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Stippvisite 15/11/11 (Was einen nicht kält lässt, wärmt schon mal das Herz)

Blogtipp:

Der geschätzte Kollege von Hey Tube hat zu einer Abstimmung über Die besten Musikblogs 2011 aufgerufen. Nun halte ich es für problematisch, wenn Hinz und Kunz über etwas abstimmen sollen, wovon sie keine wirkliche Ahnung haben. Uns wird ja bei diversen Wahlen stets vor Augen geführt, dass die größten Knallchargen in der Regel die meisten Stimmen bekommen. Ein Votum kann immer nur das Populäre abbilden, kaum das Beste. Allerdings sollte der mündige Leser von Musikblogs auch nicht vor Amateuren kapitulieren. Nicht jede knallbunte Seite mit Musikclips und ein paar kurzen Sätzen im Pennälersprech scheint wirklich dazu angetan, über Musik kompentent, zumindest aber charmant zu informieren. Ei freilich darf es harmlos nette Blogs geben, aber man muss sie ja nicht gleich mit Gütesiegeln überhäufen. Die Nutte, die einem einen guten Blowjob verpasst, ist ja auch nicht gleich Miss Universe.

Es gibt verdiente Blogs, die sich für Musiker und kleine Labels den Arsch aufreißen. Oder mit enormer thematischer Bandbreite punkten, oft auch sprachlich glänzen. Einige der geschätztesten Kollegen habe ich in unserer Blogroll verewigt. Nur so als Wink mit dem Zaunpfahl.

Videotipp:

Als großer Fan von DJ Shadow habe ich bisher noch nicht durchringen können, etwas zu seinem vor wenigen Wochen erschienenen Album The Less You Know, The Better (VÖ: 30.09.2011 auf Island) auf den Blog zu kleckern. Hauptsächlich deshalb, weil der werte Herr eine eigentlich nicht besonders stimmige Platte mit ein paar hervorragenden Tracks bestückt. Nach dem in jeder Hinsicht unbefriedigenden The Outsider (2006) scheinen die guten Geister endlich wieder zu DJ Shadow zurückgekehrt zu sein, zumindest auf Teilzeitbasis. An Tracks wie dem wuchtig bulligen I Gotta Rokk, einem aberwitzigen Give Me Back The Nights oder dem martialischen Border Crossing will ich keinen Jota bekritteln. Entspannter gibt sich der nette Titel Scale It Back mit Vocals von Little Dragon. Und zu selbigem existiert ein gelungen seltsames Video.

Downloadtipp:

Ja, zugegeben, es ist mir ein bisschen peinlich, wenn eine meiner Lieblingsbands etwas veröffentlicht und ich davon erst auf einem anderen deutschen Blog erfahre.  Dass amerikanische wie britische Blogs und Magazine zuerst davon Wind bekommen, geschenkt! Aber wenn die Veröffentlichung schon den einen oder anderen Monat auf dem Buckel hat, dann hab ich schlichtweg nicht aufgepasst. Die Rede ist von Clem Snide und der EP Clem Snide’s Journey (VÖ: 29.07.2011). Mastermind Eef Barzelay zählt zu den verkannten Könnern, er kann sogar einem Sonnenaufgang auf einem Parkplatz von Walmart noch eine schöne Seite abgewinnen. Das letztjährige Album The Meat of Life rangierte auf Platz 2 meiner Bestenliste 2010, der Song I Got High war für mich das beste Lied des Vorjahres. Ich bin also waschechter Bewunderer von Clem Snide. Und die mit sechs Coverversionen der US-Band Journey gespickte, bereits im Sommer veröffentlichte Miniplatte beweist, dass Barzelay eine feine Arbeit als Exorzist leistet. Wie er aus 80er-Jahre-Rock-Trash einen brauchbaren Kern herausschält und diesen in ein neues Gewand packt, das imponiert mir sehr. (via mixahula)

Der Song Any Way You Want It ist auf betterPropaganda als kostenloser Download verfügbar.

