Not just „Another Christmas Song“: eine kleine Zeitreise mit Remington super 60 und Indiecater Christmas

Ich kann mich an Zeiten erinnern, da war unser Weihnachtsspecial sehr Twee-lastig. Genau genommen Indie-Pop-lastig, denn die ursprüngliche Definition des Genre-Tags war genau die des Twee. Aber irgendwann vor Urzeiten war ja auch Britpop wirklich Britpop und nicht alles, was irgendwie von der Insel kam. Eines ist aber immer so, wie es schon immer war: Skandinavien ist die Hochburg des Twee und nach wie vor erfreuen uns gerade zu Weihnacht verspielte Klänge aus diesen Gefilden. Die Kollegen von Christmas A Go Go! haben den neuen Track natürlich schon viele Stunden vor uns entdeckt und nennen die norwegische Combo ganz frech Retro-Hipster. Offensichtlich waren unsere holländischen Nachbarn noch nie in Neukölln. Retro-Hipster sind Menschen mit schlechtem Musik- und Klamottengeschmack, die mit Sackkarren und anderen Wägelchen „Boomboxen“ durch die Gegend karren und die Nachbarschaft mit meist ebenso scheußlicher Musik beschallen. Die Attitüde ist gleichfalls scheußlich und kann hier nicht beschrieben werden, dass muss man gesehen haben. Alles dies trifft NICHT auf Remington super 60 zu. Menschen, die so feinen  „Twee meets Electro-Pop“ fabrizieren, können keinen schlechten Geschmack haben.   Weiterlesen

The Perfect English Weather – Christmas In Suburbia

Unerfüllte Sehnsüchte, zerbrochene Träume, dies alles erleuchtet von den vielen Weihnachtslichtern der Vorstadt. Was nach Weihnachtsblues klingt, ertönt hier als sphärischer Electro-Pop. Das kindliche Ich, welches verbotener Weise die Geschenke vor der Bescherung inspizieren will, wechselt über zum erwachsene Ich, welches das Haus der Kindheit betreten will, obwohl die Familie dort schon längst nicht mehr wohnt. Die Ich-Erzählerin ist hin und her gerissen, zwischen dem Zustand noch nicht „dort“ hin und nicht mehr, „dort“ hin gehen zu dürfen.  Weiterlesen

Schatzkästchen 92: IRAH – Worship The Sun

Photo Credit: Christina Amundsen

Der Reiz von Spiritualität besteht bekanntlich darin, sich als ein Teil von etwas Großem und Ewigem zu verstehen. In der Umarmung einer alles Begreifen übersteigenden Natur oder einer jegliches Erfassen sprengenden Gottheit liegt ein Trost über die Flüchtigkeit der eigenen Existenz. Die archaisch-ätherische Mystik, die den Song Worship The Sun durchweht, ist somit – salopp gesprochen – ein alter Hut. Aber trotzdem darf man der Formation IRAH einmal mehr zu einem famosen Track gratulieren. Ich habe wohl über keine andere Band in den letzen beiden Jahren öfter gebloggt als über diese Dänen. IRAH haben sich mit ihrem Debüt Into Dimensions als fantastische Mixtur aus Björk rund um die Jahrtausendwende, den guten alten Cocteau Twins, Clannad mit ihren New-Age-Anleihen sowie Trip-Hop Portisheadscher Prägung erwiesen. Der neue Song Worship The Sun knüpft an das bisherige Schaffen nahtlos an. Stine Grøns Vortrag ist dazu angetan, die ganze Weite des Universums auszufüllen. Ihre Aura umgibt fabelwesenhafte, andächtige Rätselhaftigkeit. Lyrics wie „Imagine that you’re made of diamonds/ And you light up everything you touch/ Your body heals what’s been broken/ Aligned with your creator part/ Let’s reveal the forces we forgot/ Activate the light within our heart“ scheinen voller Staunen und Sehnsucht zu transzendieren, einem göttlichen Kosmos entgegenzustreben, zugleich tief auf den reinen Grund der eigenen Seele hinabzutauchen.  Weiterlesen

