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Release Gestöber 20 (Exitmusic, Soulsavers, Cowboy Junkies, Nigel Wright und mehr)

Es gibt viel zu vermelden, also wollen wir uns ohne weitere Umschweife Veröffentlichungsgetümmel stürzen.

Exitmusic

Kaum eine EP war 2011 in meinen Ohren so wohlgelitten wie From Silence, mit welcher das Duo Exitmusic theatralisch wie atmoshärisch dicht zu überzeugen wusste. Nun erreicht uns vom Label Secretly Canadian die frohe Kunde,  dass der starken Talentprobe im Frühsommer ein Album namens Passage folgt. Einen ersten Eindruck vermag man durch den kostenlosen Dowload des Titeltracks zu erhaschen. Der Song Passage führt die dramatische Wucht der EP fort, gewittert stark auf den Hörer herab. Auf diese Platte darf man sich freuen!

Retribution Gospel Choir

Wenn eine EP umsonst unter die musikhungrigen Massen gebracht wird, möchte eine Band oder ein Musiker damit entweder die Bekanntheit steigern, sich wieder zurück ins Gedächtnis rufen oder aber Ausschussware zum Geschenk aufbauschen. Auf die Gratis-EP The Revolution trifft das alles nicht zu. Die Formation Retribution Gospel Choir ist zweifelsohne mehr als nur ein als Hobby betriebenes Nebenprojekt von Alan Sparhawk, seines Zeichens Mastermind der großartigen Low. Wir haben es somit nicht mit irgendeiner obskuren Band zu tun, deren Ruhm sich nicht über den Kreis der Verwandten und Freunde hinaus erstreckt. Auch liegt die Veröffentlichung ihres letzten Werks 2 erst anderthalb Jahre zurück. Bliebe noch die These vom Ramsch, den man zum Präsent umdeklarieren möchte. Doch weit gefehlt! The Revolution bietet auf knackigen 10 Minuten kräftig wilden Rock von angenehm altmodischer Attitüde. Speziell der Song The Stone (Revolution!) ist ein Wonneproppen von einem Lied. Ein Download lohnt.

Nigel Wright

Wenn es nach den E-Mails in meinem Postfach geht, bekomme ich pro Tag 10 Stimmwunder, 20 Senkrechtstarter und 5 Comebacks wagende Legenden angepriesen. Ich kenne sie alle nicht und in 99 Prozent der Fälle scheint dies auch gut so. Beim US-Singer-Songwriter Nigel Wright freilich horchte ich auf. Der Song Anna tönt folkig versunken, gerade durch einen zurückhaltenden Vortrag sehr eindringlich. Schlichtweg edel und schön. Ich werde mir das am 30.03.2012 erscheinende Album Millfoil sicher zu Gemüte führen.

Cowboy Junkies

Man erkennt die ungeschriebenen Gesetze der Musikbranche immer dann, wenn sie gebrochen werden. Die kanadischen Allzeitgrößen Cowboy Junkies präsentieren uns Ende März den letzten Teil ihrer auf vier Alben angelegten The Nomad Series. All die Platten wurden binnen zwei Jahren veröffentlicht. Das will so gar nicht in den gängigen Zyklus passen, der zwischen zwei Studioalben zwei bis drei Jahre Pause vorsieht. Doch die Folk-Band darf sich wohl auf eine treue Fanschar verlassen, der die Gesetzmäßigkeiten der Branche herzlich egal sind. Tatsächlich ist auch ausreichend Tinte im Füller, um Songs für vier Platten zu Papier zu bringen. Denn obwohl die Cowboy Junkies im letzten Jahrzehnt vielleicht nicht mehr das wunderbare Songwriting früherer Tage erreichen, belegt The Nomad Series, dass man der Band keine Schaffenskrise attestieren sollte. The Wilderness führt die Reihe zu einem würdigen Abschluss, zentriert sich einmal mehr um den stets wunderbaren Gesang von Margo Timmins, der auch 27 Jahren nach Bandgründung noch keinerlei Verschleißerscheinungen verrät.

