Schlagwort-Archive: Dream Folk

Fast alles wie gehabt – Hope Sandoval & The Warm Inventions

Musikalische Weiterentwicklung wird meist überschätzt. Wenn man das, was man macht, in großartiger Manier macht, besteht wenig Grund für Veränderung. Und deshalb widmet sich Hope Sandoval weiterhin jenen Klängen, die sie in absoluter Perfektion beherrscht. Zusammen mit ihrem kongenialen Partner David Roback ist sie durch Mazzy Star längst zum Inbegriff von Dream-Pop geworden. Das vor über 15 Jahren mit Colm Ó Cíosóig gegründete Projekt Hope Sandoval & The Warm Inventions setzt den Akzent eher auf psychedelischen Dream-Folk. Während der 17 Jahre dauernden Schaffenspause Mazzy Stars hat Sandoval mit The Warm Inventions einen Sound geschaffen, dessen reduzierte Instrumentierung den verhuschten Gesang noch weiter in den Vordergrund rückt. Schon das 2013 veröffentliche Mazzy-Star-Comeback Seasons Of Your Day hat die ohnehin eher in Details liegenden Unterschiede zwischen den beiden Formationen endgültig verwischt. Diese Entwicklung setzt sich auf Until The Hunter, dem mittlerweile dritte Studioalbum mit The Warm Inventions, fort.

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Schlaglicht 53: Marissa Nadler

Meine Wertschätzung gegenüber der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler hat schon über 10 Jahre auf dem Buckel und wurde in der Vergangenheit immer wieder auf diesem Blog deutlich. Bereits mit ihrem feinen Debüt Ballads of Living and Dying (2004) hat sie sich als Vertreterin des New Weird America zu erkennen gegeben. Nicht zufällig, denn Nadler ist im an eigentümlicher Folklore reichen New England aufgewachsen, das vom nördlichen Teil des Appalachen-Gebirges durchzogen wird. Schon zu Beginn ihres Wirkens tönte ihr Folk völlig aus der Zeit gefallen, geradezu archaisch und geheimnisumrankt. Mit dem zweiten Album The Saga of Mayflower May aus dem Jahr 2005 wurde der eigene Stil dann weiter verfestigt. Ihre Lieder wirkten wie obskure Schwarz-Weiß-Bilder aus dem 19. Jahrhundert, deren abgebildeten Personen längst vergessen und begraben und sämtliche Häuser, Orte und Landschaften nicht mehr wiederzuerkennen sind. Eine Verwunschenheit durchzog ihre von akustischer Gitarre und weltfremdem, entrücktem Gesang dominierten Platten. Genau diese Aura und diesen Sound hat sie über die Jahre weiter kultiviert, in Nuancen erweitert. Spätestens mit Little Hells von 2009 wurden auch Schlagzeug und Synthies fester Bestandteil der Instrumentierung. Stilistisch öffnete sie sich zugleich immer stärker hin zu Dream-Folk mit ab und an countryhaften Anklängen. Ihre wirklich großartige EP The Sister hatte ich 2012 so charakterisiert: „Emotionale Pein verliert an Bedrückung, wenn sie in den Mantel der Unwirklichkeit gehüllt wird. Wenn Seelenqualen mit Spinnweben behangen durch den Äther schallen, vorgetragen mit dem Zauber einer Circe, dann lässt sich allerlei Abgründiges bestens ertragen. Der Dream-Folk der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler scheint einem Albtraum entsprungen und dennoch fühlt der Hörer keinen Kloß im Halse. Nadlers Lieder sind ein faszinierender Spuk, geistern durch pittoreske wie spartanische Kulissen.“

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Schatzkästchen 57: Hope Sandoval & The Warm Inventions – Isn’t It True

