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Ohne Betonklotz an den Füßen – Dear Reader

Nie möchte ich jegliche Lobesbekundung im Schatzkästchen horten, nie in der argwöhnischen Manier eines Dagobert Duck darauf achten, dass kein Wort der Anerkennung aus dem Panzerschrank der Superlative entfleucht. Wer sich geschmacklich befähigt findet, ein künstlerisches Werk zu bewerten, sollte gefälligst vor Enthusiasmus sprühen. Ein Werk in durchdachter Rage zerfleddern oder aber Fanfarenstöße anstimmen, das Gute im Guten sehen und vor Minderwertigkeiten nie die Augenlider senken, keinesfalls jedoch mit der Leidenschaftslosigkeit einer Krämerseele darüber richten. Unterkühlte Bewertungen werden dem künstlerischen Funken nicht gerecht. Aufgrund dieser meiner Attitüde will ich Idealistic Animals mit Euphorie überschütten. Es erscheinen gefühlte Millionen Alben jährlich, doch juckt es den Kenner nur selten richtig in den Ohren. Ehrenwerte Klänge gibt es wie Sand am Meer, doch überdauern sie kaum den Moment, in dem sie genossen. Dear Reader, das Projekt der südafrikanischen Singer-Songwriterin Cherilyn Macneil, bietet mehr: Anmut, Charme sowie Erhabenheit.

Photo Credit: Marcus Maschwitz

Natürlich könnte man bekritteln, dass Anmut, Charme und Erhabenheit fast allem zugeschrieben werden darf, was nicht schief daherstöckelt oder auf der Bananenschale der Trivialität ausrutscht. Aber kultivieren wir jene Begriffe eine Albenbesprechung lang als die Sorte Komplimente, mit denen man nicht etwa aus Höflichkeit um sich wirft. Idealistic Animals beschert Pop, welcher nie dem Kommerz erliegt und zugleich fluffig genug gelingt, um nicht auf den Magen zu schlagen. Wenn die Musik das Drama sucht und dabei nie in den zinnoberartigen Pathos einer Seifenoper abgleitet, wenn Lieder aus dem Vollen schöpfen und dabei keine Überflüssigkeiten hervorsprudeln, wenn eine Platte den Anspruch ohne Aussparung von Vergnügen umsetzt und somit die Quadratur des Kreises absolviert, darf man dies Wunder in die iTunes-Ordner und CD-Regale vieler Menschen wünschen. Quasi zum musikalischen Vademecum erheben, das viele Stimmungen zu begleiten vermag. Dear Reader kombiniert die lichte Reinheit zeitgenössischer skandinavischer Liedermacherinnen mit der fidelen Lebendigkeit der besten und angesehensten kanadischen und amerikanischen Vertreterinnen dieser Zunft. Umtrippelt den Hörer leichtfüßig, boxt mit jedem Song einen Treffer. Das nenne ich Grazie! Eine Anmut eben, die der Schwerfälligkeit vieler musizierender Klitschkos entgegen steht.

