100 Songs – Teil 5 (Au suivant)

Manch Liedern wohnt der nahezu missionarische Wille inne, fundamentale Wahrheiten zu transportieren. Wahrheiten, die wir meist verdrängen oder schönreden. Aber wie sind selbige zu verpacken, ohne dass sie für den Hörer vollends ungenießbar werden? Eine gern präferierte Variante ist das Kleiden in beruhigend balladeske Schemen (Imagine von John Lennon), manch Songwriter entwerfen wohlfeile, zum Mitträllern einladende Hymnen, denen durch vielstimmiges Gejohle der Stachel genommen wird (Blowin‘ in the Wind von Bob Dylan). Was aber, wenn die Erkenntnis vor trivialer Unabänderlichkeit trieft? Wenn sie keinen sauberen Impetus birgt, mit welchem sich das Leben besser gestalten lässt?

Jacques Brel wählt den Irrsinn als Ausdrucksmittel. Die hysterisch dargebrachte Verzweiflung des Liedes Au suivant besteht in der Austauschbarkeit des Menschen. Ein jeder ist Nachfolger und früher oder später dann Vorgänger. Ob in der Liebe, im Job, in der Gesellschaft. Wir ersehnen die Nachfolge ebenso sehr wie wir uns fürchten selbst ersetzt zu werden.

Brel zeichnet eindringliche Bilder eines Ausflugs einer Armeeeinheit in ein Bordell, eine Massenabfertigung, in der Soldat für Soldat einen Moment lang Befriedigung erfährt, ehe schon der nächste Mann dem Höhepunkt entgegendrängt. Und genau diese Schilderung bringt das Dilemma auf den Punkt. Wir alle lüstern Nachfolger zu sein, den Platz räumen will niemand. Der Nächste soll warten. Sich gedulden. Die perverse Wahrheit von Au suivant wird durch die gedrillte, surreale Jahrmarktsmusik nur noch gesteigert, nagt – nein! zerfleischt! – jedwedes Wohlbehagen. Gehetzt torkelt Brel durch das Meisterstück, getrieben vom imaginären Nächsten, dem zu entkommen unmöglich scheint.

Doch lassen wir Brel selbst zu Wort kommen und schauen uns einen Live-Auftritt an (der mit unsäglichen Untertiteln bebildert wurde).

Hinzuweisen sei weiters auf famose Coverversion, so zum Beispiel Next, welches von Scott Walker interpretiert wurde. Im deutschsprachigen Raum hat Michael Heltau mit Der Nächste ein Glanzlicht gesetzt.

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Au Suivant auf Last.fm

Wikipedia-Eintrag zu Jacques Brel

SomeVapourTrails

Malträtiert Makatsch Knefs knorrige Kantaten? – Eine kritische Würdigung

Die Aufarbeitung eines nationalen Heiligtums ruft naturgemäß auch Kritiker auf den Plan, die sich inbrünstig über Ikonoklasmus beklagen. Und da wären noch die kultischen Verehrer, die alles in den Himmel loben, was dazu taugt, dem Monument eine weitere Säule zu bauen. Der Tod hat einmal mehr eine Heiligsprechung vorgenommen, die jedwede nicht in Schablonen verhaftete Auseinandersetzung mit einer Ikone deutscher Nachkriegszeiten zunehmend erschwert.

Die Rede ist von Hildegard Knef und auch irgendwie von Heike Makatsch, die die Knef im Film Hilde spielt und als i-Tüpfelchen noch eine CD mit Knef-Liedern aufgenommen hat. Kritiker, die Knef-Platten in elterlichen Regalen als Kindheitserinnerungen vorweisen dürfen, mokieren sich nun über das große musikalische Scheitern von Makatsch.  So lästert der Musik-Blog der Zeit über Makatschs kulleräugige Knef-Mimikry mit bräsigem Kursaal-Geplätscher. Den wohl ehrlichsten Verriss hat die Süddeutsche fabriziert, die Makatsch jegliche musikalische Eigenständigkeit abspricht. Das sehen etliche Rezensenten hingegen in anderem Licht, zum Beispiel laut.de, wo im Brustton der Überzeugung Makatsch klingt nach Makatsch konstatiert wird.

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Schwenken wir den Fokus kurz auf die Platte. Was ist von Hilde – Heide Makatsch singt Hildegard Knef zu halten? Bockmist oder gelungene Würdigung? Dies hängt wohl von der Sichtweise ab. Wenn ein Kind im Stile Picassos herumkritzelt, wird man es loben, solange die Signatur mit Tim oder Kati erfolgt, und belächeln, wenn in fetten Lettern Picasso II. an der Leinwand prangt. Ist man vom Œuvre Knefs unbeleckt, erliegt man dem Charme der famosen Kompositionen in Kombination mit der durchaus gewollt unperfekten Interpretation. In diesem Fall begeistert Makatsch durch einen schnoddrigen Vortrag, der sich so wohltuend vom bis auf die letzte Note durchgestylten Gesang der Hupfdohlen aus diversen Casting-Shows abhebt. Was schert mich schon der stimmliche Umfang, wenn nicht der kleinste Hauch an Ausdrucksstärke vorhanden ist? Selbige erträllert die hölzerne Makatsch sehr wohl. Sie geht zwar nicht ab wie Schmidts Katze, dennoch lässt sich ein Quäntchen Dynamik nicht verleugnen. Im Rahmen der eigenen und der von Thematik und Produktion vorgegeben Möglichkeiten überzeugt Makatsch völlig.

Schön blöd, dass es da noch diese gewisse Frau Knef gab, welche die Songs einst gesungen hat. Der Vergleich macht sicher. Die Interpretationen der Epigonin mutieren zum Sturm im Wasserglas angesichts der furiosen Originalaufnahmen. Knef war Stimmband für Stimmband reinstes Dynamit. Sie als bedeutendste Chansonette deutscher Herkunft zu betiteln, wäre eine Untertreibung sondergleichen. Ihre knorrige Stimme paarte sich zu perfekt arrangierten Kompositionen, jeder Schuss war ein Treffer. Knef ist Knef ist Knef. Unter dem Aspekt gerät Makatsch in die Bredouille, weil zweitklassig klingen muss, was im Vergleich zur Vorlage auch zweitklassig ist.

Selbst wenn ich mit der Inbrunst eines Pavarotti Blowin‘ In The Wind anstimmen würde – es hätte doch nicht Bob Dylans Flair. So ergeht es Heike Makatsch auch bei den Liedern wie So oder so ist das Leben oder Wieviel Menschen waren glücklich. Besonders in balladesken Passagen mangelt es an wuchtig-filigranem Ausdruck. Beswingtere Passagen (Nichts haut mich um aber Du) gelingen besser, da wird die quälende Sehnsucht des Hörers nach Knefschen Qualitäten ein bisschen weniger.

Je nach Erwartungshaltung offeriert das Album eine launige Reminiszenz unbeschwerten Hörerlebens oder eben ein zweitklassiges Ärgernis, welches Klassiker wie In dieser Stadt blasphemisch besudelt. Bleibt abschließend die Erkenntnis, dass jede Seite vortreffliche Argumente vorzuweisen hat. Ich für meinen Teil wuchte jetzt das Album Knef aus dem Jahr 1970 in den CD-Player und drehe es sooo laut auf wie AC/DC gerne wären.

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