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Schatzkästchen 87: Blanche – City Lights

Der Eurovision Song Contest erfüllt Erwartungshaltungen. Der breiten Masse führt er vor Augen, wie weitläuftig und exotisch Europa doch ist. Der begeisterten LGBT-Community bietet er sympathisch-deftigen Trash. Gesetztere Traditionalisten dagegen dürfen sich an Schlager oder kitschiger Folklore erfreuen und über allerlei neumodisches Zeugs wie Rap schimpfen. Zwergstaaten sind dankbar für die Möglichkeit, einmal im Jahr den Nachweis zu erbringen, dass es sie nach wie vor gibt. Selbst wenn sie es nicht leicht haben, weil sie von einem gewissen Ralph Siegel in Geiselhaft genommen werden. Hallo, San Marino! Auch Autokraten – man denke etwa an Aserbaidschan – versprechen sich vom ESC viel, dürfen sie doch ihr Land als heiter bis weltoffen präsentieren. Und nicht zuletzt begeistert die Veranstaltung die Funktionäre der teilnehmenden Rundfunkanstalten, Büffets und Empfänge sind ganz nach ihrem Geschmack. Wer jedoch beim Song Contest ganz selten auf seine Kosten kommt, ist ein Indie-Klängen gewogenes und somit geschmackssicheres Publikum. Das Jahr 2017 beschert in dieser Hinsicht einen unverhofften Lichtblick.

Belgien, bereits seit ein paar Jahren musikalisch im Aufwind, schickt die junge Sängerin Blanche ins Rennen. Ihr Titel City Lights ist das Highlight des Wettbewerbs. Eingebettet in einen geheimnisumwitterten, mit nervösen Synthies behafteten Sound ruht Blanches tiefe Stimme. Ihr unaufgeregter Vortrag trägt balladeske Züge, strotzt vor unterkühlter Eleganz. Schatzkästchen 87: Blanche – City Lights weiterlesen

Conchita Wurst und der Eurovision Song Contest 2014 – Die Gründe für Österreichs Sieg

Wenngleich sämtliche Medien den österreichischen Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 in Kopenhagen schon längst schlagzeilenträchtig durchgekaut haben, lohnen ein paar detaillierte Nachbetrachtungen, die manch Vorurteil ad absurdum führen. Der Triumph von Conchita Wurst ist sogar in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Sehen wir uns also die Gründe einmal näher an.

1.) Der hinter der Kunstfigur Conchita Wurst steckende Tom Neuwirth begann in den Niederungen einer österreichischen Castingshow (Starmania), war Mitglied einer Boygroup, ehe er 2011 in die Rolle der Conchita Wurst schlüpfte und bei einer weiteren österreichischen Castingshow (Die große Chance) teilnahm. Neben diesen Auftritten war er auch im deutschen Trash-TV (Wild Girls – Auf High Heels durch Afrika) zu sehen. Es gäbe also genügend Gründe, über diesen Charakter Wurst die Nase zu rümpfen, ihm die musikalische Integrität abzusprechen. Und doch wurde aus dem unvermeidlichen ESC-Exoten der Liebling der deutschsprachigen Medien. Weil Wurst ausgerechnet in dieser geradezu lächerlich aufgebauschten Umgebung des Song Contest eine Würde gefunden, die märchenhafte Verwandlung von der Witzfigur hin zur Ikone vollzogen hat. In diesem mit Kalkül und Klischees und krampfhaft guter Laune ausgestatteten Bewerb wurde Wurst zum einprägsamen, eindringlichen Gesicht in einer Reihe sonst gesichts- und überwiegend talentloser Interpreten. In einem Ambiente, wo Amateure um Professionalität ringen, wurde die Drag Queen zur authentischen Persönlichkeit, die andere nur vorgeben zu sein. Es erwuchs die Diva, im eigentlich unpassendsten Moment. Unter dem Eindruck dieser Verwandlung trommelten kurz vor knapp die wohl vorerst zurecht skeptischen deutschsprachigen Medien für Conchita Wurst. Denn hier hat sich jemand aus den Niederungen von RTL-Reality und Casting-Quatsch wirklich emporgeschwungen, gleich einem Phoenix aus der Asche einer Karriere.

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Die ungeschminkte Wahrheit über den Eurovision Song Contest 2011

Dem Eurovision Song Contest mit Häme zu begegnen, zumindest aber mit distanziertem Kopfschütteln, gehört zu den einfacher zu bewältigenden Aufgaben des journalistischen Handwerks. Wobei die Begleitung der diesjährigen Ausgabe ein wenig mehr Fingerspitzengefühl verlangt, weil sich kaum ein Blatt offen feindselig gegen ein Mega-Veranstaltung im eigenen Land positionieren möchte. Ei freilich, das ewig tumbe Gemeckere bezüglich horrender Kosten war im Vorfeld ab und an präsent. Doch machen wir uns nichts vor, den Berufsnörglern kann öffentlich-rechtlicher Rundfunk ohnehin nie genügen. Entweder wird mangelnder Anspruch moniert oder quotentechnische Debakel süffisant breit getreten. GEZ-Gebühren werden nach Ansicht vieler Kritiker jedoch immer verschwendet. Doch die Welle der letztjährigen Euphorie führte zu einem mehrheitlichen Wohlwollen der Medien, das zwar durch die Wahl des Austragungsortes, dem Kaff Düsseldorf nämlich, strapaziert wurde, allerdings erst durch den unspektakulären, Taken By A Stranger gebärenden Vorentscheid in allmähliche Opposition mündete.

Der Eurovision Song Contest scheitert seit 20 Jahren an den eigenen Ansprüchen. Für ein paar Stunden will er rückwärtsgewandte wie fortschrittliche Länder, arme und reiche Staaten, halbseidene Demokratien und vor Patriotismus platzende Nationen auf das Konzept der Völkerverständigung einschwören. In einer Handvoll Minuten müssen sich die Teilnehmer zu präsentieren wissen, werden in ein perfekt durchchoreografiertes Korsett gezwängt, das jedwede Spontanität und Emotion dem Zeitplan opfert. Überwiegend völlig unbekannte Sänger und Bands werden per Fernsehkommentar in wenigen mehr oder minder pointierten Sätzen dem Zuschauer vor die Nase gesetzt. In Zeiten von Castingshows, die sich unter anderem deshalb einer Beliebtheit erfreuen, weil die persönlichen Schicksale der Kandidaten mittels überdimensionierter Seelen-Peepshow breitgetreten werden, überfordert man zumindest jugendliche Zuseher, die Musik plötzlich ohne tränendrückende Begleitgeräusche serviert bekommen. Dagegen nimmt DSDS mit seinem Faible für gefallene Bengel und Zickenkriegen den Konsumenten viel mehr an die Kandare.

