Schlagwort-Archiv: dream pop

Schutzlos unter den Sternen – Binoculers

Dream-Folk-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns das Hamburger Projekt Binoculers unter der Federführung von Nadja Rüdebusch. Einen Ausblick auf das Album Adapted To Both Shade And Sun habe ich bereits im April gegeben, nun möchte ich mir dieses mit gelenker Hand und selbstverständlicher Kunstfertigkeit vollbrachte Stück Musik noch ein wenig näher ansehen. Gelungene, auf Englisch gehaltene Singer-Songwriter-Platten aus Deutschland sind zumindest für mich noch immer eine Art Kuriosum. Weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Rüdebusch jedenfalls gelingt mit ihrem Vehikel Binoculers eine souveräne, angenehm international anmutende Platte mit einer ganz eigenständigen, verwirrenden Aura.

Der Moment, in dem aus Musik Magie wird, jener Augenblick kommt im vorliegenden Fall durchaus früh. Schon der zweite Song des Albums verzaubert. Where The Water Is Black besticht durch dunkle Poesie und einen anfänglich schleppenden, ganz allmählich jedoch fülliger werdenden Sound. Und irgendwann zur Hälfte dieses Gangs durch die Nacht fallen die Schritte sicherer aus, tänzeln elegant dahin, befunkelt vom hellen Sternenglanz am Firmament („But the stars are the brightest where the water is black“). Mit diesem Lied entfernt sich die Platte rasch von jeglicher deutschen Pomadigkeit. Und es bleibt bei Weitem nicht die einzige eindringliche Nummer dieser Platte! Schutzlos unter den Sternen – Binoculers weiterlesen

Schlaglicht 11: Death And Vanilla

Unsere kleine Farm meets Mazzy Star, so etwa lässt sich die musikalische Stimmung des Songs California Owls charakterisieren. Es ist ein versponnener Dream-Pop, der durch ein Meer von Sonnenstrahlen über weite, grünen Wiesen tänzelt. Dazu gesellt sich ein säuselndes Hauchen, das mit der Schüchternheit einer Elfe über Gras und Blümchen wogt. Die im schwedischen Malmö beheimateten Formation Death And Vanilla hat mit diesem Lied ein Stück Siebzigerjahre-Heile-Welt eingefangen. California Owls gibt einen ersten Vorgeschmack auf das für Anfang Mai angekündigte Album To Where The Wild Things Are. Einen weiteren Ausblick erlaubt Arcana, ein ebenfalls dem Album entnommenes Stück. Auch bei Arcana sticht der verwaschene Gesang hervor, diesmal von schummrigem Ambiente umgeben. Beiden Lieder wohnt eine beiläufige Schönheit, eine wohlige Verlockung inne. Death And Vanilla agieren in einer Schemenhaftigkeit, die mal lichtpraller Helle, mal nächtlichem Dunkel geschuldet scheint. Angesichts solcher Lieder bin ich auf die gesamte Platte in all ihrer Pracht überaus gespannt. Ein Umstand jedoch lässt mich stutzen. Die Bloggerkollegin Eva-Maria fasziniert an Death And Vanilla die abgründige Note: „Death And Vanilla spielen den Soundtrack für Roadmovies, die im urbanen Zwielicht oder unter dichten Nadelwäldern spielen, wo vom hellen Himmel nur noch eine Andeutung übrigbleibt.“. Gibt es also in dieser Musik eine schaurige Rätselhaftigkeit, die sich meinen Ohr noch entzieht? Der Mai wird die Antwort bringen. (via Polarblog)