Eigentlich kann jedes Lied auf Idealistic Animals Glanz in die Seele des Hörers pusten, das Gemüt mit Lieblichkeit bohnern, nur um dann abgrundtiefe Traurigkeit im blitzblanken Raum zu drapieren. Beispielsweise bitteren Beziehungsplätzchen, welche die im Refrain geradezu pittoreske Festlichkeit von GIRAFFE (What’s Wrong With Us) in den einzelnen Strophen so bäckt („If our kind of together is kind of like never then are we that?„). Abschiede allerorts, gepaart mit beredten Desillusionen. „What does it take to be great, is it fate? What it takes to be great is a tortured state“ lauert als gallige Erkenntnis bei MONKEY (You Can Go Home), das sein Melodrama mit Pfiff entfaltet. Den einsamen Maulwurf von MOLE (Mole) durch Tunnelsysteme irren und mit einer Partnerin kollidieren zu lassen, das ist ein natürlich eine Parabel, die menschliches Verhalten genau seziert. Das knietief in Erinnerungen schniefende, zugleich abgeklärt reflektierende und dabei noch – man staune! – mit Unschuldsmiene ungeheuer lässig sämtliche musikalische Trümpfe ziehende CAMEL (Not Black Or White But Camel) begeistert mit einer beiläufig-poetischen Assoziation: „He rubbed his hands together and it sounded like/ Folding a love-letter into an envelope„. Chapeau! Cherilyn Macneil füllt diese Platte mit Sorge und Schmerz, wirft dazu fein gesponnene, oft launige, abwechslungsvolle Melodien in die Waagschale. Und nie wird diese Strategie deutlicher als im Refrain von BEAR (Young’s Done In), wenn sie mit auf naiv getrimmter, aufgeweckter Stimme „If I’m this tired while having fun/ It makes me worry that something’s wrong/ How much longer will I be young/ There’s so much stuff that I haven’t done“ intoniert. Wenn die Begrübelung der eigenen Existenz, die Wehmut über die Vergangenheit und die Ängste vor Zukünftigem derart ausgekügelt tänzelnd und ohne Betonklotz an den Füßen vorgesteppt wird, scheint auch Trost in Griffweite.


Dear Reader – Monkey (Go Home now acoustic) from City Slang on Vimeo.

Dear Reader hat mit Idealistic Animals ein Werk voller Großartigkeit fabriziert, ein famose Platte, die weibliche Singer-Songwriter vom Schlage einer Leslie Feist oder Neko Case vor Neid erblassen lassen würde, eine starke Scheibe, vor der europäische Nordlichter – abgesehen von einer Ausnahme, doch dieser Dame sei demnächst Tribut gezollt – ebenfalls in die Knie gehen müssen.  Dear Reader wird sich zweifellos an vorderster Front meiner Jahresbestenliste wiederfinden. Zeitgenossen mit weniger glühenden Ohren werden sich hingegen mit den üblichen Verdächtigen zufrieden geben.

Idealistic Animals ist heute (02.09.11) auf City Slang erschienen.

Konzerttermine:
08.09.2011 Berlin – Columbia Club (Radio 1 Nacht)
09.09.2011 Bielefeld – Forum
10.09.2011 Duisburg – Steinbruch
11.09.2011 Frankfurt – Brotfabrik
13.09.2011 Marburg – KFZ
14.09.2011 Münster – Gleis 22
15.09.2011 Weinheim – Cafe Central
17.09.2011 Dresden – Beatpol
18.09.2011 München – Feierwerk
19.09.2011 Freiburg – Jazzhaus
20.09.2011 Zürich – tba
22.09.2011 Osnabrück – Rosenhof
23.09.2011 Bremen – Tower
24.09.2011 Hamburg – Reeperbahn Festival
26.09.2011 Leipzig – Conne Island
27.09.2011 Köln – Gebäude 9
30.09.2011 Dortmund – Konzerthaus

Links:

Offizielle Webseite
Dear Reader auf Facebook
Kostenloser Download von MONKEY (You Can Go Home) auf Soundcloud und MAN (Idealistic Animals) bei Anmeldung zum Newsletter.

SomeVapourTrails

Release Gestöber 9

Manch Veröffentlichung winkt schon am Horizont, ihr wird erwartungsfroh zurückgewunken. Manch Album stellt sich auf die Hinterbeine, weil es schon allzu lange auf verdientermaßen lobende Worte wartete. Eines haben sie alle gemeinsam, eine Beschäftigung mit ihnen lohnt. Wir kaufen nur ungern die Katze im Sack, wollen uns schon gern vergewissern, dass die werten Künstler nicht plötzlich gesangs- oder kompositionslahm geworden sind. Darum halten wir uns mit Vorankündigungen eher zurück, haben auch Metals, das Ende September erscheinende Album von Feist, bislang nicht erwähnt. Irgendwelche Mini-Trailer, die der Praktikant des Tonstudios zwischen zwei Kaffeemaschinenbetätigungen zusammenfilmt, haben wenig Aussagekraft. Ich möchte von Musikern Nägel mit Köpfen serviert bekommen, also Musik, und keinerlei ausdrucksarme Teaser, welche man bestenfalls nasebohrend erträgt. Ich bezweifle nicht, dass Frau Feist zu feinen Taten befähigt ist, aber wenn sie vorab Einblicke in die Entstehung von Metals geben möchte, dann bitte auch solche, die zumindest rudimentäre Musikschnipseln aufbieten. (Wer meinen Unmut verstehen möchte, gehe einfach auf Feists Homepage…)

