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Ausdruck aufrichtiger Trauer – Condolence: Paris

Ein Stück weit vereinnahmt die Gesellschaft all die Unglücksfälle. Interessensgruppen, Parteien oder Religionen umarmen Fürchterlichkeiten, um daraus Legitimationen fürs eigene Wirken abzuleiten. Doch auch das einzelne Individuum wirft seine Sicht der Dinge in den Ring. Unglück und Terror müssen zur Bestätigung von Überzeugungen, für neue Forderungen herhalten. Fast scheint es, als wären Trauer und das Grüblen nach den Gründen in den Hintergrund gerückt. Die Fragen, die Leid aufwirft, werden mit oftmals hastigen Antworten weggewischt. In Sinnlosigkeit wird Sinnhaftigkeit hineinreklamiert, Hilflosigkeit mittels eines Bündels von Maßnahmen kaschiert. Denken wir doch an die Anschläge von Paris vom November 2015 zurück. Einerseits sind sie noch ganz nah, kochen etwa dann hoch, wenn wie zu Silvester in München vor einem vermeintlich bevorstehenden Anschlag gewarnt wird. Andererseits sind die Attentate auch weit genug weg, um nicht mehr Tag für Tag an allen Ecken und Enden präsent zu sein. Wenn nun der Sampler Condolence: Paris Musiker aus England, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Russland, Schweiz und Türkei versammelt, um Trauer und Reflexion musikalisch zu verarbeiten, dann könnte der Zeitpunkt aus den genannten Gründen besser kaum sein. Dieser Tage jähren sich sogar noch die Attentate rund um Charlie Hebdo.

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Unsere liebsten Songs 2015 (1-25)

Nach dem ersten Teil unserer Lieblingslieder mit den Plätzen 26-50 folgt nun der zweite Teil unserer liebsten Songs des Jahres 2015. Samt Spotify-Playliste, die immer 47 der 50 Titel beinhaltet. Doch genug der Worte, stürzen wir uns ins musikalische Getümmel!

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1.) Radio Elvis – Goliath

Goliath ist nicht weniger als phantastisch, weil es markanten, durchaus an französischen Chansonniers orientierten Gesang mit melodischem und zugleich erstaunlich robustem Indie-Rock verbindet. Die Band ist für mich die Entdeckung des Musikjahres. Und Goliath ist das Lied, dass ich auf immer mit 2015 verbinden werde! (Die EP Juste avant la ruée ist am 09.03.2015 auf PIAS erschienen.)

Wanda Bussi Albumcover ©Vertigo Berlin

2.) Wanda – Bussi Baby

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Unsere liebsten Alben 2015

Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur, adipisci velit… Moment, der Platzhaltertext ist natürlich ein Scherz. Sogar zwischen den Feiertagen fällt mir ein Gedanke zum Musikjahr 2015 ein. Ich meine nämlich, dass Musik zwar nach wie vor eine große Rolle spielt, sie zugleich weniger wahrgenommen wird. Wir hören Musik, aber wie viele Lieder könnten wir zumindest im Refrain tatsächlich mitsingen? Wären wir tatsächlich noch in der Lage, die Intention unseres liebsten Albums des Jahres in wenigen Sätzen zusammenzufassen? Ist es nicht fast erschütternd, dass die Texte, die sich den meisten Menschen einprägen, ausgerechnet aus schlimmen Genres stammen oder problematische Weltanschauungen verfechten? Zeilen aus Schlagern gehören zum Allgemeingut, auch die Protagonisten des Deutschrap haben genug Hörer, die an ihren Lippen hängen, selbst die Texte der völlig unsäglichen Frei.Wild finden willige Abnehmer. Wie aber sieht es mit den Heroen des Indie-Genres und den Kritikerdarlingen aus? Wer könnte Thees Uhlmann, Sufjan Stevens oder Julia Holter aus dem Effeff zitieren? Wir erleben eine Wahrnehmungskrise jener Musik, die für sich in Anspruch nimmt, wertvoll zu sein. Woran liegt das? Ich will es kurz machen, die Schuld teilen sich Künstler, Musikkritik und Hörer zu gleichen Teilen. Wenn Bands und Musiker soziale Netzwerke mit jeder Menge Fotos bespaßen oder mit allerlei Veranstaltungshinweise vollpropfen, dabei aber komplett vergessen, ihre Lyrics und/oder Gitarrentabulaturen zu verbreiten, dann dürfen sie sich eigentlich nicht wundern, wenn Hörer vielleicht lustige Schnappschüsse eher in Erinnerung behalten als die Inhalte der letzten Platte. Die Musikkritik wiederum wird sich mit Klickstrecken und der Ausrichtung auf Tablet und Smartphone zu Tode layouten. Dazu kommt noch die Facebook-Hörigkeit, die eine Platte mit wenigen knackigen Worten teasert. Rezensionen geraten oberflächlich, weil der Transport der eigenen Meinung über dem Verständnis einer Platte steht. Und dann wäre da noch der Hörer, dem Musik oftmals so wichtig ist, dass er sie gar nicht mehr käuflich erwerben muss. Nichts spricht gegen Streaming als Ergänzung zur CD-Sammlung. Ein Stream kann jedoch nie den Besitz einer Platte ersetzen, ihm fehlt jedwedes haptische Erlebnis, ihm fehlt der zeitliche Aufwand – ja generell der zielgerichtet Akt des Kaufs. Wir sehen also, die Krise ist umfassend! Und wird bestenfalls dort überwunden, wo die Musik Botschaften und Lebensgefühl mittransportiert. Das tut der Schlager, das tut leider auch Bushido. Wo also bleibt das Indie-Lebensgefühl? 2015 hat es trotz vieler toller Alben gefehlt. Doch genug geredet, hier nun unsere liebsten Platten!

