Die Weisheit der Straße – Michael Brinkworth

All die Castingshows und Talentschauen haben eine ehrenwerte Profession mittlerweile in Verruf gebracht. Der durch die Gegend ziehende Straßenmusiker, der in Fußgängerzonen ohne viel Tamtam sein Talent unter Beweis stellt, ist auch nicht mehr das, was er mal war. Früher lag in dem landstreicherischen Abenteuertum ein Hauch von Romantik, heute hat es mehr etwas von einer mit Kalkül ausgestalteten Legende, mit der sich mal treuherzig blickend Kasse machen lässt. Dabei ist die Kunst des Straßenmusikanten sehr ehrenwert, sie ist unmittelbar und direkt, setzt auf die Zufälligkeit des Moments. Doch bevor wir nun darüber jammern, dass einst alles besser war, hören wir lieber einem Singer-Songwriter zu, der laut Pressetext bereits 40 Länder bereist, die eigenen Lieder auf der Straße und in Bars dargeboten hat. Der Australier Michael Brinkworth hat also eine echte Ochsentour unternommen, um seinen Sound zu finden. Und siehe da, das Album Somewhere To Run From steht für einnehmenden, freilich nie weichgespülten Country-Folk mit oft rockiger Note.

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Nymphe unter Derwischen – Heron Oblivion

Manch Album verstört mindestens in dem Maße, in dem es betört. Der aus San Francisco stammenden Formation Heron Oblivion ist solch ein auf Widersprüchlichkeit basierendes Werk gelungen. Das Genre freilich ist rasch geklärt. Wir haben es mit psychedelischem Folk-Rock zu tun, dessen ganze Wirkkraft durch die weltverlorene Stimme der Sängerin Meg Baird noch weiter gesteigert wird. Ihr Vortrag erweist sich als reinster Dream-Folk, von mythischen Anklängen geprägt. Um diese Geschichten von Sehnsucht und ewiger Vergänglichkeit wuchern verzerrte, oft dramatisch jaulende Gitarren. Das selbstbetitelte Debütalbum entwickelt eine fragile Ästhetik, die Mal für Mal von eben jenen Gitarren erschüttert wird. Wer mit dieser Prämisse etwas anzufangen weiß, wird die Platte lieben.

Schon Beneath Fields geizt nicht mit Atmosphäre. Wie von einem fernen Gestern her erschallt ein nymphischer Gesang, anfangs überwiegend von Ethan Millers Bass und Meg Bairds getragenem Schlagzeugspiel geleitet, ehe im Verlauf Noel Von Harmonson and Charlie Saufley mit mächtigen, verzerrten Gitarrensequenzen die Szenerie dominieren.Read more: Nymphe unter Derwischen – Heron Oblivion

Fight dragons and spells, survive through the storm – JP Hoe

Heute möchte ich dem werten Leser eine Platte vorstellen, die sich in den letzten Wochen zu einem meiner absoluten Lieblingsalben des Jahres 2015 gemausert hat. Ich will mich sogar zu der Aussage versteigen, dass in einer besseren Welt Menschen in Scharen zusammenkommen, sich an den Händen fassen und die Folk-Pop-Rock-Hymnen des im kanadischen Winnipeg beheimateten Singer-Songwriter JP Hoe singen würden. Das im Oktober hierzulande erschienene Album Hideaway hat für mich im positivsten Sinne Mainstream-Appeal. Es offenbart einen Sänger mit einer kräftigen, lebendigen Stimme, der Schicksale nicht nur besingt, vielmehr mit der richtigen Dosis lebt. Hideaway ist auf eingängige Weise ergreifend, ohne es mit Drama oder Pathos je zu übertreiben. Die Melodien der Platte zünden die gerade in den Refrains üppige Instrumentierung lenkt die Emotion stets in die richtigen Bahnen. Das Album macht es Hörern eigentlich leicht, es durch und durch zu mögen.