Grey Reverend

Eine Akustikgitarre und eine nachdenklich säuselnde Stimme – mehr braucht es oft nicht, um beim Hörer gediegene Langeweile zu wecken. Der US-Singer-Songwriter Grey Reverend schnippt sich die nötigen Nuancen aus Seele und Stimmbändern, um große Teile seines Debüts Of The Days vor komatöser Schläfrigkeit zu bewahren. Der spartanische Sound kokettiert zwar durchaus mit seiner Schlichtheit, bleibt aber oft wahrhaftig, unaufgeregt intim. Altruistic Holiday gleicht in seiner zärtlichen Darbietung einem einfallenden Lichtstrahl, welcher über die Gedanken des Hörers gleitet. Im markanten Track One By One erreicht die Platte ihren dramatischen Höhepunkt, watscheln Unmengen Gänse über die Haut. Gitarre und Stimme fehlt jede Behübschung, dafür ragt fatalistische Bestimmtheit hervor. Grey Reverend verfällt niemals in Schmusebarderei, legt eine ungeschminkte Ernsthaftigkeit zutage, die ab und an jedoch nicht gänzlich vor Drögheit gefeit scheint. Forsake zählt zu den warmblütigeren Liedern, auch Road Less Travelled bestrickt.

Grey Reverend – Walk The Same by motionaudio

Of The Day ist mit knapp über 30 Minuten Länge um Prägnanz bemüht, entgeht einer aufkeimenden Fadesse. Noch sind Vortrag und Attitüde diejenigen Trumpfkarten, mit welchen Grey Reverend sticht. Das mag sein Erstlingswerk über den Durchschnitt heben, eine Handvoll Songs zu wahren Kleinoden formen. Für das nächste Album freilich sollte er doch das eine oder andere weitere Instrument in seine Kemenate beordern, den Liedern ruhig einen edleren Rahmen spendieren. Dieser in ehrlicher Reduktion getätigte Anfang verspricht allemal viel.


Of The Days ist am 09.07.11 auf Motion Audio Records erschienen.

Noel Gallagher’s High Flying Birds

Noel Gallagher’s High Flying Birds – The Death Of You And Me from verstaerker on Vimeo.

Manch Debüt wirft wolkenkratzerig dimensionierte Schatten in die nebelverhangene Tristesse der Veröffentlichungstermine. Speziell dann, wenn Noel Gallagher’s High Flying Birds zu Höhenflügen ansetzen. Mit The Death Of You And Me erleben wir nun einen ersten Vorgeschmack auf das im Oktober folgende Album. Man darf aus diesem Song bereits ableiten, dass aus den einstigen Britpop-Göttern Oasis nun zwei veritable Beatles-Coverbands hervorgegangen sind. Liams Beady Eye nämlich sowie Noels High Flying Birds. Letzterer setzt zumindest bei dieser Kostprobe auf immergrünes Songwriting ohne Experimente. Ob er mit dem brüderlichen, Anfang des Jahres erschienenen Different Gear, Still Speeding in Konkurrenz zu treten vermag, wird das selbstbetitelte Album demnächst klären. Im Sinne einer Wiederherstellung der unvermeidlichen Hackordnung wäre Noel ein klarer Sieg zu gönnen.

Noel Gallagher’s High Flying Birds erscheint am 14.10.11 auf Sour Mash Records.

