Schlagwort-Archive: Electro-Pop

Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht. Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather weiterlesen

Schlaglicht 62: Tsar B

Electro- oder Synthie-Pop mit von Kirke oder Kassandra inspirierten Frauenstimmen ist noch lange nicht aus der Mode. Was aber nicht bedeuten soll, dass man sich als Musikerin nicht den einen oder anderen Kniff einfallen lassen sollte. Den Hirnzellen der Belgierin Tsar B ist ein toller Ansatz entsprungen, der orientalische Ethno-Klänge mit R&B verbindet. Daraus resultiert ein geheimnisumwitterter, sinnlicher Electro-Pop, der in den stärksten Momenten Exzentrik und Eingängigkeit wunderbar austariert. Escalate etwa kommt mit mal salvenhaften, mal aufreizend knalligen Beats daher, ein melodramatischer Gesang wechselt sich mit R&B-Gestöhne ab, orientalische Instrumentierung und eine jammernde Violine runden die Chose ab. Eine intensive Nummer! Und nicht die einzige, die diese Debüt-EP zu bieten hat. Fort funktioniert nach einem ähnlichen Strickmuster, wobei es ein bisschen poppiger wirkt. Auch hier ist die Fülle an Details, die mit jedem Hördurchlauf deutlicher hervortreten, erstaunlich. Tsar B gestaltet ihren Sound facettenreich und hintergründig aus, läuft daher auch nie Gefahr, als R&B-Hupfdohle oder Ethno-Pop-Tussi abgestempelt zu werden. Die werte Kollegin Eva-Maria von Plan My Escape charakterisiert die Belgierin als eine neue Scheherazade. Schlaglicht 62: Tsar B weiterlesen

Schatzkästchen 59: IRAH – Into Dimensions

Elfe ausgebüxt! Direkt in die Neonlichter eines Großstadtmärchens hinein! Hochhäuser mit großen Glasfassaden stehen Spalier, säumen einen Pfad des Staunens. Schritt für Schritt gleiten ihre nackten Füße über den glitzernden Asphalt, wandert sie durch die Fantasie von einer Nacht. Abgekämpfte Nachtschwärmer strömen noch ganz in Trance aus Szenetempeln, abenteuerselige, begierige Gestalten schielen sehnsüchtig in plüschige Etablissements. Jede zwielichtige Gestalt scheint der verwunderten Elfe einen Blick wert. Das verschmuste, in seinem Glück aufgehende Pärchen beim Laternenmast ebenso. Mit pochendem Herzen setzt sie ihren Streifzug fort, Eindruck um Eindruck prasselt auf ihre Augen ein. Taxis wischen an ihr vorbei, wieseln um die Ecke. Schaufensterpuppen drehen sich nach ihr um. Hydranten dackeln gleich Kobolden dahin. Die ganze Szenerie lebt, alles wirkt neu und aufregend. Die Stunden im Häusermeer vergehen wie im Flug, bis dann irgendwann die Sonne über die Dächer kriecht, der Tag mit einem Knall anbricht. Die Helle flutscht in jede Ritze, prallt auf Glasscheiben, wird von Metall reflektiert. Im Licht der Sonne geht der Elfe endgültig das Herz auf. Gerät der Ausflug in die Stadt zum Triumph der Neugier. Und sie lächelt und lächelt…

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Schatzkästchen 53: RIVE – Vogue

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Nachdem es in den letzten 2 Wochen ein wenig ruhiger auf dem Blog war, werden wir nun im Angesicht des Frühlings wieder aktiver. So einige Tracks, die wir uns in den letzten Wochen notiert haben, sind bislang leider noch nicht auf dem Blog erwähnt worden. Das wollen wir schleunigst nachholen und ausgerechnet mit einer Formation aus Brüssel beginnen. Nun ist Belgien dieser Tage in aller Munde, wird als Chaosland mit finsteren Vierteln geschmäht. Vielleicht macht es gerade in Zeiten wie diesen Sinn, mit Brüssel mehr als nur böse Terroristen und eine chronisch uneinige EU zu assoziieren. Kultur ist immer eine sichere Sache, um sich in ein Land (neu) zu verlieben. Die geschätzte Kollegin Eva-Maria liefert auf ihrem auf Belgien fokussierten Musikblog Plan My Escape Woche für Woche neue Gründe, warum die Nennung des Namens Belgien uns nicht erschaudern lassen muss. Mitte März hat sie beispielsweise die famose Formation RIVE für uns aufgespürt. RIVE sind noch ein unbeschriebenes Blatt, eine Debüt-EP ist für dieses Jahr angekündigt. Mich hat ein erster Vorgeschmack jedoch sofort begeistert! Das Lied Vogue weckt Erinnerung an eine Zeit, als französischsprachiger Pop auch in den Hitparaden hierzulande keine Seltenheit war. Den Jüngeren unter den Lesern muss man vielleicht nochmals verklickern, dass in den Siebzigern und Achtzigern lasziver, leichter French Pop Glücksgefühle ohne Ende verursachte. RIVE knüpfen zumindest mit Vogue an diese Tradition an. Das sieht auch die Kollegin Eva-Maria so, die den Reiz der Nummer so auf den Punkt bringt: „Der einzig bislang veröffentlichte Track „Vogue“ ist jedenfalls ein edles, elegantes und raffiniertes Stückchen Elektropop im France-Gall-Modus. Das erst richtig abzuheben beginnnt, wenn zum Ende hin die satten Synthies einsetzen. Da kriegt man ja sehnsüchtiges Herzklopfen, so schön schimmert das!“