Jedes Land versucht sich auf andere Art im Kurzzeitgedächtnis der Seher zu positionieren. Hanebücherne Skurillität hat sich in der Vergangenheit als oftmals deppensichere Strategie erwiesen. Zum Herzerweichen vorgetragene Treuherzigkeit, verbunden mit dem inbrünstigen Wunsch nach Weltfrieden, wird ebenso gerne als Option betrachtet. Schwülstiger Pathos samt schmalzig verbrämter Folklore zählt zu den Spezialitäten des Balkans, während Schweden meist mit derart glattem Pop auftritt, der selbst unter mikroskopischer Betrachtung keine Brüche oder Furchen aufweist. Von der meisterlichen Darreichung von Ethno-Pop-Trash ganz zu schweigen, hierin werden osteuropäische Staaten noch lange unerreicht bleiben. Wer keinen blassen Schimmer sein Eigen nennt, der wendet sich in der Not sogar zur Authentizität hin, versucht es mit staubtrockenem Rock. Der Song Contest bietet alles auf: Blutige Amateure, halbprofessionelle Musiker und ab und an echte Talente. Von zeigefreudigen Sternchen, deren Rocklänge wohl vom internationalen Gynäkologenverband bestimmt wurde, bis hin zu Vollblütern, deren Kunst bestenfalls im eigenen Land Anklang findet.

Das sterile Konzept der Show verlangt nach billigen Gedächtnisstützen, die den Zuseher nicht überstrapazieren. Der Veranstaltung daraus einen Strick zu drehen, heißt auch die Charts-Realitäten zu negieren. Wofür sich eine halbnackte, lediglich in Marketing-Millionen gehüllte Lady Gaga nicht zu schade scheint, das sollte der Gesangslehrerin aus Warschau oder dem frischgebackenen Casting-Starlet aus Riga nicht verwehrt bleiben. Und doch wird der Pop-Ikone in ihrem Gehabe Erotik unterstellt, während man letzteren vorurteilsbeladen osteuropäische Straßenstrichqualitäten attestiert. Der häufig proklamierte Trash-Faktor ist oft lediglich der Balken im eigenen Auge. Die Geistlosigkeit vieler Beiträge spiegelt die Fantasielosigkeit des Hitparaden-Gedudels im Radio wider, mit dem Unterschied, dass für die Produktion des Hits einer Katy Perry wesentlich mehr Geld in die Hand genommen wird. Die Ästhetik des Musikvideos mag der State of the art entsprechen, die Glitzerkostüme tatsächlich mit Diamanten anstatt Strass besetzt und am Refrain drei Monaten mehr gefeilt worden sein. Knackarschmusik bleibt aber letztlich Knackarschmusik.

Der voyeuristische Faktor des Fernsehens potentiert sich laufend. Und doch existiert ein Urbedürfnis nach Monströsitäten. Freak-Shows gab es schon immer, wo aber früher die Deformationen eines Joseph Merrick das Publikum lockte, langt heuzutage bereits schrillst mögliche Verhaltensauffälligkeit. Natürlich bedient sich manch teilnehmendes Land bis zur Fremdschamgrenze agierender Exhibitionisten, die für ein Butterbrot der Selbstausbeutung huldigen. Und die Penetration vernunftbefreiter Idiotie sollte man ruhig bemäkeln, allein man tut es kaum. Weil die Macht der Gewohnheit solch Verhalten längst schon zur Normalität erhebt. Was also lässt den Eurovision Song Contest derart belächelnswert oder spottheischend wirken?

Mehr als alle Melodien und Texte ohne Sinn und Verstand reizt das vom Boulevard angeheizte Volksempfindungen die Punktevergabe. Wenn sich südliche wie östliche Nachbarn gegenseitig Punkte zuluchsen, empört das Selbstverständnis der westlichen Länder, die sich noch immer als eigentlichen Hort der europäischen Kultur begreifen. Hier äußert sich das echte, meist auf ein bis zwei schlagzeilenträchtige Tage angelegte Dynamit des Wettbewerbs. Traumata werden geschürt, Verschwörungstheorien zelebriert, allein die Qualität des eigenen Wettbewerbbeitrags zu selten hinterfragt. Die mit kindischem Trotz vorgebrachte Ereiferung, wonach die anderen Lieder auch keine Offenbarung darstellten, entschuldigt den eigenen Bockmist kaum. Im Gegenteil, Lena Meyer-Landrut bewies 2010 in Oslo eindrucksvoll, dass man unter Einhaltung qualitativer Mindeststandards auch manch unverbrüchliche Staatenbande unterlaufen kann.

Welche Erkenntnisse liefern uns die bisherigen Halbfinali? Unter welchen Vorzeichen darf man dem morgigen Finale entgegenfiebern – oder es mit einer ordentlich Portion Argwohn über sich ergehen lassen? Die vermeintlichen Favoriten Jedward (Irland) kaschieren ihr mangelndes Talent trotz exaltierter Hampelei kaum. Ein einziges – mir will die Bezeichnung gar nicht über die Lippen kommen – Lied Lipstick lang mag diese auftoupierte Belustigung funktionieren, steht zumindest zu befürchten. Ein weiterer Tiefpunkt kommt aus dem auf Tiefpunkte spezialisierten Serbien. Ein dermaßen giftfarbiger, sich im Retro-Sumpf suhlender Wohlfühl-Song wie Čaroban, vorgetragen von einer burschikos ausstrahlungsarmen Nina ist Wasser auf die Mühlen derer, die den Song Contest mit fortwährenden Kassandrarufen begleiten. Will man über den für die letzten beiden Jahrzehnte prototypischen Beitrag zu diesem Event auf gut drei Minuten aufgeschlüsselt bekommen, empfiehlt es sich, Ungarn zu beäugen. Kati Wolf liefert mit dem sinnigen wie ironiefreien What About My Dreams? eine kräftige Pop-Ballade mit unverwüstlich gestampftem Beat und obligatorischem Backgroundchor. Wenn man nach dem penetrantesten Titel für ein Lied sucht, wird man bei Österreich fündig. The Secret bei solch einer Veranstaltung is – selbstredend – Love, weiß Nadine Beiler zu erzählen. Meine Landsleute haben zumindest eine junge Dame entsandt, die über stimmliche Qualitäten verfügt. Auf ein properes Lied wurde vergessen. Dieses Schicksal teilt auch Dänemark, dessen New Tomorrow aus einem leidlichen Refrain besteht, dargereicht von A Friend In London, die wie eine Boygroup mit gut drapierten Musikinstrumenten auftreten. Den Gipfel der Unverschämtheit erklimmt Schweden mit einem Schönling samt ausgesucht dünnem Stimmchen, welches dem Mantra Popular huldigt. Während Eric Saade unverständlicherweise das Finale erreichte, wurden allzu simpel gestrickte Refrains (Israels Dana International mit Ding Dong oder auch Emmy (Armenien) und ihr Boom Boom) 2011 durchwegs mit frühem Ausscheiden abgestraft. Die votierenden Zuseher lassen sich nicht gänzlich verarschen, wie Norwegens Stella Mwangi mit Haba Haba zurecht erfahren durfte. 2011 ist eben nicht 2010 und die Fußball-WM hat uns bereits ganz waka waka gemacht. Weshalb jedoch das milchgesichtige Musterschwiegersöhnchen Paradise Oskar mit der Weltverbesserungshymne Da Da Dam in die Entausscheidung kam, bleibt ein veritables Rätsel. Angesichts dieses finnischen Kandidaten wünscht man sich Lordi zurück.