Soll ich überhaupt noch viele Worte über Hope Sandoval verlieren? Sie ist die Grande Dame des Dream-Pop und Dream-Folk, eine ob ihrer Zurückhaltung zur mysteriösen Ikone taugende Sängerin. Ob im Verbund mit dem kongenialen David Roback als Mazzy Star oder mit Colm Ó Cíosóig als Hope Sandoval & The Warm Inventions, ihr Gesang ist von großer Makellosigkeit und nachdenklicher Entrücktheit geprägt. Auch deshalb besitzt Sandoval abseits allen Popstar-Gehabes eine ihr fast kultisch huldigende Fangemeinde. Und da sie sich trotz mancher Kollaborationen mit anderen Musikern und Bands, ich denke da an The Chemical Brothers, Death in Vegas oder auch Massive Attack, eher rar macht, haben Albenankündigungen bei ihr immer etwas von Jubeljahr und Wunder. Für 2016 wurde unlängst erst ein neues Werk in Aussicht gestellt. Das soll bei Sandoval aber nichts heißen. Bereits 2009 hatte sie die Arbeit an einem Plattencomeback von Mazzy Star bestätigt, doch dauerte es noch bis 2013 ehe Seasons Of Your Day endlich veröffentlicht wurde. Was dieses Mal zuversichtlich stimmt, dass aus 2016 nicht etwa 2017 oder gar 2018 wird, ist ein erster Vorbote, der sich bereits digital und im Zuge des diesjährigen Record Store Days als farbiges 7″-Vinyl materialisiert hat. Isn’t it True bleibt dem verträumten Folk früherer Alben von The Warm Inventions treu. Schatzkästchen 57: Hope Sandoval & The Warm Inventions – Isn’t It True weiterlesen

Ätherische Süße und Blöße – Kodiak Deathbeds

Schleppendes Flüstern, fragiles Trällern, bedauerndes Seufzen, samtenes Hauchen und sehnsüchtige Klarheit! Amber Webbers außergewöhnliche Stimme hat das süße Timbre einer Countrysängerin, die intensive Blöße einer Folksängerin sowie die ätherische Verlorenheit einer Vertreterin des Dream-Pop. Zusammen mit dem Gitarristen Derek Fudesco bildet Webber das Duo Kodiak Deathbeds. Beide waren schon in verschiedenen Bands aktiv, sind sozusagen alte Hasen. Und vielleicht braucht es diese gewisse Abgeklärtheit, um ein Album aufzunehmen, welches voll und ganz auf das Zusammenwirken von Gitarre und Gesang vertraut. Dem selbstbetitelten Debüt steht diese karge Schlichtheit vorzüglich zu Gesicht.

Schon die ersten Akkorde von Never Change machen das Herz schwer. Der Vergleich mit den oft als Referenz beschworenen Mazzy Star schien noch selten angebrachter, vor allem wenn man an Songs des Debüts She Hangs Brightly denkt. Schwermut und Weltflucht lasten gleich einem Fluch auf dem Lied und dessen resignativem Seufzer „We’ve got our histories to blame/ But they never change„. Webbers melodischer Gesang wird an manchen Stellen in mehreren Schichten auf das Lied aufgetragen, sodass in den dramatischen Momenten chorhafte Fülle entsteht. Ätherische Süße und Blöße – Kodiak Deathbeds weiterlesen

Schatzkästchen 24: Thayer Sarrano – Crease

Eigentlich habe ich für mich als Blogger den selbstgewählten Anspruch, gute Musik, die mir bei Bloggerkollegen so begegnet oder die mir als Newsletter ins Haus flattert, mit zumindest einem winzigen eigenen Gedanken oder einem Anekdötchen oder einer Zusatzinformation zu versehen. Im Falle der US-amerikanischen Singer-Songwriterin Thayer Sarrano kann ich das getrost unterlassen und mich stattdessen voll und ganz auf den werten Kollegen von Coast Is Clear stützen. Sarrano erinnert ihn gesanglich verdammt stark an Hope Sandoval, die Stimme von Mazzy Star. Und natürlich liegt der Kollege nicht verkehrt, wenn er auch eine Lana Del Rey in diesen Klängen wiederfindet. Wir haben es hier mit psychedelischem Dream-Folk zu tun, der tatsächlich so tönt, als wäre er schon die eine oder andere Nacht durch die Wüsten Nordamerikas geritten, als wäre sie schon zu oft und zu lang allein vorm Lagerfeuer gesessen. Schatzkästchen 24: Thayer Sarrano – Crease weiterlesen

