Schlagwort-Archive: Chanson

Gestrigkeiten für Bildungsbürger? Oh nein! – Kinbom & Kessner

Während ich die letzten Wochen nicht ganz freiwillig eine Blogpause eingelegt habe, haben mich zwei völlig unterschiedliche Alben musikalisch begleitet. Eines davon ist With The Beetles, das bereits zweite Werk des Duos Kinbom & Kessner. Schon das Debüt Lieder von Liebe und Krieg hat mir vor anderthalb Jahren sehr imponiert. Am Ansatz hat sich seitdem nichts geändert. Noch immer beackern der schwedische Gitarrist Fredrik Kinbom und die deutsche Theatermacherin Sonja Kessner ihr ganz eigenes Terrain, das stilistisch zwischen chansonesker Anmut und liedermacherischem Folk angesiedelt ist, thematisch der Tradition des Kunstlieds verbunden scheint. Die Motive Liebe und Krieg, die bereits das Erstlingswerk stark geprägt haben, sind ebenfalls geblieben. All das mag zunächst aus der Zeit gefallen wirken. Über Revolutionen sinnieren doch eigentlich nur verstockte Brecht-Nostalgiker, die Schicksale von Kriegsheimkehrern wirken auch eher in der Mottenkiste der Historie beheimatet. Man könnte bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht wirklich meinen, dass hier einer bildungsbürgerlichen Zielgruppe vor allem Gestrigkeiten aufgetischt werden. Doch wäre das allenfalls die halbe Wahrheit.

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Schatzkästchen 67: Charlotte Cardin – Faufile

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Lust auf ein feines Chanson, das mit sehr großen Augen verwundert in die Gegend schaut, durch städtische Kulissen strolcht, auf der Suche ist, die Liebe vermisst? Dann ist man mit dem Lied Faufile bestens beraten. Faufile stammt von der Frankokanadierin Charlotte Cardin, kündigt ihre demnächst erscheinende EP Big Boy an. Cardin glänzt dabei mit einer ausdrucksstarken Stimme, die elegant zu leiden versteht, vielleicht in höheren Lagen ein wenig heiser klingt. Wenn sie sich von diesen fern hält, besticht sie mit einer tiefgängigen Klarheit, die jedes Wort in Schmerz und Wehmut zu kleiden vermag. Die Ballade rankt sich um ein klassisch gehaltenes Piano, das für dezente Getragenheit sorgt. Faufile ist keine Eintagsfliege, auch andere, bereits veröffentlichte Tracks der EP zeigen eine vielfältige Musikerin. Like It Doesn’t Hurt schlägt eine Brücke zwischen Chanson und R&B, ehe im Verlauf sogar ein Rapper namens Husser das Mikro übernimmt. Les Échardes gefällt als charmantes Pop-Chanson, das auch stinknormale Radiohörer um den Finger wickeln sollte. Die Zweisprachigkeit der EP könnte Cardin tatsächlich helfen, eine größere Zielgruppe anzusprechen. Denn machen wir uns nichts vor, außerhalb frankophoner Länder sind Chansons derzeit nicht wirklich hoch im Kurs. Schade, auch im konkreten Fall, denn gerade die auf Französisch vorgetragenen Lieder sind nicht von schlechten Eltern. Einmal mehr gilt: Entdecken lohnt! (via Filles Sourires auf Facebook)

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Triumph der Lyrik – Kinbom & Kessner

Ein verhuschtes Chanson, ein folkiges Liedermacherwerk, ein der Poesie huldigendes Kunstlied, von derlei Dingen kann ich nie genug bekommen! Wenn die Chose dann noch in deutscher Sprache dargeboten wird, ist meine Freude groß. Lieder von Liebe und Krieg als Albumtitel stapelt allerdings nicht eben tief. Deutet er doch die Durchdringung der einschneidendsten Erfahrungen an, die Menschsein zu bieten hat. Niveauvolle deutsche Texte sind in der Musik unserer Tage allerdings Mangelware. Das Duo Kinbom & Kessner hat sich mit dieser gegen den Strich gebürsteten Platte also einiges vorgenommen. Die Arbeitsteilung wurde dabei klar umrissen. Der schwedische Gitarrist und Songwriter Fredrik Kinbom ist für die Musik verantwortlich, die deutschen Theatermacherin Sonja Kessner für Texte. Das Ergebnis fällt beachtenswert aus, weil man ihm anmerkt, dass es einer Gedankenwelt mit ausgeprägtem Kunstverständnis entstammt. Lyrik, ein bisschen markiger Brecht und ein Ausbrechen aus Zeitgeistigkeit lassen solch Lieder von Liebe und Krieg besonders wirken.