Soulsavers

Was haben wir über das letzte Album der Soulsavers nicht Lob verloren! Rich Machin und Ian Glover hatten 2009 zusammen mit Mark Lanegan das tolle Broken ersonnen und eingespielt. Am 18.05.2012 ist es nun endlich soweit. Mit The Light The Dead See wird ein Nachfolgealbum auf V2 Records/Cooperative Music veröffentlicht. Abermals haben die Soulsavers einen Hochkaräter zur Zusammenarbeit gefunden. Lanegans Rolle übernimmt diesmal Dave Gahan, Frontmann der Urgesteine Depeche Mode. Wow, entfleucht es mir bei dem Gedanken daran, das könnte eine ganz starke Platte werden. Harren wir also voll Vorfreude der Dinge, die da kommen.

Great Lake Swimmers

Zuletzt sei noch einmal mehr auf eine absolute Lieblingsband hingewiesen. Die großartigen und wundervollen Great Lake Swimmers bringen am 30.03.2012 ihr neuestes Werk New Wild Everywhere unter das Volk. Wir werden selbiges natürlich entsprechend würdigen. Wer sich auf die Kanadier bereits einstimmen möchte, sei auf das akkustische Live-Album The Legion Sessions verwiesen, welches 2010 auf Nettwerk erschien. Dieser Tage ist die Platte als Gratis-Download erhältlich. Zugreifen!

SomeVapourTrails

Die hohe Schule exquisiter Theatralik – Exitmusic

Unsere Zeit kennt kaum mehr Rätsel. Die Wissenschaft erforscht sie samt und sonders, ergründet die Prozesse in unserem Gehirn, entschlüsselt die menschliche Seele. Die tiefsten Tiefen der Ozeane werden erkundet, der entfernteste Winkel des Universum mit stichhaltigen Thesen bekleckert. Allerlei Wahrscheinlichkeiten türmen sich zu unantastbaren Gewissheiten auf. Unberechenbares ist längst nur einen Wimpernschlag von der endgültigen Ausdeutung entfernt. Jegliches vergangenes Geheimnis harrt seiner überfälligen Entmystifizierung. Nur die Kunst schlägt dem Fortschritt ein kleines Schnippchen. Weil sie nicht in Kategorien der Logik agieren muss, einen eigenen Kosmos kreiert, den die analytische Rezeption meist nur ungenau zu vermessen vermag.

Das aus Brooklyn stammende Duo Exitmusic stellt auf knapp 18 Minuten eine traumhaft gesponnene Gefühlswelt auf die Beine. Der inspirierte Funke  der EP From Silence lässt sich eben nicht einfach so zwischen Komposition und Vortrag auffinden, winkt auch nicht unter dem gnadenlosen Blick eines Mikroskops koboldhaft vorwitzig entgegen. Es ist ein tröstlicher Gedanke, dass keine Wissenschaft der Welt Kreativität in eine Formel packen kann. Exitmusic entwickeln einen vor Düsterkeit schwangeren, irgendwo zwischen Shoegaze und Trip-Hop angesiedelten Sound, der dramatisch anschwillt, um in ätherischen Brüchen zu münden, oder hymnisch tanzt, nicht ohne zuvor in Ergriffenheit zu schwelgen. Die vier Tracks der EP beeindrucken in ihrer Kompaktheit, sind vielschichtiger und mitreißender als der gegenwärtig grassierende Synthie-Pop. The Sea windet sich in hochtrabende Gefilde, Drama-Queen meets sirenesk rufende Cassandra. Ein faszinierend beschwörerischer Song von ekstatischem Zauber. The Modern Age wummert im Refrain fast schon als sinisterer Disco-Stampfer daher, entlädt sich nach anfänglich grummelnden schwarzen Wolken als grell blitzendes Gewitter über dem Hörer. Das Ehepaar Aleksa Palladino und Devon Church lehrt uns die hohe Schule exquisiter Theatralik, deren Intensität den Bogen nie überspannt und in Lächerkeit abgleitet. Auch The Hour funkelt in aller Pracht als lichtdurchwobener Sonnenaufgang, während The Silence die Helle wieder dimmt und in schwanengesangiger Gedämpftheit vergeht.

