Die weiten Kreise eines Endes – Ane Brun

Ane Brun als Grande Dame der skandinavischen Singer-Songwriter zu titulieren, wird ihr zwar gerecht, ist angesichts ihres noch jugendlichen Alters vielleicht kein Kompliment. Aber wie sonst soll man sie, die in Schweden und Norwegen stets die vordersten Plätze in den Charts belegt und im Rest der Welt eine ebenfalls beträchtliche Fanschar aufweist, denn bezeichnen? Brun ist eine Selfmade-Diva, deren Erfolg nicht durch einflussreiche Strippenzieher und Plattenlabels gemacht wurde. Sie beschäftigt auch kein Heer von Songwritern, die ihr Hits auf den Leib schneidern. Kurzum, Brun ist ein selbstbestimmter Star, wie es ihn viel zu selten gibt. Und gerade aus diesem Selbstverständnis heraus hat die Norwegerin auch keinerlei Berührungsängste, Lieder zu covern. Vor bald zehn Jahren etwa ist ihr eine wirklich wunderschöne Pianoversion von True Colors geglückt. Auch Big In Japan hat sie damals von den Synthies der Achtziger befreit, zu einer nachdenklichen Folknummer transformiert. Und so durfte man also frohlocken, als Brun vor wenigen Monaten ein komplettes Album voller Coverversionen versprach. Und als wäre das noch nicht Anreiz genug, lockte es auch noch mit jeder Menge Romantik. Eine Brun, die mit ihrem Edel-Timbre von Liebe singt. Was kann das schon schiefgehen? Das Album Leave Me Breathless gibt eine überzeugende Antwort: Rein gar nichts!

Die Zusammenstellung ihrer Interpretationen belegt, dass ihr hier wirklich niemand in die Suppe gespuckt hat. Welcher Plattenheini bei klarem Verstand und mit gewieftem Auge für Verkaufszahlen würde eine Auswahl gutheißen, die Hits von Mariah Carey und Joni Mitchell, Klassiker von den Righteous Brothers bis hin zu Nick Cave beinhaltet, sich dazu noch sowohl zu Foreigner als auch Radiohead bekennt. Ob es auf Erden eine weitere Musikerin gibt, die sowohl Sade als auch Bob Dylan im Repertoire führt, wage ich zu bezweifeln. Die Wahl der Stücke verrät darüber hinaus, dass die Dame in den Neunzigern sozialisiert wurde. Dieser Umstand erklärt vermutlich auch jene Lieder, die beim Lesen der Tracklist im ersten Moment ein Naserümpfen auslösen könnten. Das Album vermittelt ohnehin den Eindruck, dass es nicht von Kalkül getragen, sondern aus Stimmungen und Begebenheiten heraus entstanden ist.Read more: Die weiten Kreise eines Endes – Ane Brun

Reinste Form der Bescheidenheit – Mark Lanegan

Wenn man ein Album ganz und gar mit Neuinterpretationen bekannter und unbekannter, neuer und alter Lieder bestückt und diese Platte dann auch noch Imitations nennt, lässt das eigentlich nur auf dreiste Ehrlichkeit oder aber entwaffnendes Understatement schließen. So ein Werk mit Coverversionen ist eine unkomplizierte Angelegenheit, es ist recht schnell aus dem Hut gezaubert. Man erspart sich das songwriterische Stirnrunzeln, muss höchstens ein bisschen an den Arrangements tüfteln. Wenn man nicht dem Größenwahn verfällt und gleich ein Symphonieorchester samt Chor ins Studio bittet, wenn man bei der Auswahl der Coverversionen auch noch den einen oder anderen Klassiker auswählt, dann ist solch ein Album eigentlich eine sichere Bank. Für einen Sänger wie Mark Lanegan allemal! Und eben weil sich Lanegan mit großem Fleiß Jahr für Jahr mehr zum musikalischen Grandseigneur entwickelt, darf man den Plattentitel Imitations als reinste Form der Bescheidenheit abtun. Diese einzigartige Stimme tut das, was sie am besten kann, nämlich ohne jedweden Schnickschnack ausdrucksstark sein!

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Gratisalbum: Damien Jurado & Richard Swift – Other People’s Songs

Geschenke sind nicht gleich Geschenke. Während der von der Freundin überreichte Füllfederhalter mit Argusaugen bewacht wird, ist der als nett gemeintes Werbegeschenk ausgehändigte Kuli durchaus entbehrlich. Das hat nur bedingt etwas mit dem Wert des Präsents zu tun. Der über 10 Euro ausgestellte Treue-Gutschein eines Versandunternehmens strahlt lange nicht so schön, wie es die tolle, von der besseren Hälfte auf dem Flohmarkt erworbene Kaffeetasse – ja, ich sammle selbige – tut. Die Herzenswärme, mit welcher die kleine Gabe überreicht wird, vervielfacht den Wert. Nun verlange ich weder von Firmen noch von Musikern ein unter Blut, Schweiß und Rührseligkeit angefertigtes Geschenk. Wenn jedoch Künstler den Fans ihre Wertschätzung in Form kostenloser Musik darreichen, kann dies einerseits öde bis hanebüchern zusammengeschusterte Remixen beinhalten. Oder aber man macht es wie Damien Jurado.

