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Zigarettenkippengefärbt, abgelebt, schlurfig – Die Heiterkeit

Wie eigenartig. Junge, dem Teenageralter eben erst entfleuchte Menschen kanalisiseren ihr Streben nach Seriosität und ihren Hang zur Morbidität, indem sie in ihrem musikalischen Tun der Verbitterung des in der Sinnkrise befindlichen Mittvierzigers nacheifern. Man will alt sein. Endfünfziger – oder gar Mittsechziger – wiederum versuchen oft krampfhaft unter Beweis stellen, wie jung sie im Herzen doch geblieben sind, wie sehr sie noch der jugendlichen Unangepasstheit frönen. Rock ’n‘ Roll forever, oder so. Das Hamburger Frauentrio Die Heiterkeit dagegen wagt den doppelten Salto. Es hievt sich zwei gefühlte Dekaden mehr auf den Buckel und demonstriert – ganz unverfroren – verlebte Zufriedenheit, zumindest aber zartbittere Weisheit. Die Heiterkeit begegnet Sehnsüchten mit Respekt und Augenzwinkern, sie anerkennt die Realität von Träumen, schmückt selbige liebevoll aus, weiß dabei stets, dass Einbildungen doch immer nur Hirngespinste bleiben sollen. Durch die Texte der Band glimmen kleine Funken des Glücks und der Sorgen, hier wird keine Feuersbrunst der Emotion abgefackelt. Das Temperament ist angenehm gezügelt, ohne dabei gleich in Mumienstarre zu verfallen. Das Album Monterey brilliert als lakonischer Deutsch-Pop mit Herz, Hirn und viel Lebenserfahrung.

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Photo Credit: Alina Simmelbauer

Stella Sommers Gesang ist das eine ganz und gar offensichtliche Prunkstück dieses Werks. Sie tönt zigarettenkippengefärbt, abgelebt, schlurfig. Das zweite Pfund von Monterey ist vielleicht weniger augenscheinlich. Die Texte beschäftigen sich nämlich nicht mit dem Anfang oder Ende von Überlegungen, Stimmungen oder Romanzen, sie siedeln sich in deren Mitte an. Alles hat Vergangenheit und Zukunft, nichts beginnt oder endet Knall auf Fall. Vielmehr werden allmähliche Veränderungen, sachte Aufbrüche und geduldiges Warten zelebriert. Zigarettenkippengefärbt, abgelebt, schlurfig – Die Heiterkeit weiterlesen

Ohne Stock im Hintern – Die Heiterkeit

Fräuleinwunder Knef meets Neue Deutsche Welle meets Wir sind Helden. Aus etwa diesen Einflüssen speist sich das Hamburger Frauentrio Die Heiterkeit. Und solch Vorbilder zeitigen ein in der Tat famoses Ergebnis. Der Gesang fällt schnoddrig aus, die Texte sind subtil humorig, schrecken auch vor Gaga-Anwandlungen („I touch you with my Heiterkeit„) nicht zurück. Hier werden noch Großstadtgefühle mit Pfiff aber ohne fade Coolness erzählt. Das Album Herz aus Gold erwächst auf den ersten Blick zum kleinen Meisterwerk. Von manchmal selbstbewusster Unschuld getragen, so zauberhaft entwaffnend und verspielt, derart abgeklärt milde, wie man es bei deutschen Bands zu selten erlebt. Die Heiterkeit versteht es vorzüglich, den Hörer mit sprödem Charme und schmissigem Esprit um den Finger zu wickeln. Woran Legionen deutscher Chanteusen scheitern, das gelingt dem Trio vorzüglich. Statt bieder mit Stock im Hintern die hypersensible wie starke Frau zu mokieren, wird die mitunter recht schwere Leichtigkeit des Seins augenzwinkernd lakonisch dargereicht.