Veröffentlichungstipp:

Es gibt Label, die mag man eben. Zum Beispiel das Leipziger Label analogsoul. Weil Musik hier mit Sorgfalt und Ernsthaftigkeit begegnet wird, jedoch ohne elitäres Gehabe oder angestrengte Überintellektualität. Nun muss die Formel Seriöse Menschen machen seriöse Sachen nicht zwangsläufig einen vor Genialität strotzenden Katalog hervorbringen, aber analogsoul liegen überwiegend richtig. Das unterstreicht auch die am 02. Dezember erscheinende EP Yes my friend but what is von Mud Mahaka. Als ersten Vorgeschmack liegt ein Clip zum Track Yes vor. Wir werden die EP demnächst noch näher vorstellen, wollen heute vorläufig dem vom Pressetext verliehenen Prädikat Post-Pop nicht widersprechen. (via analogsoul blog)

Entdeckertipp:

Frei nach dem Motto Was einen nicht kält lässt, wärmt schon mal das Herz. Es gibt Lieder, deren Schönheit man sich nicht entziehen kann und wohlig in die Seele inhaliert. Von dieser Qualität zeigt sich mir der Track Everlasting Evening, den der Brooklyner Musiker Tristan O’Donnell unter dem Namen Guilty Ghosts in Kooperation mit Sea Oleena fabriziert hat. Ein fein ätherischer Song, dem guten Debüt Veils entnommen. Unbedingt erlauschen! (via Schallgrenzen, natürlich!)

Das soll es für heute auch schon wieder gewesen sein. Demnächst – wie immer – mehr…

SomeVapourTrails

Lie In The Sound präsentiert: Die 10 besten Tracks 2010

Oft scheint ja der eigene Horizont nur eine iPod-Länge entfernt zu sein. Um diese Begrenztheit im Keim zu ersticken, höre ich mir vielerlei Musik an. Beherzige Empfehlungen von Freunden, notiere das Rauschen in meinem RSS-Feed, leihe den Tipps der Fachzeitschriften ein Ohr,  sogar den Mätzchen von Micky-Maus-Bloggern widme ich Aufmerksamkeit. Irgendwie will sich jedoch Angesagtheit partout nicht in meinen Gehörgängen verankern, verheddere ich mich ebensowenig in Geschmacksverpflichtungen. So sind es letztlich die Dauerbrenner und Underdogs, die die Liste meiner liebsten Songs pflastern. Obwohl ich mindestens 100 Lieder präsentieren könnte, die mich 2010 begeisterten, sollen heute zunächst 10 hervorgehoben werden. Weitere 40 werden im Laufe der Woche noch lobende Erwähnung finden. Diese 10 Tracks, welche nun den Anfang machen, sind fraglos edel und ohne Ablaufdatum.

01. Clem SnideI Got High

Begründung: Mastermind Eef Barzelay kreiert einen Song, der hymnische Momente in einen sanften Sound bindet und textlich am Gemächt der amerikanischen Jugend sägt.

02. GrasscutThe Tin Man

Begründung: Weil das vielschichtige Experimentieren unabdingbarer Bestandteil von Musik ist, muss man vor Grasscut den Hut ziehen. Sie schmiedeten viele Versatzstücke zu einem meisterhaft gänsehäuternen Track.

03. Xiu XiuDear God, I Hate Myself

Begründung: Eine derart larmoyant wie augenzwinkernde Electro-Pop-Hymne hat es 2010 kein zweites Mal gegeben.

04. Sharon Van EttenDon’t Do It

Begründung: Mit dem Album Epic stieg sie vom Singer-Songwriter-Talent zur Könnerin empor. Den eindringlichsten, eingängigsten, hintergründigsten Track der Platte bekommt man nicht mehr aus dem Ohr. Warum auch sollte man dies wollen?

05. Fang IslandLife Coach

Begründung: Ein Song, zu dem es sich prima grölen und Bierdosen werfen lässt. Dass ausgerechnet der Auftritt der Band beim diesjährigen Berlin Festival zu den schwächer besuchten geriet, bleibt unverständlich, da die Herren live die reinste Wonne darstellen.

