Schlagwort-Archive: folk pop

Schlaglicht 29: the innocence mission

Die Kunst des Folk-Pop-Lullabys beherrscht niemand besser als the innocence mission. Seit einer kleinen Ewigkeit schon offeriert das Ehepaar Karen und Don Peris zusammen mit Bassist Mike Bitts kleine Schlummerhilfen. Denn all ihren Alben und EPs ist eine schlichte Seligkeit gemein, eine große Entschleunigung, eine Kontemplation und Friedlichkeit. Man muss sich nur die Titel vergangener Platten auf der Zunge zergehen lassen: Now the Day Is Over (2004), We Walked in Song (2007), My Room in the Trees (2010). the innocence mission haben sich eine eigene kleine, behütete Welt gezimmert, die die laute, wilde Realität auf gebührenden Abstand hält.

Schlaglicht 29: the innocence mission weiterlesen

Schlaglicht 27: Frøkedal

So eine EP ist eine feine Sache. Denn eine EP bekommt in der Regel eine geringere Aufmerksamkeit als ein Album. Man kann somit etwas ausprobieren. Wenn es sich dann sogar noch um eine Debüt-EP handelt, sind Experiment und Versuch geradezu Pflicht. Das hat sich wohl auf die Norwegerin Frøkedal bei ihrer EP I See You gedacht. Der Titeltrack und auch der Songs Surfers bieten zunächst noch Folk-Pop mit kammermusikalischem Charme und Hippie-Harmonien. Mit Silhouettes ist weiters eine schwermütige, dennoch glockenklar leidende Ballade an Bord. Die ersten drei Titel wirken stimmig, fraglos sehr vielversprechend. Und dann kommt mit dem letzten Lied First Friend ein völliger Stilbruch. Der Track wartet mit Electro-Pop skandinavischer Prägung auf, gibt sich abgründig. Unvermittelt wird der Hörer mit den zwei Gesichtern von Frøkedal konfrontiert. Man kratzt sich anschließend am Kopf, vom Eindruck erfasst, dass dieser Spagat ein bisschen zu heftig ausfällt. Was nur darf man sich von Anne Lise Frøkedal also erhoffen? Schlaglicht 27: Frøkedal weiterlesen

Regional ist besser 5: Bukahara

Ich will kein Loblied auf Multikulti singen. Denn Realitäten würdigt man dadurch am besten, indem man sie als Normalität wahrnimmt. Das Zusammenleben von Menschen mit verschiedensten kulturellen Hintergründen funktioniert hierzulande im urbanen Raum vielfach gut, es ist doch vor allem die verstockte, von Ängsten zerfressene Provinz, die jede andere Hautfarbe oder andere Religion als Anschlag auf das eigene Selbstverständnis betrachtet. Wenn ich also heute eine Band vorstelle, deren Mitglieder das komplette Spektrum deutscher Lebenswirklichkeiten abdeckt, dann möchte ich die Regionalität dieser Band nochmals hervorstreichen. Diese Formation ist deutsch, nicht trotz des vorhandenen Migrationshintergrundes, sondern weil sie in Deutschland wirkt und werkt. Bukahara besteht aus Soufian Zoghlami, einem Halbtunesier, der die Hauptstimme stellt und Gitarre spielt, Ahmed Eid aus Palästina am Kontrabass, Daniel Avi Schneider mit schweizerisch-jüdischen Background an der Violine und dem für Tuba und Posaune zuständigen Max von Einem. Die Mitglieder von Bukahara sind in Köln und Berlin angesiedelt. Und so bunt wie man sich diese Truppe wohl vorstellen darf, ebenso bunt mutet die Musik an, die das im Mai veröffentlichte Album Strange Delight vorzuweisen hat. Ob Folk-Pop, Klänge vom Balkon oder eben auch orientalische Einflüsse, vielfältige Traditionen greifen wunderbar ineinander. Sind nie Gegensatz, vielmehr stets Ergänzung. Nicht zuletzt darum kann Kunst, in jenem Falle Musik, als Vorbild für ein gesellschaftliches Miteinander funktionieren.

Doch sehen wir uns Strange Delight ein wenig näher an. Der Opener Biography ist Steinchen für Steinchen ein Konglomerat aus Balkan-Swing, Dreißigerjahre-Cabaret-Flair und dem charismatischen, rauen Gesang Zoghlamis. Wer hier bereits ein Leuchten in den Augen entwickelt und die Hüften im Takt kreisen lässt, wird den Rest der Platte lieben. Regional ist besser 5: Bukahara weiterlesen

Schutzlos unter den Sternen – Binoculers

Dream-Folk-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns das Hamburger Projekt Binoculers unter der Federführung von Nadja Rüdebusch. Einen Ausblick auf das Album Adapted To Both Shade And Sun habe ich bereits im April gegeben, nun möchte ich mir dieses mit gelenker Hand und selbstverständlicher Kunstfertigkeit vollbrachte Stück Musik noch ein wenig näher ansehen. Gelungene, auf Englisch gehaltene Singer-Songwriter-Platten aus Deutschland sind zumindest für mich noch immer eine Art Kuriosum. Weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Rüdebusch jedenfalls gelingt mit ihrem Vehikel Binoculers eine souveräne, angenehm international anmutende Platte mit einer ganz eigenständigen, verwirrenden Aura.