Schatzkästchen 87: Blanche – City Lights

Der Eurovision Song Contest erfüllt Erwartungshaltungen. Der breiten Masse führt er vor Augen, wie weitläuftig und exotisch Europa doch ist. Der begeisterten LGBT-Community bietet er sympathisch-deftigen Trash. Gesetztere Traditionalisten dagegen dürfen sich an Schlager oder kitschiger Folklore erfreuen und über allerlei neumodisches Zeugs wie Rap schimpfen. Zwergstaaten sind dankbar für die Möglichkeit, einmal im Jahr den Nachweis zu erbringen, dass es sie nach wie vor gibt. Selbst wenn sie es nicht leicht haben, weil sie von einem gewissen Ralph Siegel in Geiselhaft genommen werden. Hallo, San Marino! Auch Autokraten – man denke etwa an Aserbaidschan – versprechen sich vom ESC viel, dürfen sie doch ihr Land als heiter bis weltoffen präsentieren. Und nicht zuletzt begeistert die Veranstaltung die Funktionäre der teilnehmenden Rundfunkanstalten, Büffets und Empfänge sind ganz nach ihrem Geschmack. Wer jedoch beim Song Contest ganz selten auf seine Kosten kommt, ist ein Indie-Klängen gewogenes und somit geschmackssicheres Publikum. Das Jahr 2017 beschert in dieser Hinsicht einen unverhofften Lichtblick.

Belgien, bereits seit ein paar Jahren musikalisch im Aufwind, schickt die junge Sängerin Blanche ins Rennen. Ihr Titel City Lights ist das Highlight des Wettbewerbs. Eingebettet in einen geheimnisumwitterten, mit nervösen Synthies behafteten Sound ruht Blanches tiefe Stimme. Ihr unaufgeregter Vortrag trägt balladeske Züge, strotzt vor unterkühlter Eleganz.  Weiterlesen

Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht.  Weiterlesen

Schlaglicht 62: Tsar B

Electro- oder Synthie-Pop mit von Kirke oder Kassandra inspirierten Frauenstimmen ist noch lange nicht aus der Mode. Was aber nicht bedeuten soll, dass man sich als Musikerin nicht den einen oder anderen Kniff einfallen lassen sollte. Den Hirnzellen der Belgierin Tsar B ist ein toller Ansatz entsprungen, der orientalische Ethno-Klänge mit R&B verbindet. Daraus resultiert ein geheimnisumwitterter, sinnlicher Electro-Pop, der in den stärksten Momenten Exzentrik und Eingängigkeit wunderbar austariert. Escalate etwa kommt mit mal salvenhaften, mal aufreizend knalligen Beats daher, ein melodramatischer Gesang wechselt sich mit R&B-Gestöhne ab, orientalische Instrumentierung und eine jammernde Violine runden die Chose ab. Eine intensive Nummer! Und nicht die einzige, die diese Debüt-EP zu bieten hat. Fort funktioniert nach einem ähnlichen Strickmuster, wobei es ein bisschen poppiger wirkt. Auch hier ist die Fülle an Details, die mit jedem Hördurchlauf deutlicher hervortreten, erstaunlich. Tsar B gestaltet ihren Sound facettenreich und hintergründig aus, läuft daher auch nie Gefahr, als R&B-Hupfdohle oder Ethno-Pop-Tussi abgestempelt zu werden. Die werte Kollegin Eva-Maria von Plan My Escape charakterisiert die Belgierin als eine neue Scheherazade.  Weiterlesen

Schatzkästchen 59: IRAH – Into Dimensions

Elfe ausgebüxt! Direkt in die Neonlichter eines Großstadtmärchens hinein! Hochhäuser mit großen Glasfassaden stehen Spalier, säumen einen Pfad des Staunens. Schritt für Schritt gleiten ihre nackten Füße über den glitzernden Asphalt, wandert sie durch die Fantasie von einer Nacht. Abgekämpfte Nachtschwärmer strömen noch ganz in Trance aus Szenetempeln, abenteuerselige, begierige Gestalten schielen sehnsüchtig in plüschige Etablissements. Jede zwielichtige Gestalt scheint der verwunderten Elfe einen Blick wert. Das verschmuste, in seinem Glück aufgehende Pärchen beim Laternenmast ebenso. Mit pochendem Herzen setzt sie ihren Streifzug fort, Eindruck um Eindruck prasselt auf ihre Augen ein. Taxis wischen an ihr vorbei, wieseln um die Ecke. Schaufensterpuppen drehen sich nach ihr um. Hydranten dackeln gleich Kobolden dahin. Die ganze Szenerie lebt, alles wirkt neu und aufregend. Die Stunden im Häusermeer vergehen wie im Flug, bis dann irgendwann die Sonne über die Dächer kriecht, der Tag mit einem Knall anbricht. Die Helle flutscht in jede Ritze, prallt auf Glasscheiben, wird von Metall reflektiert. Im Licht der Sonne geht der Elfe endgültig das Herz auf. Gerät der Ausflug in die Stadt zum Triumph der Neugier. Und sie lächelt und lächelt…

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Schatzkästchen 53: RIVE – Vogue