Schauen wir uns eine Handvoll Songs kurz näher an. Spätestens dann sollte deutlich werden, warum ich von der Scheibe so angetan bin. Beim Opener Beautifully Crazy etwa ist der Titel bereits Programm. Er beschreibt Menschen mit all ihren Marotten. Etwa das alte Mädchen von gegenüber, das behauptet Elvis gekannt zu haben und sich darum jedes Jahr seit seinem Tode eine Träne tätowieren hat lassen. Oder diesen schrägen Jesus, der den Leuten die Seelenrettung an einer Bushaltestelle anbietet. Gegen ein wenig Kleingeld natürlich. Read more: Fight dragons and spells, survive through the storm – JP Hoe

Ein Hauch von Ewigkeit – Great Lake Swimmers

Tony Dekker ist ein Folk-Barde, wie er im Buche steht. Reflektiert, naturverbunden, mit viel Authentizität gesegnet. Zugleich beschränkt er sein musikalisches Schaffen keineswegs auf Gitarre und eremitische Abgeschiedenheit. Jener in bedächtiger Manier vollführte Folk-Rock und dieses Faible für lebendige Rhythmik ergänzen den gedankenversunken, warmen Vortrag perfekt. Mit seinen Great Lake Swimmers schlägt er seit über 10 Jahren die Brücke zwischen Erbaulichkeit und unprätentiösem Fühlen. Auch das jüngste, im Frühjahr 2015 erschienene A Forest of Arms bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

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Photo Credit: Marina Manushenko

Es ist ein Werk, das vereinzelt ein wenig quirliger auftritt, stellenweise hemdsärmeligen Rock sehr betont, sogar mit Refrains aufwartet, die zum Mitsingen einladen. Der Country-Rocker I Must Have Some Else’s Blues ist nicht eben typisch für die Band. Auch das zünftige One More Charge at the Red Cape fällt ein wenig aus der Rolle. Dieser Song wagt es, einen straighten Bandsound mit Dekkers manchmal fast schüchternen Gesang zu kombinieren. Das hat seinen Reiz, allerdings kommt sein Vortrag bei akustischeren, gedämpfteren Nummern besser zur Geltung. Read more: Ein Hauch von Ewigkeit – Great Lake Swimmers

Mal bitter, mal zärtlich, ein kompliziertes Ich und Du – Mo Kenney

Vor einem Jahr habe ich die kanadische Singer-Songwriter Mo Kenney erstmals auf diesem Blog gewürdigt, von einem burschikosen Wesen gesprochen, das  jugendlichen Schalk mit flügger Nachdenklichkeit und großer Direktheit vermengt. Ihr Album als fröhlichen bis gedankenvollen Indie-Folk-Pop mit einigen Ausflügen in Folk-Rock-Gefilde beschrieben. Bereits jenes gleichnamiges Debüt war bemerkenswert, mit In My Dreams folgt nun eine noch smartere, facettenreichere Platte. Welch Leistung! Denn obwohl es zwar immer heißt, dass aller Anfang schwer sei, gilt in der Musik das eherne Gesetz, dass man nach einem guten, unbekümmerten Debüt erst einmal ein mindestens ebenbürtiges zweites Werk zustande bringen muss. Kenney hat ihre Anfänge konsequent fortgesetzt. Ihre Texte sind sogar eindringlicher geworden, handeln vor allem von Abschieden aus längst gescheiterten Beziehungen und Affären, manchmal allerdings auch von Hoffnungen und Wünschen. Kenneys Lyrics funktionieren deshalb so gut, weil sie auf einer intimen Ebene des Ich und Du ablaufen. Die Worte gleichen manchmal einer Beichte, ab und an einem bitteren Resümee und gegen Ende liebevollen Komplimenten. Zu Beginn jedoch wird mit Schonungslosigkeit der Status quo seziert, für unbefriedigend befunden. Diesen Inhalten steht eine durchaus liebliche Melodik gegenüber, die für Verdaulichkeit sorgt.