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Schlaglicht 6: Aqua Alta

Mit Verlaub, aber der Albumtitel Dreamsphere erschien mir zunächst als sehr wackelige Angelegenheit. Dahinter könnten nämlich aus wohlmeinendere Musikfans einen Selbstfindungs-New-Age-Klimbim vermuten. Doch jedwedes Om bleibt dem Hörer in der Kehle stecken. Denn die Formation Aqua Alta setzt lieber auf einen musikalischen Stil, den sie verheißungsvoll als „undersea dream pop“ tituliert. Hinter dem Projektnamen Aqua Alta steckt eine Zusammenarbeit der kanadischen Singer-Songwriterin Jenn Grant mit den Produzenten Charles Austin und Graeme Campbell. Das Trio versucht sich an eingängigem Pop samt Beats und Synthie-Seligkeit. Laut Austin sei dies „country music for aliens“. Diese Beschreibung trifft die Seele des Sounds vielleicht sogar besser als die Unterwasser-Dream-Pop-Einordnung. Songs wie BTOcean oder Coral Castle entpuppen sich als eingängiger, von makellosem Gesang geadelter Pop, der sich durchaus um eine sacht irritierende – vielleicht sogar extraterrestrische – Note bemüht. Schlaglicht 6: Aqua Alta weiterlesen

Schatzkästchen 4: Leonore – For You

Vorhang auf und Applaus für ein Trip-Hop-Dream-Pop-Chanson der allerersten Güte! Leonore nennt sich die im belgischen Brüssel angesiedelte Band rund um eine anbetungswürdig belegte Stimme namens Chloë Nols. Frau Nols tönt gleich einem Engelchen mit Hustenbonbon im Mund, das mal mit Karacho über die Wolken prescht und dann wieder waidwund und elegant übers Wattemeer spaziert. Anfangs wummert ein langsamer Beat dahin, ehe ein vorwitziges Piano dazwischengrätscht und im Verlauf Gitarredämpfe aufsteigen und der Rhythmus letztlich einen Affenzahn zulegt. An musikalischem Pep mangelt es also auch nicht. For You heißt dieser Track, den man einfach gehört haben muss. Für den Herbst dieses Jahres ist ein Debütalbum angekündigt. Schatzkästchen 4: Leonore – For You weiterlesen

Konzerttipp + Verlosung: Orenda Fink (15.01.2015 im Privatclub/Berlin)

Dieser Tage beehrt Orenda Fink deutschsprachige Gefilde. Der Name der US-Singer-Songwriterin mag vielleicht nicht jedermann ein Begriff sein, als – wörtlich zu nehmen – bessere Hälfte von Azure Ray hat sie in der Vergangenheit jedoch einige starke Platten veröffentlicht – und auch ihr 2014 erschienenes Solowerk Blue Dream bot traumleichten Dream-Pop mit hell schimmerndem Gesang. Es forscht behutsam nach dem Göttlichen, bietet eine sehr ehrliche und aufrichtige Sinnsuche, gleitet nie in Esoterik-Klimbim oder in religiösen Eifer ab. Ich habe bei meiner Besprechung der Platte selbige als „ein Gedanken und Empfindungen nachhängendes, wohltuend erwachsenes Dream-Pop-Album“ gelobt. Wer Fink bislang nur durch ihr Wirken bei Azure Ray kennt, sollte Blue Dream auf alle Fälle eine Chance geben. Und vielleicht auch bei einem ihrer anstehenden Konzerte vorbeischauen.

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Schatzkästchen 2: Ormonde – Paintings

Viele Songs verlieren sich im Kuddelmuddel der Posts, die auf einem Blog im Laufe eines Jahres so zusammenkommen. Das soll 2015 jedoch ganz anders werden. Tolle Tracks stecken wir fortan ins Schatzkästchen!

Ich könnte eigentlich nur von wenigen weiblichen Stimmen behaupten, in diese geradezu vernarrt zu sein. Neben einer Hope Sandoval oder einer Vashti Bunyan müsste ich sicher auch Margo Timmins (Cowboy Junkies) und Nina Simone nennen. Und natürlich Anna-Lynne Williams, die einst Frontfrau der famosen Trespassers William war, danach solo unter dem Namen Lotte Kestner musizierte und nun beim Duo Ormonde für den Gesang zuständig ist. Anna-Lynne Williams vermag die Last der Welt auf ihren Stimmbändern zu schultern, dabei traumgleich-sehnsuchtsvoll zu trällern. Schatzkästchen 2: Ormonde – Paintings weiterlesen