06. Damien JuradoArkansas

Begründung: Jurado könnte spielend 4 Tracks in meinen Top 50 platzieren, bescherte dieses Jahr Momente bestechenster Liedkunst. Das Sahnehäubchen Arkansas überzeugt durch seine sofortige Überwältigung des Hörers.

07. Johnny CashAin’t No Grave

Begründung: Der Auferstehungsgesang einer Legende.

08. SeligVon Ewigkeit zu Ewigkeit

Begründung: Eine schönere Liebeserklärung in deutscher Sprache habe ich 2010 nirgendwo vernommen. Jan Plewka darf sich zumindest meiner ewigliche Verehrung gewiss sein.

09. Jaga JazzistOne-Armed Bandit

Begründung: Startet funkig-sirenesk, flirtet zwischendurch mehrmals heftig mit minimalistischen Motiven, um doch wieder und wieder das Hauptthema aufzugreifen und derart zu forcieren, dass man sich in eine Zeit zurückfühlt, als allein schon die Erkennungsmelodie von Die Straßen von San Francisco vor die Glotze lockte.

10. Justin Townes EarleHarlem River Blues

Begründung: Ein Hochkaräter des Country. Mit einem nicht minder hochkarätigen Song aus dem gleichnamigen Album. In deutschen Gefilden nahezu unbekannt, warum eigentlich?

Fortsetzung folgt…

SomeVapourTrails

Lie In The Sound präsentiert: 30 Alben, die 2010 bereicherten

Endjahresbestenlisten verkörpern neben dem Geschmack des Erstellers vor allem eine blogpolitische Message: Sie möchten triftige Gründe liefern, warum der Leser auch im kommenden Jahr das eine oder andere Mal dem Blog oder Magazin seine Aufwartung machen soll. Nun kann die Strategie dahinter in der Platzierung bekannter Namen und Alben liegen, welche ins Auge springen und dem Besucher das Gefühl geben, sich auf vertrautem Terrain zu bewegen. Eine andere Verfahrensweise besteht in der Nennung des Obskuren und Außenseiterhaften, was wiederum den Entdeckerdrang des Lesers besonders anregt, zugleich eine Underdog-Romantik bedient. Oder aber der Lister packt die Last der Musikwelt auf seine Schultern, filetiert einen allumfassenden Querschnitt, der sämtliche Genres und Stile berücksichtigt, die nicht ausschließlich von moldawischen Entenzüchterchören betrieben werden. Einfach um seinen Kunden zu suggerieren, dass man musikalisch alles, schlichtweg alles geboten bekommt, was nur irgendwie ein Instrument in den Händen zu halten vermag.

All die aufgezählten Zugänge winken verheißungsvoll. Und würden mir dennoch ein Gähnen entlocken, da der unter die Oberfläche tauchende Leser bereits ohnehin erkannt hat, wie es um die Grundausrichtung des Blogs bestellt ist. Warum also nicht eine Auflistung, welche auch dem, der handverliest, einen Spannungsmoment beschert? Aus besagtem Grunde will ich die 30 Lieblingsalben unseres Blogs, davon wurden ja bereits 10 vor 2 Wochen genannt, nach Provenienz sortieren. Welche Aussagekraft lässt sich aus der Herkunft unserer Favoriten ableiten? Einerseits könnte man ihr Hotspots entnehmen, an den von uns verehrte Musik entsteht. Ein weiterer Zugang würde die Weite unseres Horizont determinieren. Und eine dritte – allgemein gültigere – Betrachtung könnte skizzieren, dass auch in Zeiten des ach so globalen Internets gewisse kulturelle und sprachliche Barrieren dazu führen, dass dem neugierigsten Zeitgenossen – nämlich mir – Musik von ganzen Kontinenten de facto verschlossen bleibt. Doch seien nun ohne längere Umschweife die 30 Platten des Jahres präsentiert:

