nach einer Band sucht, die man auch in 10 Jahren längst noch nicht vergessen hat.

Wild Go ist am 29.04.11 auf Melodic erschienen.

Konzerttermine:

30.06.11 Berlin – Comet Club
03.07.11 Lärz – Fusion Festival
04.07.11 Hamburg – Kulturhaus III&70
05.07.11 Jena – Café Wagner
06.07.11 Bremen – Breminale

Links:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

Chamber Pop der Extraklasse: Tindersticks – Album News + Mp3

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Weiche Knie und das spezielle Vibrieren, nicht nur der Seele, wenn ich Stuart A. Staples Stimme höre dann… schmelze ich dahin und mehr. Nicht nur mit seinen Soloalben, auch mit den Tindersticks rangiert der begnadete Sänger sowohl bei mir als auch SomeVapourTrails in den ganz oberen Rängen des Olymps der verehrten Musikgötter. Nun kündigen die Champer Popper für Januar den Release ihres neuen Albums Falling Down A Mountain (24.01.2010/ Label: 4AD.com) an. Als Teaser gibt’s natürlich auch von ihnen einen feinen Track als Geschenk. Frei nach dem Motto: Nicht nur Schall und Rauch, bietet das Label Constellation den Song Black Smoke als Free Download an.

Mp3: Black Smoke

Falling Down A Mountain

VÖ: 21.1.2010 (Europa)
Label: 4AD.com (Europa), Costellation Records (US)

Layout 1

Tracklist

1. Falling Down A Mountain
2. Keep You Beautiful
3. Harmony Around My Table
4. Peanuts
5. She Rode Me Down
6. Hubbards Hills
7. Black Smoke
8. No Place So Alone
9. Factory Girls
10. Piano Music

Tindersticks – Bandmitglieder

Stuart A. Staples: Gesang, Gitarre
David Boulter: Keyboard, Percussion
Neil Fraser: Gitarre
Dan McKinna: Bass, Gesang
Terry Edwards: Trompete
Earl Harvin: Schlagzeug
David Kitt: Gitarre, Gesang

Gäste:

Mary Margaret O’Hara: Gesang
Andy Nice: Cello
Joanne Fraser: Flöte
Louison Renault: Xylophone, Percussion
Stephane Colin: Streichorchester Arrangement

Mehr Infos: Constellation Records, Tindersticks Homepage

DifferentStars

Simple Pleasure…die Kunst des erotischen Vorspiels

Sanft, verführend…mich lustvoll in die Kissen fallen lassend. Mit einer Leichtigkeit von der Männer sonst nur träumen…dieses Vorspiel beherrrst nur Einer: Stuart A. Staples … gesegnet mit einer Stimme – die nicht nur mein Trommelfell vibrieren läßt. Dunkel, samtweich, mit der  Lakonie und Snob-esquen Coolness ausgestattet – die uns Frauen sehnen, schmachten… zu Wachs zerfließen läßt…bereit zu…


…dem Album, daß mir der Tindersticks Liebstes ist…nicht nur…aber vielleicht auch ein bißchen weil das Cover in seiner Zweispältigkeit die menschlichste Erotik verstrahlt…nackt und pur…wie wir eben beim Sex so sind…fernab der künstlichen Wohnzimmerporno – Ästhetik eines TV Spielfim Titelbildes.

In voller Länge hören: Last.Fm

Tindersticks – Can We Start Again

Tindersticks – Can Our Love

Kamasutra für Chamberpop Lover:

Tindersticks – The Art Of Lovemaking

Vollkommen ohne Schuld und Reue…kostenlos aber hoffentlich nicht umsonst… kann man sich folgende Lieder runterladen:

The Flicker Of A Girl

Trying To Find a Home

Dank gilt hier dem überaus empfehlenswerten Tonspion!

Mehr Infos:
http://www.tindersticks.co.uk/
http://www.stuartastaples.com/

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