Schlagwort-Archive: dream pop

Der Beginn von etwas Großem – IRAH

Dieses Album muss man angehört haben! Mir fällt beim besten Willen kein Makel ein, der dieser Platte anzukreiden wäre. Into Dimensions ist von derart überwältigender Qualität, dass man sich gut vorstellen kann, in vielen Jahren dann höchst ehrfürchtig vom Beginn einer bestaunenswerten Karriere zu schwärmen. Selbstverständlich ist mir geradezu schmerzhaft bewusst, dass die Talente dieser Tage nicht weniger werden. Und da die Zahl kultivierter Hörer nicht rapide zunimmt, werden viele großartige musikalische Projekt nie die kritische Masse an Fans erreichen, um die künstlerische Relevanz zu erreichen, die sich eigentlich verdienen. Dem dänischen Trio IRAH würde ich die Verankerung im Kanon der künstlerischen Etablierten besonders gönnen. Denn dieses Debüt entfaltet eine eigene, faszinierende Magie, von der man in ihren aufregendsten Momenten ungefähr mit jener Ehrfurcht überwältigt wird, die einem als kleiner Knirps vor dem erleuchtenden und von Geschenken umsäumten Weihnachtsbaum widerfährt.

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Schatzkästchen 76: Hope Sandoval & The Warm Inventions – Let Me Get There (feat. Kurt Vile)

Über die verehrte Hope Sandoval brauche ich eigentlich nicht mehr viel Worte verlieren – und tue es natürlich einmal mehr. Denkt man an die prägenden Stimmen des Dream-Pop der letzten 25 Jahren, ist ihr Name zuoberst auf der Liste. Sie ist zum Inbegriff einer scheuen Ikone geworden, deren Gesang stets von melancholischer Abgeschiedenheit getragen wird. Ob im Verbund mit David Roback als Mazzy Star oder unterstützt von Colm Ó Cíosóig als Hope Sandoval & The Warm Inventions, ihre seltenen Alben zählen stets zu den Highlights eines Musikjahres. Bereits im Frühjahr wurde im Zuge des diesjährigen Record Store Days mit dem Song Isn’t It True ein erstes musikalisches Lebenszeichen veröffentlicht, verbunden mit der Ankündigung, dass noch 2016 eine Platte folgen würde. Und siehe da, im November soll nun Until The Hunter, das mittlerweile dritte Album mit The Warm Inventions, erscheinen. Wie erfreulich! Auch weil der erste Vorgeschmack darauf schließen lässt, dass Sandoval ihre Magie nicht eingebüßt hat. Let Me Get There ist ein Duett, welches sie zusammen mit Kurt Vile bestreitet. Das Stück besitzt angenehm soulige und psychedelische Akzente, die Chemie zwischen Viles warmer Stimme und einer sacht leidenschaftlichen, sich dennoch in Gedanken räkelnden Sandoval stimmt von Beginn an. Schatzkästchen 76: Hope Sandoval & The Warm Inventions – Let Me Get There (feat. Kurt Vile) weiterlesen

Schatzkästchen 71: IRAH – Fast Travelling

Ende April bereits habe ich auf die Kopenhagener Formation IRAH große Stücke gehalten. Der grandiose, für die Top 10 des Jahres vorgemerkte Song Into Dimensions ist aus meiner Sicht kaum zu toppen. Mit der Dream-Pop-Nummer Fast Travelling, die das für Oktober avisierte Minialbum Into Dimensions ankündigt, gelingt das Unmögliche jedoch beinahe. Viele Assoziationen sind mir beim Hören durch den Kopf geschwebt. Anscheinend aber nicht nur mir, denn The Line of Best Fit zählt all jene Einflüsse auf, welche auf mir durch die Gedanken geistern. Da wäre eine New-Age-Spiritualität, die in der Liebe den Ursprung aller Erleuchtung sieht. Es wäre der ätherische Glanz der Cocteau Twins als Vorbild zu nennen. The Line of Best Fit sieht sogar Ähnlichkeiten mit Enya. Da mag snobistischen Musikliebhaber kurz angst und bange werden. Dafür besteht aber nicht der geringste Anlass, eine Ehrenrettung Enyas wäre ohnehin unbedingt überfällig. Die das Universum umarmende Leichtigkeit des Sounds, der stete Fluss der Synthies, die dezent-rituelle Percussion und selbstverständlich die elfenhafte Stimme der Sängerin Stine Grøn machen Fast Travelling zu einer Hymne reinsten Herzens. Dem dänischen Trio gelingt abermals eine Erhabenheit, eine Reinheit der Emotion, wie man dies nur selten erlebt. Auch wenn das Debüt nur acht Lieder umfasst, ich würde bereits jetzt darauf wetten, dass es eines der atemberaubenden Werke des Musikjahrs 2016 wird. Schatzkästchen 71: IRAH – Fast Travelling weiterlesen