England

Her Name is CallaThe Quiet Lamb

ScannersSubmarine

RPA & The United Nations of SoundUnited Nations of Sound

Grasscut1 Inch / ½ Mile

BonoboBlack Sands

The Strange Death of Liberal EnglandDrown Your Heart Again

Betty and the WerewolvesTeatime Favorites

Exit CalmExit Calm

Allo Darlin‘Allo Darlin‘

Wales

Tom JonesPraise & Blame

USA

Clem SnideThe Meat of Life

Damien JuradoSaint Bartlett

The PostmarksMemoirs At The End Of The World

Sharon Van EttenEpic


EelsEnd Times

BlockheadThe Music Scene

InterpolBroken Bells

Broken BellsBroken Bells

Island

Pascal PinonPascal Pinon

Schweden

SambassadeurEuropean

Nina KinertRed Leader Dream

JunipFields

Norwegen

Jaga JazzistOne-Armed Bandit

Deutschland

Mardi Gras.bbVon Humboldt Picnic

Get Well SoonVexations

Philipp PoiselBis nach Toulouse

HundredsHundreds

Österreich

Francis International AirportIn The Woods

Kanada

Thee Silver Mt. Zion Memorial OrchestraKollaps Tradixionales

Mali

Ali Farka Touré & Toumani DiabatéAli and Toumani

Welche Blöße gibt sich diese Liste? Außer dem bereits erwähnten Umstand, dass sie ganze Kontinente zu weißen Flecken erklärt, Asien, Australien und Südamerika mangels Angeboten negiert. Weiters enthüllt sie, dass nur eine Handvoll Alben nicht die englische Sprache als Mittel des Ausdrucks wählen. Als zusätzliche Information sei erwähnt, dass uns 11 der 30 Platten aktiv von Promotoren angepriesen wurden, während wir bei 19 selbst schon lange mit dem Fernrohr Ausschau haltend harrten oder Breschen durch den Veröffentlichungsdschungel schlugen, um sie zu entdecken. Von den 30 Interpreten waren 13 darunter, von denen wir zum ersten Male ein Platte erlauschten, 8 davon können sich ihres Albumdebüts rühmen. Die Bandbreite der vertretenen Stile reicht von Post-Rock über Twee, Indie-Rock, Downtempo und ähnlichen elektronischen Spielereien hin zu Pop, Folk und gar World Music.

Natürlich kann man nicht jedes 2010 publizierte Werk in Augenschein nehmen. So lebt die Auflistung auch von schmerzhaften Auslassungen. Die aktuelle Scheibe der Manic Street Preachers fehlt ebenso wie Gisbert zu Knyphausens jüngster Release. Auch Sun Kil Moon blieb noch ungehört oder sogar Fran Healys  Alleingang. Daher bedeutet eine etwaige Absenz keinesfalls, dass wir ein Album verdammen. Xiu Xiu fabrizierte einen der besten Track des Jahres und glänzt doch durch Abwesenheit, ähnliches gilt für Johnny Cashs posthume Auferstehung. Vielen davon wird bei unserer Reihung der besten Songs Gerechtigkeit widerfahren. Für heute jedoch gilt, mögen unsere Lieblinge des Jahres beim Leser auf fruchtbaren Boden fallen.

SomeVapourTrails

Lie In The Sound präsentiert: Die 10 besten Alben des Jahres

Heute wollen wir unser geschmackssicheres Füllhorn ausgießen und nach langem Grübeln die 10 besten Alben des Jahres kundtun. Wir haben das ganze Jahr über viele wirklich gute Platten erlauscht und manchmal auch besprochen, mit Sicherheit versteckten sich leider auch viele feine Werk im Gewimmel der Veröffentlichungstermine. Alben sind wie Menschen, die wirklich penetranten, aufdringlichen, anmaßend jovialen bekommen weit mehr Aufmerksamkeit, während die bescheidenen wie begabten Geister im Hintergrund bleiben. Unsere Taschenlampe jedoch leuchtet besonders die hintersten Winkel der Musikszene aus, überschweifen dabei jene, die sich allzu beharrlich Indie auf die Stirn tätowiert haben. Aber sogar manch Rabauke oder bärbeißige Zeitgenosse aus der ersten Reihe verdient Anerkennung, fährt gegenüber geschniegelten Mainstream-Fratzen die Ellbogen aus. Wir hören sie alle, erhören nur einige. Die Welt mag gaga sein, wir sind es jedoch nicht, so erklärt sich unsere Selektion.