Photo Credit: Gesa Trojan

Herz aus Gold vermeidet alle Fehler. Es schrammelt nie in dieser unsäglichen, allgegenwärtigen Indie-Rock-Herrlichkeit vor sich hin, täuscht keine aufgeregte Atemlosigkeit vor, bebildert die Lieder weder mit Botschaften, die das Sein in all seinen tristen Grauschattierungen auffächern, noch mit Plattitüden ohne Sinn und Verstand. Wenn man der Band einen Makel anheften möchte, dann die Namensfindung. Denn Die Heiterkeit versteht ihren Namen nicht als Aufforderung zu schrillem Gelächter. Es sind trockene Nuancen, welche die Formation kennzeichnen. Etwa bei Für den nächstbesten Dandy, wenn ein bevorstehendes Frühlingsgefühlsidyll zum Beziehungsende mutiert, der Blick bereits nach vorn schweift. Ein Abschied, gesittet unhysterisch, geradezu putzig, ohne fingerdick aufgetragenen Tränenschwall. Emotionale Wallungen werden mit zärtlicher Tapferkeit erlebt (Süß, wie man sein kann). Und eben jene robuste Sanftheit lässt keine Oberflächlichkeit, keinen Zynismus zu. Das tönt wohltuend, wenn sich Lieder nicht auf den Beichtschemel hocken und zur verbitterten Selbstanklage verkommen. Auch nicht hektisch als vorzeitiger Samenerguss ekstatisch auf den Hörer prasseln. Vielmehr frickelt die Band vorwiegend am Ende – zumindest aber am Alltag – von Romanzen herum. Wenn Befindlichkeiten mit wenigen Worte zugespitzt werden, die Welt dabei nicht untergeht, es nicht vor Rotz und Wasser trieft, dann entwickeln die Songs ungeahnten Trost. Da hinter einer vermeintlichen Flatterhaftigkeit wohl die Überzeugung steckt, dass es keinen linearen Weg zum Glück und schon gar kein ewiges Verweilen im Glück gibt. Ob Heiterkeit oder Hauptquartier, es sind wunderbar schnittige, sinnige Lieder, deren Attitüde man im Grunde nur bewundern kann.

Die Heiterkeit blickt mit Neugier und Unverdrossenheit auf Welt, Leben und Beziehungskisten. Das scheint erfrischend, da jedwede Naivität außen vor bleibt. Alles ist so neu und aufregend lautet ein Liedtitel des Albums, ist zugleich auch wiederkehrendes Motiv. Dass das Damentrio all das ohne Gekicher oder Blauäugigkeit vollführt, macht Herz aus Gold zu einem seltenen Glanzlicht gegenwärtigen deutschen Musikschaffens. Ich kann die berufsjugendlichen Indie-Heinis und all die ungelenken, blümeranten ewigen Mädchen nicht mehr hören. Umso dankbarer bin ich für diese Band, diese famose Ausnahme!

Herz aus Gold ist am 24.08.2012 auf Nein, Gelassenheit/staatsakt erschienen.

Konzerttermine:

10.10.2012 Berlin – Monarch
19.10.2012 Köln – King Georg
27.11.2012 Nürnberg – Club Stereo
28.11.2012 Stuttgart – Schocken
29.11.2012 München – Feierwerk
30.11.2012 Wien (A) – B72
10.12.2012 Frankfurt – Mousonturm

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Kostenloser Download von Alles ist so neu und aufregend

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Wenn blasses Kolorit schillert – Toni Kater

Auch ich bin nur Sklave meiner Erwartungshaltungen. Wenn sich eine Musikerin Toni Kater nennt, erwarte ich mir folglich die eine oder andere Schnurre im Repertoire. Doch weit gefehlt. Das Album Sie fiel vom Himmel spendiert mir eine Runde Nachdenklichkeit, mit einer irgendwo zwischen 2raumwohnung und Wir sind Helden festgepinnten Attitüde. In den spannenden Momentes dieser Platte wirkt das einerseits so rund, wie deutscher Pop mit dem Willen zu ausgiebigem Airplay klingen sollte, und andererseits auch hinlänglich poetisch, um nicht in seichten Gewässern Tiefgang vortäuschen zu müssen. Und weil gesungene deutsche Texte oft entweder albern oder anstrengend klingen müssen, gerät Toni Kater bei dem Balanceakt hin und wieder aus dem Gleichgewicht, stolpert in altbekannte Fettnäpfchen. Die Lyrik unserer Tage ist eine feminine, emanzipiert und doch irgendwie erschreckt. Verbaut die Seele in Türmen aus Glas, prunkvoll und fragil zugleich.