Schlaglicht 49: Wyldest

Betörenden Dream-Pop mit einer sogar für dieses Genre makellos hellen Stimme beschert uns das Londoner Trio Wyldest. Die vor wenigen Tagen erschienene EP Dark Matter ist nicht weniger als eine echte Offenbarung. Schon der Opener Wanders bietet mehr als selbst hartgesottene Anhänger des Genres erhoffen mögen. Der Track huscht durch eine traumgleiche Wildnis mit tosenden Wasserfällen, durch ein gefährliches Paradies der Leidenschaften und Sehnsüchte. Diese verwunschene Romantik wird durch schauernde Synthies und eine shoegazige Gitarre verdichtet. Einen ähnlichen Strudel der Emotionen bildet Stalking Moon ab. Die Frage „Is there something more to you than this?“ wird im Verlauf des Stücks mit zunehmender Dringlichkeit gestellt, was sich auch dadurch äußert, dass der nicht von dieser Welt scheinende Sound allmählich Fahrt aufnimmt, in Richtung Post-Punk abgleitet. Zoe Meads Gesang lotet die Abgründe des Fühlens wunderbar aus, sie ist eine Frontfrau, wie sie im Buche steht. Was sie auch einmal mehr beim Titeltrack Dark Matter unter Beweis stellt. Die Nummer ist gesanglich lasziver angelegt, wird dabei von schwülen Synthies unterstützt. Schlaglicht 49: Wyldest weiterlesen

Eskapismus der starken Gesten – Mechanimal

Gothic-Post-Punk-Dream-Pop – so würde ich das Album, über das ich heute lobende Worte verlieren möchte, charakterisieren. Die aus Athen stammende Formation Mechanimal beschert uns mit der Platte Delta Pi Delta einen Eskapismus der starken Gesten. Sie führt durch eine dramatische aufgeladene Traumwelt, die zwischen Industrial-Schönheit und neonlichterner Verwunschenheit zu verorten ist. Ein Hang zu Bombast staffiert die Szenerie aus, divaresker, in Lack und Leder gehüllter Gesang, der mitunter sogar ins Sprechen übergeht, sorgt für eine reizvolle und zugleich herbe Aura. Delta Pi Delta hat von dancefloorhafter Theatralik über shoegazigem Wave bis hin zu schauermärchenhaftem Pop so einiges zu bieten. Sehen wir uns die Chose doch kurz näher an!

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Viele der schon angerissenen Stimmungen vermag der opulente Opener Sunlight auf sich zu vereinen. Die Sängerin Eleni Tzavara beschwört dabei ein nächtliches Treiben, beim dem man sich irgendwie nicht sicher ist, ob die Gänsehaut nun aus Grusel oder Erregung entsteht. Ein gleich Schwaden durch die Kulissen ziehendes Keyboard, ein stoischer, maschinenhafter Beat und im späteren Verlauf eine verzerrte Gitarre runden das Gothic-Ambiente ab. Sternengefunkel leitet den an Achtziger-Pop erinnernden Track Repetition ein. Gitarrenriffs echoen dabei Tzavaras Vortrag, der zwischen schwülstiger Sehnsucht und beherrschter Dramaqueen schwankt. Wer von der Atmosphäre bis hierher angefixt wurde, wird den Rest der Platte zweifelsohne lieben. Giannis Papaioannou, dem für die Synthies zuständigen Mastermind der Band, glücken Stimmungen, die trotz Düsterkeit überraschend anziehend ausfallen. Eskapismus der starken Gesten – Mechanimal weiterlesen

