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Release Gestöber 28 (Kid Koala, A Thousand Fuegos, Fang Island, The Cinematic Orchestra)

Nimm doch mal das billigste Trinkglas, ein kristallenes Weinglas ist weniger zu empfehlen, und stell dich vor eine nackte Wand. Nun wirf das Glas gegen die Wand! Schau dir nun die am Boden verstreuten Scherben genau an. Sie stehen pathetisch überspitzt für allerlei zersplitterte Träume vieler Musiker. Woche für Woche für Woche werden wohl Hunderte Alben veröffentlicht, viele fantasieschwangere Kreation dargeboten. Doch die Wahrnehmungsschwelle überschreiten nur wenige. Denn auch wenn die Anzahl von Alben stetig steigt, weil die Produktion von Musik noch nie so einfach war und die Vernetzung von gleichgesinnten Musiker immer mehr Bands sprießen lässt, so bleibt der Bedarf doch mehr oder minder konstant. Es ist eine Illusion, wirklich nur ein Trugschluss, dass ein größeres Angebot auch zwangsläufig viel mehr Nachfrage generiert. Denn letztlich explodiert der Prozentsatz an musikaffinen Menschen nicht. Und auch die Geldbeutel der Zielgruppe füllen sich nicht wie von Zauberhand. Alles bleibt begrenzt. Nicht zuletzt deshalb wird Musik für die überwiegende Anzahl von Künstlern zu einem kaum bis schlecht bezahlten Nebenjob, ja eigentlich zu einem reinen Hobby. Massig Herzblut, wenig monetärer Ertrag – und jede Menge Scherben. Das sollten wir uns als Hörer und Liebhaber feiner Klänge öfter mal vergegenwärtigen. Kleine wie große Kunst schätzen und nicht immer nur bekritteln.

Kid Koala

Beginnen wir freilich mit einem Musiker, der es in seinem Genre schon lange zu Ansehen gebracht hat. Was der Kanadier Eric San unter seinem Künstlernamen Kid Koala in Sachen Turntablism und Samples seit über einem Jahrzehnt ausheckt, ist überragend. Doch am besten lasse ich den werten Herren sein Faible für Scratching doch selbst erklären.

Vor wenigen Tage erreichte mich die frohe Kunde, dass am 14.09.2012 ein neues Album mit Namen 12 bit Blues hierzulande veröffentlicht wird. Ein triftiger Grund zur Freude, wie ich meine. Weil solch Originalität nicht einfach von den Bäumen wächst. Auf der Labelseite von Ninja Tune ist bereits ein erster Vorgeschmack gegen Angabe einer E-Mail-Adresse erhältlich, der formidable Track 5 bit Blues nämlich. Was für ein Leckerbissen!

A Thousand Fuegos

Eine Qualität, die man aber bitte keinesfalls mit Belanglosigkeit oder Langeweile verwechseln sollte, liegt in der Befähigung zur Kontemplation. Einer ruhigen Reflexion, die sich keine angestrengten Stirnfalten ins Gesicht stemmt oder Tränensäcke ausschwemmt. Dies und noch mehr leistet das vom Österreicher Matthias Peyker ersonnene Projekt A Thousand Fuegos. Das bereits im April erschienen Album The Treachery of Things sinniert zu einem warm-versponnenen Sound, tagträumerisch grübelnd fängt es mit großer Treffsicherheit Stimmungen ein. Es ist klingt wie die lose Verkettung von Gedankenfetzen, eine Aneinanderreihung von Momenten, in denen sich das Sein von seiner gehaltvollen, wachen und suchenden Seite präsentiert. Schon der Opener Naenie ist ein vor Leichtigkeit strotzendes Highlight, eine Loslösung von Vergangenem und Aufbruch ins Neue. Vor allem die Zeilen „But you can’t masturbate to nothing/ There’s a picture to be drawn first/ In full colour setting/ That I take from your eyes/ May I connect it with lines/ From your hair made of copper/ To the sun made of gold“ haben es mir angetan. Dieses Lied zeitigt Momente, die berühren und bereichern. Und nichts anderes definiert Kunst, trennt sie von Unterhaltung und Beschallung. Lind und lichtern, aufgeweckt elektronisch zeigt sich Savant Summer als zweiter ganz großer Track der Platte. Er hat ein ganz eigenes, im Ton subtiles Temperament, tänzelt wonnig voran, tapsig und sich ab und an hymnisch reckend wie streckend zugleich. Bei The Boundless Building ist es wiederum eine Zeile, die mir Gedanken aufgibt. „And don’t take anything for granted/ For your light is only guest in the dark“ heißt es da. Was für ein pfiffiges Bild! Auch dem transzendierenden, einer spirituellen Bestimmtheit entgegenströmenden The Path will ich mein Gefallen nicht verwehren.