In der Mache 2: Binoculers

Vor ein wenig mehr als 2 Jahren habe ich das Album There Is Not Enough Space In The Dark vielleicht ein bisschen salopp mit einem mit Nippes gefüllten Setzkasten verglichen. All die Stimmungen und Betrachtungen dieses gitarrenverbrämten Folk-Pop erinnerten mich an in Fächern platzierte Miniaturen, die in solch stimmiger Eintracht ein wohlkomponiertes Gesamtes ergaben. Lieder als Nippes zu bezeichnen, das könnte man wohl auch als eine gewisse Herabwürdigung sehen. So jedoch war das nicht gemeint. Wenn ich allerdings jenen Liedern lausche, welche die unter dem Namen Binoculers werkende Singer-Songwriterin Nadja Rüdebusch für ihre neue Platte ersonnen hat, dann bin ich gerne gewillt, dieses Mal von Schätzen, Kostbarkeiten und Kleinoden zu erzählen. Das für Juni angekündigte Album Adapted To Both Shade And Sun schafft das, was im Musikgeschäft mittlerweile als vermeintliche Normalität vorgegaukelt wird. Es hat sich nämlich enorm weiterentwickelt.

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Chronologie eines Wunders – Mazzy Star

Man ist ja sehr schnell Fan von diesem und jenem Kram, oder quasi mit einem Fingerschnippen Experte für Gott und die Welt. Ich lasse da gern Vorsicht walten, schon aus der Vermutung heraus, dass es immer irgendwo jemanden gibt, der sich zumindest ein klein bisschen besser auskennt als ich, vielleicht auch mehr liebt und fühlt als ich. Es wird Menschen geben, die mehr über meinen Lieblingsautor Hermann Hesse zu sagen und seine Gedichte häufiger gelesen haben. Fraglos finden sich auch Kenner, welche das Werk meines Lieblingsregisseurs Atom Egoyan noch besser verinnerlichen konnten. Und auch wenn ich für hiesige Verhältnisse verdammt viel über American Football weiß, huldigen hierzulande genügend Menschen diesem Sport mit noch mehr Haut und Haar huldigen. Und ebenso bin ich davon überzeugt, dass ich mit meinen 11 Springsteen-Alben im Regal jedem eingefleischten Fan bestenfalls ein nachsichtiges Lächeln abzutrotzen vermag. Im Falle der US-amerikanischen Dream-Pop-Band Mazzy Star sieht die Sache jedoch anders aus. Hier fühle ich mich zum absoluten Kenner und Anhänger berufen. Weil mich Mazzy Star bereits 20 Jahre begleiten, weil ich ihr Schaffen sogar im Schlaf von A bis Z runterrattern könnte, weil ich allein deshalb mit dieser Musik emotional verbunden bin, da ich durch sie meine Liebste kennengelernt habe.

