Und heute? – Fela Kuti

Fela Kuti habe ich auf diesem Blog schon mehrfach ausführlich gewürdigt, einen Abriss seines Schaffens gegeben, seine frühen Jahre beleuchtet. Ich habe somit hoffentlich bereits verdeutlicht, weshalb ich ihn für den Inbegriff eines Künstlers erachte. Sein kreativer Impuls wirkte derart unvermittelt, so als würde er Kompositionen aus dem Handgelenk schütteln. Dazu war er noch mit großem Charisma ausgestattet. Kuti hätte sich also auf die Rolle des exzentrischen, menschenfängerischen Genies zurückziehen können. Doch war sein Leben auch ein Kampf gegen Unterjochung, ein Ringen um Identität. Er war mindestens so sehr Aktivist wie Musiker. Ein tragischer Held, der mit vollstem Einsatz für hehre Ideale kämpfte. Ein Irrläufer, der sich in seiner Unangepasstheit oft hoffnungslos verrannte. In all dieser Widersprüchlichkeit wäre Fela Kuti im Hier und Jetzt eine vermutlich hoch umstrittene Figur, die den Zeitgeist herausfordern würde. Als Kolonialismuskritiker wäre er Hassobjekt neoliberaler Globalisierer, sein polygamer Lebensstil würde Feministinnen auf die Palme bringen, die Kritik an der Bevormundung durch Religion würde ihn zur Zielscheibe von Boko Haram machen, die Aufsässigkeit gegenüber international salonfähigen Despoten würde der EU nicht wirklich in den Kram passen. Stattdessen müsste er mit dem Applaus der neuen Rechten rechnen, wenn er Migration und den damit einhergehenden Braindrain missbilligen würde. Spinnen wir den Gedanken an einen Fela Kuti im Jahre 2018 doch ein bisschen weiter fort, indem wir ein paar Alben des kürzlich veröffentlichten Vinyl Box Set #4 in einen gegenwärtigen Kontext stellen. Sieben Platten auf Vinyl, kuratiert von Erykah Badu, erfahren so eine Wiederveröffentlichung, wurden mit viel Bonusmaterial und Hintergrundinfos aufgepeppt.

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Zeitreise ins Nigeria der Sechziger – Fela Ransome Kuti And His Koola Lobitos

Für mich ist die Beschäftigung mit Weltmusik neben dem reinen Genussfaktor immer auch eine willkommene Möglichkeit, über den vermeintlichen Umweg Musik etwas über fremde Kulturen oder mir bislang nicht bekannte historische Entwicklungen zu erfahren. Die das Frühwerk der Afrobeat-Legende Fela Ransome Kuti auf drei CDs auffächernde Sammlung Highlife-Jazz and Afro-Soul (1963-1969) gibt mir dieses Mal Gelegenheit dazu. Bereits letzten Herbst habe ich mich in gebotener Kürze mit Kutis Schaffen auseinandergesetzt. Heute will ich mir den Zeitgeist der Sechziger vornehmen, in das soziale und kulturelle Biotop Westafrika eintauchen.