Dieser hat zusammen mit Richard Swift, dem Produzenten seines letzten Album Saint Bartlett,  eine kleine Cover-Session aufgenommen. Schön in kräftigem Lo-Fi gehalten, wirken die 9 Lieder dennoch nie wie ein hastig produziertes, liebloses Etwas. Mit viel Wärme und dem Gespür für Songs, die nicht jedermann aus dem Stegreif mitzuträllern in der Lage ist, kreierten Damien Jurado & Richard Swift ihre Other People’s Songs Volume I. Der beschlagene Hörer wird natürlich durchaus rasch begreifen, dass dieses kongeniale Duo im Zusammenspiel abermals den sonnigen, retroesk-lieblichen Sound fabriziert, der bereits Jurados im Frühjahr erschienene Platte auszeichnete.


OTHER PEOPLE’S SONGS – Volume One – Performed by Damien Jurado & Richard Swift by Richard Swift

(Zum Downloaden auf Track list klicken)

Warum jedoch werden diese Aufnahmen der Allgemeinheit gratis an Herz gelegt? Die werten Herren erläutern dies so: „These recordings came about spontaneously, and we wanted to share them in the same manner.“ – eine einleuchtende Erklärung, meine ich und empfehle daher, dieses kleine, wertvolle Geschenk mit einem Lächeln entgegenzunehmen. Es zu genießen und das nächste Albums Jurados mit einem Funken Dankbarkeit im Herzen zu kaufen.

Anspieltipps: Hello Sunshine, Sweetness, Follow Me, Crazy Like A Fox

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Nicht aus allen Rohren röhrend – Tom Jones

Wenn ein Künstler, der bereits die eine oder andere Dekade im Showbiz am Buckel trägt, sich plötzlich das Vergnügen gönnt, ein Album aufzunehmen, in welchem lediglich die Liebe zur Musik im Fokus steht und aller unnötige Firlefanz über Bord geworfen wird, dann wittert der Musikkritiker sofort eine Imitation dessen, was Johnny Cash mit seinen American Recordings erschaffen hat. Dass Tom Jones mit seiner neuen Platte Praise & Blame nicht länger die Sex Bomb gibt, nicht um jeden Preis den neuesten Trends nacheifert, schlichtweg ein zeitlos bluesiges Werk fabrizieren wollte, welches auch thematisch nicht den senilen Womanizer hervorkehren sollte, darf man ihm nicht zum Vorwurf machen. Aber vermutlich tun sich Kritiker mit altersweisen, gerne auch religiösen Scheiben unter anderem deshalb schwer, weil der durchschnittliche professionelle Rezensent in seinen 30ern eine aufkeimende Midlife Crisis nicht auch noch musikalisch anheizen möchte. Zumal Gospels und Spirituals von einem Gott künden, den man heute lediglich noch als Statisten in skandalgebeutelten Kirchen verortet. Deshalb verschanzen sich Kritiker hinter zwei Bewertungsmustern. Loben ein solches Album, weil es all die gegenwärtigen Gebote des Business negiert und eine Ernsthaftigkeit absondert, oder belächeln die Chose als Indiz dafür, dass der Künstler seine Identität aufgibt und die finale Absolution für sein bisheriges Schaffen zu erhaschen sucht. Was bietet sich als Buße besser an als spartanisch instrumentierte Traditionals?

Gerne wird dabei außer Acht gelassen, dass die Greise unserer Tage nicht mit den Liedern der Beatles aufgewachsen sind. In ihrer Jugend tatsächlich noch unverwässerte und weniger kommerzialisierte Lieder hörten und nachsangen und vielleicht eben deshalb althergebrachte Stile vor der Verpopung kannten. Unter diesem Aspekt erscheint auch Tom Jones authentisch, wenn ihm der Blues in der Seele brennt und er statt Glitzer und Glamour Gott anbetet. Zu den Highlights von Praise & Blame gehört zweifelsfrei das gedämpfte, reflexionsreiche What Good Am I?, das beweist, dass der Interpret Jones beileibe nicht aus allen Rohren röhren muss, um Ausdrucksstärke zu demonstrieren. Auch John Lee Hookers Burning Hell ist hier in guten Händen. Wieviel Intensität ein schlichtes Gitarrenriff und ein kräftiges Schlagzeug doch aufbieten können! Und doch treten sie in den Schatten des  omnipräsenten Sängers. Auch Nobody’s Fault But Mine gerät zur schönsten Coverversion des Traditionals seit sich Nina Simone dem Lied angenommen hat. Ob Rockabilly (Strange Things) oder die Country-Ballade (If I Give My Soul), alles klingt überzeugend stilsicher.