Dear Reader

Mit einigen Worten zur Vorgängerplatte Replace Why With Funny habe ich Dear Reader im März 2009 bereits auf unserem Blog vorgestellt. Seitdem hat sich Dear Reader von Südafrika und Bandgefährten Darryl Torr verabschiedet und ist in Person von Sängerin Cheri MacNeil nach Berlin gezogen. Am 02.09.11 erscheint mit Idealistic Animals endlich das neue Album auf dem Label City Slang. Mit MONKEY (You Can Go Home) steht seit mittlerweile zwei Monaten ein erster Vorbote als kostenloser Download zur Verfügung. Mein Fazit: Wenn alle Lieder der Platte solch Spritzigkeit mit einer Prise Drama verbinden, wird mir Idealistic Animals verdammt gut gefallen.

Dear Reader – MONKEY (You Can Go Home Now) by cityslang

FM Belfast

Überkandidelt – was für ein prima Wort, melodisch bis zum Abwinken. Wenn man es dann auch zu passender Gelegenheit anwenden darf, lacht das Herz. Im Falle von FM Belfast grinst man schnell einmal wie ein Honigkuchenpferd, denn solch frisch-fröhlich exaltierter Electropop gerät zur reinsten Ohrenwonne. Stets leicht und beschwingt, nie banal und künstlich. Die Isländer hatten schon mit der Scheibe How To Make Friends und dem darauf enthaltenen kultigen Underwear ein respektables Debüt fabriziert und knüpfen mit Don’t Want To Sleep nahtlos daran an, indem sie einem häufig unkreativen Genre mit einfallsreichem Happy-Sound zuleibe rücken. Mit jedem Hördurchlauf wurmt sich mir I Don’t Want To Go To Sleep Either tiefer in die Gehörgänge. Einer der seltenen Tracks, die uns für drei Minuten vergessen machen, dass die menschliche Existenz bloß ein Furunkel an der linken Pobacke des Universums bedeutet.

Don’t Want to Sleep by fmbelfast

Nicht minder betörend fällt American aus, eine charmevoll dargereichten Dada-Groteske, der man trotz des leidenschaftlichen Augenzwinkerns nicht leicht auf die Schliche kommt. Vertigo schreitet im Refrain mit niedlichem Pathos und schnatternder Trompete zu Werke, von der in mehreren Liedern humorig hohen Männerstimme ganz zu schweigen. Vielen Tracks sitzt der Schalk im Nacken, man denke nur an das Mantra „I can believe in this if you want me to“ aus dem flotten Believe oder das mit kulleräugiger Ernsthaftigkeit vorgetragene Happy Winter. Und wenn sich die Formation einmal schief-bombastischem Elfenzauber ergibt, schillert ein Track wie Noise einfach nur prächtig.  FM Belfast haben mit Don’t Want To Sleep die unterhaltsamste Platte des Jahres vorgelegt. Skurrile Extraklasse!

Don‘ Want To Sleep ist am 03.06.11 auf Morr Music erschienen.

SomeVapourTrails

Berlin Festival – Viel Lärm um fast nichts

Meine Präferenzen werden wohl immer kleinen, intimen Club-Konzerten gelten, in welchen der Interaktion von Bands/Interpreten mit der leider zu oft überschaubaren Anzahl an Besuchern ein wichtiger Teil des Charmes innewohnt. Und trotz massiver Zweifel am Line-Up habe ich mich mit mindestmöglicher Unbefangenheit in die Sphären einer mittleren Großveranstaltung gewagt. Das Berlin Festival 2009 versuchte den Spagat zwischen angeberischem Pathos eines Events und dem Anspruch an einen imaginären Indie-Spirit. Das Ergebnis kann sich letztlich aus verschiedenen Gründen nicht sehen lassen. Und genau auf diesen Makeln will ich herumtrampeln, gleich den den Tempelhofer Beton malträtierenden Besuchern.

