Schlaglicht 77: UNKLE

Einen Geniestreich wiederholt man nicht so leicht. Nichts anderes nämlich war Psyence Fiction, das James Lavelle und DJ Shadow einst als UNKLE ersonnen hatten. 19 Jahre ist das mittlerweile her, man mag es kaum glauben. Und was für hochkarätigen Gäste dieses Werk erst schmückten: Richard Ashcroft! Thom Yorke! Erster begeisterte auf dem famosen Track Lonely Soul, Yorke steuerte Rabbit In Your Headlight bei. Dieser Song wiederum darf sich eines der besten Musikvideos aller Zeiten rühmen. Leider hatte die Zusammenarbeit von Lavelle und DJ Shadow nicht länger Bestand. Letzter brachte noch einige LPs heraus, die die Electronica nachhaltig prägten, ehe er Mitte der 2000er einen kreativen Irrweg einschlug und durch ein langes Jammertal wanderte. Lavelle und sein UNKLE dagegen vermochte auch mit neuen Partnern hörenswerte Klänge abzuliefern, ohne je ganz an das Debüt heranzureichen.

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Schatzkästchen 90: BEAK> – Sex Music

Damon Albarn wird ja gern als musikalischer Tausendsassa verehrt. Und ganz verkehrt ist diese Anerkennung nicht. Musikalische Connaisseure können aber noch spannendere Künstler nennen. Etwa den virtuosen Herrn Geoff Barrow. Bei diesem Namen mag es nicht sofort bei jedermann klingeln. Aber als eines der Hirne von Portishead hat er die jüngere Musikgeschichte entscheidend geprägt. Und was er seit einigen Jahren zusammen mit den Mitstreitern Billy Fuller, Matt Williams (bis 2016) und neuerdings Will Young als BEAK> auf die Beine stellt, kann sich ebenfalls hören lassen. BEAK> wird von den Beteiligten wohl vor allem aus Hobby betrachtet, die große Ambition diese Klänge mit sehr viel Tamtam zu vermarkten, kann ich bei besten Willen nicht erkennen. Das ändert jedoch nichts an der Großartigkeit, von welcher sich mindestens 99 Prozent aller Musikschaffenden so einiges abschauen könnten.

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Schatzkästchen 84: Forest Swords – The Highest Flood

Zugegeben, ich bin in puncto Kino nicht länger auf dem Laufenden. Vielleicht rede ich also Stuss, wenn ich mir eine Neuauflage der goldenen Zeiten der späten Sechziger und frühen Siebziger herbeisehne. Jene Zeiten des politischen Films als ein Costa-Gavras großartige Filme gemacht hat, die von einem Mikis Theodorakis kongenial musikalisch ausgestaltet wurden. Ebenfalls hervorragend: Gillo Pontecorvos Film Queimada, der die sozialen Spannungen kolonialer Zeiten abbildete. Hier zeichnete der Meister Ennio Morricone für den Soundtrack verantwortlich. Vielleicht gibt es ja auch heutzutage eindringliches Kino mit starken Bildern und toller Musik. Möglicherweise ist es mir nur entgangen. Falls dem jedoch nicht so, könnte man zumindest in musikalischer Hinsicht rasch Abhilfe schaffen. Das Projekt Forest Swords des Briten Matthew Barnes erschafft Klangwelten von höchster Eindringlichkeit. Schon das Album Engravings (2013) vermochte mich zu begeistern. In seinen stärksten Momente vermengt es vorzeitlichen Beschwörungstanz mit dunkler Electronica, besticht mit archaischem Industrial. Ich kann mir richtiggehend ausmalen, wie diese Musik Dystopien begleitet, düsteren Realismus ausstaffiert.  Weiterlesen

Berlin als Großstadtdschungel erfahren – Jay Daniel

Mit urbanen Beats, die ausgesprochen funky daherkommen, möchten wir ins Musikjahr 2017 starten. Ja, das Album von Jay Daniel ist zwar schon im November des vergangenen Jahres erschienen, aber irgendwie wollte Broken Knowz nicht so recht in die adventliche Stimmung passen. Nun aber, wo sich der Alltag wieder eingestellt hat, fällt mir momentan kaum eine bessere Platte ein, die man auf den Kopfhörern haben könnte, während man durch eine Stadt wie Berlin spaziert. Broken Knows imponiert mit einem spannenden wie beiläufigen Groove, der die Stadt in einen Dschungel verwandelt. Die Rhythmen des Werks haben Seele, die Beats werden von akustischer Percussion gestützt, dazu experimentiert Daniel noch mit jeder Menge Keyboards und Synthies, beweist ein Händchen für Samples. Dieses Debüt versprüht exotisches Flair, das oft so gar nicht zur gängigen Vorstellung vom Ghetto-Biotop Detroit passen will.

