Schlagwort-Archive: Country

Schlaglicht 71: Lindi Ortega

Die Unrast derer, die ständig unterwegs sind, sei es aus schnöden beruflichen Gründen oder aber wegen eines ruhelosen Gemüts, taugt bestens zum Sinnbild für einen unsteten Lebensweg, der keineswegs in kalkulierten Bahnen verläuft. Die kanadische Country-Musikerin Lindi Ortega erzählt in ihrem Lied Til The Goin‘ Gets Gone also vom Leben hinterm Steuer eines Autos, unterbrochen nur von Übernachtungen in billigen Motels. Gerade Nordamerika mit seinen endlosen Highways eignet sich gut als Gleichnis für die Reise des Lebens. Immer weiter dem Ziel entgegen, getrieben von Sehnsüchten und aufgehalten von Frustrationen. Davon berichtet auch diese akustische Ballade. Die Zeilen „All the rundown dirty motels/ All the cities and small towns/ Leave ‚em in the rear view mirror/ While the wheels keep spinning round/ ‚Cause I gotta keep goin‘, I gotta keep goin‘ on“ geben dem Song mit wenigen Worten viel Ambiente. Man vermag die Rastlosigkeit mit den Händen zu greifen. Und durchaus verstehen, warum bei manch Gemütern die Reise stets in die Ferne schweift, das eigentliche Zuhause keinen beständigen Reiz versprüht.

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Schlaglicht 52: Mikko Joensuu

Eine Country-Ballade, die fast schon als religiöse Hymne durchgeht, und ein Americana-Track, der um Erlösung ringt, könnten die Zutaten für ein verdammt frömmelndes, auf Hörer aus dem Bible Belt abstellendes Album sein. Zumindest aber würde man ohne Zögern den Allerwertesten darauf verwetten, dass ein Singer-Songwriter mit dieser thematischen Stoßrichtung nordamerikanischen Gefilden entstammt. Spätestens dann, wenn man erfährt, dass das Album auf den Titel Amen 1 lautet. Weit gefehlt! Der Finne Mikko Joensuu hat mir bereits in der Vergangenheit große Freude gemacht, 2014 hat der erhaben psychedelische Vangelis-Verschnitt Land of Darkness begeistert. Wenn man sich den Song rückblickend nochmals zu Gemüte führt, sticht die religiöse Komponente noch mehr ins Auge. Und deshalb scheint Amen 1 durchaus konsequent. Und mutig. Denn gerade im Europa dieser Tage ist Religion nicht hoch angesehen, vielmehr Sündenbock für alles Übel, mit allen Geboten eher Feind individueller Freiheit. Lediglich diffuse Spirualität wird aufgrund ihrer Harmlosigkeit geduldet. Feng Shui, aber hallo! Umso irritierender fällt der westernhafte Americana von Closer My God aus. Auch weil solch ein Redemption Song eigentlich nach einem knorrigen Vortrag schreit. Stattdessen gibt Joensuu den fragilen Crooner. Warning Sign dagegen erwächst aus sachter Country-Süße zur feierlichen, chorverbrämten Hymne. Eine Pedal-Steel-Gitarre und ein andächtiges Piano wirken hier prima zusammen, Streicher tun ihr Übriges. Speziell letzteren Song könnte man sich ebenso gut in einer abgespeckten Interpretation des seligen Johnny Cash vorstellen. Schlaglicht 52: Mikko Joensuu weiterlesen

Stream: Zane Campbell – Layaway Plan

Wer hat nicht manchmal das Gefühl, dass man ständig investieren muss, damit das Leben irgendwann einmal richtig anfängt. In vielen angelsächsischen Ländern gibt es seit vielen Jahrzehnten die Tradition des Layaway. Auch wenn sie zwischenzeitlich durch das Aufkommen von Kreditkarten fast ausgestorben war, erfreut sie sich zumindest laut Wikipedia wieder an Beliebtheit. Der Layaway sind nicht anderes als Ratenzahlungen, die man für ein Produkt vorab leistet. Die begehrte Ware erhält man jedoch erst, nachdem man alles abbezahlt hat. Der Händler, der sich dem Layaway einverstanden erklärt, verspricht im Gegenzug, das Produkt für den Kunden zu reservieren. Was hat die Sache nun mit Weihnachten zu tun, mag man nun fragen? Der US-Singer-Songwriter Zane Campbell hat ein richtiges Verliererlied in bester Country-Manier abgeliefert. Verzechte Weihnachten in einer Bar, weit weg von der Familie, die er sich nicht anzurufen traut, in diesem Szenario suhlt sich der Protagonist des Songs Layaway Plan. Die Zeilen „I didn’t call home to my mother/ My friends say ‚You better, you’ll never get another’/ I wanted to tell you/ It’s not that I don’t love you/ It’s just that I put my life on the layaway plan“ bringen die Nöte der Nummer auf den Punkt. Stream: Zane Campbell – Layaway Plan weiterlesen