Der Moment, in dem aus Musik Magie wird, jener Augenblick kommt im vorliegenden Fall durchaus früh. Schon der zweite Song des Albums verzaubert. Where The Water Is Black besticht durch dunkle Poesie und einen anfänglich schleppenden, ganz allmählich jedoch fülliger werdenden Sound. Und irgendwann zur Hälfte dieses Gangs durch die Nacht fallen die Schritte sicherer aus, tänzeln elegant dahin, befunkelt vom hellen Sternenglanz am Firmament („But the stars are the brightest where the water is black“). Mit diesem Lied entfernt sich die Platte rasch von jeglicher deutschen Pomadigkeit. Und es bleibt bei Weitem nicht die einzige eindringliche Nummer dieser Platte! Schutzlos unter den Sternen – Binoculers weiterlesen

Empfindungen wie aus dem Tagebuch – Sofia Talvik

Kann man die Traditionen eines Kulturkreises verinnerlichen, so sehr sogar dass man schon Teil davon zu sein scheint? Kann man als deutscher Musiker einen Reggae machen, der jedem Jamaikaner wohlig in die Eingeweide fährt? Oder gar als schwedische Singer-Songwriterin ein Americana-Album basteln, dass nordamerikanische Musikerinnen vor Neid erblassen lässt? Ja, alles eine Frage der Neugier, mit welcher man einer Kultur begegnet. Die weltenbummelnde Schwedin Sofia Talvik etwa hat auf  ihrer neuen Platte Big Sky Country ihre 16 Monate dauernde, sich über 37 US-Bundesstaaten erstreckende Tour nochmals Revue passieren lassen. In diesem Werk schwingt neben ein bisschen rustikaler Patina eine stimmliche Engelsgleiche mit, wie man sie in den Sechziger und Siebzigern im Folk oft gehört hat. Talviks Gesang verströmt eine Sanftheit, ein im besten Sinne blauäugiges Staunen, ihr lyrisches Alter Ego wirkt nie cool, abgeklärt oder gar routiniert. Es ist vielmehr von Situationen, Emotionen überwältigt. So gewinnen ihre Songs an Unmittelbarkeit, Talviks Geständnisse, Sehnsüchte und Empfindungen gleichen mit zärtlicher Handschrift verfassten Tagebucheinträgen. Die Schwedin fängt ein Stück alltäglichen Sehnens und Bereuens ein, verpackt es in einen Sound des ruralen Amerikas, von den Rockies bis zu den Appalachen.

Empfindungen wie aus dem Tagebuch – Sofia Talvik weiterlesen

In der Mache 2: Binoculers

Vor ein wenig mehr als 2 Jahren habe ich das Album There Is Not Enough Space In The Dark vielleicht ein bisschen salopp mit einem mit Nippes gefüllten Setzkasten verglichen. All die Stimmungen und Betrachtungen dieses gitarrenverbrämten Folk-Pop erinnerten mich an in Fächern platzierte Miniaturen, die in solch stimmiger Eintracht ein wohlkomponiertes Gesamtes ergaben. Lieder als Nippes zu bezeichnen, das könnte man wohl auch als eine gewisse Herabwürdigung sehen. So jedoch war das nicht gemeint. Wenn ich allerdings jenen Liedern lausche, welche die unter dem Namen Binoculers werkende Singer-Songwriterin Nadja Rüdebusch für ihre neue Platte ersonnen hat, dann bin ich gerne gewillt, dieses Mal von Schätzen, Kostbarkeiten und Kleinoden zu erzählen. Das für Juni angekündigte Album Adapted To Both Shade And Sun schafft das, was im Musikgeschäft mittlerweile als vermeintliche Normalität vorgegaukelt wird. Es hat sich nämlich enorm weiterentwickelt.