Dennoch sind mir Mazzy Star stets ein Mysterium geblieben. Die Formation hatte in den Neunzigern binnen sechs Jahren drei Alben veröffentlicht. Seit 1996 herrschte freilich Schweigen im Walde, ohne ersichtlichen Grund. Mazzy Star bestanden im Kern aus dem Duo David Roback (Gitarre) und Hope Sandoval (Gesang). Letztere hat seit damals zwei Alben unter dem Namen Hope Sandoval & The Warm Inventions veröffentlicht. Doch gerade diese wunderschönen Platten verstärkten die Irritation, provozierten die Frage nach einem Comeback von Mazzy Star. Denn rein gar nichts deutete darauf hin, dass sich Roback und Sandoval nicht grün wären. Und jedes verstrichene Jahr ließ die nicht gerade kleine Fanschar immer mehr zweifeln, ob sie je die Früchte einer erneuten Zusammenarbeit kosten dürften. Nun ist Hope Sandoval sicherlich kein geselliger Charakter. Gegen sie gleicht das Reh im Scheinwerferlicht einer Rampensau. Wer sie bei einem der raren Konzerte anlässlich ihrer Tour zu dem 2009 erschienenen Through The Devil Softly erleben durfte, sah eine dämmrige Bühne und eine schemenhafte, vom Publikum oftmals abgewandte Sängerin. Bereits zu dieser Zeit bestätigte sie Gerüchte, wonach Mazzy Star endlich an einem vierten Album arbeiteten. Doch hatte man ähnliches auch schon Jahre zuvor gehört. Man war gut beraten, sich nicht zu euphorischer Vorfreude hinreißen zu lassen. Danach kehrte – wenig überraschend – wieder Ruhe ein. Auch Roback blieb seit Mitte der Neunziger sehr unauffällig, gerade so als wäre er in einem Zeugenschutzprogramm, zumindest aber in einem Trappistenkloster.

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Kein ätherisches Lippengeklimpere – Natureboy

Auf meiner Liste der Alben, die ich den geschätzten Lesern des Blogs empfehlen möchte, lagern derzeit mindestens 30 Veröffentlichungen und harren mitunter bereits Monate darauf, mehr oder minder ausgiebig besprochen zu werden. In den nächsten Tagen will ich mich auf einen neuen Vorsatz versteifen und vorrangig die CDs empfehlen, die aktuell gerade die Plattenläden befüllen. Das musikalische  Sommerloch naht ohnehin mit Riesenschritten, dann werde ich mich zu Unrecht vernachlässigten Werken widmen. Heute jedenfalls will ich Natureboy vorstellen, ein Projekt der in Brooklyn lebenden Sängerin Sara Kermanshahi. Das selbstbetitelte Debüt wird am 07. Juli auf Own Records das Licht der europäischen Öffentlichkeit erblicken.

Natürlich könnte man nun mit dem Meckern beginnen und die nicht unberechtigte Frage stellen, ob die Welt wirklich auf ein weiteres atmosphärisch versponnenes Album samt verhuschtem Gesang gewartet hat. Nun mögen die Stilmittel nicht eben einer innovativen Trickkiste entsprungen sein, aber letztlich zählt die Wirkung, also die Stimmung, welcher der Hörer verfällt. Und so penetriert die Scheibe dank solidem Songwriting, einnehmendem Gesang und elektronischen Einsprengseln wie Loops, die der Gitarre kräftig unter die Armee greifen, die Oberfläche, bleibt haften. Frau Kermanshahi hat zusammen mit den Herren Cedar Apffel und Rory O’Connor einen intimen, meist reduzierten Sound kreiert, der durchaus mit den Flügeln schnalzt und den Hörer hinweg trägt.

Herzstück der Platte ist das in der Tradition von Mazzy Star stehende Heart to Fool. Hierbei entlädt sich eine schlichte Magie. Der Track exponiert sich ungemein, obwohl er eine schüchterne Nuance behält. Mögen auch die meisten übrigen Titel dagegen ein wenig verblassen, so haben auch sie ihre Meriten. Pariah entwickelt eine deftige Note, gelingt rhythmischer und kraftvoller als die übrigen Nummern. Sonst trapst sanfter Dream-Folk durch die Songs, legt eine Verträumung frei, die viel bittere Süße verströmt. Famous Sons oder Over and Out gehören ebenso zu den Referenztracks, welche die Qualität des Werks unterstreichen, es zu einem echten Geheimtipp wachsen lassen.