Die Antwort auf viele Fragen – Orenda Fink

Traumdeutung und Tarot sind Dinge, deren Faszination mich nicht eben um den Schlaf bringt. Wenn nun eine von mir geschätzte Singer-Songwriterin ihre Träume zu sich sprechen lässt und sie zum Anlass einer spirituellen Reise nimmt, dann könnte man natürlich einen handfesten Esoterik-Trip dahinter vermuten. Eine Suche nach dem Sinn des Lebens wird zwar gesellschaftlich akzeptiert, dieser Tage jedoch vor allem wenn man dabei nicht allzu sehr in religiöse Gefilde abgleitet. Und so geraten viele Sinnsuchen zu einer Betonung trivialer Weisheiten, die den Wert von Liebe und Familie, die Notwendigkeit zur Entschleunigung und bewussten Wahrnehmung, die strukturierte Schönheit und Größe der Natur beschwören. Wenn man sich doch dazu hinreißen lässt, einen Gott zu suchen, vielleicht sogar die eigene Seele nach einem göttlichen Funken abzuklopfen, läuft die Chose oft Gefahr, mit Spott überhäuft zu werden. Die US-Amerikanierin Orenda Fink, als Teil des Duo Azure Ray Musikfreunden in aller Welt ein Begriff, durchforstet auf ihrem neuen Soloalbum Blue Dream Träume, forscht behutsam nach dem Göttlichen. All das zeitigt ein Gedanken und Empfindungen nachhängendes, wohltuend erwachsenes Dream-Pop-Album.

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Ätherisch-mausgraue Trance voll Unglück – Lyla Foy

Es gibt so Tage, an denen sich eine junge Frau alle Illusionen abschminkt, an denen die Widerwärtigkeiten des Alltags im Minutentakt auf sie niederprasseln. Wenn in aller Frühe schon die Kaffeemaschine den Geist aufgibt, sie auf dem Weg zur Arbeit wegen irgendeines dahergelaufenen Selbstmörders ewig in einem muffigen U-Bahn-Waggon feststeckt, in der Arbeit vom schmierigen Chef mit Anzüglichkeiten überhäuft und dabei nur so durchs Büro gescheucht wird, weil die Kollegen allesamt krankfeiern, sie am Ende eines üblen Tages schließlich in die leere Wohnung kommt und den geliebten, schon drei Tage abgängigen Kater sehr vermisst. Es gibt so Tage, in denen Frau dem Sein mit Siebenmeilenstiefeln entfliehen möchte. Und wenn Frau stimmliches Talent besitzt, klingt das im Idealfall dann so ätherisch-mausgrau, geschunden-zärtlich, entrückt-leidend wie bei der Londoner Singer-Songwriterin Lyla Foy. Sie träumt sich auf ihrem Debüt Mirrors The Sky in eine sanfte Trance voll Unglück.

Lyla Foy Artist Photo Photo Credit: Veanne Tsui
Photo Credit: Veanne Tsui

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Echo der Hundstage – Dråpe

Wenn der Herbst in nebligen Untiefen und Trübsinnigkeit versinkt, dann schlägt die Stunde, in der die Genres Shoegaze und Dream-Pop besondere Wirkung entfalten. Denn diese schwer abzugrenden Musikrichtungen sind in ihrer Leidenschaftlichkeit stets ein probates Gegenmittel gegen überbordende Tristesse gewesen. Die norwegische Formation Dråpe hat sich mit ihrem Album Canicular Days ganz und gar den Hundstagen verschrieben. Und tatsächlich wirft ein Song wie Blue Skies ein Echo aus den vermeintlich strahlenden Tagen des Sommers zurück. Die Sängerin Hanne Solem Olsen spielt auf der Klaviatur der Betrübtheit („Close my eyes pretend you’re really here/ I know you’re not, I just gotta get through this day„), während Bass und Gitarre geradezu trotzigen, hellen Optimismus versprühen. Verklärung und Pein, wie sie Pop zu leisten imstande sind, wird von einer Portion Post-Rock-Wildheit flankiert, daraus resultiert eine besonders edle Shoegaze-Hymne. Dem Album liegt ein gewisser Erlebniswunsch in der Seele, es beschwört den vergangenen Sommer – und das was hätte sein können – inbrünstig. Memories ist ein weiteres, im Sound eingängiges Highlight der Platte. Hike wiederum wechselt zwischen Spurt und gebremster Fahrt, kramt in den Aufregungen der Erinnerung. Berg und Tal, immer wieder. All die Ausflüge in die Abenteuerlust einer Jugendlichkeit, in ein leidenschaftlich lärmiges Fühlen, lassen Canicular Days hell strahlen. Wie die flirrende Gitarren-Grandezza auf I Wanted You To Stay eine Sehnsucht nach und nach verblassen lässt, sorgt einmal mehr für die bestens drapierte Wolke am lichtdurchfluteten Firmament.

