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Release Gestöber 53 (Isolation Berlin, Manic Street Preachers, Späti Palace)

In unserer heutigen Ausgabe des Release Gestöbers soll sich zur Abwechslung mal alles um Berlin drehen…

Isolation Berlin

Musiker sind oftmals keine Literaten, nur wenigen klebt die Poesie an den Händen, wenn sie so an ihren Liedtexten feilen. Das erscheint mir auch nicht weiter schlimm, schließlich ist ihr Metier zunächst vor allem die Melodie. Wenn nun eine Presseankündigung einer deutschen Band attestiert, sie erinnere in Lyrik und Gesangsstil an das späte Werk von Ton Steine Scherben sowie an Element of Crime und Tocotronic, dann möchte man sogleich entgeistert fragen, ob es denn nicht eine winzige Nummer kleiner geht. Die genannten Referenzbands haben nämlich keinen unwesentlichen Anteil daran, dass deutsche Liedtexte in der Vergangenheit nicht länger verhohnepiepelt wurden. Die Berliner Formation Isolation Berlin will anscheinend nicht an den Legionen durchschnittlicher Indie-Pop-Rock-Bands gemessen werden, welche in den letzten zehn Jahren zwischen Flensburg und Rosenheim aus dem Boden geschossen sind. Und wie ich jetzt so der dieser Tage erschienenen EP Aquarium lausche, bin ich gerne gewillt, dieser Einschätzung zuzustimmen. Isolation Berlin zeigen Formen einer textlichen Nachdenklichkeit, die weit über den standardisierten Baukastensatz an Emotionen hinausgeht. Alles grau etwa entwickelt eine Euphorie in der Depression, mit Zeilen wie „Ich hab endlich keine Träume mehr/ Ich hab endlich keine Freunde mehr/ Hab endlich keine Emotionen mehr/ Ich hab keine Angst vorm Sterben mehr„. All die Monotonie der Tristesse scheint den Grundstein zur Überwindung von Ängsten zu legen, die musikalische Mixtur aus NDW-Versatzstücken und Indie-Rock tut ihr Übriges. Der Titelsong Aquarium dagegen imponiert durch augenzwinkernden Pop, findet im Besuch eines Aquariums das Vergessen von Liebeskummer („Immer wenn ich einsam bin/ Geh ich ins Aquarium/ Und besuch die Goldfischkönigin/ Im grünen Glas seh ich mein Gesicht/ Die Fische schauen trostloser als ich/ Ich lieb die Kühle und das fahle Licht/ Und denke schon fast gar nicht mehr an Dich/ Ich denke schon fast gar nicht mehr an Dich„). Release Gestöber 53 (Isolation Berlin, Manic Street Preachers, Späti Palace) weiterlesen

Zum Liebling gemausert – Crystal Shipsss

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Schon mehrmals habe ich über den in Berlin ansässigen dänischen Singer-Songwriter Jacob Faurholt geschrieben. Ich habe Faurholt ein Depri-Schnucki genannt, aus dessen musikalischer Darbietung Trost erwächst, ihm wunschträumerische Lippenbekenntnisse attestiert. Diesen Musiker allen, die vom Leben gezeichnet, gemeuchelt, geschunden scheinen – und sich dabei doch noch einen winzigen, tagträumerischen Hoffnungsschimmer ausbedingen, wärmstens empfohlen. Auch sein jüngstes, unter dem Projektnamen Crystal Shipsss veröffentlichtes Album Dirty Dancer spinnt ähnliche Sentimente fort. Laut Pressetext ist diese Platte autobiographisch zu verstehen, ihre Geschichten legen ein Ringen mit Angst, obsessiven Gedanken, der Unsicherheit des Heranwachsens und sogar einer Panikattacke dar. Stilistisch ist diese Platte mal im psychedelischen Lo-Fi, mal im Noise-Pop, mal im Folk verhaftet. Und nahezu immer vermag sie den Hörer zu berühren, tiefste Emotionen so schräg wie liebenswert mitzuteilen.

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