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Photo Credit: Paul Wright

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Schatzkästchen 31: Jonas Carping – Damn Old World

Charakterköpfe braucht die Welt. Visagen, die eben keine Unverbindlichkeit oder gar Austauschbarkeit ausstrahlen. Das gilt natürlich auch für den Bereich Musik. Der Schwede Jonas Carping ist so jemand mit spezieller Ausstrahlung. Ein Bär von einem Mann, ja geradezu wikingerhaft. Dem steht ein feingliedriger, heller Gesang entgegen, der trotz fülligem Ausdruck stets eine Zerbrechlichkeit und Nachdenklichkeit beinhaltet. Ich habe bereits 2013 über sein Projekt The Glade geschrieben. Nun gilt es, auf sein für diesen Herbst angekündigtes Soloalbum Cocktails & Gasoline hinzuweisen. Die dieser Tage erscheinende Single Damn Old World imponiert mir gewaltig. Carping gibt hier den zärtlichen Chronisten eines Lebens im Überschwang. Eines großen Hoffens sogar („When you hold on to hope, you cross your fingers and you crush your thumbs/ There ain’t nothing in this whole world that can’t be done„), welches jedoch letztlich im Absturz, im Ende aller Träume mündet („Oh, and I watched you fall, you go all the way down, deep, deep underground/ I could never bring the sky to you, some days I wish that I could„). In diesem Lied lauert eine unausweichliche Tragik, die den Hörer fesselt. Musikalisch schwankt es zwischen der balladesken Emotion des Pop und Folk-Rock-Anleihen.

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Aus der Tragik der Realität in die Magie von Musik – Sharon Van Etten

Eigentlich möchte ich Knall auf Fall von einer der besten EPs, die ich je gehört habe, erzählen, von einem Stück Musik, welches Beziehungskummer mit eindringlichster Empfindung adelt. Doch bevor ich das tue, muss ich einen kleinen Schwenk auf die Metaebene vollziehen. Künstler wollen uns nämlich in Interviews gerne eine Lesart ihres Schaffens vermitteln. Wenn während eines Filmdrehs, während dem Schreiben eines Buches oder während Plattenaufnahmen ein enges Familienmitglied stirbt, dann soll der Seher, Leser und Hörer dieses Werk gefälligst unter dem Aspekt der Trauer wahrnehmen. Noch schlimmer sind Promofirmen und ihre Pressetexte. Sie liefern quasi Gebrauchsanleitungen zur Rezeption eines Werks aus und hoffen, dass Feuilleton und Fachpresse jene nicht mit allzu vielen eigenen Gedanken verwässern. Kurzum, sobald ein Werk nur einen Funken Tiefgang besitzt – oder besitzen will, wird dem Publikum die Wahrnehmung diktiert. Schade, denn bei den besten Filmen, Büchern und Platten braucht es keine erklärenden Ausführungen, um den Wesenskern für sich zu entdecken und zu verinnerlichen. Als ich die EP I Don’t Want To Let You Down zum ersten Mal gehört habe, sprangen mir Beziehungsschmerz, sämtliche Kämpfe und Verluste, alles Hadern und Bereuen sofort ins Ohr. All das, was Liebe mit uns macht und machen kann, wird hier mit geradezu unsagbarer Intimität und Verletzlichkeit ausgebreitet. Diese EP ist ein famoser Moment persönlichsten Singer-Songwritertums. Kurz darauf las ich auf der Webseite von NPR, einem Zusammenschluss öffentlicher Hörfunksender in den USA, einen Artikel, in dem die Liedermacherin die Hintergründe und Motive der einzelnen Songs erläuterte. Und siehe da, diese Track-by-Track-Beichte vermochte der Emotionalität des Werks nichts hinzuzufügen, was meine Empathie nicht ohnehin bereits erfasst hatte. Die US-Amerikanerin Sharon Van Etten hat in einer wahren Sternstunde die Tragik der Realität in die Magie von Musik verwandelt.