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Chronologie eines Wunders – Mazzy Star

Man ist ja sehr schnell Fan von diesem und jenem Kram, oder quasi mit einem Fingerschnippen Experte für Gott und die Welt. Ich lasse da gern Vorsicht walten, schon aus der Vermutung heraus, dass es immer irgendwo jemanden gibt, der sich zumindest ein klein bisschen besser auskennt als ich, vielleicht auch mehr liebt und fühlt als ich. Es wird Menschen geben, die mehr über meinen Lieblingsautor Hermann Hesse zu sagen und seine Gedichte häufiger gelesen haben. Fraglos finden sich auch Kenner, welche das Werk meines Lieblingsregisseurs Atom Egoyan noch besser verinnerlichen konnten. Und auch wenn ich für hiesige Verhältnisse verdammt viel über American Football weiß, huldigen hierzulande genügend Menschen diesem Sport mit noch mehr Haut und Haar huldigen. Und ebenso bin ich davon überzeugt, dass ich mit meinen 11 Springsteen-Alben im Regal jedem eingefleischten Fan bestenfalls ein nachsichtiges Lächeln abzutrotzen vermag. Im Falle der US-amerikanischen Dream-Pop-Band Mazzy Star sieht die Sache jedoch anders aus. Hier fühle ich mich zum absoluten Kenner und Anhänger berufen. Weil mich Mazzy Star bereits 20 Jahre begleiten, weil ich ihr Schaffen sogar im Schlaf von A bis Z runterrattern könnte, weil ich allein deshalb mit dieser Musik emotional verbunden bin, da ich durch sie meine Liebste kennengelernt habe.

Dennoch sind mir Mazzy Star stets ein Mysterium geblieben. Die Formation hatte in den Neunzigern binnen sechs Jahren drei Alben veröffentlicht. Seit 1996 herrschte freilich Schweigen im Walde, ohne ersichtlichen Grund. Mazzy Star bestanden im Kern aus dem Duo David Roback (Gitarre) und Hope Sandoval (Gesang). Letztere hat seit damals zwei Alben unter dem Namen Hope Sandoval & The Warm Inventions veröffentlicht. Doch gerade diese wunderschönen Platten verstärkten die Irritation, provozierten die Frage nach einem Comeback von Mazzy Star. Denn rein gar nichts deutete darauf hin, dass sich Roback und Sandoval nicht grün wären. Und jedes verstrichene Jahr ließ die nicht gerade kleine Fanschar immer mehr zweifeln, ob sie je die Früchte einer erneuten Zusammenarbeit kosten dürften. Nun ist Hope Sandoval sicherlich kein geselliger Charakter. Gegen sie gleicht das Reh im Scheinwerferlicht einer Rampensau. Wer sie bei einem der raren Konzerte anlässlich ihrer Tour zu dem 2009 erschienenen Through The Devil Softly erleben durfte, sah eine dämmrige Bühne und eine schemenhafte, vom Publikum oftmals abgewandte Sängerin. Bereits zu dieser Zeit bestätigte sie Gerüchte, wonach Mazzy Star endlich an einem vierten Album arbeiteten. Doch hatte man ähnliches auch schon Jahre zuvor gehört. Man war gut beraten, sich nicht zu euphorischer Vorfreude hinreißen zu lassen. Danach kehrte – wenig überraschend – wieder Ruhe ein. Auch Roback blieb seit Mitte der Neunziger sehr unauffällig, gerade so als wäre er in einem Zeugenschutzprogramm, zumindest aber in einem Trappistenkloster.

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