The Treachery of Things vollführt Gedankengänge ins Licht, halb andächtig-träumerisch, halb entspannt und klar. Oft perfekt kalibriert. A Thousand Fuegos ist mit diesem bemerkenswerten Werk ein feinsinniger und kontemplativ Wurf gelungen, der Stunden der Muße geradezu veredelt. Wärmstens empfohlen!

The Treachery of Things ist am 13.04.2012 auf Seayou Records und Fettkakao (LP) erschienen.

Fang Island

Seit ich auf einem Festival erleben durfte, wie sich die Halle nach einem Auftritt der wahrlich nicht bemerkenswerten We Have Band leerte und die tollen Krawallrocker Fang Island anschließend vor einer überschaubaren Besucherzahl spielten, habe ich mit dem Festivalkonzept als solches gebrochen. Ich muss nicht auf einem Gelände mit geschmacksbefreiten Hipstern und ähnlichem Gesocks verbringen, die nur das Mittelmaß bejubeln. Doch zurück zu Fang Island. Ich habe bereits darüber berichtet, dass das neue Werk Major demnächst veröffentlicht wird. Nach dem famosen ersten Einblick Asunder gibt es nun mit Seek It Out eine weitere Hörprobe. Major garantiert wunderbar flockige, fröhliche Gitarrenhymnen. „Wir wollten die Band sein, die von vorn bis hinten nur deine Lieblingshooks spielt.“ erklärt Sänger und Gitarrist Jason Bartell. Ich kann zwar nicht für Hipster sprechen, aber ich persönlich vertraue Fang Island, dass sie dies Versprechen einlösen können.

Major erscheint am 27.07.2012 auf Sargent House.

The Cinematic Orchestra

Zuletzt noch ein kurzer Hinweis auf eine Ende Juni das Licht der Welt erblickende Veröffentlichung, die unter meinem durch die Fußball-EM ohnehin anderweitig beschäftigen Radar durchgeschlüpft ist: The Cinematic Orchestra Presents: In Motion #1. Zusammen mit befreundeten Künstlern hat die renommierte Formation, die man wohl am besten im Nu Jazz verortet, endlich ein neues Album veröffentlicht. Seit Every Day (2002) hat sich die Gruppe nachhaltig in meine Erinnerung gebrannt, auch wenn ich das vor 5 Jahren veröffentlichte Werk Ma Fleur nicht ganz so prickelnd fand. Dennoch, ein Platte von The Cinematic Orchestra sollte man auf alle Fälle anhören. Das habe ich mir auch im Falle von In Motion #1 für die nächsten Tage fest vorgenommen. Ich rate meinem Beispiel zu folgen. Zumal ein als kostenloser Download erhältlicher Edit des Tracks Necrology ansprechend tönt.

Das soll es für heute auch schon wieder gewesen sein. Viel Vergnügen mit den Empfehlungen!

SomeVapourTrails

Release Gestöber 25 (Hannah Cohen, Fang Island, Cold Specks, Xavier Rudd)

Wer sich durch Kochsendungen zappt, frisst sich den Eindruck an, dass ein aufregendes Essen nicht ohne exotische oder kostspielige Zutat fabrizierbar sei. Sogar ein simples Spaghetti-Gericht muss mindestens mit zweierlei Arten Hartkäse veredelt werden. Und ein Chutney sollte wenigstens eine Sorte Gemüse oder Früchte beinhalten, von der schlemmende Laie noch nie zuvor gehört hat. Das gebietet der Ehrenkodex eines jeden Starkochs. Auch in musikalischen Belangen wird uns oft Kreativität vorgegaukelt, hinter der sich letztlich doch nur die altbekannten zuckrig, buttrigen Geschmackträger verbergen. Die heute vorgestellten Künstler kochen auch nur mit Wasser, aber das was sie uns ganz ohne exaltiertes Gehabe kredenzen, das klingt in des Hörers Gaumen mal mehr und mal weniger intensiv nach.

Hannah Cohen

Ich weiß ja nicht, ob Elfen Eier legen, aber dies Werk klingt derart, als wäre es tatsächlich von einer Elfe ausgebrütet worden. Von einem Sagengeist mit sehr irdischem Emotionshaushalt freilich. Was uns Hannah Cohen mit ihren Debüt Child Bride so ins Ohr trällert, schimmert unwirklich, zumindest aber fragil. Diese Stimme kann fast kein Wässerchen trüben, sie erzählt uns keine Märchen, streckt und reckt den Bauchnabel zur Schau entgegen. Und so schlurft unser Blick auf eines dieser ab und an verhuschten, gern intimen Singer-Songwriter-Alben, welches im Abgang überraschend viel Substanz aufweist. Der jazzige Touch dieses Werks sorgt für eine aller Drögheit entgegenstehenden Note. Don’t Say wirkt wie eine der Balladen, die eine unnervenbündelige Fiona Apple zu ihrer besten Zeiten fabriziert hätte. Auch The Simplest schlägt in eine ähnliche Kerbe. Den Liedern tut eine Instrumentierung gut, die trotz dezenten Auftretens mehr zu bieten hat als Gitarre oder Piano. Mit California erfährt die Platte einen charmanten Höhepunkt, es bietet einen mit leichter Hand verstreuten Zauber, einen Sound, wie er in zeitlosem Liebreiz vor allem in New York gedeiht. Nicht minder gelungen: The Crying Game in seiner getragenen Traurigkeit. Cohen lässt Gefühle tröpfeln, sprudelt nie gleich einem Wasserfall los. Das ist löblich, überaus sympathisch und anmutig. Child Bride entzückt als sehr ansprechendes Erstlingswerk!

Child Bride ist am 20.04.2012 auf Bella Union/ Cooperative Music erschienen.

Fang Island

Das gleichnamige Debüt der Volldampfrocker Fang Island hat mir 2010 einfach nur imponiert. Eine intelligent krawallige Musik, zu der man in einem Anfall von Übermut bierdosenschwenkend loshüpfen möchte. Es lebe der Gitarrenlärm, sage ich da nur. Für Juli darf ich mich nun auf das bei Sargent House erscheinende Nachfolgealbum Major freuen. Geht es nach dem ersten Vorgeschmack Asunder, sind die aufgedrehten Herren von der Ostküste fetzigem Gitarrenbombast abermals nicht abgeneigt. Klasse, absolute Klasse! (Asunder ist als Gratis-Mp3 auf Stereogum verfügbar!)

Cold Specks

Schmirgelpapier ist nicht gleich Schmirgelpapier. Im Falle der Singer-Songwriterin Al Spx, die unter dem Namen Cold Specks firmiert, präsentiert sich die soulige Stimme feinkörnig schmirgelnd. Die aus Kanada stammende und nun in London lebende Sängerin legt dieser Tage ihr Debüt I Predict A Graceful Expulsion vor. Und das ist mit Verlaub mehr Talentprobe als ganz großer Wurf. Wie Cold Specks ihre Stimme zügelt, auf die rauen, leisen Töne setzt, dies darf man als den großen Pluspunkt werten. Sie könnte sich die Seele aus dem Leib grölen, das stimmliche Potential steht außer Frage, doch tut sie es nicht. Gut so! Zugleich sind die Lieder aber aus der Art Holz geschnitzt, dass sie mehrheitlich arg kalmierende Wirkung versprühen. Die Chose erinnert an eine schale Akustik-Session, welcher der letzte Pfiff fehlt. Nur selten nimmt die Platte ein wenig Fahrt auf, beispielsweise bei Blank Maps, dann jedoch bleibt die Wirkung nicht aus. Cold Specks hat die Bürde einer vortrefflichen, charaktervollen Stimme, doch sogar diese braucht einen lebendigen Sound. Die Sorte bedächtiger Musik, die nicht einmal auf einem Friedhof als Ruhestörung durchgehen würde, ist im konkreten Fall ein schlechter Begleiter. Manch Gospel-Nummer versprüht den Elan von Krückstöcken (Lay Me Down), andere Tracks wie Elephant Head leiden unter einer arg dünnen Gitarrenbegleitung. Wesentlich intensiver fällt Winter Solstice oder das großartig lamentierende Heavy Hands aus, Schlagzeug und Streicher sei Dank. Insgesamt überwiegt die Freude über diese schöne Stimme, drängt Mängel in den Hintergrund. Von Cold Specks wird man fraglos noch viel hören, Kritiker werden sie lieben. Die eine oder andere Liebeserklärung muss zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch als Vorschußlorbeer gelten. (Den Titel Holland gibt es auf SoundCloud zum kostenlosen Download.)