Photo Credit: Jan Brockhaus

Der Glaspalast der Toni Kater bricht die Farben. Wenn sie ein Lied in blasses Kolorit tränkt, kommt es oft schillernd beim Hörer an. Krass etwa zimmert aus einer zunächst im schmuddeligen Pathos einer Schwarz-Weiß-Tristesse gehaltenen Ballade eine sich aufbäumende, erkenntnisreiche Nummer, die die anfängliche Lethargie überpinselt. Ähnliches destilliert sich auch aus Geh nicht kaputt heraus. Den alltäglichen Irrlichtern wird eine furios flackernde Entschlossenheit gegenüber gestellt, jene vehemente Aufforderung nicht in Tretmühlen des Seins zu zerschellen („Geh nicht kaputt an deinen Wünschen, geh nicht kaputt an unsrer Zeit, geh nicht kaputt an deinen Wunden, geh nicht kaputt an Einsamkeit.„). Da steckt mehr als naive Traumtänzelei dahinter, überrascht das zarte Stimmchen mit einer gehörigen Portion Überzeugungskraft. In diesen Minuten wirkt die Platte erwachsen – und doch nie abgeklärt, lebendig – ohne gleich in Hysterie zu verfallen, auf alle Fälle dichter als das Synthie-Geblubber vorgibt. Verwirrt lässt mich zwiespältig zurück, weil es schlichtweg so klingt, als hätte sich eine der beiden Humpe-Schwestern daran zu schaffen gemacht. Das sagt viel über das radiöse Potential aus, aber noch mehr darüber, dass Toni Kater kein durchgängig eigener Sound gelingt. Tattoo etwa würde dem unbeleckten Konsumenten viele Assoziationen bescheren, die werte Künstlerin käme – wenn überhaupt – unter ferner liefen. Das soll der anschmiegsamen Schönheit, der sich kristallierenden Weichheit des Liedes freilich keinen Abbruch tun. Wenn jedoch die Stücke auf Reduziertheit getrimmt werden, ihre in flockige Watte gepackte musikalische Atmosphäre verlieren, kommen sie meist seltsam schmucklos, geradezu stumpf rüber. 1 Land wirkt allzu bewölkt, Venedig bleibt in der Dialektik des Seins gefangen („Es geht nicht links, es geht nicht rechts, mein Haus steht fest.„), kaschiert jedoch mit intensivem Gesang einen hanebüchern wirkenden Text („Es gibt kein Schwarz und auch kein Weiß, jede Linie wird zum Kreis.„).

Sie fiel vom Himmel ist zweifelsfrei talentdurchsetzt, aus einem gläsernen Elfenbeinturm erschallend. Oft bestrickend entrückt, aus der nötigen Distanz beobachtend, manchmal Nähe ersehnend. Toni Katers Observationen beschränken sich selten auf das eigene Gemüt, verheddern sich kaum beim Entwirren der eigenen Emotionen. Und dennoch hätte das Album zur vorhandenen textlichen Substanz auch Melodien und Arrangements anbieten dürfen, die nicht nur bewährt Altbekanntes ausbreiten. Das sollte Hörer, die deutschem Pop aufgeschlossen gegenüber stehen,  jedoch nicht von einer Erkundung dieses Werks abhalten!

Sie fiel vom Himmel ist am 20.01.2012 auf Toni Kater Records/Solaris Empire erschienen.

