Free Mp3: Sofia Talvik – Cold Cold Feet

Die von uns sehr geschätzte schwedische Singer-Songwriterin Sofia Talvik hat es sich zur Tradition gemacht, jedes Jahr ein eigens komponiertes Weihnachtslied aufzunehmen und ihren Fans anzubieten. Diese können es ihr mit einer kleinen Spende danken, müssen jedoch nicht. Talvik ist bei ihren Weihnachtsliedern sowohl vom musikalischen Stil als auch von der Themenwahl her immer für eine Überraschung gut. Was die Lieder über die Jahre ausgezeichnet hat, ist der Umstand, dass die Schwedin keinerlei althergebrachten Stereotype bemüht. Vielmehr benutzt sie die weihnachtliche Szenerie und Stimmung, um sehr nachdenkliche Geschichten fernab von Klischees zu erzählen. Auch ihr diesjähriger Song Cold Cold Feet macht da keine Ausnahme, wenn er von einer alleinerziehenden Mutter berichtet, die zusätzliche Schichten einlegen muss, um ihren Kindern überhaupt ein Weihnachten zu ermöglichen. Zeilen wie „Tomorrow’s Christmas morning/ She wishes she could be around/ To see their smiles as they are opening their presents/ That she got at lost and found“ oder „And though she takes those extra shifts/ There never seems to be enough to warm those/ Cold cold feet“ machen Armut sehr anschaulich, rühren ungemein. Eine Armut, die sich inmitten der Fülle von Weihnachten wohl noch deprimierender anfühlt. Dieser Track führt uns vor Augen, dass die Zeit, die für viele Menschen wohl die schönste im Jahr ist, anderen Menschen jedoch schwer auf die Seele drückt.  Weiterlesen

Fight dragons and spells, survive through the storm – JP Hoe

Heute möchte ich dem werten Leser eine Platte vorstellen, die sich in den letzten Wochen zu einem meiner absoluten Lieblingsalben des Jahres 2015 gemausert hat. Ich will mich sogar zu der Aussage versteigen, dass in einer besseren Welt Menschen in Scharen zusammenkommen, sich an den Händen fassen und die Folk-Pop-Rock-Hymnen des im kanadischen Winnipeg beheimateten Singer-Songwriter JP Hoe singen würden. Das im Oktober hierzulande erschienene Album Hideaway hat für mich im positivsten Sinne Mainstream-Appeal. Es offenbart einen Sänger mit einer kräftigen, lebendigen Stimme, der Schicksale nicht nur besingt, vielmehr mit der richtigen Dosis lebt. Hideaway ist auf eingängige Weise ergreifend, ohne es mit Drama oder Pathos je zu übertreiben. Die Melodien der Platte zünden die gerade in den Refrains üppige Instrumentierung lenkt die Emotion stets in die richtigen Bahnen. Das Album macht es Hörern eigentlich leicht, es durch und durch zu mögen.

Schauen wir uns eine Handvoll Songs kurz näher an. Spätestens dann sollte deutlich werden, warum ich von der Scheibe so angetan bin. Beim Opener Beautifully Crazy etwa ist der Titel bereits Programm. Er beschreibt Menschen mit all ihren Marotten. Etwa das alte Mädchen von gegenüber, das behauptet Elvis gekannt zu haben und sich darum jedes Jahr seit seinem Tode eine Träne tätowieren hat lassen. Oder diesen schrägen Jesus, der den Leuten die Seelenrettung an einer Bushaltestelle anbietet. Gegen ein wenig Kleingeld natürlich.  Weiterlesen

Mal bitter, mal zärtlich, ein kompliziertes Ich und Du – Mo Kenney

Vor einem Jahr habe ich die kanadische Singer-Songwriter Mo Kenney erstmals auf diesem Blog gewürdigt, von einem burschikosen Wesen gesprochen, das  jugendlichen Schalk mit flügger Nachdenklichkeit und großer Direktheit vermengt. Ihr Album als fröhlichen bis gedankenvollen Indie-Folk-Pop mit einigen Ausflügen in Folk-Rock-Gefilde beschrieben. Bereits jenes gleichnamiges Debüt war bemerkenswert, mit In My Dreams folgt nun eine noch smartere, facettenreichere Platte. Welch Leistung! Denn obwohl es zwar immer heißt, dass aller Anfang schwer sei, gilt in der Musik das eherne Gesetz, dass man nach einem guten, unbekümmerten Debüt erst einmal ein mindestens ebenbürtiges zweites Werk zustande bringen muss. Kenney hat ihre Anfänge konsequent fortgesetzt. Ihre Texte sind sogar eindringlicher geworden, handeln vor allem von Abschieden aus längst gescheiterten Beziehungen und Affären, manchmal allerdings auch von Hoffnungen und Wünschen. Kenneys Lyrics funktionieren deshalb so gut, weil sie auf einer intimen Ebene des Ich und Du ablaufen. Die Worte gleichen manchmal einer Beichte, ab und an einem bitteren Resümee und gegen Ende liebevollen Komplimenten. Zu Beginn jedoch wird mit Schonungslosigkeit der Status quo seziert, für unbefriedigend befunden. Diesen Inhalten steht eine durchaus liebliche Melodik gegenüber, die für Verdaulichkeit sorgt.

