Kate Rusby – Big Brave Bill Saves Christmas

Mal ehrlich, bräuchte nicht speziell die Weihnachtszeit einen ganz eigenen Superhelden? Nein, ich meine nicht den Weihnachtsmann oder Santa Claus, diesen nordamerikanischen Eindringling. Ich denke eher an einen Tausendsassa, der bei Not uneigennützig zu Hilfe eilt. Denn machen wir uns nichts vor, der Weihnachtsmann verteilt die Geschenke ja nur aus Geltungssucht. Und das auch nur an einem Tag im Jahr. Schwache Performance! Was die Welt wirklich braucht, ist Big Brave Bill. Einen Superhelden ohne Hollywood-Gehabe, einer englischen Kleinstadt entsprungen. Genau diesen Superhelden hat die britische Folksängerin Kate Rusby ersonnen und in ihrem Track Big Brave Bill Saves Christmas verewigt. