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Playlüsternes Mixtape (I) – Diesmal mit Pinup Saints, Sweet Sweet Moon und vielen mehr

Irgendwie verstehe ich die Welt nicht mehr. Sie ist ganz eigenartig. Sobald ich eine interessante, gerne auch krude Mischung an putzigen Musikempfehlungen in unserer Rubrik Stippvisite poste, führt dies zu fast schon überschwänglicher Ignoranz seitens der werten Leser unseres Blogs. Wenn ich jedoch irgendwo den Begriff Mixtape fallen lasse, erweist eine erkleckliche Anzahl von Besuchern dem Beitrag die Ehre. Nun denn, der Kunde ist König, soll die Chose halt Mixtape heißen. Was auf der Verpackung prangt, das ist letztlich einerlei, der Inhalt zählt. Und der ist dieses Mal besonders vielfältig.

Diego Bernal:

Über Diego Bernal habe ich bereits vor über einem Jahr berichtet und sein Album For Corners heftigst empfohlen. Vor wenigen Monaten hat nun „Besides…“ das Licht der Welt erblickt und bietet wiederum kräftige Beats en masse samt Latino-Flair. Ich werde mich der Angelegenheit noch ausführlicher widmen, für heute sei Lunch Money (Brown Paper Box) auf unserem Mixtape platziert. „Besides…“ ist via bandcamp kostenlos erhältlich.

Big Blood:

Eigentlich sind die Zeiten, in welchen ich auf Last.fm aktiv war, schon lange, lange vorbei. Aber ein paar Kontakte habe ich mir erhalten und diese senden mir ab und an auch sehr gediegene Empfehlungen. Big Blood wurde mir unlängst vehement angepriesen, inbesondere das Lied Oh Country (Skin & Bones). Wer angeschrägtem Folk und Alternative Country etwas abzugewinnen vermag, der wird die Platte Big Blood & The Bleedin‘ Hearts lieben. Sie darf hier gratis heruntergeladen werden.

Sweet Sweet Moon:

Meinen österreichischen Landsleuten traue ich in musikalischer Hinsicht eigentlich nicht besonders viel zu. Die wenigen guten Bands kann man auch noch an einer verkrüppelten Hand abzählen. Daher war ich eigentlich skeptisch, als mir die Kunde überbracht wurde, dass der unter dem Namen Sweet Sweet Moon agierende Singer-Songwriter Matthias Frey eine Coverversion eines Songs von Beirut aufgenommen hat. Zach Condon nachzueifern – diese Chuzpe muss man sich ja erst einmal herausnehmen. Aber My Night With The Prostitute From Marseille gerät in dieser Fassung erstaunlich eigenständig und stilvoll. Dicke Empfehlung!

Sweet Sweet Moon – My Night With The Prostitute From Marseille by Siluh Records

Milhaven:

Man darf mir viel vorwerfen, aber nicht, dass ich kein übergroßes Herz für Post-Rock besäße. Milhaven ist eine deutsche Post-Rock-Band, über die Peter von Schallgrenzen unlängst einige Zeilen verfasst hat. Für mich war danach die Sache gebongt und so habe ich mir die selbstbetitelte näher angehört – und für gut befunden. Ein paar Überraschungsmomente mehr könnte die Scheibe schon vertragen, aber der Track Miami Jesus verfügt über alle notwendigen genretypischen Zutaten. Sehr schön! Das Album ist hier als kostenloser Download verfügbar.

Pinup Saints:

Electro-Pop bewährt sich als Mode unserer Zeit. Aber neben den erfolgreichen Protagonisten werken auch unbekanntere Acts, die nicht minder interessante Töne von sich geben. So zum Beispiel die aus Montreal stammende Band Pinup Saints. Der neue, soeben gratis verfügbare Track Helluva ist ungemein catchy. Sollte man nicht verpassen.


Grasscut:

Was auf Ninja Tune erscheint, dass wird auf Verdacht mit Lorbeer bekränzt. Das Label, dessen Geschmackssicherheit der meinen um nichts nachsteht, hat soeben das Album 1 Inch/ 1/2 Mile des britischen Duos Grasscut zur Veröffentlichung verholfen. Speziell der Titel The Door In The Wall ist luftiger, Experimenten aufgeschlossener Electro-Pop, der nicht mit Kuriosität geizt.

Vello Leaf:

Coast Is Clear fördert öfters Perlen ans Tageslicht. Einmal mehr gelang ihm dies mit Vello Leaf, einer griechischen Shoegaze-Band. Speziell den Song Bitter habe ich ins Herz geschlossen, obwohl es ein durchaus geradliniger, sogar mainstreamtauglicher Titel ist. Aber Stimme, Melodie und Instrumentierung harmonieren hier einfach prima.

Jacob Faurholt:

Dringen wir nun zuletzt in das klassische Singer-Songwriter-Metier ein. Der dänische Liedermacher Jacob Faurholt schickt sich an, seine Platte Are You In The Mood For Love? am 27.08. in Deutschland zu veröffentlichen. Auf selbiger gibt es einige sehr gelungene, eindringliche Songs zu entdecken. Zum Beispiel Rusty Country Cage. Wir werden uns der Scheibe demnächst eingehend widmen.

Das soll es für heute gewesen sein, ich wünsche Hörgenuss ohne Ende!

SomeVapourTrails

Flow im Ohr

Wenn der Groove stimmt, hüpft der Floh im Ohr. Doch welcher Beschaffenheit muss die Musik sein, um das possierliche Tierchen in die Gehörgänge zu locken? Faustregel Numero Uno wäre das hartnäckige Ignorieren der gefühlten Hunderten tagtäglich neu erscheinenden Lounge-Compilations. Selbige sind oft so relaxt gehalten, dass sie sämtliche Gliedmaßen zugleich einschläfern. Gediegenen, elektronischen Downtempo erfühlt man am losgelösten Zustand fußwippender Entspanntheit.

Und nun betritt ein neuer Stern die Manege und säbelt gleich Zorro ein Alles fließt in unsere Hirnrinde. Diego Bernal hat den Flow gepachtet. Sein Erstlingswerk For Corners lädt zum Jubilieren ein. Auf gekonnte Weise vermixt er unzählige Stile zu einem durch und durch kohärenten Album, welches die Welt für 40 Minuten federleicht werden lässt. Alles ist easy, man schwebt, wird süchtig nach diesem Joint fürs Ohr.

forcorners

Was macht der werte Herr Bernal nun anders beziehungsweise richtig? Und warum brilliert er in einem längst von Durchschnittlichkeit dominierten Genre? Vielleicht liegen die Antworten in seinem eigentlich Brotberuf, der in seiner Vita als civil rights attorney angegeben ist. Möglicherweise bedarf es eines gerüttelt Maß bierernsten Alltags, um in der Freizeit die musikalische Sau rauszulassen und selbige durch das Dorf gen Vinyl zu treiben. Filetieren und sezieren wir doch in gebotener Kürze Diego Bernals Platte, um zu guter Letzt noch eine Freudensbotschaft darzureichen.

For Corners ist ein über weite Strecken ein Downbeat-Album mit Breakbeat-Charakter. Samples aller Art tummeln sich auf der Scheibe. Elemente des Funk modellieren einen sanften Retro-Sound, Referenzen an J Dilla atmen Hip-Hop-Komponenten. Das kunterbunte Durcheinander wird jedoch immer durch einprägsame Beats strukturiert. Diese sind mal fett (aber nicht feist) und mal zurückhaltend reduziert. Ein Latin-Flair durchweht das Album und bricht sich schön an bereits erwähnten Hip-Hop-Stücken. Jeder noch so kurze Track fristet sein unverwechselbares Dasein, ab und an zwitschert der Rhythmus beschwingt in Richtung Disco (Bring It On Home), dann wieder verheddert er sich gen Rap-Untermalung (Damn You), und ein andermal schaufelt Diego Bernal alles durcheinander (On4). Inmitten der Heiterkeit stechen die Wortschnipsel von May Day hervor, die in Cinemascope Beklemmung schildern. Bereits im folgenden Titel Momma’s Boy franst For Corners mittels Soulröhren-Sample wieder in Ekstase aus.

Aus dem (musikalischen) Nichts ist der Schritt ins fahle Licht der Musiköffentlichkeit mit dieser Scheibe definitiv gelungen. Mehr noch, Diego Bernal liefert ein Meisterstück des Genres als Talentprobe ab. Und dies auch noch kostenlos, denn das gesamte Album ist als freier Download auf der Homepage des Labels erhältlich. Man mag sein Glück nicht fassen und dem Künstler ein „Das ist gut, damit kannste Kohle scheffeln!“ leise hüsteln. Solch ein Geschenk freilich sollte man annehmen und sich daran erfreuen. Ganz großes Kino feiert Flitterwochen mit dem hörereigenen Ohrenschmalz. Diesen Flow im Ohr wird man nicht so schnell los.

Links:

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download von For Corners

SomeVapourTrails