1. Her Name is Calla – The Quiet Lamb

Und eben jene Vielschichtigkeit spottet jeder Beschreibung, macht mich ratlos, mit welchen Worten ich empfehlen soll, was doch für sich selbst spricht, wenn man nur das Wagnis eingeht, dieses Album anzuhören. Und ja, das sollte man um jeden Preis tun, wenn man die heiligen Momente der Musik zu ergründen wünscht. (Mehr hier)

2. Clem Snide – The Meat of Life

The Meat of Life erfüllt alle Anforderungen, um als wahres Kleinod den Liebhaber tief- wie eingängiger Musik zu erfreuen. Eine sanfte Melancholie paart sich mit Ironie, zeitlos warme, wunderbar altmodisch umgesetzte, niemals sterile Melodien bestechen. (Mehr hier)

3. Sambassadeur – European

Neben extrovertiertem Pop gibt’s natürlich auch ruhige Seelenschmeichler auf der Platte wie den Track Albatross. Eingängiges Songwriting paar sich hier mit dem charmanten Vortrag von Anna Persson. Zurecht im englischsprachigen Feuilleton gefeiert, zu Unrecht im deutschsprachigen Raum übersehen/unterschätzt, bleibt mir nur ein Fazit: Unbedingt hören, kaufen, lieben! (Mehr hier)

4. Jaga Jazzist – One-Armed Bandit

Eine Platte, die Jazzfunk mit dem hehren Wesen des Minimalismus durchmengt, eine CD, welche fast schon verschwenderisch mit der Verwendung von Instrumenten umgeht und dabei doch ein harmonisches Gesamtwerk kreiert, bei dem jeder Mosaikstein am richtigen Platz liegt, exakt so zeigt sich One-Armed Bandit. (Mehr hier)

5. Damien Jurado – Saint Bartlett

Nie war Damien Jurado zwingender, nie die Harmonie von Musik, Lyrics und Vortrag vollkommener als auf Saint Bartlett. Man vermag sich schwerlich eine Steigerungsmöglichkeit ausmalen. Die Grazie des Werks schwillt in all dem Sehnen, Trauern, Leiden, Suchen und Hoffen zu einer majestätischen Wucht an, welche das tiefste Innere des Hörers in schönste Aufruhr versetzt. (Mehr hier)

6. Scanners – Submarine

Nicht ganz so wütend wie Emily Haines, dafür aber mit der Laszivität der ravonetteschen Sharin Foo darf sich Sarah Daly mit den Scanners spätestens nach dem zweiten Album zur ersten Riege der “Female fronted”-Bands zählen. (Mehr hier)

7. Mardi Gras.bb – Von Humboldt Picnic

Was nun bekränzt Von Humboldt Picnic – abgesehen von der qualitativen Hochwertigkeit? Wohl auch der Umstand, dass Mardi Gras.bb aus Deutschland kommen, das gesamte Ensemble um Mastermind Doc Wenz aber mit der Finesse kosmopolitischer Musik-Koryphäen agiert. So darf diese Expedition in aller Herren und Frauen Länder als hochgradig gelungen erachtet werden. (Mehr hier)

8. The Postmarks – Memoirs At The End Of The World

So wie die Wunderwaffe der Postmarks in jedem Moment die Fähigkeit ihrer Sängerin ist, immer die Gratwanderung zu meistern, zwar lieblich und betörend, nie aber überzuckert zu klingen. Ein Balanceakt, der nur wenigen Interpretinnen gelingt. Ihre Bandkollegen Jonathan Wilkins und Christopher Moll verschaffen die perfekte musikalische Kulisse, vor deren Hintergrund Tim Yehezkely als Hauptdarstellerin zwischen Opfer, Heldin und Schurkin agiert. (Mehr hier)

9. RPA & The United Nations of Sound – United Nations of Sound

Das Schlechteste an dieser Platte ist der Bandname, welchen Richard Ashcroft für sein neues Vehikel gewählt hat. Denn sonst besticht United Nations of Sound als zutiefst schmissige Platte, die ordentlich Rabatz macht und sich zugleich eine vertraute erhabene Opulenz gönnt. (Mehr hier)

10. Get Well Soon – Vexations

Konstantin Gropper vermochte mit Vexations seinen Ruf als Wunderkind zu zementieren. Anspruchsvoller, more sophisticated kann Pop nicht klingen – und freilich auch kaum besser.