I Predict A Graceful Expulsion ist am 18.05.2012 auf Mute erschienen.

Xavier Rudd

Seien wir mal ehrlich, Öko-Bewusstsein und spirituelle Pfade der Sinnsuche sind völlig aus der Mode. Man muss sich Träumer schimpfen lassen, wird vielleicht gar als Verweigerer digitaler Wirklichkeiten abgestempelt. Der australische Singer-Songwriter Xavier Rudd hält die Tradition des engagierten Liedermachers hoch, fährt schwerere Geschütze auf, transportiert Anliegen, verstrickt sich nicht nur in Liebeswirrungen. Sein neuestes Werk Spirit Bird pocht Ende Juni an die Pforte des geneigten Musikhörers. Man mag Rudd dafür belächeln, dass er seine Platten mit Ethno-Touch versieht, man mag ihn als gutmenschelnden, keine Hipness versprühenden Musiker bezeichnen, aber man muss schon ein hartes Herz oder Chartssoße in den Ohren haben, um den Zauber in seinem Schaffen nicht zu erahnen. Der Track Follow The Sun entwirft mit Zeilen wie „Tomorrow’s a new day for everyone/ A brand new moon, a brand new sun“ eine Hoffnung, an die man sich klammern möchte.

Spirit Bird erscheint am 29.06.2012 auf SideOneDummy Records.

Das soll es für heute auch wieder gewesen. Wie immer: Viel Vergnügen!

SomeVapourTrails

Lie In The Sound präsentiert: Die 10 besten Tracks 2010

Oft scheint ja der eigene Horizont nur eine iPod-Länge entfernt zu sein. Um diese Begrenztheit im Keim zu ersticken, höre ich mir vielerlei Musik an. Beherzige Empfehlungen von Freunden, notiere das Rauschen in meinem RSS-Feed, leihe den Tipps der Fachzeitschriften ein Ohr,  sogar den Mätzchen von Micky-Maus-Bloggern widme ich Aufmerksamkeit. Irgendwie will sich jedoch Angesagtheit partout nicht in meinen Gehörgängen verankern, verheddere ich mich ebensowenig in Geschmacksverpflichtungen. So sind es letztlich die Dauerbrenner und Underdogs, die die Liste meiner liebsten Songs pflastern. Obwohl ich mindestens 100 Lieder präsentieren könnte, die mich 2010 begeisterten, sollen heute zunächst 10 hervorgehoben werden. Weitere 40 werden im Laufe der Woche noch lobende Erwähnung finden. Diese 10 Tracks, welche nun den Anfang machen, sind fraglos edel und ohne Ablaufdatum.

01. Clem SnideI Got High

Begründung: Mastermind Eef Barzelay kreiert einen Song, der hymnische Momente in einen sanften Sound bindet und textlich am Gemächt der amerikanischen Jugend sägt.

02. GrasscutThe Tin Man

Begründung: Weil das vielschichtige Experimentieren unabdingbarer Bestandteil von Musik ist, muss man vor Grasscut den Hut ziehen. Sie schmiedeten viele Versatzstücke zu einem meisterhaft gänsehäuternen Track.

03. Xiu XiuDear God, I Hate Myself

Begründung: Eine derart larmoyant wie augenzwinkernde Electro-Pop-Hymne hat es 2010 kein zweites Mal gegeben.