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Im Niemandsland zwischen aufgehübschten Trivialitäten und Momenten einer Tiefgründigkeit – Bosse

Der Alltagssprachlichkeit ein wenig Poesie heraus kitzelnd, so versucht das Gros der deutschen Liedermacher und Bands zu agieren. Nur wenigen gelingt die Gegenbewegung, die Lyrik des Lebens in schlichten Worten zu binden. Bosse verharrt mit dem neuen Album Wartesaal im Niemandsland zwischen aufgehübschten Trivialitäten und Momenten einer Tiefgründigkeit, die unter der eigenen Bedeutungsschwere ächzen. Einige Texte strahlen ungelenke Gedanken aus, wie Lieschen Müller sie auch nicht unbeholfener formulieren könnte. Wenn man die Qualität von Musik danach beurteilt, in welchem Maß sie den persönlichen Kosmos des Grübelns und Fühlens ausdehnt, schrammt Axel Bosse vereinzelt trotz Ambition an Plattheit kaum vorbei. Schade, meine ich, denn mancherorts tritt die Qualität seiner Schreibe deutlich hervor, ehe konventioneller deutscher Pop die Oberhand behält.

Das Kultivieren von Konventionen betrachte ich durchaus als zulässig, allein im vorliegenden Falle will mir dies als Triebfeder für Wartesaal nicht recht einleuchten. Mit dem Titellied Wartesaal beginnt das Album eigentlich überaus vielversprechend, schildert das altbekannte Warten auf ein besseres, schöneres Leben anschaulich und ohne Selbstmitleidsquark. Allerdings offenbart bereits die Single Weit weg das Dilemma der gesamten Platte. Bosse packt Indie-Rock-Attitüde in die Radiotauglichkeit von Ich + Ich. Heraus schält sich eine naive, weltflüchtige Nummer ohne Überzeugungskraft. Dem wirren, im Refrain allzu schmissig intendierten Metropole haften ebenso einige Makel an. Viel besser schon tönt das kräftige Die Nacht. Mit Zeilen wie „Deine Schatten sind an den Fassaden und peitschender Regen soll die Straßen fegen, auf denen wir mal getanzt und geliebt haben.“ wird ein handfestes Bild rau und ohne Schnörkel melancholisch visualisiert, was man sich öfter wünschen würde. Denn in den bestechenderen Passagen der Platte ähnelt Axel Bosse einem Jan Plewka, versteht sich auf kluges und dynamisches Songwriting. Zuweilen jedoch wird es mit der Cleverness übertrieben, die smart-vertrackte Textlichkeit von Du federst wandelt an der Grenze zu nervigem, allzu fröhlichem Nonsens. Irgendwo zwischen mäßigen Tracks ragt dann aber auch mal ein großartiges Roboterbeine hervor. „Der Tag ist ein Katapult, er zerschießt die Träume.“ sind Worte, die sich in das Gedächtnis einmassieren. Mit der sehnsüchtigen Ballade Nächster Sommer kratzt Bosse nochmals die Kurve, verdrängt die nichtssagende Pfiffigkeit von Frankfurt Oder, lässt einmal mehr eine Klasse aufblitzen.

Wartesaal will Bosse den absoluten Durchbruch bescheren. Gerade deshalb wird musikalische Gefälligkeit groß geschrieben. Den Texten merkt man an, dass Bosse mit viel Ehrgeiz zu Werke geht, sich freilich darin verzettelt oder banal-poetische Worthülsen deklamiert. Eine Handvoll Lieder können das Unglück abwenden, denjenigen Hörer mit dem Album versöhnen, der nicht gleich Lieschen Müller kleine Gedanken turmhoch aufbauscht. Unkonventionell konventionell zu tönen, solch Auftreten steht Bosse nicht gut zu Gesicht. Darüber täuschen auch einzelne starke Songs nicht hinweg.

Wartesaal ist am 25.02.11 auf Vertigo Berlin erschienen.

Konzerttermine:

24.03.11 Leipzig – Moritzbastei
25.03.11 Nürnberg – Hirsch
26.03.11 Kaiserslautern – Kammgarn
29.03.11 München – 59:1
30.03.11 Stuttgart – Röhre
31.03.11 Frankfurt/Main – Batschkapp
01.04.11 Erfurt – HsD
02.04.11 Dresden – Beatpol
06.04.11 Köln – Luxor
07.04.11 Bochum – Zeche
08.04.11 Osnabrück – Kleine Freiheit
09.04.11 Hamburg – Große Freiheit 36
13.04.11 Göttingen – Musa
14.04.11 Braunschweig – Meier Music Hall
15.04.11 Bremen – Schlachthof
16.04.11 Berlin – Postbahnhof
17.04.11 Berlin – Postbahnhof

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Pfiffikus ohne Pfiff – Jens Friebe

Wir sind wieder zurück. Und tun so, als hätten wir in musikalischer Hinsicht in den letzten Wochen nichts versäumt. Zum Reboot des Blogs sei ein Album vorgestellt, das man trotz des einen oder anderen guten Ansatzes letztlich doch getrost in die zweite Reihe des Musikregals stellen darf. Sozusagen mit Staubfängergarantie.