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Schlaglicht 44: Mynth

Sinnlichen, geheimnisumwitterten Electro-Pop mit Trip-Hop-Komponenten hat die aus Salzburg stammende Formation Mynth anzubieten. Synthie-Klänge werden dabei von markanten, fast quirligen Beats durchkreuzt, die Spannung von sphärischem Ambiente und weltlichem Puls bildet die Basis für eine ausgesprochen souverän wirkende weibliche Stimme, die jene elektronischen Klänge mit viel Seele behaftet. Mit dem Debütalbum Plaat II beackert das Geschwisterduo zwar ein Metier, dem nicht erst seit gestern einige Aufmerksamkeit zuteil wird, zugleich gelingt es vielfach eigene Akzente zu setzen. Wo Kollegen und Kolleginnen oft auf völlige Unterkühltheit setzen, vermögen Mynth ab und an durch mit kräftig Emotion verbrämte Pophymnen zu überraschen. I’m Good etwa ist ein wunderbar schillernder, ergreifender Track. Manchmal sind Anleihen an die elegante Abgründigkeit von Portishead anzumerken, auch eine unstete, an die goldenen Zeiten der Achtziger erinnernde Düsterkeit sticht durch. So begeistert der Eröffnungstrack Lola durch eine facettenreiche Textur aus Romantik und Verzweiflung, Synthies flirren, Synthies quaken, ein blechern-bleierner Beat pocht, wimmernde Effekte wabern, all dies lässt eine dramatische Aura erstehen, in der der Gesang voll beschwörerischer Eindringlichkeit und entscheidungsschwerer Unsichterheit bebt. Schlaglicht 44: Mynth weiterlesen

Schatzkästchen 42: Kaleida – Detune

Wenn der Funke überspringt, dann tut er das im Falle von Musik meist binnen Sekunden. Das liegt einerseits daran, dass der durchschnittliche Hörer – und nicht nur der – kaum gewillt ist, sich ewig und drei Tage mit Musik zu beschäftigen, um irgendwie einen Zugang zu finden. Das liegt zum anderen auch daran, dass Musik unmittelbarer wirkt als etwa ein Film. Einem Film räumt man eine gewisse Anlaufzeit ein, um Thema und Protagonisten kennenzulernen. Das Schicksal eines Lieds ist praktisch schon mit den ersten Takten entschieden. Beim Londoner Electro-Pop-Duo Kaleida hatte ich sofort Annie Lennox vor Augen. Vieles in der Art des Gesang ließ auf eine unterkühlte Epigonin schließen. Schatzkästchen 42: Kaleida – Detune weiterlesen

Schlaglicht 27: Frøkedal

So eine EP ist eine feine Sache. Denn eine EP bekommt in der Regel eine geringere Aufmerksamkeit als ein Album. Man kann somit etwas ausprobieren. Wenn es sich dann sogar noch um eine Debüt-EP handelt, sind Experiment und Versuch geradezu Pflicht. Das hat sich wohl auf die Norwegerin Frøkedal bei ihrer EP I See You gedacht. Der Titeltrack und auch der Songs Surfers bieten zunächst noch Folk-Pop mit kammermusikalischem Charme und Hippie-Harmonien. Mit Silhouettes ist weiters eine schwermütige, dennoch glockenklar leidende Ballade an Bord. Die ersten drei Titel wirken stimmig, fraglos sehr vielversprechend. Und dann kommt mit dem letzten Lied First Friend ein völliger Stilbruch. Der Track wartet mit Electro-Pop skandinavischer Prägung auf, gibt sich abgründig. Unvermittelt wird der Hörer mit den zwei Gesichtern von Frøkedal konfrontiert. Man kratzt sich anschließend am Kopf, vom Eindruck erfasst, dass dieser Spagat ein bisschen zu heftig ausfällt. Was nur darf man sich von Anne Lise Frøkedal also erhoffen? Schlaglicht 27: Frøkedal weiterlesen