In der Mache 2: Binoculers weiterlesen

Schatzkästchen 12: Cody – The Medic Blues

Ende 2012 habe ich die dänische Formation Cody bereits einmal auf dem Blog erwähnt. Schon damals haben mir die stimmungsvollen Pop-Melodien der Band imponiert. Dieser Tage nun gibt es Neuigkeiten zu vermelden, ein Album namens Windshield nämlich, die mittlerweile dritte Platte der Dänen rund um Kaspar Kaae. Und noch immer bleiben sie der Formel treu, feinfühligen, balladesken Pop mit Elementen des Folk zu verknüpfen und ab und an mit orchestraler Bittersüße auszustatten. Bei der Single-Auskopplung The Medic Blues etwa trifft nordische Wehmut auf britische Noblesse, vielleicht huscht sogar ein Anflug von Get Well Soon durch die Szenerie. Cody sind Melancholiker, die ihrer Musik eine gewisse Lieblichkeit einverleiben, sie nie spröde halten. Windshield ist so edel, so eingängig wie sacht ausgefallen, dass ich es in den nächsten Wochen ausgiebiger beleuchten möchte. The Medic Blues freilich sei den werten Leser des Blogs schon vorab mit Ausrufezeichen empfohlen!

Schatzkästchen 12: Cody – The Medic Blues weiterlesen

Free Mp3: Sofia Talvik – A Long Way Home

English/Deutsch

Christmas is all about longing. More often than not life seperates you from your family, work takes you far away. These days it’s the yearning for meeting the loved ones that mostly defines Xmas. The holidays are one of the rare opportunities to come together. Coming home is what this years Christmas single by Swedish Singer-Songwriter Sofia Talvik is all about. Talvik cherishes her tradition of giving her fans a free original Christmas song each year. Her efforts prove that great storytelling will always be the key to a good song. This year’s tune is called A Long Way Home and it describes a car ride home on Christmas Eve while „snowflakes dancing in my headlights„. And there’s the promise: „And honey I will find a way/ To get home till Christmas day/ I’ll fight the snow if it’s the last thing that I do/ But it’s a long way home„. This song’s message offers a wish most people can relate to. And somehow you’d expect that by the end of the song the main character will make it in time. But smart storytelling often misleads expectations. A Long Way Home has no happy ending: „And it feels like I am flying/ Tires slipping on the ice/ And those lights came out of nowhere/ I tried to shield my eyes„. An accident on Christmas Eve! Free Mp3: Sofia Talvik – A Long Way Home weiterlesen

Schlüpfende Schmetterlinge – Lily & Madeleine

Das Schwesternpaar Lily & Madeleine hat sich vor zwei Jahren darangemacht, mit einem durchaus eigenständigen, ernsthaft-lieblichen Indie-Folk-Pop Herzen und Köpfe zu verdrehen. Den beiden Teenagern aus dem nicht eben als musikalischen Hotspot verschrienen Indianapolis sind mittlerweile schon zwei bemerkenswerte Alben geglückt. Ihrem letztjährigen Debüt haben sie mit erstaunlicher Schnelle das vor wenigen Wochen erschienene Fumes folgen lassen. Lily & Madeleine erstrahlen als Perfektion in Mädchengestalt, taugen als Projektionsfläche für keineswegs unanständige Träume männlicher Musikfans. Sie repräsentieren das Ende der Unschuld, den Moment, wo eine jugendliche Unsicherheit in heranreifendes Wissen übergeht. Sie betören mit juveniler Nachdenklichkeit, kichern nie, schwärmen nicht, sie wirken wie eine auf Ästhetik und Anstand getrimmte Fantasie, die den Hirnen kultivierter, älterer Herren entsprungen ist. Das Geschwisterpärchen bildet somit die völlige Antithese zu forsch-naivem Backfischtum. Und natürlich scheint es auch meilenweit von einer Jeunesse dorée oder jeglicher Emo-Miesepetrigkeit entfernt.

Schlüpfende Schmetterlinge – Lily & Madeleine weiterlesen

Wiegenlieder für verirrte Schäfchen – Saint Saviour

Es mag Gefühle geben, bei denen man sich die Kehle aus dem Hals brüllen muss. Auch in der Musik scheint Gejodel zur Stimmbarmachung von Emotion legitim. Und doch: Leise ist das neue Laut. Unter anderem durch das Erstarken des (Indie-)Folk wurden in den letzten Jahren vermehrt Stimmungen gepflegt, die keinem schrillen Pathos huldigen. Auch getragene Empfindsamkeit entwickelt eine große musikalische Kraft, die den Hörer zu fesseln weiß. Das Album In The Seams der Britin Saint Saviour belegt dies. Mit ihrem sanften, vergrübelten Piano-Pop und nachdenklichen, folkigen Gitarren-Balladen ist Saint Saviour die Ruhe in Person. Sie träumt, sinniert, flüstert und erzählt, krakeelen tut sie dagegen nie. Vielmehr hängt sie Gedanken nach, singt sich mit viel Anmut ein zartbesaitetes Stück Leben von den Lippen. All das gleicht einer Beichte in ein Tagebuch, Hoffnungen inbegriffen.

Wiegenlieder für verirrte Schäfchen – Saint Saviour weiterlesen