Schlaglicht 3: Justin Townes Earle

Fett ist, wie uns die Fernsehköche der Republik längst eingetrichtert wollen, ein vermeintlicher Geschmacksträger. Und deshalb kommt auch das Schmalz in der Musik nicht von ungefähr. Ganze Genres triefen vor Fett, etwa die Country-Musik. Da lobe ich mir einen wie Justin Townes Earle, dem ich in der Vergangenheit ja schon manch schmeichelnde Zeile geschenkt habe. Earles Edel-Country und Americana ist wundersam kitschfrei, im Alltag von Menschen verhaftet. Die Stereotypen des Genres, ob nun dudelige Gefühlsduselei, stramm-patriotische Verklärung oder die oftmals abgedroschene Outlaw-Leier, all diese Klischees sind ihm fremd. Justin Townes Earle hat als Spross von Steve Earle und als Patenkind von Townes Van Zandt jede Menge musikalische Kompetenz in die Wiege gelegt bekommen.Von großen Namen umzingelt zu sein, weckt mitunter vielleicht den Wunsch nach Rebellion, der Abkehr von familiärer Tradition. Doch begreift sich Justin Townes Earle nie als Revoluzzer, der das Wesen des Country gänzlich über den Haufen werfen möchte. Im Gegensatz zu seinem Vater ist Politik kein Thema seines Schaffens und auch die überbordende Traurigkeit eines Townes Van Zandt scheint ihm fremd. Seine Stärke sind vielmehr Geschichten aus dem Kleineleutemilieu. Schlaglicht 3: Justin Townes Earle weiterlesen

Späte Wiedergutmachung – Johnny Cash

Es gibt Dinge, bei denen mir die Spucke wegbleibt. Etwa wenn man „verlorene“ Aufnahmen des großen Johnny Cash nun plötzlich wiederentdeckt und unter dem Namen Out Among The Stars veröffentlicht. Cash ist die Legende des Country, nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass das Genre bis heute so etwas wie Glaubwürdigkeit besitzt und nicht samt und sonders der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Und auch wenn Cash im Rahmen seiner fast 50 Jahre im Musikgeschäft nicht eben wenige Lieder und Platten aufgenommen hat, so sind ihm diese zwischen 1981 und 1984 aufgenommenen Tracks wohl keineswegs aus dem Gedächtnis entfleucht. Sie wurden von ihm wohl nie vergessen, vielmehr verdrängt. Denn sie entstanden in einer Zeit, als sich das Verhältnis zwischen ihm und seiner langjährigen Plattenfirma Columbia zunehmend verschlechterte, was Mitte der Achtziger auch zur teilweisen Trennung führte. Zumindest als Solo-Künstler ging er neue Wege, lediglich mit seinen Outlaw-Country-Weggefährten Waylon Jennings, Willie Nelson und Kris Kristofferson nahm er als The Highwaymen erfolgreiche Alben für Columbia auf. Trotzdem stand er in den Achtziger nicht besonders hoch im Kurs, erst Mitte der Neunziger erlebte er mit den American Recordings eine unerwartete, bis heute kultisch verehrte Renaissance. All das sollte im Hinterkopf haben, wenn man sich mit Out Among The Stars beschäftigt.