Geschichtsträchtige Atmosphäre, anreisegünstige Lage, dem Unbill des Wetters trotzend – es gäbe genügend handfeste Argumente für eben diesen Austragungsort, die allesamt kein Blabla darstellen. Doch blanke Theorie bastelt noch lange keine Realität. Was in der am Computer generierten 3-D-Animation schick und schlau aufgereiht, erwies sich in der Umsetzung als Blindgänger. Durch die charismatischen Hallen des ehemaligen Flughafens durfte man auf das Gelände schlurfen. Gleich beim Eingang – unter dem riesigen, halbkreisförmigen Vordach – war die Second Stage untergebracht. Links davon verlief die ebenso überdachte Verpflegungsmeile bis hin zu einem Hangar, welcher die Hauptbühne beherbergte. Bereits hier befiel mich eine Verwunderung. Warum zum Teufel wurde das Herzstück des Festival ins Abseits gestellt, in eine Halle gepfercht, welche zwar groß, aber dennoch räumlich begrenzt ist? Im Grunde ist ein Festival eine Freiluftveranstaltung. Und auch ich hänge der These an, dass diese Location genug Grünflachen für die Ausrichtung eines zünftigen Musikfestes vorrätig hätte. Die gen Wettergott ausgestreckte Zunge mag die Herzen der Veranstaltern betört haben, insgesamt freilich erwies sich die Konzeption als Stimmungstöter. Eine mit der Kulisse des Flughafengebäudes im Rücken gepflanzte Mainstage hätte mehr Flair und Platz geboten, der Hangar als Dancefloor für DJ-Kunststückchen besser getaugt.

BerlinFestival2009

Die Auswahl der Akteure mutete ebenso holprig an. Die Headliner Peter Doherty und Deichkind passten mehr schlecht als recht zu dem Electro-Pop-Schwerpunkt (wie durch Telepathe, Saint Etienne und Zoot Woman repräsentiert) und dem gerne mit bis zum Anschlag plärrenden Gitarren vorgebrachten Indie-Rock (zum Beispiel The Rifles oder The Thermals). Dazu holte man sich noch nervtötend experimentelle Acts wie These New Puritans oder die komplett schrecklichen 1000 Robota ins Boot. Was die hervorragenden Dear Reader in diesem für sie wenig geeigneten Umfeld zu schaffen hatten, blieb ein Mysterium. Ich komme nicht umhin, den Macher Inkonsequenz zu attestieren. Entweder engt man die Ausrichtung auf 2-3 Musikstile ein oder aber man agiert vielfältig – dann jedoch dürfte die Mischung ruhig wesentlich bunter ausfallen. Singer-Songwriter – wo waren sie abgesehen von Herrn Doherty? Hip-Hop und Rap (Dendemann, also wirklich!) lediglich aus deutschen Gefilden? Die derzeit zurecht angesagten folkigen Töne fehlten zur Gänze.

Kommen wir zu kleinen Ärgernissen. Warum das Wiederbetreten des Festivalgeländes mit der Begründung, dass die Auflagen der Flughafen-Verwaltung es untersagen, den denkmalgeschützten Platz der Luftbrücke und seine Anwohner durch abhängende Festivalbesucher zu stören, verweigert wird, mutet seltsam an. Bei ein paar Tausend Zusehern hätte ein auf selbigem Platz installierter Wachdienst und humanere Getränkepreise am Festivalgelände die Bedingung sicher erfüllt. Und auch ein vor allem in der Halle offenkundig grottenschlechter Sound kann und darf nicht hingenommen werden. Wer die an sich durchaus gute Band The Thermals gehört hat, wird mir zustimmen.

Das Berlin Festival 2009 bot ein paar gute bis sehr gute Auftritte,  vor allem die Show von Saint Etienne war zum Fingerschlecken. Nichtsdestotrotz bietet das Gesamtergebnis der beiden Abende Anrecht auf Enttäuschung. Uncharmant lässt sich bilanzieren: Viel Lärm um fast nichts.