Natureboy zeigt mit dem gleichnamigen Debüt, dass die werte Dame mehr im Köcher hat als bloß ätherisches Lippengeklimpere. Dies versuchen ja viele Stimmchen mit meist spärlichen Resultaten. Kermanshahi hingegen besitzt viel Potential, vermag in ihrem Vortrag erdig anzumuten, um dann nach einem vollzogenen Höhenflug auch zu einer Punktlandung anzusetzen.  Und eben das macht das Album so interessant.

Link:

MySpace–Auftritt

Kostenloser Download des Songs Curses Fired

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Spiel auf der Gefühlsklaviatur der Besucher – Hope Sandoval & The Warm Inventions und ein feines Konzert in Berlin

Hope Sandoval empfindet das Singen vor einer Ansammlung von Menschen, die an ihren Lippen hängen wie an einem lebensspendenden Tropf, als unnatürlich. Diese Äußerung in einem telefonischen Interview mit meiner Co-Bloggerin DifferentStars, welches an dieser Stelle demnächst dokumentiert sein wird, eben diese Einstellung trägt zur Klärung dessen bei, was sich gestern anlässlich der Tour zur Vorstellung des neuen Albums Through The Devil Softly im Astra Kulturhaus in Berlin-Friedrichshain abgespielt hat.

hope sandoval berlin konzertFoto: Luz Gallardo

Wenn Frau Sandoval samt Begleitband The Warm Inventions aus dem schimmernden Halbdunkel ihres Schaffens treten und die Bühnen Deutschlands erklimmen, dann scharrt sich die treu ergebene Fangemeinde vor dem Altar einer Andacht und lauscht den im wahrsten aller Sinne magischen Momenten. Diese kultische Verehrung geht auf Sandovals Beteiligung an Mazzy Star zurück, welche dem Dream-Pop verfallenen Genre-Liebhabern seit fast zwei Jahrzehnten nun schon als legendäre Formation im Gedächtnis haftet. Bereits vor dem offiziellen Einlass um 19 Uhr harrte eine lange Schlange vor dem Veranstaltungsgebäude den da kommenden Ereignissen. um 10 Minuten verspätet Zugang in die für wenige Stunden heiligen Hallen gewährt zu bekommen. Von Beginn an herrschte eine ruhig-gespannte, der Besonderheit des Augenblicks mit jeder Faser gewahr werdende Vorfreude. Die bierdosenfeile Ausgelassenheit eines Rockkonzerts fehlte völlig, man fand sich nicht ein, um einem Abfeiern zu huldigen. Die Ergriffenheit einer angehenden Entrückung lockte verheißungsvoll.

Pünktlich trabten die Mannen von Dirt Blue Gene ins Rampenlicht. Selbige sollten im Verlauf des Abends zu den The Warm Inventions mutieren, doch vorerst galt es ohne Sandoval zu glänzen.  So sehr das kräftige, in manch instrumentalen Phasen an Dirty Three erinnernde Spiel eine mehr als solides Grundgerüst enthüllte, blieb der Gesang von Charles Cullen doch blass. Mein Ratschlag an die Band wäre daher auch ein verstärktes Abzielen auf eine bodenständige Interpretation von Post-Rock, denn hierfür haben Dirt Blue Gene wahrlich ein Händchen.