Die Aufnahmen zu Out Among The Stars wurden also von der Plattenfirma über die Jahrzehnte vergessen und sind im Zuge der Aufarbeitung des Nachlasses entdeckt worden. Sie belegen, dass Cash auch in den Jahren rückgängiger Popularität integre Musik fabriziert hat. Ihre Veröffentlichung steht für eine späte Wiedergutmachung, somit auch für das Eingeständnis einer Plattenfirma, starke Songs nicht als solche wahrgenommen zu haben. Es stellt sich natürlich die Frage, wie sehr die Aufbereitung der Aufnahmen zur frischen Zeitlosigkeit des Sounds beigetragen hat. Im Booklet wird nur vage von einem „additional recording“ unter der Ägide von Cashs Sohn John Carter Cash gesprochen. Sofort ins Ohr sticht allerdings der Umstand, dass der Man in Black bei feiner Stimme war. Noch hatten sich gesundheitliche Problem nicht auf den gesanglichen Ausdruck geschlagen. Hier glänzt und funkelt sein Bassbariton noch, von der ebenso markanten Knarzigkeit seiner Spätphase ist noch nichts zu hören. Natürlich ist es der feuchte Traum jedes Kritikers, in dieser Platte ein Verbindungsglied zwischen dem klassischen Cash und der späteren genialen Neufindung zu sehen. Der Wiederentdeckung dadurch musikhistorische Dimension zu verleihen. Diesen Gefallen kann Out Among The Stars jedoch nicht leisten. Es ist nie hip oder von existenziellem Grübeln gekennzeichnet, taugt zur Ausweitung des Kults kaum. Es besticht als Album aus der Spätphase des klassischen Country-Stils, dem manch Ärgernisse der Achtziger erspart geblieben sind.

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Starke Gefühle ohne Übertreibung – Doug Paisley

Heute möchte ich ohne Umschweife von einem meiner Meinung nach perfekten Americana-Album schwärmen. Der aus dem kanadischen Toronto stammende Singer-Songwriter Doug Paisley hat mit Strong Feelings eine nachdenkliche, mit Feinsinn und Bodenständigkeit punktende Platte ersonnen, die eigentlich nur einziges Mal nicht zum Understatement neigt. Wenn uns Paisley nämlich im Albumtitel starke Gefühle verspricht, dann ist das eine sehr akkurate Beschreibung dessen, was den Hörer auf diesem wunderbaren Werk erwartet. Ob Country-Ballade oder Folk-Rock-Track, immer verbindet Paisley die unaufgeregte Hemdsärmeligkeit des Fühlens mit der Integrität des begnadeten Liedermachers und einem zutiefst wohligen, eleganten Sound. Würden die ehrenhaftesten Vertreter des Alternative Country, die Legenden des Folk diese, Paisleys Lieder trällern, die Musikkritik dieser Welt wäre der Schnappatmung nahe. Doch Paisley ist (noch) kein Willie Nelson und deshalb könnte dieses Album vielleicht zu Unrecht übersehen werden. Und das wäre ein Verlust für jeden, der sich von der Melancholie und Traurigkeit des Americana angezogen fühlt.

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Free Mp3: Lowri Evans – Ti am Nadolig (You for Christmas)

Ti am Nadolig

Weihnachten wäre nur halb so schön ohne eine gehörige Portion Zuckerguß. Mit Ti am Nadolig haben wir den ersten Weihnachtsschlager für euch gefunden. Sehnsucht, Herzschmerz und – nein, nicht italienisch, sondern walisische Lyrics. Für alle, die sich nach ihren Liebsten oder der Liebe schlechthin sehnen, ist dieser Country-Christmas-Song von Lowri Evans genau der richtige Soundtrack zur Winterzeit. Free Mp3: Lowri Evans – Ti am Nadolig (You for Christmas) weiterlesen

Stream: A Festive Sound Reaction

via A Sound Reaction (Welsh music blog)

Der walisische Musikblog A Sound Reaction hat 2012 an Heiligabend diese großartige Playlist samt ausführlichem Feature veröffentlicht. Wir waren da schon mit Feiern und Geschenke auspacken beschäftigt, reichen diese schöne Weihnachtsmusiksammlung aber gerne weiter. Stream: A Festive Sound Reaction weiterlesen

Würdigung einer Postboten-Pointe – Thriftstore Masterpiece

Ich versuche musikalische Empfehlungen immer argumentativ auszuformulieren, Songs und Alben nicht einfach nur mit ein zwei Adjektiven zu versehen. Das führt aber natürlich auch dazu, dass aus Zeitgründen nur 3-4 Alben pro Woche auf dem Blog erwähnt werden und viele Platten leider unter den Tisch fallen. Dieses Schicksal hätte eigentlich auch Thriftstore Masterpiece mit dem Album Trouble Is A Lonesome Town getroffen, wenn ich nicht unlängst eher versehentlich die PDF mit dem Pressetext geöffnet hätte. Und vielleicht ist es die erste Platte, die mich erst im Wissen um die Hintergründe endgültig begeistert hat.