Photo Credit: Marco Grob

Wenn am Ende Ain’t No Grave ertönt, hat man die schnarrige, bestechende Interpretation des seligen Johnny Cash noch frisch im Ohr. Trotzdem schneidet Tom Jones sehr gut ab – auch bei Run On, welches man als God’s Gonna Cut You Down ebenfalls untrennbar mit Johnny Cash verbindet. Dieser Blues-Rock zeigt den walisischen Tiger so lebendig wie lange nicht mehr, macht aus einem lüsternen alten Sack einen mit Gott, der Welt und vor allem sich selbst ringenden Zeitgenossen, der eben diese Befindlichkeit mit dem speziellen Timbre seiner Stimme stets über bloße Routine hinausgehend wiedergibt. So achtbar und wacker wie sich Tom Jones auf Praise & Blame schlägt, wünscht man noch weitere solch sehr gelungener Scheiben. Die Fans vermögen den vermeintlichen Anflug von Altersreife richtig zu deuten, Musikjournalisten entlarven ihre engstirnigen Interpretationen ohnehin.

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Offizielle Homepage

Kostenloser Download von What Good Am I?

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Der durch Genres pflügende Pianist – Maxence Cyrin

Eine Coverversion kann im puren Nachäffen des Originals verhaftet sein, zum ehrfurchtsvollen Tribut erwachsen oder aber ein Eigenleben entwickeln. Im Idealfall verschwindet die Ursprungsfassung in den Hintergrund, wird völlig gehäutet und in ein neues Kostüm gesteckt. Das mag in Lächerlichkeit münden, wenn Pop-Hits plötzlich zu gregorianischen Choräle mutieren oder irgendwelche dahergelaufenen Tenöre mit mehr Schmalz als Schmelz sich die Inbrunst aus dem Leibe gurgeln. Oder es gerät zu einer ganz eigenen Schönheit, wird zu einem kleinen Meisterwerk. Der Franzose Maxence Cyrin besitzt die Fähigkeit, sein Spiel auf dem Piano derart facettenreich zu gestalten, dass jedwedes Stück eine lebendige, unverstaubte Dynamik entwickelt. Sein neues Album Novö Piano bezeugt dies.

Bereits die Vorgängerplatte Modern Rhapsodies verwandelte beispielsweise den von Aphex Twin ersonnenen Electronica-Klassiker Windowlicker in ein von Klavier durchsetztes Preziosum. Und eben solch mangelnden Berührungsängste kennzeichen auch das aktuelle Werk Cyrins. Ob Daft Punk, Nirvana, Arcade Fire oder sogar Beyoncé , der Pianist pflügt quer durch die Genres, lässt die gesangliche Ebene hinter sich, fokussiert den Blick auf Melodien und kitzelt den Interpretationen eine neue Identität heraus. Das hat nichts mit feinsinnigem aber leblosem Geklimpere zu tun. Sämtliche Tracks vermodern nie in Gesteltztheit, bleiben frisch und forsch, produzieren eine Intensität, die man den Originalen mitunter wünschen würde. Where Is My Mind der Pixies seiner rockigen Durchgeknalltheit zu berauben und in eine wohlige Nachdenklichkeit zu überführen, das verlangt Courage. Oder aus der meisterlichen Scheibe Treasure (Cocteau Twins) den Song Ivo herauszugreifen, den so unnachahmlichen  Gesang Elizabeth Frasers auszublenden, solch Unverfrorenheit kann sich nur jemand leisten, der um die Kraft seiner Arrangements weiß. Wenn aus dem stampfenden Club-Hit Around The World von Daft Punk ein mit wechselndem Rhythmus effektvoll vorgetragenes Pianostück erwächst, das den Hörer nicht minder zucken und zappeln lässt, kann man schon bewundernd den Hut ziehen. Selbst die Erinnerung an den unsäglichen Synthpop von MGMT wird in der Darbietung von Kids völlig getilgt.

Maxence Cyrin – Where is my mind (The Pixies piano cover) from Maxence Cyrin on Vimeo.

Maxence Cyrin nutzt einfach jedes Stück als Skizze, dem er seine ganz speziellen Pinselstriche voller Kunstfertigkeit hinzufügt. Seine Klaviermusik ergeht sich nie in manieriertem Anspruchsdenken, sondern versprüht überbordende Freude am Spiel. Novö Piano fällt somit gänzlich aus der Kategorie schönfärberischen Nacheiferns, wird zu einer Wundertüte für alle, die das Piano nicht gänzlich verachten.

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