Unterhaltung mit Pfiff – dazu muss man in der fast gänzlich humorbefreiten Zone Deutschland absolut kein Pfiffikus sein. Allerdings sollte man guten Vorsätzen auch ansprechende Taten folgen lassen. Jens Friebe legte Anfang Oktober seine Scheibe Abändern vor. Doch was als intelligenter Pop mit cleverer Note und einer Prise Sonderbarkeit intendiert, verbreitet in finaler Konsequenz großes Gähnen. Und wer dazu noch den nachdenklich schrägen Poeten gibt, darf undoppelbödige Banalität nicht zum Credo hochstilisieren. Aber es wäre hochgradig ungerecht, das Werk lediglich als textlich dürftig zu titulieren. Während manch Textfetzen nämlich auch einer soliden Betrachtung standhält, bleibt die Musik über weite Strecken beharrlich uninspiriert. Dem einen oder anderen knackigen Refrain mag das nicht schaden, aber ein Schuh wird daraus nicht.

Ein prinzipiell hanebüchern gestrickter Song wird selten besser, wenn man ihn covert und dabei die Ironie ausgesprochen augenscheinlich mit dem Zaunpfahl winkt. Der Eurotrash-Hit Up & Down von den Vengaboys verliert seine beschränkte Melodie auch dadurch nicht, dass man im Kehrreim statt Up & Down ein deutungsheischendes Abändern trällert. Aus Mist Gold zu machen, diese Kunst bleibt eben doch einem gewissen Herrn Midas vorbehalten. Intelligente Bespaßung sieht auf alle Fälle anders aus. Der Track Verbotene Liebe stellt sich gleichfalls gaga vor, während sich der überwiegende Rest zumindest langweilig schimpfen darf. Diese Monotonie wird bei Sag ja fast schon aufreizend perfektioniert. Nur drei Lieder retten die Scheibe vor dem Gesichtsverlust. Das leichtfüßige Charles de Gaulle, dessen quirliger Refrain die Chose kräftig pimpt. Königin im Dreck, welches in die Uptempo-Puschen kommt und etwaige Zweifel an Friebes Talent minimiert. Der verquere Pathos, der Alltäglichkeiten zelebriert und sie mit Bedeutungsschwere vollpropft, lässt auch Vögel zu einem der seltenen Titel werden, in dem Anspruch und Umsetzung nicht auf Kriegsfuß stehen.
Jens Friebe – Theater

Jens Friebe | Myspace Music Videos

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und drei sehr gute Lieder kein gutes Album. So mein Fazit zu Abändern. Das wäre nicht weiter ärgerlich, wenn man es mit einer Niete zu tun hätte. Aber die seltenen Lichtblicke beweisen, dass Jens Friebe im Grunde eine Leuchte ist. Ein Pfiffikus ohne rechten Pfiff enttäuscht mich deshalb besonders. Da erschöpft sich sogar mein nahezu grenzenloses Wohlwollen.

Abändern ist am 08.10. auf ZickZack erschienen.

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Mehr als nur minilieb – kleinstadthelden

Zugegeben, textlich sind die kleinstadthelden mitunter recht verstrubbelt, ein pfiffiger Refrain ragt oft aus nebulösen Sätzen heraus. Und poppigen deutschen Indie-Rock hört man nun auch nicht bloß alle Jubeljahre einmal. Nichtsdestotrotz ist die in Bremen ansässige Band dank ihres frischen wie knackigen Stils durchaus eine Entdeckung wert. Ob die Teilnahme am Bundesvision Song Contest 2010 ihre Fangemeinde karnickelhaft anschwellen lässt, möchte ich jedoch stark bezweifeln. Das will ich keinesfalls dem vor wenigen Tagen veröffentlichten Album Osterholz-Scharmbeck anlasten, sondern der Wahl der ersten Single: Indie Boys.