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Nachdem es in den letzten 2 Wochen ein wenig ruhiger auf dem Blog war, werden wir nun im Angesicht des Frühlings wieder aktiver. So einige Tracks, die wir uns in den letzten Wochen notiert haben, sind bislang leider noch nicht auf dem Blog erwähnt worden. Das wollen wir schleunigst nachholen und ausgerechnet mit einer Formation aus Brüssel beginnen. Nun ist Belgien dieser Tage in aller Munde, wird als Chaosland mit finsteren Vierteln geschmäht. Vielleicht macht es gerade in Zeiten wie diesen Sinn, mit Brüssel mehr als nur böse Terroristen und eine chronisch uneinige EU zu assoziieren. Kultur ist immer eine sichere Sache, um sich in ein Land (neu) zu verlieben. Die geschätzte Kollegin Eva-Maria liefert auf ihrem auf Belgien fokussierten Musikblog Plan My Escape Woche für Woche neue Gründe, warum die Nennung des Namens Belgien uns nicht erschaudern lassen muss. Mitte März hat sie beispielsweise die famose Formation RIVE für uns aufgespürt. RIVE sind noch ein unbeschriebenes Blatt, eine Debüt-EP ist für dieses Jahr angekündigt. Mich hat ein erster Vorgeschmack jedoch sofort begeistert! Das Lied Vogue weckt Erinnerung an eine Zeit, als französischsprachiger Pop auch in den Hitparaden hierzulande keine Seltenheit war. Den Jüngeren unter den Lesern muss man vielleicht nochmals verklickern, dass in den Siebzigern und Achtzigern lasziver, leichter French Pop Glücksgefühle ohne Ende verursachte. RIVE knüpfen zumindest mit Vogue an diese Tradition an. Das sieht auch die Kollegin Eva-Maria so, die den Reiz der Nummer so auf den Punkt bringt: „Der einzig bislang veröffentlichte Track „Vogue“ ist jedenfalls ein edles, elegantes und raffiniertes Stückchen Elektropop im France-Gall-Modus. Das erst richtig abzuheben beginnnt, wenn zum Ende hin die satten Synthies einsetzen. Da kriegt man ja sehnsüchtiges Herzklopfen, so schön schimmert das!“

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Schlaglicht 44: Mynth

Sinnlichen, geheimnisumwitterten Electro-Pop mit Trip-Hop-Komponenten hat die aus Salzburg stammende Formation Mynth anzubieten. Synthie-Klänge werden dabei von markanten, fast quirligen Beats durchkreuzt, die Spannung von sphärischem Ambiente und weltlichem Puls bildet die Basis für eine ausgesprochen souverän wirkende weibliche Stimme, die jene elektronischen Klänge mit viel Seele behaftet. Mit dem Debütalbum Plaat II beackert das Geschwisterduo zwar ein Metier, dem nicht erst seit gestern einige Aufmerksamkeit zuteil wird, zugleich gelingt es vielfach eigene Akzente zu setzen. Wo Kollegen und Kolleginnen oft auf völlige Unterkühltheit setzen, vermögen Mynth ab und an durch mit kräftig Emotion verbrämte Pophymnen zu überraschen. I’m Good etwa ist ein wunderbar schillernder, ergreifender Track. Manchmal sind Anleihen an die elegante Abgründigkeit von Portishead anzumerken, auch eine unstete, an die goldenen Zeiten der Achtziger erinnernde Düsterkeit sticht durch. So begeistert der Eröffnungstrack Lola durch eine facettenreiche Textur aus Romantik und Verzweiflung, Synthies flirren, Synthies quaken, ein blechern-bleierner Beat pocht, wimmernde Effekte wabern, all dies lässt eine dramatische Aura erstehen, in der der Gesang voll beschwörerischer Eindringlichkeit und entscheidungsschwerer Unsichterheit bebt.  Weiterlesen

Schatzkästchen 42: Kaleida – Detune

Wenn der Funke überspringt, dann tut er das im Falle von Musik meist binnen Sekunden. Das liegt einerseits daran, dass der durchschnittliche Hörer – und nicht nur der – kaum gewillt ist, sich ewig und drei Tage mit Musik zu beschäftigen, um irgendwie einen Zugang zu finden. Das liegt zum anderen auch daran, dass Musik unmittelbarer wirkt als etwa ein Film. Einem Film räumt man eine gewisse Anlaufzeit ein, um Thema und Protagonisten kennenzulernen. Das Schicksal eines Lieds ist praktisch schon mit den ersten Takten entschieden. Beim Londoner Electro-Pop-Duo Kaleida hatte ich sofort Annie Lennox vor Augen. Vieles in der Art des Gesang ließ auf eine unterkühlte Epigonin schließen.  Weiterlesen