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Tausendmal gehört – und es tut immer noch nicht weh (Dear Reader)

Man sollte Erkenntnisfähigkeit nicht gering schätzen. Es zeugt von Größe, das Rad nicht neu erfinden zu wollen, ja nicht einmal eine zusätzliche Speiche hinzu zu fügen. Fragile, ausdrucksstarke Frauenstimmen gibt es im Indie-Folk-Pop-Genre wie Sand in den Dünen der Ostsee. Das Schicksal annehmen und munter losmusizieren, sich zum Chor der Künstler zu gesellen, die eben jene Musikrichtung bereits singend veredeln, ist keine Schande. Dear Reader bereichern das Genre durch die unprätentiöse Art mit der sie vielfach Gehörtes reproduzieren, ohne dass sie olle Kamellen abliefern.

Denkt man an Südafrika, fallen einem Apartheit ein und das selbige von Mandela in die Knie gezwungen wurde. Man spürt vorfreudiges Kribbeln angesichts der nächstjährigen Fußball-WM. Vielleicht kommen noch Berichte über Armut, AIDS und hohe Kriminalitätsraten aus den hintersten Winkeln der Erinnerung hoch. Herr Meier oder Frau Schmidt assoziieren das Land jedoch sicher nicht mit musikalischen Höchstleistungen. Die aus Johannesburg stammende Band Dear Reader freilich beweist, dass die globale Vernetzung dazu führt, dass die Herkunft schon längst nichts mehr über den Stil der Musik aussagt. Die Gruppe klingt so als hätte sie noch nie ein afrikanisches Musikinstrument aus der Nähe gesehen.

Dear Reader (Foto von Marcus Maschwitz)
Dear Reader (Foto von Marcus Maschwitz)

In deutschen Musikmagazinen wird die Band gerade ausgiebig und wohlwollend besprochen. Das Album Replace Why With Funny ist in hiesigen Breiten vor wenigen Wochen erschienen, im April beehren uns Dear Reader im Rahmen einer Deutschland-Tour, im Mai gastieren sie in der Schweiz. Lohnt sich die Beschäftigung mit dem Werk? Und darüber hinausgehend der Erwerb des Albums oder eines Konzerttickets? Ich tue mir schwer ein glasklares Ja durch den Äther schallen zu lassen. Positiv hervorzuheben ist die Vielfalt der Instrumente, die die unspektakulären Songs abwechslungreich gestaltet. Irgendein Kniff rettet jedes Lied vor der Vorhersehbarkeit, sorgt dafür, dass der Hörer bei der Stange gehalten wird. Die Lyrics stechen ebenfalls nicht ins Auge, dennoch fehlt es den Refrains nicht an Einprägsamkeit. Was wirklich in unglaublichen Farben schillert, das ist die Stimme der Sängerin Cherilyn MacNeil. Sie stemmt alles, hält die Platte zusammen und brilliert durch Vortrag, Engagement und Hingabe. Ein Vergleich mit Feist ist an dieser Stelle definitiv angebracht.

ReplaceWhyWithFunny

Highlights des Albums sind das schön dreckige Out Out Out, in welchem MacNeil losgröhlt bis der Kehlkopf schmerzt. Oder die choral beschwingte Ballade The Same. Bend bläst Zucker in die Ohren des Fans. Das als kostenloser Download erhältliche Dearheart soll dem Leser ebenfalls ans Herz gelegt werden.

Ich bürste mir mal die Haare, prüfe die Atemfrische, rücke den Krawattenknoten zurecht, ehe ich nun ein hochoffizielles Fazit vom Stapel lasse. Ja, Dear Reader sind auf alle Fälle eine ausgiebige Hörprobe wert. Mit der Anzahl der während des Schreibens dieser Zeilen gehörten Lieder steigt die Zuneigung, wird die Erwägung eines Konzertbesuchs konkreter. Mehr aber regiert die Vorfreude auf das nächste Album, welches bei konstanter Weiterentwicklung der Band wirklich überwältigend werden kann. Noch mag es für den Hype der Fachpresse ein klitzeklein wenig zu früh sein.

Links:

Offizielle Homepage

Ausführliche Hörprobe des Albums

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