Und weil es mit diesen 10 Alben nicht getan ist, die Regeln von Top of the Blogs aber genau dies vorsehen, noch dazu eine Reihung verlangen,  werden wir demnächst weitere Werke nachreichen, die diese Ehre nur knapp verpasst haben.

SomeVapourTrails

Musikalischer Quartalsbericht 2010 (I)

Das erste Quartal war in jeglicher Hinsicht üppig und eigentlich voll von schlagenden Argumenten, dass es keine Krise der Kreativen gibt. Was Musiker so ersannen und in den letzten 3 Monaten in Deutschland veröffentlichten, wird man nicht schnell vergessen können und mögen.

Beginnen wir zunächst mit Electronica. Wenn Blockhead, Four Tet, Bonobo und Autechre allesamt innerhalb kürzester Zeit gewaltige Alben veröffentlichen, strahlt mein Herz zufrieden. Vier Platten feinster Qualität und großer Diversität, angeführt von Blockheads in jeder Hinsicht hervorragenden The Music Scene.  Doch auch pointiertes Songwriting konnte 2010 in all seinen Facetten genossen werden. Ob nun in Form einer existentiellen Wehklage von Eels, der Rückbesinnung der The Magnetic Fields auf ein durch und durch sophisticated und gleichsam eingängiges Songwriting oder auch im famosen Vexations, mit dem Konstantin Gropper alias Get Well Soon endgültig unter Beweis stellte, dass er zu den sehr wenigen deutschen Musikern mit internationalem Format gehört. Völlig unbeachtet lieferten Clem Snide mit The Meat of Life ein kleines, in den Details zündendes Stück gediegensten Songwritings ab.

2010 bot auch ein letztes Abschiednehmen von Johnny Cash, dessen Ain’t No Grave von der Kritik als Leichenfledderei zerpflückt wurde. Ein Schwachsinn und Frevel, denn diese Lieder in einem Archiv versauern zu lassen, das wäre ein Sakrileg der besonderen Sorte gewesen. Auch die letzten gemeinsamen Aufnahmen von Ali Farka Touré mit Toumani Diabaté sind ein gelungenes Vermächtnis, Ali and Toumani gehört fraglos zu den erlesensten Scheiben der World Music dieses Jahres.

Kommen wir zu poppigen Tönen, Sambassadeur aus Schweden konnte mit European eine frische Mischung aus Twee und Indie-Pop finden, welche Genre-Fans sicher durch den Frühling bringen wird. Auch The Postmarks verzauberten mit erquickenden Sounds, die man in hiesigen Breiten noch zu gering schätzt. Das weit zu fassende Feld des Post-Rocks wurde einerseits von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra in erwartbarer Finesse beackert, andererseits begeisterte The Album Leaf mit schlichte Besinnlichkeit von A Chorus of Storytellers.

Zwei Platten verdienen eine besondere Erwähnung. Jaga Jazzist vermochten mit One-Armed Bandit ein kompositorisch komplexes Werk zu erschaffen, dass dennoch pure Hörfreude atmet. Vor solch Können muss man den Hut ziehen. Und fast noch mehr beeindruckte eine unbekannte deutsche Formation namens The Blue Angel Lounge, deren gleichnamiges Debüt unglaublich starken psychedelischen Rock beschert. So gut, dass man die Band partout nicht in Deutschland verorten mag.