Wenn die aus Simon Lam (Gesang, Gitarre), Felix Weidenhöfer (Gitarre, Piano, Gesang), Nils Freesemann (Bass) sowie Uli Wortmann (Schlagzeug) bestehende Gruppe am 01. Oktober in Berlin Indie Boys präsentiert, hat sie einen der schwächsten Songs der neuer Scheibe im Gepäck. Der Refrain „Indie Boys, Indie Girls. Ich will nur wissen, wer hier was über meine Platten sagt.“ gerät derart sinnbefreit, dass er selbst bei ausgeprägtem Alkoholspiegel nicht wirklich zum Mitjaulen einlädt. Schade, aber auch symptomatisch für die kleinstadthelden. Wirklich flott rockenden Nummern, die exakt jene eine Zeile beinhalten, die den Hörer aufhorchen lässt, stehen leider auch matte Lieder gegenüber, wo wiederum Hopfen und Malz verloren ist. Doch kommen wir zu echten Lichtblicken von Osterholz-Scharmbeck. Winter im Juli ist ein unheimlich spritziger, in argem Liebeskummer schwelgender Song. „Es fühlt sich an wie Juli. Kälte da, wo Wärme war. Mein Herz ist gefroren, so geht die Liebe nicht verloren.“ reißt sofort vom Hocker – hätte bei Raabs Veranstaltung reelle Chancen. Fast ebenso überzeugend fällt das weniger ungestüme Nicht Nur aus, wo die Band auch unter Beweis stellt, dass sie schlüssige, nachvollziehbare Texte über das Ende eines Satzes hinaus zu fabrizieren imstande ist.  Wer die Gaga-Botschaft „Und das Minilieb ist ein liebes Ministerium. Wir lieben dich. Und das Minilieb bleibt viel lieber ein Mysterium. Wir lieben dich.“ auf Minilieb als knusprig servierte Kultivierung von Nonsens wahrnimmt, muss das Lied einfach mögen. Sobald die kleinstadthelden mit keckem Charme kräftig durch die Boxen rauschen, will man das Album trotz mancher Schwächen herzen. Diesen Biss lassen die balladesken Momente (Mein Freund, Wofür? Egal!) meist vermissen, da wird auch gesanglich zu bedeutungsschwanger herumhantiert. Zuweilen taucht die Formation auch in die Abgründe der Großstadt ein, geht über die eigene Befindlichkeit hinaus und bietet Nachdenkliches. Tick Tack offeriert sich als clevere Beobachtung, unterstreicht, dass die Band nicht nur Herz-Schmerz und jugendlichen Pathos im Köcher hortet.

Der ehemaligen Heimatstadt der kleinstadthelden, Osterholz-Scharmbeck, darf als Namenspate der Platte durchaus die Brust schwellen. Die quirlig-rockige Attitüde der vier Akteure hebt fast alle Mängel auf, wird deutsche Indie-Rock-Fetischisten gut unterhalten. Die Chance zum großen Durchbruch hat die Band allerdings durch eigenes Verschulden vertan, Indie Boys wird beim Bundesvision Song Contest 2010 für Bremen leider unter ferner liefen laufen.  Schade!

Osterholz-Scharmbeck ist am 10.09. bei mossBEACH music/kleinstadtplatten erschienen.