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Photo Credit: Laura Crosta

Jeder Schmerz ist lange schon empfunden, jeder Zweifel längst gefühlt, über Liebe jedes Wort gesagt. Sharon Van Ettens Art des Vortrags, ihr Zaubergesang, macht all das vergessen. Frustrationen, Ambivalenzen, Reue, Erinnerungen, alles klingt so, als hätte es dringend gesungen werden müssen. Zeilen wie „I was something that you just couldn’t feel/ I was something that you couldn’t feel that was real/ I believed you when you shut your eyes and dreamed a dream without me“ legen eine Bitterkeit bloß, der man sich schlichtweg nicht entziehen kann. Read more: Aus der Tragik der Realität in die Magie von Musik – Sharon Van Etten

Rädchen und nicht Sand – East Cameron Folkcore

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Gentrifizierung, Fracking, Whistleblowing und der Würgegriff des Neoliberalismus. Es gibt wenige Themen, die im Hier und Jetzt ähnlich unter den Nägeln brennen. Das aus Texas stammende Kollektiv East Cameron Folkcore lässt auf ihrem Album Kingdom of Fear keine einzige Gelegenheit aus, die gegenwärtigen Verhältnisse samt und sonders als Bankrotterklärung einer zutiefst unmenschlichen Zivilisation zu brandmarken. Mit gesunder Wut im Bauch und sehr trotzig geballter Faust spielen sie einen Folk-Rock mit punkigen Elementen, der Außenseiterattitüde eines Tom Waits und orchestralem Südstaatenflair. Kurzum, das East Cameron Folkcore macht deftige Musik für Menschen, denen angesichts der Zustände das Lachen immer öfter vergeht.


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Ein Vergleich verbietet sich – Dry The River

Ursprünglich wollte ich die folgenden Gedanken zu Alarms In The Heart, dem neuen Album der Londoner Formation Dry The River, unter das Motto „Die neuen Snow Patrol“ stellen. Aber es wäre schlichtweg unfair, der Band die Last eines solchen Vergleichs aufzubürden. Denn Snow Patrol haben seit 10 Jahren großen kommerziellen Erfolg, sind der beste Beweis dafür, dass man im Mainstream Fuß fassen kann, ohne dabei in die Kacke zu treten. Dry The River dagegen stehen erst am Anfang einer Karriere. Und natürlich ist ihr Folk-Rock samt hymnischen Chamber-Pop-Anleihen nicht samt und sonders mit Snow Patrol vergleichbar. Doch beiden Bands ist ein Frontmann gemein, dessen sonore, helle Stimme über ungeahnte Dynamik und fragile Herzenswärme verfügt. Was Gary Lightbody für Snow Patrol ist in noch größerem Maß Peter Liddle für Dry The River. Liddle behält sich stets die Unschuld und das Staunen eines Chorknaben. Deshalb erscheint mir Alarms In The Heart auch dazu prädestiniert, viele Menschen zu durchdringen. Weil es so echt wirkt, das Herz rührt und bricht.

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Lauschrausch XLI: The Glade

Alles Gute kommt von oben, sagt man. Und da muss man gar nicht erst gen Himmel schielen. Es reicht den Blick nach Nordeuropa schweifen zu lassen. Beispielsweise nach Schweden. Von dort stammt die Folk-Rock-Formation The Glade. Dank der charismatischen Stimme von Jonas Carping, der auch schon solo in Erscheinung getreten ist, bleiben die Songs von The Glade sofort im Herzen hängen. Bis zum Erscheinen des Albums What Turns On The Lights im Februar nächsten Jahres veröffentlicht die Formation jeweils am Monatsanfang vier Singles. Nach dem soliden Auftakt im September mit dem Track The World Through Your Eyes folgte vor wenigen Tagen Already Gone. Und ja, dieser Song ist ein Leckerbissen, weise („Some say there is hope/ And it’s never to late to change what you fear„) und zugleich auch gegen das Schicksal aufmüpfig („Some they say, that things they happen for a reason/ But what if that reason is gone„). Carping ist ein großartig erzählender Sänger, wie dieser Song belegt. Da freue ich mich schon auf die nächsten Vorboten eines fraglos feinen Albums. Bis zum nächsten Monatsanfang wird Already Gone für einen veritablen Lauschrausch sorgen!

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