Einige Wortfetzen seien auch Enttäuschungen und vorhersehbaren Zumutungen gewidmet. Tocotronic ergaben sich einem Gaga-Dadaismus, der all die Tugenden dieser Band zu einer Fratze verzerrte. Eine Frustration sondergleichen! Dass Vampire Weekend eine richtig flüssiges, also überflüssiges Contra ablieferten, das hingegen war keinerlei Überraschung. Und Joanna Newsoms neuestes Attentat auf kultivierte Gehörgänge ebenso. Aber es wird wohl auch immer Platten geben, die vom Feuilleton in einem Akt von Gesinnungsterror angepriesen und letztlich doch Zumutungen bleiben.

Das Resümee könnte trotz Querschläger nicht besser ausfallen. Die Hoffnung, dass sich die Fülle an Wundertaten im nächsten Quartal wiederholen wird, scheint überzogen. Für den Moment jedoch sollte Zufriedenheit regieren.

Die 10 besten Tracks:

Johnny Cash – Ain’t No Grave
Broken Bells – Trap Doors
Clem Snide – I Got High
Get Well Soon – We Are Free
Sambassadeur – Stranded
Massive Attack – Paradise Circus
Scanners – A Girl Like You
The Postmarks – Thorn In Your Side
Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself
Blockhead – Tricky Turtle

Die besten 10 Alben:

Jaga Jazzist – One-Armed Bandit
Scanners – Submarine
The Blue Angel Lounge – The Blue Angel Lounge
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Kollaps Tradixionales
Get Well Soon – Vexations
The Postmarks – Memoirs At The End Of The World
THUS:OWLS – Cardiac Malformations
Bonobo – Black Sands
Blockhead – The Music Scene
Sambassadeur – European

Die 5 schlechtesten Alben:

Joanna Newsom – Have One On Me
Tocotronic – Schall & Wahn
Vampire Weekend – Contra
Owl City – Ocean Eyes
Delphic – Acolyte

SomeVapourTrails

Spagat zwischen gefälligen Melodien und spitzzüngigem Songwriting – Clem Snide

Die US-Band Clem Snide gibt ein prima Beispiel dafür ab, wie eine Formation, die wohl immer ein wenig zu sehr mit sich selbst beschäftigt scheint, trotz einiger Jahre im Musikgeschäft und ausnehmend gutem, sehr speziellem Songwriting nie den absoluten Durchbruch zu schaffen vermag. Schade, denn die neue Scheibe The Meat of Life erfüllt alle Anforderungen, um als wahres Kleinod den Liebhaber tief- wie eingängiger Musik zu erfreuen. Eine sanfte Melancholie paart sich mit Ironie, zeitlos warme, wunderbar altmodisch umgesetzte, niemals sterile Melodien bestechen.

Eef Barzelays Stimme wirkt keinesfalls überdurchschnittlich markant oder auf Rosen gebettet, und doch entwickelt sie die Nuancen, um den Lieder eine unwiderstehliche Seele zu verleihen. Und so legt sich sein Vortrag perfekt auf den irgendwie vertrauten Retro-Sound mit College-Rock-Attitüde und balladeskem Country-Charme. Barzelay gehört zu den allzu unterschätzten Vertretern der Liedermacherzunft. Allein der Song Walmart Parking Lot, der seinen Protagonisten ziellos durch die Gegend fahren lässt, nachdem ihm die Freundin den Laufpass gegeben hat, und ihm das erhebende, hoffnungsspendende Erleben eines Sonnenaufgang auf dem Parkplatz eines Walmarts – ausgerechnet! – schenkt, bezeugt das virtuose Songwriting. I Got High steigert sich zu einem der feinsten Lieder, die in den letzten Monaten das Licht der Welt erblickten. Denver offeriert die schmalzig-balladeske Beichte eines Seitensprungs mit Kindsfolgen, watet in Selbstanklage und der Bitte „I hope that you never forgive me„, um schließlich die ironische Brechung darin zu erfahren, dass der Akteur nun den Flieger zur jüngeren Geliebten nimmt. Solch smarte Lyrics findet man selten – und wenn dann nur in absoluter Bitterkeit ohne Augenzwinkern vorgetragen. Oder nehmen wir das mit starkem Refrain punktende Stoney oder ein mitreißendes BFF mit den Zeilen „Trust me you don’t want to know how I really feel/ I knew when we made this deal/ That you had a hole in your heart/ And if I crawled inside, maybe things wouldn’t seem so great„, die in der Forderung nach einem Mehr an Liebe gipfeln und mehrere Interpretationen zulassen. Ist dies Lied nun eine ungelenke Liebeserklärung oder vielmehr ein Hilferuf? Die Band vollbringt das Kunststück ein von tollen Stücken durchwirktes Album zu fabrizieren, dass seine gesamten Qualität erst nach und nach offenbart und dennoch bereits beim ersten Hören zu entzücken weiß.