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Photo Credit: Paul Wright

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Schlaglicht 29: the innocence mission

Die Kunst des Folk-Pop-Lullabys beherrscht niemand besser als the innocence mission. Seit einer kleinen Ewigkeit schon offeriert das Ehepaar Karen und Don Peris zusammen mit Bassist Mike Bitts kleine Schlummerhilfen. Denn all ihren Alben und EPs ist eine schlichte Seligkeit gemein, eine große Entschleunigung, eine Kontemplation und Friedlichkeit. Man muss sich nur die Titel vergangener Platten auf der Zunge zergehen lassen: Now the Day Is Over (2004), We Walked in Song (2007), My Room in the Trees (2010). the innocence mission haben sich eine eigene kleine, behütete Welt gezimmert, die die laute, wilde Realität auf gebührenden Abstand hält.

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Schlaglicht 27: Frøkedal

So eine EP ist eine feine Sache. Denn eine EP bekommt in der Regel eine geringere Aufmerksamkeit als ein Album. Man kann somit etwas ausprobieren. Wenn es sich dann sogar noch um eine Debüt-EP handelt, sind Experiment und Versuch geradezu Pflicht. Das hat sich wohl auf die Norwegerin Frøkedal bei ihrer EP I See You gedacht. Der Titeltrack und auch der Songs Surfers bieten zunächst noch Folk-Pop mit kammermusikalischem Charme und Hippie-Harmonien. Mit Silhouettes ist weiters eine schwermütige, dennoch glockenklar leidende Ballade an Bord. Die ersten drei Titel wirken stimmig, fraglos sehr vielversprechend. Und dann kommt mit dem letzten Lied First Friend ein völliger Stilbruch. Der Track wartet mit Electro-Pop skandinavischer Prägung auf, gibt sich abgründig. Unvermittelt wird der Hörer mit den zwei Gesichtern von Frøkedal konfrontiert. Man kratzt sich anschließend am Kopf, vom Eindruck erfasst, dass dieser Spagat ein bisschen zu heftig ausfällt. Was nur darf man sich von Anne Lise Frøkedal also erhoffen?  Weiterlesen

Regional ist besser 5: Bukahara

Ich will kein Loblied auf Multikulti singen. Denn Realitäten würdigt man dadurch am besten, indem man sie als Normalität wahrnimmt. Das Zusammenleben von Menschen mit verschiedensten kulturellen Hintergründen funktioniert hierzulande im urbanen Raum vielfach gut, es ist doch vor allem die verstockte, von Ängsten zerfressene Provinz, die jede andere Hautfarbe oder andere Religion als Anschlag auf das eigene Selbstverständnis betrachtet. Wenn ich also heute eine Band vorstelle, deren Mitglieder das komplette Spektrum deutscher Lebenswirklichkeiten abdeckt, dann möchte ich die Regionalität dieser Band nochmals hervorstreichen. Diese Formation ist deutsch, nicht trotz des vorhandenen Migrationshintergrundes, sondern weil sie in Deutschland wirkt und werkt. Bukahara besteht aus Soufian Zoghlami, einem Halbtunesier, der die Hauptstimme stellt und Gitarre spielt, Ahmed Eid aus Palästina am Kontrabass, Daniel Avi Schneider mit schweizerisch-jüdischen Background an der Violine und dem für Tuba und Posaune zuständigen Max von Einem. Die Mitglieder von Bukahara sind in Köln und Berlin angesiedelt. Und so bunt wie man sich diese Truppe wohl vorstellen darf, ebenso bunt mutet die Musik an, die das im Mai veröffentlichte Album Strange Delight vorzuweisen hat. Ob Folk-Pop, Klänge vom Balkon oder eben auch orientalische Einflüsse, vielfältige Traditionen greifen wunderbar ineinander. Sind nie Gegensatz, vielmehr stets Ergänzung. Nicht zuletzt darum kann Kunst, in jenem Falle Musik, als Vorbild für ein gesellschaftliches Miteinander funktionieren.

Doch sehen wir uns Strange Delight ein wenig näher an. Der Opener Biography ist Steinchen für Steinchen ein Konglomerat aus Balkan-Swing, Dreißigerjahre-Cabaret-Flair und dem charismatischen, rauen Gesang Zoghlamis. Wer hier bereits ein Leuchten in den Augen entwickelt und die Hüften im Takt kreisen lässt, wird den Rest der Platte lieben.  Weiterlesen

Schutzlos unter den Sternen – Binoculers

Dream-Folk-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns das Hamburger Projekt Binoculers unter der Federführung von Nadja Rüdebusch. Einen Ausblick auf das Album Adapted To Both Shade And Sun habe ich bereits im April gegeben, nun möchte ich mir dieses mit gelenker Hand und selbstverständlicher Kunstfertigkeit vollbrachte Stück Musik noch ein wenig näher ansehen. Gelungene, auf Englisch gehaltene Singer-Songwriter-Platten aus Deutschland sind zumindest für mich noch immer eine Art Kuriosum. Weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Rüdebusch jedenfalls gelingt mit ihrem Vehikel Binoculers eine souveräne, angenehm international anmutende Platte mit einer ganz eigenständigen, verwirrenden Aura.