Kompromissangebot an Weihnachtsskeptiker – Smoke Fairies

Heute wollen wir trotz allem vorweihnachtlichen Trubel auch der stetig wachsenden Gruppe von Weihnachtsskeptikern ein Kompromissangebot unterbreiten. Weihnachten kann man aus so einigen Gründen bekritteln. Weil es irrwitzigem Konsum Vorschub leistet. Weil es partout gefühlig und so gar nicht ironisch sein will. Weil es irgendwie doch auch ein Quäntchen Religion beinhaltet und selbige bekanntlich die Wurzel jeglichen Übels ist. Es fehlt nicht an Argumenten, um denen, die sich an Weihnachten erfreuen, mal kräftig in die Suppe zu spucken. All diesen Mitmenschen muss es zwangsläufig ein wahrer Gräuel sein, wenn weihnachtliche Musik aus den Boxen schallt. Wer zwar mit der Realität des Dezemberwahns Probleme hat, das Fest jedoch nicht fanatisch hasst, für eben solch Zeitgenossen gibt es heute die richtige Platte! Ihnen mag der archaische Ansatz der Smoke Fairies zupasskommen. Deren Album Wild Winter schwelgt in Dream-Folk-Pop, der ohne Kitsch, Gefühlsduselei oder heuchlerischen Glaubensbekenntnissen auskommt, sich wahrhaftiger Besinnlichkeit und ehrlicher Emotion verpflichtet fühlt. Das britische Duo beschreibt das Ansinnen der Platte so: „Sometimes winter provides us with a sense of togetherness and love, and sometimes it leaves us feeling alienated, cold and playing a glockenspiel alone in a darkened room. It’s part of the year that will always be bittersweet and wild. This was the inspiration behind the record.“ Wer der Intention dieser Platte folgt, wer diesen Zwiespalt auch bei sich erkennt, wird dem Album viel abgewinnen können.

Sehen wir uns die Lieder doch kurz näher an. Christmas Without A Kiss gibt sich ganz dem Weihnachtsblues hin. Zeilen wie „Always want what I can’t have/ And this year it’s the same/ I don’t have the one I love/ I want snow, I get rain“ oder „Get into the festive mood, maybe go carolling/ Red lipped from too much mulled wine, no church will let me in“ unterstreichen, dass hier das Fest der Feste kräftig in die Hose geht. Kompromissangebot an Weihnachtsskeptiker – Smoke Fairies weiterlesen

Schatzkästchen 21: Hunter Lea – Smoke and Mirrors

Es ist das alte Lied. Gleichgesinnte gründen eine Band, veröffentlichen ein Debüt, das nicht die gewünschte Resonanz erzielt, woraufhin man es wieder gut sein lässt. So ist es auch der Band Mono In VCF nach ihrem 2008 veröffentlichten Debüt ergangen. Doch warum eigentlich sollte man sich zu früh entmutigen lassen? Das hat sich wohl der Bassist und Gitarrist Hunter Lea wohl gedacht und zusammen mit Sängerin Kim Miller den wunderbaren Track Smoke and Mirrors aufgenommen. Dieser Song entzückt als psychedelisch gefärbter, mit Western-Touch versehener und in Unwirklichkeit schwebender Dream-Pop. Smoke and Mirrors ist ein derart gelungenes Lied, das zumindest ich die erneute Zusammenarbeit gern auf Plattenlänge ausgeweitet sehen möchte. Schatzkästchen 21: Hunter Lea – Smoke and Mirrors weiterlesen

Schutzlos unter den Sternen – Binoculers

Dream-Folk-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns das Hamburger Projekt Binoculers unter der Federführung von Nadja Rüdebusch. Einen Ausblick auf das Album Adapted To Both Shade And Sun habe ich bereits im April gegeben, nun möchte ich mir dieses mit gelenker Hand und selbstverständlicher Kunstfertigkeit vollbrachte Stück Musik noch ein wenig näher ansehen. Gelungene, auf Englisch gehaltene Singer-Songwriter-Platten aus Deutschland sind zumindest für mich noch immer eine Art Kuriosum. Weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Rüdebusch jedenfalls gelingt mit ihrem Vehikel Binoculers eine souveräne, angenehm international anmutende Platte mit einer ganz eigenständigen, verwirrenden Aura.