04. Sharon Van EttenDon’t Do It

Begründung: Mit dem Album Epic stieg sie vom Singer-Songwriter-Talent zur Könnerin empor. Den eindringlichsten, eingängigsten, hintergründigsten Track der Platte bekommt man nicht mehr aus dem Ohr. Warum auch sollte man dies wollen?

05. Fang IslandLife Coach

Begründung: Ein Song, zu dem es sich prima grölen und Bierdosen werfen lässt. Dass ausgerechnet der Auftritt der Band beim diesjährigen Berlin Festival zu den schwächer besuchten geriet, bleibt unverständlich, da die Herren live die reinste Wonne darstellen.

06. Damien JuradoArkansas

Begründung: Jurado könnte spielend 4 Tracks in meinen Top 50 platzieren, bescherte dieses Jahr Momente bestechenster Liedkunst. Das Sahnehäubchen Arkansas überzeugt durch seine sofortige Überwältigung des Hörers.

07. Johnny CashAin’t No Grave

Begründung: Der Auferstehungsgesang einer Legende.

08. SeligVon Ewigkeit zu Ewigkeit

Begründung: Eine schönere Liebeserklärung in deutscher Sprache habe ich 2010 nirgendwo vernommen. Jan Plewka darf sich zumindest meiner ewigliche Verehrung gewiss sein.

09. Jaga JazzistOne-Armed Bandit

Begründung: Startet funkig-sirenesk, flirtet zwischendurch mehrmals heftig mit minimalistischen Motiven, um doch wieder und wieder das Hauptthema aufzugreifen und derart zu forcieren, dass man sich in eine Zeit zurückfühlt, als allein schon die Erkennungsmelodie von Die Straßen von San Francisco vor die Glotze lockte.

10. Justin Townes EarleHarlem River Blues

Begründung: Ein Hochkaräter des Country. Mit einem nicht minder hochkarätigen Song aus dem gleichnamigen Album. In deutschen Gefilden nahezu unbekannt, warum eigentlich?

Fortsetzung folgt…

SomeVapourTrails

Stippvisite 26/09/10 (mit Fang Island, Eric Chenaux, The Migrant und mehr)

Wieder einmal einige handverlesene Empfehlungen. Mögen sie auf Gefallen und Interesse stoßen.

Qualitätstipp:

Ein Nachtrag zum Berlin Festival sei noch gemacht, diesmal sehr positiver Natur. Nach dem samstäglichen Line-up-Tohuwabohu des Berlin Festivals 2010 wurden geschmackssichere Zeitgenossen ab 20 Uhr auf eine harte Probe gestellt. Denn nahezu alle Acts der letzten Stunden waren katastrophal oder schlichtweg lächerlich. We Have Band beispielsweise konnte man bestenfalls mit gequälter Miene ertragen. Generell ließ sich der Trend feststellen, dass qualitativ fragwürdige Bands weitaus mehr Zuschauerzuspruch erhielten. Darum stellte es auch keine Zufall dar, dass die hervorragende Formation Fang Island in einem lediglich spärlich gefüllten Hangar 5 auftrat. Die amerikanische Math-Rock-Band bot eine superbe Performance, kräftig, energetisch und schräg – wie mir unser Außenreporter M. bestätigte. Und sogar wenn die Band live noch einige Schippen drauflegt, sei auch das im Frühjahr erschienene, selbstbetitelte Album überaus empfohlen.

Wem nun die Ohren wohlig anschwellen, kann die Tracks Daisy und Life Coach hier kostenlos downloaden.

Entdeckertipp:

Manchmal werden mir meine Grenzen sehr deutlich aufgezeigt. Zwei Hände, zehn Finger, ein Köpfchen – all das reicht nicht immer aus, um hier aufzuführen, was meiner bescheidenen Meinung nach Beachtung verdient. Länger schon auf meinem vollgekritzelten Notizzettel: Our Ceasing Voice. Österreicher – schlimmer noch: Tiroler – und im Genre Post-Rock unterwegs, das mutet zunächst so schlüssig an wie eine koreanische Samba-Truppe. Der gute Peter von den Schallgrenzen hat sich der Band schon vor anderthalben Jahren angenommen – und da gut Ding bekannt Weile haben will, will ich seine Empfehlung nun unterstreichen. Zwischenzeitlich hat Our Ceasing Voice weitere Veröffentlichungen im Gepäck. Darunter die im Mai 2010 erschienen Single EP Passenger Killed In Hit And Run – und dieser Tage den Soundtrack zu einem PC-Spiel namens Painkiller: Resurrection. Und auch wenn The Resurrection EP die Qualitäten der Formation nur bedingt befördert, bietet selbige jetzt einen aktuellen Anlass den Fokus auf die Band zu richten.