Vereinzelte Lichtblicke gab es jedoch auch zu vermelden. Die Türkei brachte dank Yüksek Sadakat mit Live It Up eine blitzsaubere Rocknummer in Stellung, die es unter die besten 25 hätte schaffen müssen. Erfolgreicher schnitten Eldrine aus Georgien ab, die mit One More Day einen auf Linkin Park machten. Das wäre auch Bulgariens Poli Genova (Na Inat) trotz unvorteilhaftem Styling zu gönnen gewesen. So jedoch beschallen uns strunzlangweilige Rumänen, eine schrecklich altbackene Combo aus Island und ein talentfrei trällerndes Duo aus Aserbaidschan. Gesellen sich zu den vorqualifizierten Big 5, von denen lediglich Raphael Gualazzi beim italienischen Comeback dank Madness Of Love einen Hauch von Paolo Conte versprüht. Und natürlich Deutschland mit Lena einen vorzeigbaren Trumpf besitzt.

Es bleibt anzunehmen, dass die hiesigen Vorurteile nach dem Düsseldorfer Intermezzo wieder aufflammen. Dass schieres Bashing eine eingehende Bestandsaufnahme der Gründe für den Status quo verhindert. Der Eurovision Song Contest wird nie zur Brutstätte höchster Sangeskünste werden, er bildet das mehrheitliche Versagen der Programmverantwortlichen ebenso ab wie die niveaubefreiten Vorlieben der vor dem Fernsehschirm versammelten Seher. Er ist eine gewollt profillose Veranstaltung, die den Teilnehmern für 3 Minuten internationale Aufmerksamkeit verspricht, die diese mehrheitlich mit billigen Effekten auszudehnen trachten. Warum auch nicht?

SomeVapourTrails

Focus Online und der Song Contest – Eine Horrormär

Ladies and Gentlemen, Mesdames et Messieurs, aufgepasst! Wenn Focus Online seiner Enthüllungsverpflichtung nachzukommen gedenkt, dann in einer wahrlich leidenschaftlichen wie aufdeckerischen Manier. Da werden im allgemeinen Jubel durchaus die Gehirnwindungen strapaziert und mit ernsthaft gefurchten Sorgenfalten erschreckende Wahrheiten dem enthusiasmierten Volk unter das Stupsnäschen gepudert. Armes Deutschland, erst nagte die plagende Wirtschaftskrise und nun geht die ARD vor die Hunde, weil sie sehenden Auges in das Schlamassel der Austragung des nächstjährigen Eurovision Song Contests schlitterte.

Man will nahezu in Schockstarre versinken, wenn man sich das Szenario, welches der Focus so an die Wand malt, in all seiner Tragweite ausmalt. Da wurde eine blutjunge Castingshow-Dilettantin auf das für einige Tage in Oslo auf Friede, Freude und Eierkuchen getrimmte Europa losgelassen und tatsächlich vermochte die sympathische Göre den Pott nach Deutschland zu holen. Nun darf sich die ARD unter Federführung des NDR gar Ausrichter der kommenden Auflage des Gesangswettbewerbs schimpfen.  Damit verbunden scheinen jedoch auch ernste finanzielle Schwierigkeiten, wie Focus Online betont. Laut dem Magazin musste das norwegische Fernsehen die Übertragungsrechte für die Fußball-WM verscherbeln, um sich den Song Contest 2010 überhaupt leisten zu können. 25 Millionen Euro, die zahlt man nicht so einfach aus der Portokasse.

Foto: NRK/EBU (Wieviel allein das Logo des diesjährigen Song Contests verschlungen haben mag?)

Aber fokussieren wir unser Augenmerk für einen Moment auf die Veranstalter der letzten 10 Jahre: Russland (2009), Serbien (2008), Finnland (2007), Griechenland (2006), Ukraine (2005), Türkei (2004), Lettland (2003), Estland (2002) und Dänemark (2001). Volkswirtschaften von Weltrang zweifelsohne, die das nötige Kleingeld im schicken Portemonnaie erklimpern lassen, um solch einer Verantschaltung das gewisse Etwas an Glanz zu verleihen. An jenen Ländern darf und soll sich Deutschland besser nicht messen, mit Größenwahn hat man hierzulande ja bereits allerschlechteste Erfahrungen gemacht.

Wie bloß will man dem drohenden Ungemach anders begegnen als mit blankem Entsetzen? Besonders die kleineren TV-Sender und Radiostationen der ARD werden ums nackte Überleben lechzen müssen, mutmaßt der Focus. In solch schwierigen Zeiten katapultiere Stefan Raabs nationale Aufgabe Deutschland in ein Fiasko. Wie nur konnte den seit Jahren das Verhängnis mit Superwaffen wie den No Angels oder Alex Swings Oscar Sings! erfolgreich bekämpfenden ARD-Granden ein derart übler strategischer Fehler unterlaufen? Eine Veranstaltung in die Heimat zu holen, die zumindest von den Kosten her jede Cholera- oder Schweinegrippe-Epidemie in den Schatten stellt, das war eine kalkulierte Öffnung von Pandoras Büchse.

Was wurde Lena Meyer-Landrut seit Samstag nicht überschwänglich beklatscht. Die Wahrheit freilich, und nichts anderes präsentiert uns der Focus, eben diese Wahrheit offenbart eine herbe Galligkeit. Für den Song Contest 2011 muss Deutschland eine bittere Zeche zahlen. Ganze Landstriche werden sich von blühenden Landschaften in brache Felder wandeln, nun da marodierende Teilnehmer aus allen Ecken Europas wie Heuschrecken über das Land her zu fallen drohen. Die sangeswilde Meute mag Deutschland das allerletzte Tröpfchen Blut aus den Adern nuckeln. Niemand soll sagen, der Focus hätte nicht davor gewarnt.

Immer dann, wenn sich die Frage stellt, warum Blogger dem sogenannten Qualitätsjournalismus nicht das Wasser reichen können, darf der knallharte investigative Journalismus des Focus als leuchtendes Beispiel aufgezeigt werden. Ich kleiner, dummer Spaßblogger hätte das Damoklesschwert dieses finanziellen Super-GAUs vermutlich erst dann wahrgenommen, wenn es mich bereits in tausende Teile pulverisiert hätte. Dabei bildete ich mir doch soviel darauf ein, dass ich Umwegrentabilität zu buchstabieren imstande bin.