Der Moment, in dem aus Musik Magie wird, jener Augenblick kommt im vorliegenden Fall durchaus früh. Schon der zweite Song des Albums verzaubert. Where The Water Is Black besticht durch dunkle Poesie und einen anfänglich schleppenden, ganz allmählich jedoch fülliger werdenden Sound. Und irgendwann zur Hälfte dieses Gangs durch die Nacht fallen die Schritte sicherer aus, tänzeln elegant dahin, befunkelt vom hellen Sternenglanz am Firmament („But the stars are the brightest where the water is black“). Mit diesem Lied entfernt sich die Platte rasch von jeglicher deutschen Pomadigkeit. Und es bleibt bei Weitem nicht die einzige eindringliche Nummer dieser Platte! Schutzlos unter den Sternen – Binoculers weiterlesen

Schlaglicht 11: Death And Vanilla

Unsere kleine Farm meets Mazzy Star, so etwa lässt sich die musikalische Stimmung des Songs California Owls charakterisieren. Es ist ein versponnener Dream-Pop, der durch ein Meer von Sonnenstrahlen über weite, grünen Wiesen tänzelt. Dazu gesellt sich ein säuselndes Hauchen, das mit der Schüchternheit einer Elfe über Gras und Blümchen wogt. Die im schwedischen Malmö beheimateten Formation Death And Vanilla hat mit diesem Lied ein Stück Siebzigerjahre-Heile-Welt eingefangen. California Owls gibt einen ersten Vorgeschmack auf das für Anfang Mai angekündigte Album To Where The Wild Things Are. Einen weiteren Ausblick erlaubt Arcana, ein ebenfalls dem Album entnommenes Stück. Auch bei Arcana sticht der verwaschene Gesang hervor, diesmal von schummrigem Ambiente umgeben. Beiden Lieder wohnt eine beiläufige Schönheit, eine wohlige Verlockung inne. Death And Vanilla agieren in einer Schemenhaftigkeit, die mal lichtpraller Helle, mal nächtlichem Dunkel geschuldet scheint. Angesichts solcher Lieder bin ich auf die gesamte Platte in all ihrer Pracht überaus gespannt. Ein Umstand jedoch lässt mich stutzen. Die Bloggerkollegin Eva-Maria fasziniert an Death And Vanilla die abgründige Note: „Death And Vanilla spielen den Soundtrack für Roadmovies, die im urbanen Zwielicht oder unter dichten Nadelwäldern spielen, wo vom hellen Himmel nur noch eine Andeutung übrigbleibt.“. Gibt es also in dieser Musik eine schaurige Rätselhaftigkeit, die sich meinen Ohr noch entzieht? Der Mai wird die Antwort bringen. (via Polarblog)

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Schlaglicht 6: Aqua Alta

Mit Verlaub, aber der Albumtitel Dreamsphere erschien mir zunächst als sehr wackelige Angelegenheit. Dahinter könnten nämlich aus wohlmeinendere Musikfans einen Selbstfindungs-New-Age-Klimbim vermuten. Doch jedwedes Om bleibt dem Hörer in der Kehle stecken. Denn die Formation Aqua Alta setzt lieber auf einen musikalischen Stil, den sie verheißungsvoll als „undersea dream pop“ tituliert. Hinter dem Projektnamen Aqua Alta steckt eine Zusammenarbeit der kanadischen Singer-Songwriterin Jenn Grant mit den Produzenten Charles Austin und Graeme Campbell. Das Trio versucht sich an eingängigem Pop samt Beats und Synthie-Seligkeit. Laut Austin sei dies „country music for aliens“. Diese Beschreibung trifft die Seele des Sounds vielleicht sogar besser als die Unterwasser-Dream-Pop-Einordnung. Songs wie BTOcean oder Coral Castle entpuppen sich als eingängiger, von makellosem Gesang geadelter Pop, der sich durchaus um eine sacht irritierende – vielleicht sogar extraterrestrische – Note bemüht. Schlaglicht 6: Aqua Alta weiterlesen