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Trouble Is A Lonesome Town ist der Name des 1963 erschienen Debütalbums von Lee Hazlewood. Der Pressetext weiß dazu zu berichten: „It was a collection of solo acoustic songs stitched together with a narrative that described life in a fictional small town inhabited by outlaws, thieves, and down-and-out laborers.„. Es vermochte wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Jahrzehnte später jedoch stieß der zu dieser Zeit in Oslo lebende Produzent Charles Normal in einem Gebrauchtplattenladen auf diese Platte, die in ihm eine Sehnsucht nach Amerika weckte (Originalzitat Normal: „It made me homesick for the panoply of Americana I had experienced while slumming it in the Southwestern border towns and California desert whistle stops I drifted through when I first started playing music on the road. The record didn’t leave my turntable for months.„). Im Lauf der Jahre begann er das Album neu aufzunehmen, konnte Frank Black als Sänger für drei Songs gewinnen  Auch Normals Bruder, der Christian-Rock-Sänger Larry Norman, steuerte die Vocals für 2 Tracks bei, ehe er 2008 einem Herzinfarkt erlag. Damit schien auch das Projekt beendet, weil ein trauriger Charles Normal die Tapes nicht mehr anhören mochte. Erst Isaac Brock, seines Zeichens Mastermind von Modest Mouse, vermochte Normal Jahre später zur Fertigstellung des Projekts zu überreden. Mit den Stimmen von Brock, Singer-Songwriter Pete Yorn, Courtney Taylor-Taylor (The Dandy Warhols), Eddie Argos (Art Brut) und Normals Ehefrau Kristin Blix wurde die Platte dennoch vollendet, das Projekt Thriftstore Masterpiece aus der Taufe gehoben. Lediglich der auf dem Original vorhandene Erzähler fehlte noch, allerdings fiel Normal keine geeignete Stimme ein. Doch lassen wir ihn selbst die Pointe dieser Geschichte erzählen: „Then, one afternoon while sitting on my threadbare couch watching an Adam 12 rerun on some channel with triple digits, there was a knock on my door. It was my mailman Jerry, who intoned in his lilting drawl, „Howdy, I got a package here for ya.“ „Dude!“ I said, „You wanna be on a record?!?“„.

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Unaufgeregter Freigeist – Son Volt

Folk wirkt jung, hip, gänzlich zeitgemäß, grummelt mitunter rebellisch-lieblich. Country hingegen erscheint überholt, gerne mit Kitsch glasiert, außerhalb der USA nicht selten Fremdkörper. Lediglich altersweise, vom Leben gezeichnete Country-Legenden vermögen auch in Europa zu reüssieren. Und natürlich werden auch manche Protagonisten des Alternative Country geschätzt, wenn sie in durchaus knatschiger Manier das vermeintlich Reaktionäre mit der Moderne versöhnen. Die Formation Son Volt rund um Mastermind Jay Farrar besinnt sich mit dem soeben erschienen Werk Honky Tonk einer längst abgehalfterten Tradition, taucht in eine Vergangenheit ein, die längst keine Zukunft mehr zu haben scheint. Widerstrebt somit dem Zeitgeist – und wird deshalb hierzulande keine besondere Erwähnung finden. Schade!

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Photo Credit: Emily Nathan

Seit sich die legendären Uncle Tupelo Mitte der Neunziger aufgelöst haben, sind die zwei daraus resultierenden Formationen sehr unterschiedliche Wege gegangen. Während Jeff Tweedy mit Wilco zum Kritikerliebling avancierte, sich einer riesige Anhängerschar rühmen darf, stehen Farrars Son Volt im Schatten. Der Rezensionsaggregator Metacritic errechnet für die letzten 3 Alben von Son Volt einen Durchschnittswert von 66 (von 100 Punkten), Wilco dagegen dürfen für die vergangenen 6 Platten sogar 80 Punkte eintüten. Auch wenn die besten Tage des Musikportals Last.fm bereits zurück liegen, erscheint es dennoch aussagekräftig, dass Son Volt im Lauf der Jahre 158.000 Hörer auf sich versammeln konnte, während Wilco rund 1.050.000 Millionen Hörer aufweisen. Wilco sind also im Indie-Olymp, Son Volt hingegen dudeln ein Nischenprogramm. Daran wird Honky Tonk nichts ändern.

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