Link:

Eurovision Song Contest: Die Rechnung, bitte (nicht) auf Focus Online

SomeVapourTrails

Mission Lena gelungen – Die Gründe für den Erfolg

Immer wenn der Eurovision Song Contest zur völligen Farce zu verkommen droht, kommt von irgendwo ein Act daher, welcher die Reputation vor der völligen Verwesung rettet. Mehr noch zeigt, dass man auch ohne ausgeprägte Seilschaften mit Nachbarländern tatsächlich eine realistische Siegeschance sein Eigen nennen kann. Es bedarf einfach eines in der Gesamtheit stimmigen Packages. Dass Lena Meyer-Landrut Deutschland einfach so den erst zweiten Sieg in den 55 Jahren dieses Wettbewerbs bescherte, scheint Ergebnis eines von Anfang an konsequent aufrichtigen Konzeptes.

Foto: Indrek Galetin (EBU)

Vom ersten Moment an versprühte Unser Star für Oslo den Willen zu bereits beinahe für unmöglich gehaltener Seriosität. Stefan Raab wollte ein bislang ungehobenes Talent schürfen, welches Können mit Ausstrahlung verband – und sich nicht mit irgendwelchen Geschichtchen über das traurige Schicksal seines Haustiers oder den tragischen Tod des Schwippschwagers  in die Herzen der Zuschauer flennt. Mit solch Kinkerlitzchen mag man zwar aufgeblähte Shows wie DSDS gewinnen, bei einem auf 3 Minuten zurechtgestutzen Auftritt in fernen Gefilden nützt solch Pipifax nichts. Damit umschiffte Raab das größte Castingshow-Fettnäpfchen mit Bravour. Der Geist des Wohlwollens gegenüber den Teilnehmer sprang auch auf die vor dem Fernseher befindlichen Menschen über, die für kurze Zeit die niederen voyeuristischen Instinkte in die Besenkammer stellten und der so gewollt auf Echtheit setzenden Show Aufmerksamkeit schenkten.

In Zeiten sich täglich überschlagenden wirtschaftlichen Krisenmeldungen reagiert man entweder mit Weltflucht oder aber wendet sich hin zur absoluten Authentizität. Und da man Lena Meyer-Landrut ihre unverkrampft-kecke Direktheit ebenso abnahm wie ein gerüttelt Maß an Lebensfreude, setzte sie sich letztlich nicht nur in hiesigen Gefilden durch, vermochte mit dem Titel Satellite auch Europa einzunehmen. Nach all dem Schnickschnack der letzten Jahre wurde quer durch alle Länder ein vermehrter Zuspruch zur unverkitschten Ehrlichkeit laut. Dem eitlen Ethno-Ramsch von der Stange erteilte man eine klare Absage, schmalzbesudelte Balladen wurden als Gewimmer enttarnt und skandalös nichtssagende Nummern mit Verachtung gestraft.

Dass Kalkül pompös zelebrierter musikalischer Minderleistung versagte gestern. Anstelle von nackter Haut mit jeder Menge Dekolletee überwog der Wunsch nach jugendlicher Frische. Man besann sich auf den eigentlichen Mittelpunkt des Wettbewerbs: Das Lied. Nicht irgendwelche Präsentations-Gags erschlichen sich die Zusehergunst, vielmehr zündete eine ungewohnte Reduktion auf den Vortrag. Nach dem von Alexander Rybak 2009 mit Fairytale beschworenen Eskapismus, erwählte man kesse Jugendlichkeit, die sich nicht auf reine Fassade beschränkt.

Ich werde auf absehbare Zeit keinem Fanclub der adretten Lena beitreten. Fräulein Meyer-Landrut muss mich erst überzeugen, dass ihre spezielle Art der Interpretation mehr als nur zwei oder drei Lieder trägt. Dass sie aber einem guten – keinesfalls genialen – Song wie Satellite eben durch all ihre Eigenheiten wie motorische Verrenkungen und Akzent auf einen ohrwürmernen Level hievt, beweist mir jedoch, dass es mehr braucht als schönen Singsang oder melismatisches Geplärre. Während Castingshow oft und gern ein ausstrahlungsfreies Wesen suchen, in welches man möglichst viel Stereotypen hineinzupropfen sucht, so vermag die frischgebackene Siegerin des Song Contest ihre Persönlichkeit in ein Lied einzubringen. Das führte zum Triumph.

Nun sollte man die gestrigen Konkurrenten doch auch ein wenig näher beleuchten. Denn letztlich bedeuteten sie die Trittleiter zum Erfolg. Erst Schund pflasterte Deutschland den Weg. Kommen wir zu dem absoluten Sorgenkind: Großbritannien. Irgendwie scheint es jenseits des Vorstellungshorizonts, dass ein Mutterland moderner Musik immer nur mit übelstem Schrott anrückt. Was Josh Dubovie mit Hilfe der einst mal für eingängiste Seichtigkeit prädestinierten Stock und Waterman in den Äther krächzte, war eine Unverschämtheit der Extraklasse, landete zurecht unter ferner liefen. Auch Verspasstheit strafte das Publikum ab. Schablonenhaft auf Pep geeichter Balkan-Pop samt gnadenlos androgynen Sänger wurde Serbien in Form von Milan Stanković zum durchschnittlichen Verhängnis. Derart penetrant die Ethno-Keule zu schwingen, das schrie nach einer Abfuhr. Selbige erhielten sogar die smarten Iren, die tatsächlich große Gefühle in einer gänzlich mit Weichzeichner geschriebenen Ballade vorzugaukeln suchten. Da konnte auch die wuchtbrummende Niamh Kavanagh mit ansprechender Stimme nichts mehr retten. Allerdings vermochte auch das schlüpferbefeuchtende Aussehen des Norwegers Didrik Solli-Tangen nicht zu reüssieren. Gott sei Dank!

Auf den vorderen Plätzen fanden sich hauptsächlich Songs, die auf eine nette Melodie oder guten Vortrag verweisen konnten. Knapp geschürzte Versexungen mit Gesangsuntermalung waren 2010 einfach nicht en vogue. Mit dem Belgier Tom Dice kam das Singer-Songwriter-Metier zu unverhofften Ehren. Der Titel mutete zwar überraschungsarm an, klang aber solide und lebte vom bescheiden-treuherzigen Wesen des Künstlers. Die türkische Band maNga bezeugte, dass man mit ansprechender Modernität sogar beim Eurovision Song Contest Erfolg einheimsen darf. Komplett deplaziert dagegen die Durchschlagskraft des rumänischen Duos Paula Seling & Ovi, die einen im Rahmen dieser Veranstaltung bereits zu oft dargereichten 08/15-Refrain trällerten.

Der Song Contest wird vermutlich auch in absehbarer Zeit kein Hort der Hochkultur. Die ausgesendeten Signale lassen jedoch darauf schließen, dass es wieder zu einer längerfristigen Hinwendung zu Authentizität kommen könnte. Mit Lena Meyer-Landrut scheint der erste Schritt gemacht. Nicht dass Deutschland gewonnen hat, darf erfreuen, was zählt, dies ist die sympathische Art und Weise.