Metamorphose in der Saure-Gurken-Zeit – Briana Marela

Es soll ja Menschen geben, die sich ganz dem Sommer und der daraus resultierenden Vergnügungssucht hingeben. Und das dürften so wenige nicht sein, weshalb es zum Beispiel bei den musikalischen Veröffentlichung im Sommer in der Vergangenheit vergleichsweise karg zuging. Vielleicht traute man den Musikhörern nicht zu, sich auch in der Hitze des Juli und frühen Augusts sich mit neuen Platten zu beschäftigen. Doch in den letzten Jahren wird auch dieses Veröffentlichungssommerloch immer kleiner. Eines der diesjährigen Saure-Gurken-Zeit-Alben ist das sehr ungewöhnliche All Around Us der US-Amerikanerin Briana Marela. Die in Seattle geborene und aufgewachsene Singer-Songwriterin beschert uns nämlich einen auf den ersten Eindruck eher seltsamen Sound, der jedoch bei Lektüre des Pressetextes mit einem Schlag sehr schlüssig wird. Durch einen Freund nämlich lernte Marela Alex Somers kennen. Somers ist durchaus umtriebig in der isländischen Szene tätig, als Lebensgefährte von Jón Þór Birgisson, seines Zeichens Mastermind von Sigur Rós, stehen ihm wohl auch alle Türen offen. Zusammen mit ihm bildet er das Duo Jónsi & Alex. Somers sorgt als Produzent dieses Werks dafür, dass All Around Us viel Island-Flair entfaltet. Da wäre einerseits ein kindlich anmutender Vortrag, der so wirkt, als würde Marela in Björks Babyschuhe schlüpfen. Dazu kommen Lyrics voll Intimität und positivster Naivität – und ein sachter Beat samt allerlei elektronischen Sperenzchen.

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So stylish wie nötig, so undergroundig wie möglich – Icky Blossoms

Das Trio Icky Blossoms ist eine Art Electro-Pop-Indie-Rock-Hybrid aus dem doch recht beschaulichen Omaha im US-Bundesstaat Nebraska. Aus musikalischer Sicht ist Omaha allerdings ein Hotspot, was nicht zuletzt am tollen Indie-Label Saddle Creek liegt. Natürlich sind auch Icky Blossoms bei diesem Label angedockt. Dieser Tage wird mit Mask ihr zweites Album veröffentlicht. Mir scheint die Mischung aus herbem E-Tanz-Pop und wuselndem, superlärmigem Gitarren-Sound bei einigen Tracks sehr, sehr gelungen. Zumindest wenn man Hyperaktivität präferiert.

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Und der Canasta-Club klatscht Beifall – Kyla La Grange

Wer möchte das nicht, irgendwann einmal im Rentneralter den Enkeln – zumindest aber den übrigen Mitgliedern des Canasta-Clubs – voller Stolz erzählen, wie man denn einst den Baustein gelegt habe, dass man nun im hohen Alter ein sehr gutes Auskommen finde. Und ich drücke der britischen Singer-Songwriterin Kyla La Grange wirklich beide Daumen, dass sie in 50 Jahren auf 2014 zurückblicken und ihr Zweitlingswerk Cut Your Teeth als finanziellen Durchbruch ansehen darf. Denn aus der künstlerischen Perspektive ist dieses Album doch ein großer Rückschritt in der noch jungen Karriere. Es fällt schlichtweg mainstreamig und fehlproduziert aus, kann sich nicht am überragenden Debüt Ashes messen, mit welchem sie mich zu begeistern wusste. „Kyla La Grange tritt mit Siebenmeilenstiefeln in die Fußstapfen einer Florence Welch! Und sie passen in der Tat wie angegossen.“ hatte ich anlässlich ihres Debüts notiert. Und das auf große Melodien, kräftige Gefühle und atemberaubenden Pathos zurückgeführt. Wo auf Ashes Drama-Pop mit folkiger Note zündete, präsentiert sich Cut Your Teeth in neuem Gewand, mit Synthies verbrämt und um keinerlei orchestrale Opulenz verlegen. Bei dieser Platte dominiert Kommerz statt Emotion.

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