The Meat of Life gehört zu den Werken, die eine größere Resonanz verdienen. Aber vielleicht haben die meisten Hörer einfach Probleme, den Spagat zwischen gefälligen Melodien und spitzzüngigem Songwriting nachzuvollziehen. Man scheint halt soviel mehr im Trend, wenn man galliger Sperrigkeit in Form einer spröden Joanna Newsom huldigt oder aber den Gefühlskonserven glattgebürsteter Mainstream-Ladies à la Beyoncé frönt. Vermutlich wird Clem Snide auch mit dieser Platte der Durchbruch verwehrt bleiben, aber für ignorante Hörer kann die Band wirklich nichts.

Tracklisting:

1. Walmart Parking Lot
2. Denise
3. The Meat of Life
4. I Got High
5. Denver
6. Forgive Me, Love
7. Stoney
8. BFF
9. Please
10. Song For Mary
11. With Nothing To Show of It
12. Anita

The Meat of Life ist soeben bei 429 Records erschienen.

Links:

MySpace-Auftritt

Label-Seite mit Hörproben

Daytrotter-Session (inklusive Walmart Parking Lot)

SomeVapourTrails

Stippvisite – 19/02/10

Auch heute wollen wir auf Fundstücke verweisen, die sich in den letzten Tage so angesammelt haben…

Hörtipp:

Xavier Rudd verschenkt den kleinen, wirklich feinen Song Love Comes and Goes aus seinem im April erscheinenden Album Koonyum Sun. Gegen Bekanntgabe der E-Mail-Adresse ist dieser hier erhältlich.

Konzerttipp:

Die dänische Formation Under Byen, dem Indie-Fan wahrlich keine Unbekannte, stellt auf ihrer aktuellen Tour das neue, noch nicht in hiesigen Gefilden veröffentlichte Album Alt er Tabt vor.

Termine:
20.02.10 St. Gallen (CH) – Nordklang Festival
13.03.10 Berlin – Admiralspalast
20.03.10 Hamburg – Molotow

Under Byen „Alt Er Tabt“ from the album Alt Er Tabt. from Paper Bag Records on Vimeo.

Diesen Track gibt es auf der Homepage von Under Byen als kostenlosen Download.

Hörtipp:

Was schert mich das Geplärre einer aufgetaktelten Joanna Newsom, die von Spiegel Online völlig überschätzt wird? Die wahre Perle im Erscheinungswust der nächsten Woche ist neben Johnny Cash – natürlich! – das neue Album The Meat of Life von Clem Snide. Berührende Lieder von betörender Schlichtheit und unglaublich feinen Melodien. Hochgradig empfehlenswert!

Lesetipp:

Anlässlich der Veröffentlichung von Kollaps Tradixionales gibt es auf The Quietus ein Interview mit Efrim Menuck, dem Mastermind von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra. Auch ein Video zum Track I Built Myself A Metal Bird wurde soeben veröffentlicht.

I Built Myself A Metal Bird – Thee Silver Mt. Zion from Constellation Records on Vimeo.

Hörtipp:

Vor kurzem ist das Album Memoirs at the End of the World von The Postmarks auch in hiesigen Gefilden erschienen. Felix von Beautiful Sounds hatte bereits im August letzten Jahres auf dies wirklich gute Album hingewiesen. Der gefällige Retro-Sound im Stil von James-Bond-Filmen kommt in sehr gelungenem Album-Artwork daher.

Go Jetsetter – The Postmarks from Unfiltered Records on Vimeo.

Viel Vergüngen mit unseren Empfehlungen!

SomeVapourTrails