Endergebnis:

1 Deutschland – Lena – Satellite 246
2 Türkei – maNga – We Could Be The Same 170
3 Rumänien – Paula Seling & Ovi – Playing With Fire 162
4 Dänemark – Chanée & N’evergreen – In A Moment Like This 149
5 Aserbaidschan – Safura – Drip Drop 145
6 Belgien – Tom Dice – Me And My Guitar 143
7 Armenien – Eva Rivas – Apricot Stone 141
8 Griechenland – Giorgos Alkaios & Friends – OPA 140
9 Georgien – Sofia Nizharadze – Shine 136
10 Ukraine – Alyosha – Sweet People 108
11 Russland – Peter Nalitch & Friends – Lost And Forgotten 90
12 Frankreich – Jessy Matador – Allez Olla Olé 82
13 Serbien – Milan Stanković – Ovo Je Balkan 72
14 Israel – Harel Skaat – Milim 71
15 Spanien – Daniel Diges – Algo Pequeñito (Something Tiny) 68
16 Albanien – Juliana Pasha – It’s All About You 62
17 Bosnien und Herzegovina – Vukašin Brajić – Thunder And Lightning 51
18 Portugal – Filipa Azevedo – Há Dias Assim 43
19 Island – Hera Björk – Je Ne Sais Quoi 41
20 Norwegen – Didrik Solli-Tangen – My Heart Is Yours 35
21 Zypern – Jon Lilygreen & The Islanders – Life Looks Better In Spring 27
22 Moldawien – Sunstroke Project & Olia Tira – Run Away 27
23 Irland – Niamh Kavanagh – It’s For You 25
24 Weißrussland – 3+2 – Butterflies 18
25 Großbritannien – Josh Dubovie – That Sounds Good To Me 10

Link:

Eurovision Song Contest auf ndr.de

Peter von Schallgrenzen sieht es ähnlich

SomeVapourTrails

Cogito, ergo Plumpsklo (Stippvisite 27/05/2010)

Cogito, ergo Plumpsklo. So oder so ähnlich agieren viele marktschreierischen Strolche, die im Internet ihre Ausscheidungsprodukte absondern, als Linkschleudern Traffic heischen und jeden kleinen Furz von einer Meldung aufbauschen. Ich hänge ja der Meinung nach, dass Neuigkeiten auch immer in einen Kontext zu setzen sind und einer Beurteilung harren. Wenn ich also auch heute wieder dem werten Herren oder der geschätzen Dame Empfehlungen aus dem Nähkästchen plaudere, dann in gesittetem Tonfall und mit der fein geschliffenen Klinge der Herzenswärme.

Lesetipp:

Benedikt von den Schallgrenzen hat kluge Überlegungen bezüglich Gewalt und Musikvideos angestellt. Dass diese weitgehend unkommentiert blieben, lässt eigentlich nur zwei Schlussfolgerungen zu. Hat er nur das Offensichtliche in allzu ausladende Worte gepackt? Oder den Leser mit einem Thema gepiesackt, dass die intellektuellen Kapazitäten des durchschnittlichen Internet-Nutzers überfordert? Ich tendiere zu letzterer Vermutung.

Streamtipp:

Ich habe die Kanadierin Valery Gore bereits im Dezember unbedingt empfohlen. Daran halte ich mit Hartnäckigkeit fest. Darum sei nochmals auf ihr Album Avalanche To Wondering Bear von 2008 verwiesen. Anlass dafür liefert mir ein längerer Artikel auf PopMatters, die die Künstlerin nun mit gebührender Verspätung gewürdigt haben. Zurecht, besonders der Song Worried Head ist wundervoll beschwingt.

Fernsehtipp:

Für Geschmacksfetischisten ist es auf Völkerverständigung gedrillter Trash, für Fans seichter Unterhaltung eine Festivität von weltpolitischer Tragweite. Natürlich liegt die Wahrheit hinsichtlich des Eurovision Song Contests irgendwo zwischen Wahnsinn und Kult. Männliche wie weibliche Dilletanten, die noch Monate zuvor die Straßenstriche Mitteleuropas zierten, für Päderastenmagazine posierten oder als Heilpädagogen ihr zukünftiges Zielpublikum hautnah studierten, werden für kurze Zeit auf die einzigen Menschen losgelassen, die noch weniger Ahnung von Musik haben als die Protagonisten selbst: Das Publikum nämlich. Auch unser Blog wird dieses Phänomen am Wochenende ausgiebig beleuchten. Bis dahin sei auf die Analysen und Berichte von Oslog.tv verwiesen.

Konzerttipp:

Meine Wenigkeit hat ja vor einem Monat bereits White Hinterland einer positiven Erwähnung zugeführt. Das geschah keinesfalls leichtfertig. Und ebensowenig unbedacht empfehle ich deshalb die zwei Deutschland-Konzerte der Band. Als Einstimmung sei nochmals das Video zum Song Amsterdam in Erinnerung gebracht.

07.06.10 Hamburg – Uebel & Gefährlich
08.06.10 Berlin – NBI

Herztipp:

Artig wollen wir uns bei denen bedanken, die Lie In The Sound am 25.05. im Rahmen der Aktion Ein ♥ für Blogs ihr Wohlwollen hier oder da und hüben wie drüben ausgesprochen haben. Für all die Nettigkeiten bedanken wir uns aufrichtig und versprechen auch weiterhin mit ungebremster Freude zu schreiben. Dass auch wir unsere Herzen längst gewissen Blogs geöffnet haben und selbigen freundschaftlich verbunden sind, wird jeder Stammleser freilich wissen. Unsere Blogroll ist keinesfalls gedankenlos zusammengestellt, beinhaltet neben Instanzen wie Daytrotter auch ein paar überaus geschätzte Kollegen. Deshalb wollen wir auch nochmals betonen, dass wir unser Herz für diese Blogger 365 Tage im Jahr schlagen lassen und sie den Freunden unseres Blogs zu jeder Zeit besonders empfehlen. Ob in Indie versponnene Seiten wie Hey Tube oder Coast Is Clear oder all die Kumpanen, die hier regelmäßig in den Kommentaren ihren leckren Senf beisteuern, wir schätzen sie alle sehr.

SomeVapourTrails

Unser Star für Oslo – Der feine Unterscheid

Mögen die Verfechter des Prekariatsfernsehens gute Sitten als Langeweile deklarieren, das Fehlen von starken, bisweilen niveaulosen Sprüchen monieren und den Mangel an Tranendrüsen nährenden Exbitionismus nur begrenzt goutieren, letztlich muss sich Fernsehen ja nicht nach den Wünschen der SZ richten. Der letzte Showdown vor dem großen Finale verdichtete bereits gewonnene Erkenntnisse. Unser Star für Oslo versucht seine Protagonisten zu bestärken und nicht auszubeuten. Das ehrt Stefan Raab, besonders weil hier in Form von Lena Meyer-Landrut ein Kaliber entdeckt wurde, wie es DSDS in hundert Staffeln nicht fabrizieren vermag. Das liegt natürlich daran, dass bei USFO nicht das ewig gleiche Chartsgesülze runtergeleiert wird und die Teilnehmer Musik nicht in erster Linie als Glitzer-Glamour-Show verstehen, sondern Gesang als Mittel des eigenen kreativen Ausdrucks empfinden. Das mag nicht immer überzeugend gelingen, aber zumindest die Haltung verdient Anerkennung.