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Photo Credit: Anton Pohle

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Schlaglicht 34: Feu! Chatterton

Chansonesquen Pop-Rock der feinsten Sorte hat die Pariser Formation Feu! Chatterton zu bieten. Dabei sind die Franzosen mal gern im Gedanken vertieft, dann wieder mit viel Temperament am Übersprudeln und von handfester Emotion beseelt. Vor allem sind die Lieder des Debüts Ici le Jour (a tout enseveli) überraschungsreich. Der Discofeger La Malinche wandelt sich im Mittelteil zum schwülstig-inbrünstigen Schmachtfetzen. Côte Concorde steigert sich in einen gefühlsmüßigen Ausnahmezustand hinein, die hörbar tränenbestückten Stimme hat dabei trotzdem noch ordentlich Schmelz im Talon. Einem Johnny Hallyday müsste solch eine Nummer sehr gefallen. Rhythmisch geschmeidig, im Refrain sogar zum Mitträllern einladend gibt sich Boeing. Ein solch eingängige Nummer wäre sogar im deutschen Radio gut aufgehoben. Gegen den Strich gebürstet fällt Harlem mit seinem Sprechgesang aus. Das sechs Minuten erzählende Stück kann sich zu einen überraschend pittoresken Refrain aufraffen, der der eher nüchtern gehaltenen Prosa entgegensteht. Feu! Chatterton sind in ihrem Sound nie wirklich greifbar – und deshalb auch spannend. Als stärkste Lied des Album erscheint mir Le Pont marie, welches, wenn mich die Reste meines Schulfranzösisch nicht im Stich lassen, vom tragischen Ende einer Amour fou fantasiert. Großartig! Außer Rand und Band verhält sich bei La Mort dans La Pinède der Gesang von Arthur Teboul. Er besitzt eine wunderbar schauspielernde Stimme, die auch das Extreme ausdrücken kann, die sich in Rage und in Inbrunst hineinzusteigern vermag, die alle Facetten an Emotion ausspeit. Schlaglicht 34: Feu! Chatterton weiterlesen

Schatzkästchen 22: Paul van Eersel – Du temps

Folk Afro-Belge hat sich der in Paris ansässige Musiker Paul van Eersel auf seine Fahne geschrieben. Und warum zum Teufel soll die koloniale Vergangenheit Europas, die bei genauerer Betrachtung bis heute politische und gesellschaftliche Auswirkungen zeitigt, mit denen Unterdrückte wie Kolonialmächte bis heute zu kämpfen haben, warum also soll sich dies nicht auch in der Musik widerspiegeln? Weshalb soll jene Aufarbeitung immer von afrikanischen Musikern, die Tradition mit westlichen Einflüssen verbinden, geleistet werden? Im Falle von van Eersel läuft die Chose einmal andersrum. Du temps gefällt als bezaubernde kleine Folk-Nummer mit afrikanischem Flair. Zusammen mit der Sängerin Stella Zekri gelingt van Eersel ein Kleinod, dem jeder Ethno-Kitsch fremd ist. Du temps ist wahrlich nicht politisch zu verstehen, außer in der Hinsicht, dass es auch einem europäischen Musiker gut zu Gesicht steht, dann und wann nach Afrika zu schielen. Fast bedauere ich nun, das Thema Kolonialismus aufs Tapet gebracht zu haben. Schatzkästchen 22: Paul van Eersel – Du temps weiterlesen