Photo Credit: Devin Williams

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Schlaglicht 64: Tricky

Jeder kennt das. Man hat ein leckeres Essen zubereitet, denkt beim Verzehr bereits daran, wie man es beim nächsten Mal variieren und verbessern kann. Oder man hat eine schicke Mütze gehäkelt, nimmt sich nach Fertigstellung aber vor, bei der nächsten Mütze noch mehr farbliche Akzente zu setzen. Das geht uns allen so – und natürlich bilden Musiker keine Ausnahme. Der werte Herr Tricky, der seit ein paar Jahren eine echte Renaissance erlebt, über dessen Anfang des Jahres erschienenes Album Skilled Mechanics ich großes Lob zu vermelden hatte, bildet da keine Ausnahme. Und so nimmt er sich des Tracks Does It nochmals an. Die Nummer erschien ursprünglich auf dem Album False Idols (2013). Nun motzt sie Tricky auf, holt den englischen Rapper CASISDEAD an Bord. Macht so aus einem ohnehin guten Track einen geradezu exzellenten. Der Kontrast aus verführerisch weiblichem Abgesang, CASISDEADs punchigem Rap und einem fast vorsichtig fragenden, flüsternden Tricky beschert Does It faszinierende Abgründigkeit. Wer das Original mit dieser neuen Version vergleicht, begreift sofort, warum Tricky dieses Stück aus der Versenkung geholt hat!

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Stoßseufzer und Willkommensfähnchen – DJ Shadow

Wenn man einmal in kollektive Ungnade fällt, ist es verdammt schwer, Herzen neu zu erobern. Ohne das Schlüpfen in ein Büßergewand geht gar nichts. Meines Wissens hat DJ Shadow eben dies nicht getan. Sein Album The Outsider bedeutete den Knackpunkt der Karriere. Galt er bis dahin als Meister der Samplings und des instrumentalen Hip-Hop, bot The Outsider ein Mischmasch an Genres von mainstreamhaften Pop-Rock à la Coldplay (You Made It) über ein gänzlich absurdes Shakespeare-für-Arme-triff-Irish-Folk-Elfe (What Have I Done) bis hin zu der Menge an hibbeligem Rap, für den viel zu viele Gäste vors Mikro gebeten wurden. Von diesem Flop hat sich DJ Shadow kaum erholt. So sehr er in der ersten Hälfte seiner Karriere mit Lob überschüttet worden war, so durchschnittlich wird sein Schaffen seit The Outsider wahrgenommen. Mit der jünst veröffentlichte Platte The Mountain Will Fall vermag sich Josh Davis nun fast vollständig zu rehabilitieren. Der lange abhandengekommene Flow scheint wiedergekehrt. Als zweites Endtroducing….. überzeugt das Album zwar nicht, dazu fehlt es an der Leichtigkeit, wirkt die Chose mitunter doch sehr ertüftelt, in puncto Kohärenz knüpft es aber wieder an das Debüt von 1996 oder The Private Press (2002) an. Endlich, möchte man stoßseufzen!

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Photo Credit: Derick Daily

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Schlaglicht 55: DJ Shadow

Der Fluch der großen Tat! Jeder, der die Neunziger abseits musikalischen Mainstreams verbracht hat, wird noch heute Loblieder auf das Album Endtroducing… singen. Die 1996 veröffentlichte Platte war nicht weniger als ein echter Meilenstein der Electronica und des instrumentalen Hip-Hop und ihrem Schöpfer DJ Shadow ein Debüt für alle Ewigkeit gelungen. Auch danach blieb der sich durch die Musikgeschichte sampelnde Kalifornier ungemein kreativ. Zusammen mit James Lavelle fabrizierte er als UNKLE das großartige Werk Psyence Fiction. Und als wäre das nicht schon Genialität genug gewesen, erschien 2002 mit The Private Press ein zweites Studioalbum. Speziell der Track Six Days mit dem kongenialen Video Wong Kar-Wais ist bis heute unvergessen. Die elektronische Musik hatte ihr großes Mastermind! Von nun an ging’s bergab. The Outsider von 2006 bescherte der Fangemeinde eine veritable Enttäuschung. DJ Shadow hatte zur Zusammenarbeit geladen und viele waren gekommen, zu viele. „Here, ultimately, the DJ remains resolutely in the background. And that was never the point.“ urteilte NME. „It’s hard to imagine anyone going for the whole album, because it doesn’t hold together.“ schrieb die New York Times. Wer die gesammelten Kritiken zu The Outsider auf Metacritic durchstöbert, merkt rasch, dass sich DJ Shadow mit dieser Platte keinen Gefallen getan hat. Auch zehn Jahre später vermag sie nicht zu überzeugen. 2011 sah schließlich die Veröffentlichung von The Less You Know, The Better, das den geschätzten Meister aus meiner Sicht teilweise rehabilitierte. So wusste etwa das wuchtig-bullige I Gotta Rokk völlig zu überzeugen.