An der Spannungsschraube wurde gestern erfolgreich gedreht, sahen doch die Regularien vor, dass bereits nach dem ersten Reigen der vier verbliebenen Kandidaten per Voting ein Teilnehmer von der Bühne geschickt werden sollte. Kerstin Freking, die in dem Format die nette, leicht farblose Elfe gab, schied zurecht aus. Bei allen guten Ansätzen fehlte es ihr letztlich an Ausstrahlung und Selbstsicherheit. Sie sollte sich eine Band suchen, vielleicht gerieten ihre soliden Auftritte vehementer, wenn nicht alle Augen auf sie gerichtet wären. Die verbliebenen Drei durften ein weiteres Liedchen zum Besten geben, ehe eine zweite Abstimmung die Finalisten kürte. Mit Christian Durstewitz, der die Show zwar als bunter Hund bereicherte, aber mit seiner speziellen Attitüde teils auch vom eigenen musikalischen Können ablenkte, verabschiedete sich jemand, der schlicht und ergreifen nicht mehrheitsfähig wirkt. Der leicht clownesque Anstrich mag Fans gefallen und binden, aber die Masse fängt damit wenig an. So also kamen Jennifer Braun und besagte Lena Meyer-Landrut in die Entscheidung. Braun nimmt man das rockröhrenhafte Element ab und auch die Wahl ihrer Songs spricht ein breites Publikum an. Sie repräsentiert den besseren Mainstream, gleicht mit Intensität auch schlecht ausgesuchte Songs aus. Doch was bei Braun mit Kraft geschieht, erledigt Meyer-Landrut mit einem irritierten Gesichtsausdruck. Ihr Charisma reicht von nervigster Penetranz bis hin zu feinster Exzentrik. Eine hochgradig wiedererkennbare Stimme wird durch einen sehr eigenen Vortrag verstärkt, dazu wählt die Dame viele Lieder, die eben noch keinen langen Bart haben. Diese Cleverness beeindruckt.

Der gestrige Abend zeigte auch, dass es in der Regel eben doch einen feinen Unterschied macht, ob in der Jury irgendwelche selbsternannten Erfolgsproduzenten oder Manager sitzen oder aber ein Jan Delay. Musiker, die sich den Erfolg erarbeitet haben, wetzen nicht gleich das Messer, sprechen lieber Mut zu, weil sie um die Mechanismen des Geschäfts wissen. Das mag man nun als Floskeln interpretieren, ich zumindest ziehe jene allen Gehässigkeiten vor. Ein Adel Tawil oder Jan Delay sind lieber handzahm als mit markigen Sprüchen auf Kosten anderer profilierungssüchtig. Und Barbara Schöneberger empfinde ich ohnehin als wohltuend, solange sie nicht singt. Über ihren letzten Ausflug in die Musikwelt breite ich daher auch den Mantel des Schweigens. Aus dem schmusigen Grundtenor der Show will ich USFO keinen Strick drehen. Ich bevorzuge bemühte Seriosität, der Schund für die Massen darf ruhig die SZ begeistern.

Link:

Offizieller Webauftritt von Unser Star für Oslo

SomeVapourTrails

Unser Star für Oslo – Zeit für ein Umdenken

Gestern also hatten nun 10 Kandidaten die Möglichkeit, sich mit einer weiteren Performance nachhaltig in der Gunst der Zuseher festzusetzen und ihren Anspruch auf ein Ticket nach Oslo zu unterstreichen. Und wenngleich man durchwegs ordentliche Auftritte zu Gesicht bekam, so verdichtet sich zumindest meine Meinung, dass es in dem Bewerb zwar vielversprechende Talente gibt, aber doch die Frage bleibt, ob diese in so kurzer Zeit heranreifen, um in Oslo mehr als nur eine solide Darbietung abzuliefern. Vielleicht wäre es zum jetzigen Zeitpunkt überlegenswert, ob man die Bürde nicht auf die Schultern zweier Kandidaten abwälzt, somit ein Duo nach Norwegen sendet.

Im Grunde bot der gestrige Abend ein Déjà-vu, fast alle Teilnehmer kehrten ihre Stärken und Schwächen erneut hervor – ohne neue Facetten des Könnens aufzuzeigen. Derart etablierte Lena Meyer-Landrut ihren überkandidelten Vortrag mit dem Song Diamond Dave von The Bird and The Bee. Wenn man ihr genau solch ein exaltiertes Liedchen auf den Leib schneidert, würde sie durchaus erfolgreich sein. Man muss ihr wirklich taktische Finesse attestieren, weil sie eben nicht Lieder irgendwelcher Charts-Stürmer nachträllert und dadurch nicht dem Vergleich mit dem Original zum Opfer fällt. Genau das Problem zeigt sich nämlich bei Katrin Walter. Nach Pink nahm sie sich nun Duffy vor und verblasste gegenüber dieser. Warwick Avenue war einfach nur nett gesungen. Auch Jennifer Braun mit der Interpretation von Like The Way I Do konnte trotz ansprechender Stimme keinen Moment lang die Intensität einer Melissa Etheridge erreichen. Auf Dauer wird sich diese ungeschickte Auswahl rächen. Kommen wir zu Christian Durstewitz, der Daniel Merriweathers Change darreichte. Seine Art des Vortrags wird sich nicht durchsetzen, scheint zuwenig massenkompatibel, obgleich er vom musikalischen Standpunkt einer der reifesten Akteure ist. Doch seine unangepasste Art samt verwuschelten Haaren wirkt genauso gewollt wie überzogen. Im Gegensatz dazu gibt Cyril Krueger den Sunnyboy und lässt wohl die Herzen des weiblichen Geschlechts höher schlagen. Allerdings zeigte seine Performance von Hot Fudge (Robbie Williams), dass ihm noch einiges zum musikalischen Charisma eines Stars fehlt. Apropos Charisma. Selbiges strahlt Leon Taylor aus, gibt sich dabei bescheiden und soft, ohne gleich zu übertreiben und allzu schmusebardig aufzutreten.  Sein Bekenntnis zu deutschsprachigen Songs ist gleichfalls erfrischend, auch wenn man die Wahl von Silbermonds Irgendwas bleibt durchaus mit hochgezogener Augenbraue goutieren musste. In meinen Augen gewann Kerstin Freking zusätzliches Profil. Not Ready To Make Nice von den Dixie Chicks entpuppte sich als clevere Wahl. Sie bot einen rundum gelungenen Auftritt, hatte Power und Zärtlichkeit in der Stimme, balancierte die Komponenten gut aus. Taylor und Freking würden als Duettpartner in Oslo famos funktionieren. Als letzte Kandidatin konnte sich auch Sharyhan Osman für die nächste Runde qualifizieren – mit der Eigenkomposition Feel The Nile. Zu dem Mut darf man sie beglückwünschen, doch Frau Osman gibt sich zu künstlich, um wirklich zu rühren. Ihr Lied war zwar nicht von schlechten Eltern, aber letztlich doch eine zu glatte Ballade. Ich bleibe dabei, sie wird im Musical-Bereich Karriere machen.