Schatzkästchen 4: Leonore – For You

Vorhang auf und Applaus für ein Trip-Hop-Dream-Pop-Chanson der allerersten Güte! Leonore nennt sich die im belgischen Brüssel angesiedelte Band rund um eine anbetungswürdig belegte Stimme namens Chloë Nols. Frau Nols tönt gleich einem Engelchen mit Hustenbonbon im Mund, das mal mit Karacho über die Wolken prescht und dann wieder waidwund und elegant übers Wattemeer spaziert. Anfangs wummert ein langsamer Beat dahin, ehe ein vorwitziges Piano dazwischengrätscht und im Verlauf Gitarredämpfe aufsteigen und der Rhythmus letztlich einen Affenzahn zulegt. An musikalischem Pep mangelt es also auch nicht. For You heißt dieser Track, den man einfach gehört haben muss. Für den Herbst dieses Jahres ist ein Debütalbum angekündigt. Schatzkästchen 4: Leonore – For You weiterlesen

Feuchter Traum eines jeden wackeren Kulturinteressierten – Aino Venna

Das Chanson imponiert als großartige musikalische Errungenschaft. Es versöhnt Poesie mit dem Populären, schlägt eine Brücke zwischen künstlerischem Anspruch und Massengeschmack. Das Chanson kennt Schwermut, Schmachtereien, Sozialkritik und Spaß. Es ist das essentielle Vermächtnis Frankreichs. Die Grande Nation ist nämlich längst auf dem Abstellgleis gelandet. Die Tage, in denen sie in Film, Musik, Literatur und Philosophie geradezu Maß aller Dinge war, sind längst vorbei. Das Chanson jedoch bleibt. Und wie sinnig, modern und prägnant es auch 2013 zu tönen vermag, das beweist ausgerechnet die Finnin Aino Venna. Dass sie ihr Album als Hommage an Marlene Dietrich verstanden wissen will, ist ein Fingerzeig. Auch in Deutschland existierte zeitweise eine unantastbare Virtuosität in diesem Genre. Auf die im April endlich hierzulande erschienene Platte Marlene hatte ich bereits im Februar – nach einer Empfehlung auf dem Polarblog – hingewiesen. Dennoch fühle ich mich bemüßigt, die Großartigkeit dieses Werks nochmals zu unterstreichen. Auf gewisse Art ist Marlene der feuchte Traum eines jeden wackeren Kulturinteressierten, der sich einen Funken Emotionalität bewahrt hat und eben noch nicht alles auf staubtrockene Intellektualität herunterbricht. Dieses überragende Reife verströmende Debüt ergründet unermüdlich Gefühle, hat eine Händchen, allerlei Stimmungen in Melodien einzufangen, und bietet eine dunkle, wissende, leidende, zärtliche Stimme, die sich keine Sekunde vor den großen Vorbildern des Chansons zu verstecken braucht.

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Den Mann für ausgesuchte Frivolitäten benötigend und zum schmückenden Beiwerk in der Selbstfindung degradierend – Jasmin Tabatabai

Chanson und deutsche Schauspielerinnen. Das entbehrt nicht einer langen Tradition. Aber Traditionen weisen eben stets auch gruselige Seiten auf. Nicht jede Actrice ist zur Grande Dame Knef geboren. Nun möchte man Jasmin Tabatabai zugute halten, dass sie nicht zu denen zählt, die eine schauspielerische Sinnsuche mit einem Ausflug in die Musik mehr schlecht als recht kaschieren wollen. Tabatabai darf eine Reputation als Sängerin für sich in Anspruch nehmen. Doch noch ein weiteres Pfund beschwert ihr neues, mit dem David Klein Orchester eingespieltes Album Eine Frau. Wenn eine Frau das Frausein für sich reklamiert, schwingt unterschwellig der Wunsch mit, doch endlich und gänzlich ernst genommen zu werden, verbunden mit der Erkenntnis, dass man eine Altersgrenze überschritten hat, die einen endgültigen Abschied vom Adjektiv jung besiegelt.