Nach einer Verschnaufpause folgte kurz nach 21 Uhr der Höhepunkt der Erregung. Eine zierliche Silhouette huschte auf die verdunkelte Bühne, baute sich zuvorderst auf. Sandovals Mut hatte jedoch seinen Preis: Die gesamte Performance hindurch verblieb die Bühne in einen Dämmer gehüllt, der nur ab und an von projezierten Stummfilmsequenzen oder surrealen Makroaufnahmen gespenstisch erhellt wurde. Das Gesicht der Künstlerin war nur erahnbar oder von der Hand am Mikro verdeckt. So also führte sie sich vor, omnipräsent das Podium ausfüllend und doch irrlichtern in Schemen gehoben. Doch bereits während dem erstmaligen Erschallen ihrer Stimme schwante auch dem letzten, durch Zufall in den Saal verschlagenen Schlumpf die Überdimension des Ereignisses. Hell, dominant und unvergleichlich markant wühlte Sandoval die Herzen auf. Blickte sie sich anfangs noch fragend um, so als vergewissere sie sich der Anwesendheit eines unsichtbaren Schutzengels, der die scheue Künstlerin durch den Abend bringen sollte, so entwickelte sie mit jedem weiteren Lied eine stärkere Selbstsicherheit. Die rechte Hand hinter den Rücken wie festgezurrt gelegt, intonierte sie mit unnachahmlicher Finesse die losgelöst verträumten Songs.

In einem kurzen Schwarzen gekleidet, fragil anzusehen wuchtete die Sängerin allen Ausdruck in den Gesang, überzog alles mit einer handfesten Aura, welche eine spürbare, große Energie freisetzte.  Auch ihr Griff zu Mundharmonika, Xylophon und Glockenspiel überzeugte, gab der fast entrückt glänzenden Gestalt eine Handwerklichkeit. Wie wild tänzelnde Glühwürmchen glommen die grünlich beleuchteten Schlägel, als Sandoval sie ekstatisch malträtierte. Doch auch ihre zu brav arbeitenden Statisten verkommene Band mühte sich bestens, der Genialität der Stimme ein Korsett aus Klängen zu schnüren. Eben jenes flocht mit Fortdauer in die Andacht sogar eine unvermutete Rockigkeit, welche bei Trouble erstmals das Publikum in einen fetzigen Schwitzkasten nahm. For The Rest Of Your Life spreizte sich  zu einer auf visuelle und gehörliche Überforderung abzielenden Psychedelic-Oper auf, die monströs unterstrich, dass neben dem zarten Liebreiz von Dream-Folk, wie zum Beispiel bei Suzanne zu erfahren, und dem langsamen Shoegaze Marke Sandoval, wie er famos bei Blue Bird erlauschbar war, die werte Dame durchaus auch mit einer Facette der Raserei zu be- und verstören weiß.

Das Ende des regulären Sets legte die Exzentrik der Künstlerin nochmals den längst vor Atemstockung enthusiasmierten Fans nahe. Eine heftig geklatschte Ewigkeit später schwob sie für zwei Zugaben, darunter das bereits auf dem Debüt Bavarian Fruit Bread herausragende Feeling Of Gaze, zurück auf die Rampe. Und hinterließ beim endgültigen Abgang eine seltene Glückseligkeit in den Gesichtern der Besucher.

hopesandoval-berlin-konzert-2Foto: Luz Gallardo

Die als schüchtern verrufene Hope Sandoval – das Fotografieren war strengstens untersagt, lediglich die offizielle Fotografin Luz Gallardo durfte ihr ein paar Aufnahmen abringen – malte mit ihrem Konzert einen Gegenentwurf zu herkömmlichen Auftritten. Mochte sich auch die verbale Kommunikation mit dem Publikum auf Begrüßung und Verabschiedung beschränken, so fand ihre Stimme genug Wege auf der Gefühlsklaviatur der Zuhörer zu spielen. Diese derart denkwürdige Festivität vermag noch lange nachzuwirken. Was für ein Ausnahmeerlebnis!


Links:

Konzertbericht auf pretty-paracetamol.de

Offizielle Homepage

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Gralshüterin der Melancholie – Hope Sandoval & The Warm Inventions

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Während die Hektik alltäglicher Bruchstücke sich in ein Puzzle von Geschäftigkeit fügt, Wochen ohne Spuren ineinander strömen, die geordnete Funktion der Abläufe eine Routine züchtet, die für ihr Tagwerk Träume als Fußabstreifer nutzt, während all dies so wohldosiert das Dasein dominiert, währt die Suche nach Trutzburgen und Rückzugsgebieten, in welchen sich das erodierte Sentiment melancholischer Verträumung in unserem Fühlen neu verästelt. Eben jene Augenblicke in unserer aller Leben, wenn Zeit einen Stillstand erfährt, schwingen nach, sind Gegengewicht zur Schnelllebigkeit.