Die beiden ausgeschiedenen Teilnehmerinnen, Meri Voskanian und Maria-Lisa Strassburg, waren an diesem Abend auch wirklich schwach. Voskanian präsentierte sich auf der Bühne mit einem Charme, der einfach mehr zu einem Format wie DSDS passt. Und Strassburg war stimmlich angeschlagen und hatte mit Helena von My Chemical Romance die schlicht und ergreifend falsche Nummer gewählt. Ein entscheidender Fehler.

Auch gestern schien die Jury, bestehend aus den Juroren  Stefan Raab, Nena und König Boris (Fettes Brot), wieder um fast schon übertriebene Nettigkeit bemüht. So lobenswert der Vorsatz auch ist, die Kandidaten nicht vorzuführen, sgerät die Anstrengung doch ab und an zu lobhudelnd. Doch besser so als die üblichen Castingshow-Mätzchen des Prekariatsfernsehen. Man darf auch weiterhin guten Gewissens zusehen.

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Offizieller Webauftritt von Unser Star für Oslo

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Unser Star für Oslo – Ein charmantes Konzept

Auch die zweite Ausgabe der Talentsuche Unser Star für Oslo vermochte an das dezente, sympathische Niveau der vorigen Wochen anzuknüpfen. Nach wie vor mag es Castingshow gestählte Gemüter befremden, dass den Kandidaten kein Kindheitstrauma in Form eines dem Freitod anheimgefallenen Dackels angedichtet wird, aber Stefan Raab will Seriosität – und bekommt sie auch. Die Moderatoren Matthias Opdenhövel und Sabine Heinrich vermeiden jede Flapsigkeit, wirken so brav und von Wohlwollen getragen, dass das Anrüchigste in ihren Moderationen Heinrichs ellenlange Zahnlücke scheint. Und wenn in der dieswöchigen Jury sogar Sarah Connor zur Nettigkeit in Person mutiert, Peter Maffay den liebenswerten, Mut zusprechenden Kauz gibt, dann überkommen den  Zuseher Zweifel, ob besagte Sendung in dieser Form tatsächlich auf Pro7 ausgestrahlt wird. Ein Sender, der immerhin Popstars auf dem Kerbholz hat.

Verdienen die Kandidaten aber wirklich dies samthandschuherne, würdevolle Behandlung, welche sich so sehr vom Rest abzugrenzen sucht? Jennifer Braun machte mit I’m Outta Love von Anastacia den Anfang. Für ihr jugendliches Alter klang die Stimme erstaunlich erwachsen und der Auftritt frisch und sicher, so war ihr Weiterkommen eine sichere Sache. Gleichzeitig offenbart der Song allerdings auch eine Crux der Show. Die Talente wählen oftmals Lieder aus, die ihre Popularität meist der starken Performance der Originalinterpreten verdanken und damit unweigerlich zu wenig schmeichelhaften Vergleichen führen. I’m Outta Love ist kein Wunder musikalischen Schaffens, gerät erst durch Anastacia zum Heuler. Benjamin Hartmann wagte sich an ein Cover von Jack Johnsons Better Together. Ein elendiglicher Song von einem völlig überschätzten Musiker wird auch durch einen langweiligen Vortrag mit akzentbeladenem Englisch nicht besser. Er schied natürlich aus. Maria-Lisa Straßburg bewies Gespür, indem sie Saving My Face von KT Tunstall intonierte. Ein unabgedroschenes Stück mit Biss, besonders wenn man eine raue – oder wie Maffay richtig bemerkte – kantige Stimme vorzuweisen hat. Sie mag für das Projekt Eurovision Song Contest nicht viel taugen, ihre Zukunft liegt in Indie-Gefilden. Natürlich wurde sie in die nächste Runde gevotet. Kommen wir nun zu Behnam Seifi, der laut eigener Aussage im zarten Alter von 4 Jahren mit dem Singen angefangen und früher seine Eltern und Geschwister genervt hat. Mit John Legends Save Room – und dem merklichen Bemühen gefühlvoll zu agieren – quälte er die Zuschauer nicht, vermochte aber keinesfalls zu beeindrucken. Das vorzeitige Ende schien absehbar. Sharyhan Osman strahlte eine schwer in Worte zu fassende Künstlichkeit aus, sang freilich gut, aber riss nicht mit. Vielleicht lag das auch im schlecht gewählten Lied I Have Nothing (Whitney Houston) begründet. Trotzdem sie unter den Gewinnern des Abends war, scheint eine etwaige Karriere am ehesten noch im Musical-Metier verortet. Ein weiteres Missverständnis bei USFO liegt in der Verwendung von Gitarren als Bühnen-Accessoires, damit lässt sich in Oslo höchstens ein Blumentopf gewinnen. Alex Senzig demonstrierte durch Wherever  You Will Go von The Calling, dass ein eingängiger, nicht auf glattgebügelten Pop getrimmter Song auch keine Garantie für ein Weiterkommen darstellt. Gitarre hin, Gitarre her – sie allein kann keine Performance tragen. Auch er strich die Segel. Mit Jana Wall wurde der Tiefpunkt der Veranstaltung erreicht. Sogar eine nachsichtige Jury plagte sich vergebens, eine sehr holprige Darbietung, die vielleicht durchaus der Nervosität geschuldet war, zu beschönigen. Allerdings war auch der Song schlecht gewählt, Pinks Who Knew. Das reichte selbstredend nie und nimmer.

Franziska Weber trällerte mit einer verdammt blonden Perücke bewaffnet Love Foolosophy, im Original aus der Feder Jamiroquais. All die Koketterie mit einem schrägen Image war heillos übertrieben, ruinierte das Bild und führte zu einem eigentlich vom Potential her vermeidbaren Abgang. Dass ausgerechnet der farbige Leon Taylor Grönemeyer anstimmte und man nun eine inbrünstige-soulige Verkitschung von Der Weg erwartete, zeigte einmal mehr die Idiotie von Vorurteilen. Eine gesanglich feine Performance, sehr souverän und einfühlsam. Ein ganz heißer Tipp für Oslo – keine Frage. Mit Christian Durstewitz endete der Kandidatenreigen. Unkonventionelle Attitüde und dazu passendes Aussehen mag auf den ersten Blick erfrischend anmuten und bei Faith sogar George Michael kurz in den Hintergrund drängen. Letztlich ist dies aber nicht massenkompatibel und wird den Herren – auch wenn das Kalkül vorerst erfolgreich – nicht zum Song Contest hieven.