Exitmusic – The Hours from Secretly Jag on Vimeo.

„The Sea“ by Exitmusic by DOJAGSC

Exitmusic kreieren Soundtracks für unrunde, verwunschene Stunden, die sich einer rationalen Erfassung entziehen. Das Duo lässt Märchenwälder wachsen, in denen sich der Hörer verläuft, zwischen prickelnder Erregung und unerklärlicher Furcht schwankt, hinter jedem Baum eine geschickt inszenierte Verhexung lauert. From Silence verbreitet die Sorte von rätselhafter Faszination, der man nicht auf die Schliche kommt – und es auch gar nicht versuchen will. Dieses Halbdunkel von einer EP vermag man nicht zu durchschauen, egal von welcher Seite man es beleuchtet.

From Silence ist am 07.10.11 auf Secretly Canadian erschienen.

Links:

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Kostenloser Download von The Sea

SomeVapourTrails

Release Gestöber 10 (4 Alben, 3 Kontinente, 1 Wermutstropfen)

Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen: Holzauge, sei wachsam! Wer stets auf der Pirsch nach neuen Wohlklängen ist und verwundert die Feldstechergläser putzt, weil stets die üblichen Verdächtigen allerorts ins Sichtfeld hüpfen, der sollte folgende Möglichkeiten in Betracht ziehen. Vielleicht liegt es an dem kräftigen Röhren des Platzhirschen oder dem unwiderstehlichen, koketten Auftreten der Hirschkuh, dass selbige in den Mittelpunkt der Berichterstattung rücken. Oder man schnaubt sich einen penetranten Gestank aus der Nase, den umtriebigen Promo-Firmen hinterlassen, wenn sie jedweden Strauch und Baum fröhlich duftmarkend quer durch die Pampa hampeln. Nicht zuletzt darf man auch den Jäger nicht voreilig der Unschuldvermutung zuführen. Wer mit Scheuklappen auf ausgetretenen Pfaden durch den Wald irrt, liebäugelt nur mit der Vegetation entlang des Weges, hat für die Tiefen des Unterholzes wenig übrig. Einmal mehr versuchen wir, uns durch das Gestrüpp des Musikdschungels zu pfadfindern. Nur gut, dass uns ein paar Förster aus der Ferne bereits zuwinken…

Ruhepulstipp:

Amor de Días – Late Mornings from Merge Records on Vimeo.

Manch Liedchen darf in ruhigen Gewässern vor sich hin schippern. Genau dies tun die Stücke des Albums Street of the Love of Days. Alasdair MacLean, Frontmann der nicht unbekannten The Clientele, and Lupe Núñez-Fernández, Sängerin des Indie-Pop-Duos Pipas, haben sich zu dem Projekt Amor de Días zusammengefunden und führen uns mit schlafliedlicher Zartheit in Verführung. Speziell die von Núñez-Fernández intonierten Lieder sind pastellfarben gesäuselte Schönheiten. Die Platte puzzelt sich aus Folk, kammerlichen Pop und gar Bossa Nova zusammen, bleibt in ihrer Unaufgeregtheit schlicht, nahe am Ruhepuls und oft betörend. Als Highlights stechen beispielsweise Dream (Dead Hands) oder Bunhill Fields hervor. (Interview und kostenlose Mp3 von Bunhill Fields im Magnet Magazine, Album-Stream auf Merge Records.)

Amor de Dí­as – Wild Winter Trees from Merge Records on Vimeo.