Foto Credit: Felix Broede

Natürlich kokettiert Tabatabai mit dem Bild eines fragilen, einsamen, gedankenverlorenen Wesens, dessen Unabhängigkeitsdrang den Mann für ausgesuchte Frivolitäten benötigt und ihn zugleich zum schmückenden Beiwerk in der anmutigen wie tiefgründigen Selbstfindung degradiert. Nimm ihn dir überlässt den Partner seiner (noch naiven) Geliebten, entlässt sich selbst in eine rachsüchtige  Ungebundenheit, die eine Frau natürlich gleich für eine Affäre mit dem besten Freund des Verflossenen nutzt. Das Titellied Eine Frau verpackt das Mantra „Eine Frau ist ne Frau ist ne Frau“ in einen dezenten lateinamerikanischen Rhythmus, wirft mit einem nonchalanten Vortrag die Frage auf, wozu eine Frau einen Mann denn braucht, der „ihr auch nur das gibt, was sie selbst nehmen kann„. In diesen Rahmen reiht sich auch der Standard Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben ein, wenngleich aus einer Zeit stammend, in der diese emanzipatorische Frage noch eine Berechtigung hatte. Während den benannten Liedern noch eine Leichtigkeit anhaftet, die man auch als Augenzwinkern (fehl-)interpretieren dürfte, so wirkt Ich weiß nicht zu wem ich gehöre wie eine Musical-Schnulze, die dies Grübeln mit – Überraschung! – „Nur mir ganz allein“ beantwortet und sich in punkto Männer alle Optionen offen hält. Einzig Ein Brautkleid trägt trotz Schönheitsfehlern (Muss sich Ute wirklich auf Jute und die Gute reimen?) den wahrhaftigen Schalk im Nacken, erfreut sich am Schicksal der ewigen Brautjungfer, die selbst nie in die Falle der Konventionen tappt.

Wenn mit Augen in der Großstadt ein Text von Tucholsky musikalisch umgesetzt und in einen grauen Schleier getaucht wird, strahlt diese Platte eine Schwergewichtigkeit aus, wird substantiell ohne in den Kategorien von Gut (Frau) und Böse (Mann) zu schwadronieren. Denn im Grunde ist Jasmin Tabatabai eine überaus begabte Chanteuse mit dem Gefühl für Nuancen und Timing, die die Lieder mit viel Flair ausstattet, dabei von David Klein unterstützt wird. Dessen Arrangements  und Kompositionen sind mitunter spritzig, nie aufdringlich. Manchmal fast zu diskret. Geben Tabatabai unnötig viel Raum zur Entfaltung, den sich eine zum Chanson tendierende Sängerin durchaus selbst erkämpfen sollte.

Eine Frau ist ein fraglos elegantes Album, dessen zeitloser Anspruch durchaus lobenswert scheint. Zugleich wirkt der Selbstfindungstrip als altbackene Chose, die sich zu sehr um Anerkennung bemüht und das ab und an nur notdürftig mit einer Prise vermeintlicher Ironie bemäntelt. Und so würde ich mir von Jasmin Tabatabai ein Album wünschen, welches weniger will und noch mehr kann. Bis dahin darf diese Platte als phasenweise achtbares Versprechen verstanden werden.

Eine Frau ist am 16.09.11 auf Edel erschienen.

Konzerttermine:

25.10.11 Düsseldorf – Savoy
26.10.11 München – Carl-Orff-Saal
27.10.11 Hamburg – Laeiszhalle, kleiner Saal
29.10.11 Dresden – Wechselbad
30.10.11 Frankfurt – Dreikönigskirche
31.10.11 Berlin – Passionskirche

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Offizielle Homepage

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Türchen 18: Meb – La Neige

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Ich hab’s schon gestern versprochen, heute kommt wieder was fürs Herz. Allerdings kein Soul – sondern ein Weihnachtszuckerl für die Frankophilen. Mindestens einer von ihnen liest unseren Blog und schreibt auch selber einen. Ja – wir meinen dich, dies ist speziell für dich!

Meb stammt aus Québec (Kanada) und fabriziert feinste Chansons, La Neige (Der Schnee) kann man sich zur Zeit auf ihrer Homepage downloaden. Der richtige Soundtrack für vertäumte Weihnachtstage mit, wie es der Titel schon sagt, Schnee, auch ohne, dann muss man halt davon träumen.