An den Herrschaften schätze ich die sehr besonnene Struktur, mit der sie ihre Tracks behutsam aufbauen, ohne das die Chose zu einem in die Länge gezogenen Teig verkommt. Sie leisten es sich in Ambient zu schwelgen, ehe die Gitarren aus dem Sack gelassen werden. Dies trifft in geringerem Umfang auf die Resurrection EP zu, die meist gen Metal ausgerichtet ist.

Alle Veröffentlichungen sind auf bandcamp kostenlos erhältlich. Natürlich kann und soll man sie auch physisch erwerben. Mehr Infos zu den Veröffentlichung finden sich übrigens bei der postrockcommunity.

Downloadtipp:

Post-Rock liefert mir auch gleich ein gutes Stichwort für den nächsten Singer-Songwriter. Dieser hat nun wirklich nichts mit diesem Genre zu tun, veröffentlichte jedoch soeben eine Platte auf Constellation Records, das nun wiederum eines der führenden Labels für Post-Rock ist. Dank der neu gestalteten, nicht mehr an die Uhrzeiten des Internets erinnernden Webseite bereitet das Erstöbern neuer Releases endlich Vergnügen. Gefunden habe ich den werten Herrn Eric Chenaux jedoch auf das klienicum.

Warm Weather – ERIC CHENAUX by Constellation Records

Warm Weather With Ryan Driver ist ungemein sachtes Album, das ich in den nächsten Wochen noch mit einem eigenen Eintrag bedenken will. Für heute sei auf den kostenlosen Download des Tracks Warm Charleston hingewiesen, den es hier gibt. Und bitte den falschen Mp3-Tag ignorieren, der Herr hört definitiv nicht auf den Namen Chenuax.

Geheimtipp:

Ich gebe ja gerne zu, dass unser Blog eher die große musikalische Bandbreite abzudecken versucht und in weitaus geringerem Umfang neue oder unter dem Radar fliegende Bands vorstellt, als dies die geschätzten Blogs Coast Is Clear, bereits erwähntes das klienicum oder Hey Tube tun. Wenn mir also neue Töne um die Ohren wehen, schaue ich durchaus bei besagten Kollegen nach, was sie dazu zu sagen haben – werde oftmals fündig. Im Falle des dänischen Singer-Songwriters Bjarke Bendtsen, der unter dem Namen The Migrant tätig ist, wurde meine Suche nicht von Erfolg gekrönt. Nun gut, erledige ich dieses Mal eben den Job. Soeben hat The Migrant das Album Travels in Lowland herausgebracht, dessen Song The Organ Grinder mich mit einer Brise luftig-warmen Folk-Pops zu umschmeicheln weiß. Ich empfehle also aufdringlichst, diesem Link zu folgen und sich das Lied gratis zu Gemüte zu führen. Im November tourt der vorwiegend in den USA lebende Däne auch durch Europa.

Konzerttermine:

11.11.10 Hamburg – Molotow
18.11.10 Luxemburg (LUX) – d:qliq

Infotipp:

Die Sendung Breitband im Deutschlandradio Kultur läuft, gehört zu den intelligentesten, die ich, der ich zugegebenermaßen wenig Radio höre, so kenne. Einmal mehr wurde mir dies vor Augen geführt, als gestern ein Beitrag zum Thema Urheberrecht in der EU (Stichwort: Gallo-Report) lief. Unaufgeregt wie sachlich wurden die Motivationen dargelegt, warum auch das EU-Parlament das Urheberrecht verstärkt schützen will. Und ebenso, dass dies Ansinnen nicht den Untergang des Abendlandes bedeutet. Einfach einmal anhören und nicht gleich in Panik oder Wut ausbrechen.

Viel Vergnügen mit diesen Tipps!

SomeVapourTrails