Hope Sandoval umgarnt mit ihrem neuen Album Through The Devil Softly eben die Musikfreunde, welche das Heil einer konzertierten Alltagsflucht im Hören edelster Klänge finden. Sie bestrickt mit verhuschtem Gesang, der die Fenster der Seele mit sachter Seide verhängt, alle überbordenden Eindrücke aussperrt und in dieser Kammer eine Essenz der Gefühle in flüchtigen Schwaden schweben lässt. Surrealisierte sie früher dank losgelöster Stimme als Protagonistin der Band Mazzy Star, so ummanteln nun The Warm Inventions, angeführt von Colm Ó’Cíosóig, die sphärische Intimität. Nahtlos nimmt Sandoval den Faden des Debütalbums Bavarian Fruit Bread auf und spinnt das traurige Ebenmaß weiter.

Die gespenstischen Echos von Unwirklichkeit segeln in sanften Wellen durch rätselhafte Gefilde, nicht greifbare, entrückte Wogen, die märchenhaft flüstern und schäumen. Rund um den wispernden Gesang geistern vor allem Gitarre und Harmonika, doch verdichten sich manch Lieder zu fülligen Balladen, auf deren Rundungen die Könnerin haucht, murmelt und diskret raunt. Und immer lauert ein Schatten auf ihrem Timbre, dessen Stachel schwermütig die hellen Töne sämtlicher Instrumente sticht. Dornenverrankt, von verwunschenem Liebreiz verziert, so fremd den Dingen, die nicht dem eigenen Emotionskosmos angehören, präsentiert sich Through The Devil Softly jedoch nie verzweifelt oder in Schockstarre vermodert. Es taucht ein Schimmer in die Tristesse, den die Gralshüterin der Melancholie grazil umkreist.

Die Magie einer Zeitlosigkeit umschmiegt die 11 nuancenreichen Songs. Blanchard und auch For The Rest Of Your Life erinnern von der Grundstimmung und Instrumentierung her an Mazzy-Star-Glanztaten. Schillernd wie zu Zeiten eines David Roback jault hier die Gitarre, während die akkustische Textur von Wild Roses die Art filigranen Charmes entfaltet, der bereits die Vorgängerplatte in Beschlag genommen hat. Die bluesige Anmutung im Vortrag von Trouble mit der Zeile „The trouble is that the trouble says:  There’s trouble in you.“ gerät ebenso zu einer Wonne wie das von Percussion und Saitengezupfe getragene Fall Aside, welches in seiner lebendigen Manier Referenzstück für die Kategorie Dream Folk scheint.  Das verrauschte, an Meeresgetöse erinnernde Satellite schaukelt sanft eine Platte aus, die über gesamte 50 Minuten lang eine Transzendenz in ein Traumland ewiger Berückung vollführt und die Stimme einer einzigartigen Sängerin auf einer Gefühlsklaviatur spielen lässt, die kein Alltag je erreichen mag.

Infos zu kostenlosen Downloads hier und da und dort erhältlich.

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Label: Nettwerk

Tracklist:

1. Blanchard
2. Wild Roses
3. For The Rest Of Your Life
4. Lady Jessica and Sam
5. Sets The Blaze
6. Thinking Like That
7. There’s A Willow
8. Trouble
9. Fall Aside
10. Blue Bird
11. Satellite

Live erleben:

Hope Sandoval & The Warm Inventions
02.11.09 Hamburg @ Kampnagel / K2
03.11.09 Köln @ Gloria Theater
06.11.09 Berlin @ Astra Kulturhaus

Link: Offizielle Homepage

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