Der Moment, in dem aus Musik Magie wird, jener Augenblick kommt im vorliegenden Fall durchaus früh. Schon der zweite Song des Albums verzaubert. Where The Water Is Black besticht durch dunkle Poesie und einen anfänglich schleppenden, ganz allmählich jedoch fülliger werdenden Sound. Und irgendwann zur Hälfte dieses Gangs durch die Nacht fallen die Schritte sicherer aus, tänzeln elegant dahin, befunkelt vom hellen Sternenglanz am Firmament („But the stars are the brightest where the water is black“). Mit diesem Lied entfernt sich die Platte rasch von jeglicher deutschen Pomadigkeit. Und es bleibt bei Weitem nicht die einzige eindringliche Nummer dieser Platte!  Weiterlesen

Empfindungen wie aus dem Tagebuch – Sofia Talvik

Kann man die Traditionen eines Kulturkreises verinnerlichen, so sehr sogar dass man schon Teil davon zu sein scheint? Kann man als deutscher Musiker einen Reggae machen, der jedem Jamaikaner wohlig in die Eingeweide fährt? Oder gar als schwedische Singer-Songwriterin ein Americana-Album basteln, dass nordamerikanische Musikerinnen vor Neid erblassen lässt? Ja, alles eine Frage der Neugier, mit welcher man einer Kultur begegnet. Die weltenbummelnde Schwedin Sofia Talvik etwa hat auf  ihrer neuen Platte Big Sky Country ihre 16 Monate dauernde, sich über 37 US-Bundesstaaten erstreckende Tour nochmals Revue passieren lassen. In diesem Werk schwingt neben ein bisschen rustikaler Patina eine stimmliche Engelsgleiche mit, wie man sie in den Sechziger und Siebzigern im Folk oft gehört hat. Talviks Gesang verströmt eine Sanftheit, ein im besten Sinne blauäugiges Staunen, ihr lyrisches Alter Ego wirkt nie cool, abgeklärt oder gar routiniert. Es ist vielmehr von Situationen, Emotionen überwältigt. So gewinnen ihre Songs an Unmittelbarkeit, Talviks Geständnisse, Sehnsüchte und Empfindungen gleichen mit zärtlicher Handschrift verfassten Tagebucheinträgen. Die Schwedin fängt ein Stück alltäglichen Sehnens und Bereuens ein, verpackt es in einen Sound des ruralen Amerikas, von den Rockies bis zu den Appalachen.

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In der Mache 2: Binoculers

Vor ein wenig mehr als 2 Jahren habe ich das Album There Is Not Enough Space In The Dark vielleicht ein bisschen salopp mit einem mit Nippes gefüllten Setzkasten verglichen. All die Stimmungen und Betrachtungen dieses gitarrenverbrämten Folk-Pop erinnerten mich an in Fächern platzierte Miniaturen, die in solch stimmiger Eintracht ein wohlkomponiertes Gesamtes ergaben. Lieder als Nippes zu bezeichnen, das könnte man wohl auch als eine gewisse Herabwürdigung sehen. So jedoch war das nicht gemeint. Wenn ich allerdings jenen Liedern lausche, welche die unter dem Namen Binoculers werkende Singer-Songwriterin Nadja Rüdebusch für ihre neue Platte ersonnen hat, dann bin ich gerne gewillt, dieses Mal von Schätzen, Kostbarkeiten und Kleinoden zu erzählen. Das für Juni angekündigte Album Adapted To Both Shade And Sun schafft das, was im Musikgeschäft mittlerweile als vermeintliche Normalität vorgegaukelt wird. Es hat sich nämlich enorm weiterentwickelt.

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Schatzkästchen 12: Cody – The Medic Blues

Ende 2012 habe ich die dänische Formation Cody bereits einmal auf dem Blog erwähnt. Schon damals haben mir die stimmungsvollen Pop-Melodien der Band imponiert. Dieser Tage nun gibt es Neuigkeiten zu vermelden, ein Album namens Windshield nämlich, die mittlerweile dritte Platte der Dänen rund um Kaspar Kaae. Und noch immer bleiben sie der Formel treu, feinfühligen, balladesken Pop mit Elementen des Folk zu verknüpfen und ab und an mit orchestraler Bittersüße auszustatten. Bei der Single-Auskopplung The Medic Blues etwa trifft nordische Wehmut auf britische Noblesse, vielleicht huscht sogar ein Anflug von Get Well Soon durch die Szenerie. Cody sind Melancholiker, die ihrer Musik eine gewisse Lieblichkeit einverleiben, sie nie spröde halten. Windshield ist so edel, so eingängig wie sacht ausgefallen, dass ich es in den nächsten Wochen ausgiebiger beleuchten möchte. The Medic Blues freilich sei den werten Leser des Blogs schon vorab mit Ausrufezeichen empfohlen!

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