1.) Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba – Ba Power

Bassekou-Kouyate-Ba-Power-Cover

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Indie-Lieblingslieder 2015 – Ein Zwischenstand (Teil 2)

Ein wenig atemlos hechle ich stets der Musik hinterher. Irgendwann im Jahre 2016 werde ich vielleicht einmal den Jahrgang 2013 endgültig verdaut haben. Ich bin also vielleicht nicht der geeignetste Blogger, um in einer Art Zwischenstand meine ganz persönlichen Indie-Highlights des Musikjahres 2015 aufzulisten. Ich tue es dennoch, denn so einige Highlights habe ich in diesem Jahr bereits entdeckt. Und gute Musik kann man nicht oft genug erwähnen! Hier nun der 2. Teil der Glanzlichter:

BinoculersWhere The Water Is Black (Deutschland) [Das Album Adapted To Both Shade And Sun ist 19.06.2015 auf Insular erschienen.] (Ankündigung)

East Cameron FolkcoreOur City (USA) [Das Album am 10.04.2015 auf Grand Hotel van Cleef erschienen.] (Review)

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Regional ist besser 4: Feverdreamt

Krautrock mit orientalischer Note, fabriziert in Berlin. Das klingt spannend, allerdings auch schräg, sodass man beim ersten Hören des Albums Terban Te Ban darüber staunt, wie dezent und klischeefrei hier zu Werke geschritten wird. Das Projekt Feverdreamt ist nämlich keine typische Crossover-Ausgeburt, es offeriert vielmehr einen im Schwelgen, im Gedanken begriffenen Sound, einen Mix aus psychedelischen Elementen, Post-Rock, Drone und Ambient. Und über all dieses wird ein mit Fortdauer des Werks immer stärker hervortretender, exotischer Gesang der Marke selbst ertüfteltes Wüsten-Esperanto gelegt. Obwohl – besser: gerade weil – diese Musik flüchtig und schwer greifbar wirkt, dem Bandnamen somit sehr gerecht wird, ruht in ihr ein mitunter meditativer Charakter. Zhudan Zhudal etwa erwächst zu einem fast zwölfminütigen Traum, dessen Verschachteltheit an ein Labyrinth erinnert. Der Sound drängt vorwärts, nur um den Kreis zu schließen und wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Es mutet wie ein Drogentrip unter einer mit Sand gefüllten Glasglocke an. Laxmadan Tu wiederum hängt im Vortrag morgenländischer Melancholie nach, eine sachte, in Chiffren dampfende Schwere liegt über diesem Track. Yodan Fu verlagert sich endgültig in einen sich dahinschleppenden Wachdämmer. Diese Musik in jenem Zustand wimmernder Trance hat mich schon längst um den Finger gewickelt. Weil sie wunderbar zu täuschen weiß, eine eigene, im Grunde ok­zi­dentale Fantasie eines von archaischer Schönheit beseelten Nahen Ostens entfaltet. All die Exotik trägt die Sehnsucht an geträumte Fremde in sich. Auch deshalb könnte der Name dieses Projekts nicht besser gewählt sein. Feverdreamt kreiert Mal für Mal eine Fata Morgana, die flackert, flirrt und flimmert. Das epische Antrebax Nox steht in bester Kraut-Tradition, es wirkt hypnotisch, lullt ein, spornt die Vorstellungskraft an. Es erschafft eine in Cinemascope getauchte Weite samt unruhigem Horizont.

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