Street of the Love of Days ist am 17.05.11 auf Merge Records erschienen.

Raritätentipp:

The Magnetic Fields – der Name lässt den eingefleischten Musikliebhaber vor Begehren erröten. Wieviele Famositäten hat Mastermind Stephin Merritt in den Neunzigern doch auf CD gezaubert, von dem Meisterwerk 69 Love Songs ganz zu schweigen. Danach war sein Schaffen weniger konsistent, wenngleich Realism (2010) alten Magnetfeld-Glanz widerspiegelte. Es macht also im vorliegenden Fall speziell Sinn, Unveröffentlichtes und Raritäten aus den Neunzigern auszugraben und unter dem Titel Obscurities zu veröffentlichen. Ob auf Solopfaden, mit dem Nebenprojekt The 6ths oder unter The Magnetic Fields agierend, Merritts Facettenreichtum sticht ins Auge. Zugleich lässt sich nicht verleugnen, weshalb einige Tracks bislang hinter dem Schleier des Nebulösen ihr Dasein fristeten. Sie taugen nicht einmal als Fußnote in seinem Schaffen. Die andere liedliche Hälfte freilich entschädigt, würde jedoch als Bonus-CD eine Werkschau des Meisters besser abrunden denn als eigenständige Veröffentlichung. Ehe dies nun im Gegenteil einer Empfehlung mündet, will ich mein großes Wohlwollen gegenüber Songs wie Forever and a Day (Gratis-Mp3), The Song from Venus oder auch Take Ecstasy with Me ausdrücken. (Album-Stream auf Paste Magazine)

Obscurities erscheint am 23.08.11 auf Merge Records.

Geografentipp:

Wäre man vor 20 Jahren einfach so über eine Shoegaze-Band aus Indonesien gestolpert? Nein. Da lobe ich mir die Globalisierung, zumindest in musikalischer Hinsicht. Schon der Band My Violainé Morning wegen lohnt es sich, auf dem Atlas die indonesische Stadt Bandung auszukundschaften. Da liegt doch der eine oder andere Kilometer zwischen diesem Land und dem guten alten Europa. Musikalisch freilich klingt die Formation so, als hätte sie ihren Proberaum irgendwo in britischen Gefilden aufgeschlagen. Ein größeres Kompliment könnte ich der Band nun wirklich nicht machen. Das demnächst erscheinende Album The Next Episode of This World (VÖ: 14.09.11 auf Happy Prince Records) hab ich mir nicht ohne Ausrufezeichen auf meinen Merkzettel gekritzelt. Besonders wegen des superben Tracks Light Inside. Einfach kostenlos herunterladen und sich daran erfreuen. (gefunden bei Coast Is Clear)


Newcomertipp:

Gibt es für Musiker einen Himmel auf Erden? Zumindest paradiesische Freuden können erlangt werden, wenn man sich in die Fänge eines hervorragenden Labels verirrt. Dies Glück widerfuhr dem aus Brooklyn stammenden Duo Exitmusic. Aleksa Palladino und Devon Church veröffentlichen demnächst ihre EP From Silence auf Secretly Canadian, einem Hort begnadeter Musiker. Der erste, kostenlose Appetithappen The Sea löst die durch den Namen der Plattenfirma geschürte Erwartungshaltung auch ohne Umschweife ein. Ein verwunschen gesponnenes, atemberaubend intensiv berätseltes Kleinod! Mein Wermutstopfen: Wie konnten mir diese Lichtgestalten entgehen, obwohl ich Secretly Canadian eigentlich mit gnadenlosem Blick observiere? Zum Glück hat Peter von den Schallgrenzen das gemacht, was ich zu selten mache, nämlich den richtigen Blog gelesen, und ist bei Coast Is Clear über diese zukunftsträchtige Formation gestolpert.

„The Sea“ by Exitmusic by DOJAGSC

From Silence erscheint am 04.10.11 auf Secretly Canadian.

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