Konzerttermine:

14.09.2010 Köln – TV total
15.09.2010 Stuttgart – Beat Club
17.09.2010 Hannover – Cafe Glocksee
22.09.2010 Jena – Rosenkeller
23.09.2010 Berlin – Sage Club
24.09.2010 Wilhelmshaven – Pumpwerk
27.09.2010 Frankfurt – Nachtleben
01.10.2010 BERLIN – Bundesvision Song Contest 2010
09.10.2010 Herne – Rockbüro Herne e.V.
29.10.2010 Hamburg – Beatlemania
30.10.2010 Köln – Lichtung

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Album-Stream von Osterholz-Scharmbeck

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Ich und mein Tiger verschenken Frühling(sgefühle)

Endlich Frühling – das ganze Land atmet auf. Nicht nur der Kalender läutet die schönste aller Jahreszeiten ein. Den passenden Soundtrack zum in-der-Sonne-Spazieren, Lieben und Verlieben verschenken jetzt die Jungs von Ich und mein Tiger, deren Debüt-Album Und all die anderen Leben euch SomeVapourTrails im Februar vorstellte.

Den Song könnt ihr euch auf der Bandseite kostenlos downloaden.

Ich und mein Tiger

Viel Spaß damit!

DifferentStars

Nahezu al dente – Ich und mein Tiger

Denk ich an Gitarren-Pop der akustischen Sorte mit deutschen Texten versehen, dann schweben vor meinem geistigen Auge die Schemen von Pädagogik-Studenten herum, die Weltverbesserung noch als bierernstes Ideal erachten und Musik als Mittel der Belehrung verinnerlicht haben. Aus diesem Vorurteil heraus zwirbelten sich meine Augenbrauen, als mir vor einigen Wochen die CD einer Bremer Band samt Presseinfo ins Haus flatterte. Wer sich im Brustton der Überzeugung zur Sprache Goethes und Klampfensound bekennt, dem schwappt meine Skepsis entgegen. Doch Ich und mein Tiger gehören zu den rühmlichen Ausnahmen. Das Ende Oktober erschienene Erstlingswerk Und all die anderen Leben erfüllt über weite Strecken sämtliche Anforderungen eines durchdachten, nie zu bedeutungsschweren, handwerklich sehr soliden Albums.

Und obgleich ich das Album nach mehreren Hördurchläufen voller Wohlwollen betrachte, will ich doch zunächst die Schwachstellen ein wenig beleuchten. Die Herren Sebastian Herde (Gesang, Gitarre), Niklas Keil (Gitarre, Gesang) und Richard Welschhoff (Kontrabass) singen und spielen über alltägliche Fremdheit, Verlorenheit und Hoffnungen – und dies vom Scheitel bis zur Sohle durch und durch authentisch. Aber neben wirklich tollen Vergleichen wie „Deine Augen leuchten bunt, als wenn in deinem Kopf Silvester wär“ – was für ein Bild! – und knackigen Zeilen („Du hast die Liebenden gesehn, wie sie sich umdrehen und voneinander gehen„), sind manche Passagen dann doch einen Deut zu übertrieben, wird mit „Stell dir vor es ist Krieg und du der einzige Soldat“ oder „Auf Knien holt dich nur der Tod“ ein wenig viel textlicher Pathos eingestreut. Mitunter verstecken sich die Instrumente, hinken dem präsenten Gesang zu sehr hinterher, sind lediglich auf Begleitgeklimper reduziert, entwickeln nur selten eigene Wirkung. Das insgesamt positive Erscheinungsbild soll dadurch jedoch nicht in Zweifel gezogen werden.

So will ich das Lied Cassiopeia nicht unter den Tisch fallen lassen, wo die von der Band gewählte Herangehensweise Wirkung zeitigt, der Refrain im Ohr haften bleibt und die Poesie, zu der Ich und mein Tiger befähigt sind, wunderbar funktioniert. Auch die einfühlsame Ballade Steine überzeugt mich völlig, könnte mit peppigerer Instrumentierung sogar Mainstream-Gemüter einnehmen. Frühling bedient sich zwar altbekannter Akkorde, gelingt jedoch dank der beschwingten Unbeschwertheit sehr gut.