Insgesamt bleibt Unser Star für Oslo auf einem guten Weg, wurden die Richtigen ausgesiebt. Noch freilich bin ich nicht davon überzeugt, dass das absolute Megatalent gefunden wird. Derzeit kaschiert der Charme des Konzepts dies ein wenig. Raab sei Dank!

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Unser Star für Oslo – Eine unpeinliche Angelegenheit

Was am gestrigen Abend unter der Ägide Stefan Raabs als Vorauswahlpremiere für den diesjährigen Eurovision Song Contest über die Bildschirme flimmerte, hatte nur wenig mit dem gemein, was in Zeiten wie diesen als Castingshow firmiert. Wenn man nicht müde wird zu betonen, dass ein respektvoller Umgang mit den Kandidaten gepflegt wird, und konstruktive Kritik statt derben Sprüchen durch den Äther rauscht, dann spricht das Bände. Dies will so gar nicht in das gewohnte Bild passen, in welchem unreife Teenager, beseelt vom Traum einer großen Karriere, mit dem Ring durch die Manege gezogen und vorgeführt werden, als lächerliche Marionetten eine würdelose Behandlung erfahren.

Und weil jedwede Schmuddeligkeit vermieden wurde, bot USFO keine schenkelklopferischen Glanzlichter, setzte auf musikalische Highlights und Teilnehmer, die weitgehend unverbraucht und ernsthaft ihr Liedchen trällerten. Die aus Raab, Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen bestehende Jury bemühte sich um Gutmütigkeit und Fachlichkeit. Man schuf die besten Voraussetzung für eine in deutschem Privatfernsehen fast schon verpönte, niveauvolle Unterhaltung und löste dieses Versprechen auch über weite Strecken ein. Doch letztlich waren es die Kandidaten, die den Ansprüchen nicht immer gerecht wurden.

Wer bei solch Veranstaltungen antritt, begeht fast stets die immer gleichen Kardinalfehler. Ein Cover eines bekannten Songs gelingt nur dann, wenn man es mit neuem Leben füllt, eine Nuance herauskitzelt, die es so zuvor nicht gab. Wählt man freilich den Weg der schieren Imitation muss man sich zwangsläufig am Original messen lassen – eine viel zu schwere Bürde für Newcomer. Warum der erste Starter Benjamin Peters ausgerechnet Bodies von Robbie Williams intonierte, gehört zu den Unverständlichkeiten, die nahezu allen Talentshows innewohnt. Wer entfernt an einen 80er-Popper erinnert, vermag keine Sekunde den herb-maskulinen Stil des Entertainers Williams zu erreichen. Und so schied Peters auch zurecht aus. Johannes Böhm teilte dank verunglückter Songauswahl sein Schicksal. Für Seals Crazy braucht es eine sachte Stimme, die jedoch stets präsent über der Musik schwebt, bei Böhm verkehrte sich dieser Effekt. Wer die Schwergewichtigkeit von At Last in der Interpretation von Etta James kennt, wurde vom viel zu biederen Gesang Daliah Sharafs enttäuscht. Auch sie kam verdient nicht weiter. Kommen wir nun zu schlimmsten Missgeschick. Sich einen Song von Paolo Nutini zu leihen, bedeutet beim derzeit vielversprechendsten europäischen Singer-Songwriter in die Lehre zu gehen. Doch Michael Kraus konnte trotz des Versuchs einer lässigen Ausstrahlung die stimmliche Finesse eines Nutini nie erreichen, quälte sich vor allem in höheren Lagen zu gutturalen Lauten. Anspruch und Wirklichkeit sind leider nicht immer zu verbinden. Auch der Hauch von Whiskey, den Sebastian Schwarzbach in Michael Bublés Home zu schwenken suchte, konnte eine heillos langweilige Performance nicht ausgleichen. Er wurde ebenfalls nicht in die nächste Runde geschickt.

Hatten die Teilnehmer der ersten Runde, die zu reüssieren wussten, die Messlatte freilich so hoch gelegt? Eigentlich nicht. Kerstin Freking sang My Immortal von Evanescence und konnte mehr durch eine feenhafte Erscheint mit Zopfkranz punkten als durch die nette Stimme, der es an Wucht für das Lied fehlte. Cyril Krueger traf die smarteste Entscheidung des Abends, indem er Hotel California von den Eagles darbot. Der selbstsichere Auftritt geriet zum Highlight, weil er die Erdigkeit des Songs widerspiegelte und einen Kontrast zu den meisten Konkurrenten setzte, die immer gleich den Himmel zu erklimmen wünschen. Meri Voskanian wagte sich an die Dance-Nummer Release Me von Agnes und versuchte sich in gewolltem Brechen von Konventionen, als sie barfüßig und quirlig über die Bühne stob. Aber der frische Wind war höchstens ein laues Lüftchen. Katrin Walter hingegen bot einen mangelhaften Auftritt, man hatte stets das Gefühl, dass Sie den direkten Blickkontakt mit der Kamera vermied. An der gesanglichen Nachahmung von Pinks Nobody Knows war hingegen absolut nichts auszusetzen. Wenn man dieser Dame die Scheu nimmt, hätte man für Oslo eine starke Stimme parat. Zuletzt trat noch Everybody’s Darling auf. Lena Meyer-Landrut war das Kücken, das soulige Verspieltheit in Form von Adeles My Same praktizierte. Und obschon sie sich nicht entscheiden wollte, ob sie auf der Bühne Björk oder Duffy geben sollte, zu zappelig herumhampelte, pries die Jury sie in höchsten Tönen. Tatsächlich war hier eine eigene Persönlichkeit erkennbar. Ob selbige jedoch für den Eurovision Song Contest geeignet scheint, darf doch bezweifelt werden.

Wer sich die Show bis zum Ende verfolgte, vermag durchaus ein gutes Zeugnis auszustellen. Raab und Konsorten gelang gediegene Unterhaltung unter Verzicht sämtlicher Mätzchen. Ich habe zwar Zweifel über die Tauglichkeit des Konzept für Oslo, jedoch erscheint dies fast nebensächlich. Wichtiger wäre die Signalwirkung für hiesige Fernsehformate. Nicht die Tränendrüsen rührenden Schicksalschläge der Teilnehmer oder gar das clownesk-hysterische Herumhampeln durch die vermeintlichen Gefilde des Showbiz werden dem Zuschauer als Entscheidungsmerkmal angeboten, es geht rein um die Art und Weise der Darbietung. Keine Bohlen-Sager, vielmehr solide Einschätzungen einer Jury mit Kapazundern wie Raab und Westernhagen. Das sollte Schule machen, Zuschauer zum Sehen und Voten bewegen. Doch kann man das Fernseh-Proletariat wirklich mit Seriosität ködern? Das bleibt abzuwarten.

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