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Schlaglicht 54: Fortressless

Auf Wimmelbilder voller wunderlicher Stimmen hat es das Hamburger Duo Fortressless laut Presseinfo bei seinem Debüt Neoteny abgesehen. Und tatsächlich wird hier Spoken Word mit eher verquerem Electro-Pop vermengt. Die Chose wirkt ertüftelt, fast ein wenig zu streberhaft. Die EP entwickelt Momente, in denen sie ausgelassen herumhüpft, allerdings auch Passagen, in welchen man das Gefühl hat, dass hier die Vertonung eines Poetry Slams aus dem Ruder gelaufen ist. Vor allem die Nummer Let Alone the Sequence und der Titeltrack Neoteny lassen ein wenig ratlos zurück. Denn ja, es wimmelt, jedoch zu viel. Allerdings ist so ein Debüt wohl dazu gedacht, sich auszuprobieren. Und schon Hale and Hearty gelingt es, traumwandlerische Electronica mit entrückten Melodien und Hip-Hop-Untertönen zu einem spannenden Ganzen zusammenzufügen. Als Prunkstück der EP erweist sich aber Smoke Bomb Blisters – und eben dieser Track ist speziell der Grund, warum ich den Lesern Neoteny als Hörempfehlung ans Herz legen möchte. Eine sonnendurchwirkte Wärme durchflirrt Smoke Bomb Blisters, ab und an aufgelockert von einem hibbeligen Singsang. In seiner ganzen Stimmung erinnert dieses Schwelgen an isländische Vorbilder, entwickelt eine Qualität, die zu entdecken lohnt!

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Schlaglicht 51: Programm

Bereits letztes Jahr habe ich auf die Formation Programm hingewiesen, die EP Like The Sun mit Lob überschüttet. Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, auf das letzte Woche erschienene Debüt A Torrid Marriage of Logic and Emotion hinzuweisen. Der Titel mag sperrig anmuten, die Musik jedoch ist edel, wie der Song Jukai belegt. Wenn man sich das Lied wieder und wieder anhört, wird man nämlich von der ästhetischen Kraft der Nummer völlig überwältigt. Es ähnelt einem großen Gemälde von enormer meditativer Qualität, in dessen Farben, Stimmungen und Details einzutauchen lohnt. Jukai ist von Minimalismus geprägt, ein nervös-repetitives Piano bildet das Fundament des Songs, darauf gestülpt wirkt ein fast steriler Drone-Charakter. Auch flirrende Synthies dürfen nicht fehlen. Die oberste Schicht schließlich bildet ein verwaschener und zugleich in höchsten Sphären schwebender Gesang. Leichte Schwere, melodische Melancholie und eine gewisse dunkle Helle durchziehen das Stück, das sich stets seine geheimnisvolle Aura bewahrt. All die Widersprüche klären sich ein Stück weit auf, wenn man man erfährt, dass der Song seinen Namen von einem Waldgebiet um den japanischen Vulkans Fuji geliehen hat. Der Kuroi Jukai, auch bekannt als Aokigahara, zieht nämlich Lebensmüde an wie Licht die Motten. Schon allein dieser Track unterstreicht, dass die Band aus Toronto in den letzten zwölf Monaten nochmals einen Entwicklungssprung gemacht hat. Sämtliche Talente, die sich auf der EP bereits mehr als nur angedeutet haben, treten nun offen zu Tage. Neben diesem grandiosen Track bietet der Plattenerstling übrigens auch ein Wiederhören mit den zwei stärksten Titeln der EP, Like The Sun und Zerozerozero. Letzteres Stück habe ich voriges Jahr derart beschrieben: „Knister-Drums, Piano und eine metzgernde Gitarre untermalen den kontemplativen bis bedrückenden Vortrag Jacob Somas, ehe nach und nach alles auf Synthie-Wogen gen Unendlichkeit schwebt.“  Weiterlesen

Schlaglicht 36: VIMES

Heute möchte ich dem werten Leser in Trance auf der Tanzfläche hüpfende, dabei die Hände in die Höhe streckende Electronica empfehlen. Die in Köln ansässige Formation VIMES macht mit zwei Tracks große Lust auf ihr für Anfang 2016 avisiertes Debütalbum, welches auf den tollen Namen Nights In Limbo hört. Die erste Single Mind etwa besticht durch nächtliche Plüschigkeit, klingt wie die erste Chill-out-Nummer nach einer Ekstase des Tanzes, wenn die Realität allmählich wieder ins Bewusstsein sickert, wenn Intrigen, Eifersüchteleien und Sehnsüchte an die Oberfläche kommen. Mind hält noch hymnische Hormone bereit, bebt noch von der erlebten Trance, während es zugleich nagend und vorwurfsvoll scheint. Dieser Track besitzt eine eigenartige, abgründige Stimmung!  Weiterlesen