Insgesamt kann ich der Formation guten Gewissens ein positives Zeugnis ausstellen, wenngleich ich fast darauf wetten möchte, dass eine breitere Instrumentierung vor allem Lieder wie Fahrstuhlmusik noch mitreißender gestalten würde. So oft begegnet man Bands, die man in den Arm nehmen will, um die bittere Wahrheit trostspendend mitzuteilen, dass ihre Musik zu dilettantisch, beliebig oder schlichtweg mittelmäßig ist. Dies trifft auf Ich und mein Tiger keinesfalls zu. Den Herren bescheinige ich die besten Anlagen, so empfinde ich zum Beispiel die Stimme von Sebastian Herde als markant und warm. Ich für meinen Teil werde von nun an kräftig die Daumen halten, denn die jetzige Umsetzung der Lieder wird für den großen Durchbruch wohl leider noch nicht reichen, wenngleich die Qualitäten von Und all die anderen Leben unübersehbar sind. Noch fehlt der allerletzte Biss, ist die Musik noch nicht völlig al dente, aber viel bekömmlicher als das meiste, was man sonst so vorgesetzt bekommt.

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Martin Kilger – Video zu Glückstag

Wir wollen auf unserem Blog ja auch Schaufenster für die Crème de la Crème des deutschsprachigen Musiknachwuchses sein. Manch Band oder Interpret agiert bereits souverän, bei anderen Acts ist noch viel Potential zur Verbesserung vorhanden. All den Künstlern, die wir  an dieser Stelle erwähnen werden oder bereits mit Lob überhäuft haben, ist jedoch ein  unserer Meinung nach unverkennbares Talent gemein. Und zwar nicht die Art von Talent, die ein Bohlen oder Detlef D! Soost in Castingshows einfordern, vielmehr geht es nicht einfach um ein Dahinträllern, sondern um kompositorische Feinheit, gehaltvolle Texte und handwerklich seriöse Herangehensweise.

Heute möchte ich auf Martin Kilger verweisen, dessen Album Wofür ich steh vor wenigen Monaten erschienen ist. Die in Kürze erhältliche Single Glückstag repräsentiert eine gutes Beispiel, wie textliche Geschmeidigkeit mit einer vor allem im Refrain eingängigen Melodie ein überzeugendes Stück ergeben. So kann und soll deutscher Pop klingen, der durchaus massenkompatibel scheint und dennoch sogar anspruchsvolle Gemüter zu befriedigen weiß. Solch ein gelungener Spagat vermag mich zu beeindrucken!

Ich werde mich in Kürze mit dem Album intensiver beschäftigen und eine ausführlichere Einschätzung abgeben. Für heute soll es mit dem Video zu Glückstag getan sein. Martin Kilger jedoch, dessen bin ich mir bereits sicher, ist ein Name, den ich den werten Lesern ins Stammbuch schreiben möchte.

Tourtermine:

17.02.10 Landau – Universum-Kinocenter (zu Gast bei den Dicken Kindern)
18.02.10 Heidelberg – Zieglers
19.02.10 Hamburg – KIR
20.02.10 Berlin – Privatclub
27.02.10 Ravensburg – Bärengarten
02.03.10 Hamburg – Feldstern (Musik-Quickie)

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Free Mp3: LENZ – Am Ziel vorbei

Letztes Jahr hat meine werte  Co-Bloggerin eine wirklich interessante, besonders textlich zündende deutsche Band namens LENZ entdeckt. Inmitten all der feinen Musik, die uns in den letzten Monaten so zu Ohren kam, haben wir unser stillschweigend formuliertes Ziel, wonach wir einige unserer Lieblingsbands mantraartig mit Blogposts zu beehren trachten, mitunter aus den Augen verloren.  Besonders LENZ haben sich diese Vernachlässigung nicht verdient, dazu ist der Pop einfach zu fokussiert, die Melodien fließen wie Honig und die Lyrics ramschen nie an auch nur in die Nähe der Banalität. Kurzum drücken wir diesen 3 Herren auch 2010 die Daumen und hoffen auf einen verdienten Durchbruch.

Wer sich nun von der Qualität der Band selbst überzeugen möchte, kann dies mittels eines  kostenlosen Downloads tun. Die neue Single Am Ziel vorbei aus dem Album Augen auf und durch ist hier gratis erhältlich.

Mehr Infos zu kommenden Live-Auftritten findet ihr auf der Webseite von LENZ.

Viel Vergnügen beim Hören!

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