Photo Credit: Sandra Izsadore

Photo Credit: Sandra Izsadore

Als Kuti 1963 nach seinem Studium in London in seine Heimat Nigeria zurückkehrte, fand er ein Land im Wandel vor. 1960 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen worden, schien vieles möglich. Vom wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Höhenflug bis hin zur Zerreißprobe aufgrund ethnischer und religiöser Konflikte. Denn als Erbe der Kolonialzeit verblieb eine willkürlich zusammengewürfelte Schicksalgemeinschaft, deren drei größte Völker die Hausa-Fulani, Yoruba und Igbo waren. Im Jahre 1963 hatte die junge Republik somit noch alle Chancen – und jene Aufbruchsstimmung fand ihren Ausdruck im Highlife. Der Musikstil Highlife hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Entwicklung hinter sich. Seine Wurzeln liegen im Ghana am Ende des 19. Jahrhunderts, als Einflüsse wären Palm Wine Music, koloniale Militärblaskapellen, religiöse Gesänge und karibische Rhythmen zu nennen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten sich zwei Spielarten aus. So wurde er zunächst zur gediegenen Unterhaltung kultivierter Eliten von Tanzorchestern dargeboten, gitarrenlastigere, percussionorientiere Formen des Highlife fanden dagegen im einfachen Volk Verbreitung. In den 1930er-Jahren sorgten ghanaische Wanderarbeiter dafür, dass sich letztere Spielart in ganz Westafrika verbreitete. Weitere Einflüsse kamen hinzu. Während des 2. Weltkriegs befruchteten in Ghana stationierte US-Soldaten den Highlife durch Jazz. Ein wenig Swing, ein bisschen Blues und Calypso sollten in der Folge den Sound weiter ausgestalten. Allmählich schwappte der Highlife auch nach Europa, ein Treffpunkt war der Londoner Club Afrique, in welchem es zu einem Austausch zwischen Musikern aus der Karibik, Westafrika, Südafrika und Großbritannien kam. Es ist davon auszugehen, dass der von 1958-1963 in London weilende Kuti auch davon beeinflusst wurde. Bei seiner Rückkehr nach Nigeria versuchte er in der pulsierenden Clubszene von Lagos Fuß zu fassen. Noch war er ein Newcomer, der am Boom partizipierte. Die Platzhirschen dieser Zeit waren von Victor Olaiya, Rex Lawson, Roy Chicago oder Eddy Okonta angeführte Formationen. Kuti machte eine Ausbildung bei einem nigerianischen Radiosender, abends spielte er in den Tanzlokalen der Stadt. Anfangs noch sehr am Jazz orientiert, wurde auch er vom Zeitgeist angesteckt, fokussierte er seine Band namens Koola Lobitos, die er bereits während seines Musikstudium in London gegründet hatte, nun auf den Highlife. Michael E. Veal, Yale-Professor für Musikethnologie, beschreibt die ersten Gehversuche in den hervorragenden Liner Notes zu diesem Box-Set so: „In his hands, idiomatic chord progressions are enlivenend by syncopated rhythm & blues bass lines, while the percussive horn charts recall James Brown and Stax/Volt as much as they do Chicago, Lawson and Olaiya.“

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Mehr Weltanschauung als Musik – Fela Kuti

Ist Kunst – ob nun Literatur, Film, Malerei oder eben Musik – eine Waffe, mit der man das System attackieren, Revolutionen entfachen kann? Führt die Rezeption von Kunst zu gesellschaftlichen Umwälzungen, oder wird ihr Einfluss gar überschätzt, weil sie meist lediglich Stimmungen aufgreift, die unterschwellig längst schon brodeln? Solch Fragen sind es, die man sich stellen sollte, wenn man sich mit dem Wirken der Nigerianers Fela Kutis (1938-1997) auseinandersetzt. Je nach Weltanschauung wird diese Beschäftigung entweder in der Erkenntnis münden, dass er einen aufreibenden, intensiven Kampf gegen die Folgen des Kolonialismus geführt hat, oder aber zum Ergebnis kommen, dass hinter jenem musikalischen Genie wahnhaft-krude Überzeugungen lauerten. Retrospektiv lässt sich bekanntlich vieles idealisieren oder belächeln. Trotz oder sogar gerade wegen aller Widersprüchlichkeit scheint die Figur Fela Kuti auch knapp zwanzig Jahre nach dem Tod faszinierender denn je.

Wenn man verschiedenen Hommagen und Kurzbiografien Glauben schenkt, zumindest die Eckdaten mit dem Eintrag auf Wikipedia abgleicht, entsteht so das Bild eines nur bedingt einnehmenden Charakters. Man könnte ihn sogar als Populisten bezeichnen, der sich als Mann des einfachen Volkes gerierte, gegen die kulturelle Hegemonie der USA wetterte, damit einhergehend traditionelle Werte betonte. Man könnte in ihm auch einen reinen Agitator sehen, der gegen das politische Establishment Stimmung machte, dabei jedoch selbst keinen untadeligen Lebenswandel führte und in der Rückschau geradezu grotesk rückständige Ansichten vertrat. Wäre Fela Kuti ein Protagonist der Gegenwart, beispielsweise ein Politiker, würde ihn der Zeitgeist – ohne mit der Wimper zu zucken – als Rechtspopulisten abtun.  Weiterlesen