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Mehr Infos: MySpace

DifferentStars

Die bisher geöffneten Türchen unseres Adventskalenders 2009 findet ihr hier:
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Gretchenfrage nach dem Umgang mit ikonischer Last – Martha Wainwright

Es bedarf größenwahnhafter Anwandlungen, sich die ikonische Last einer Édith Piaf auf die eigenen Schultern zu hieven. Die Tragik und Emotionen der Legende zu erhaschen suchen, auf hohem Niveau zu scheitern, gleich einem verbeulten Boxer erhobenen Hauptes aus dem Ring zu wanken, all dies wohnt solch einem Unterfangen inne. Mit welcher Methodik freilich darf man Piaf begegnen, ohne sich nicht bis auf die Knochen zu blamieren und als komplett närrische Schnepfe von der Bühne geholt zu werden?

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Martha Wainwright grübelte sich zusammen mit dem Produzenten Hal Willner zu einem ansprechenden Ergebnis, entging den üblichen Fallstricken. Die Chansons der Piaf wurden nie auf Biegen und Brechen in eine Gussform moderner Pop-Arrangements gekippt, sondern mit viel Verve überwiegend im Charme der unangestaubten Vergangenheit belassen. Auch eine Überführung der Liedtexte in die englische Sprache hätte dem Projekt wohl einen Dolchstoß verpasst, ebenso ein allzu scheuklappiger Blick auf die größten Erfolge der Diva.

Die sorgsamen Vermeidungen sprechen für Bedacht, weniger für etwaigen Größenwahn. Der Umstand einer Sozialisierung im frankophonen Québec spielt Wainwright obendrein in die Karten, muss kein quiekiger Akzent schöngeredet werden. Der vermeintlichste Trumpf liegt zweifelsohne in der Unangepasstheit der Sängerin, deren Attitüden jedwede glatt geschmirgelte Oberflächkeit bezwingen. Wer bereits auf dem Debüt den eigenen, nicht eben unbekannten Vater als Bloody Mother Fucking Asshole meuchelt, solch einer Person kauft man die Rage ab, welche es braucht, um in die überdimensionalen Fußstapfen Piafs zu treten – ohne darin vollends zu versinken.

Sans Fusils, Ni Souliers, A Paris – Martha Wainwright’s Piaf Record tönt keinesfalls nach der billigen Imitation, wie man sie in einem Varieté vermuten könnte. Martha Wainwright überzeugt durch Klasse, Stil und verführungsvoll omnipräsentem Stimmvolumen. Adieu Mon Coeur schwelgt im Abschied, C’est Toujours La Même Histoire versprüht eine kraftvolle Eleganz. Die erwartungsvolle Aura der Live-Aufnahmen im New Yorker Dixon Place Theater, wie man sie zum Beispiel bei Le Chant D’Amour verspürt, produziert zusätzliche Wahrhaftigkeit, verdeutlicht, dass die Sängerin ohne doppelten Boden arbeitet. Und die Wucht von L’Accordéoniste zeitigt tatsächlich ein extraordinäres Ergebnis, Wainwright mutiert mit Haut und Haar zur französischen Chanteuse mit dynamischen Singsang und der verruchten Ausdruckskraft, die solch Liedern zur Entfaltung gereicht.

Und dennoch überschattet eine Gretchenfrage das Fazit. Braucht es eine respektbeladene Verharrung nahe dem Original? Hätte ein wenig mehr Hasardieren unter Vermeidung oben geschilderter Fettnäpfchen den Aufnahmen erst die eigentliche Daseinsberechtigung eingehaucht? Ist die überwiegend klassische Instrumentierung der Weisheit letzter Schluss? Hält man sich eine Zielgruppe vor Augen, die im Normalfall Piaf bloß dem Namen nach kennt, so scheint das Album zur Tradierung und Verbreitung zweckgemäß. Rund um die Welt könnte diese Interpretation junge, aufgeschlossene Hörer für die Magie des Chansons einnehmen. Wainwright jedenfalls besteht die Bewährungsprobe, etabliert sich als hervorstechende Interpretin, deren gesangliche Vehemenz zu dem bereits auf den bisherigen Alben hervorstechenden Songwriting endgültig aufgeschlossen hat.

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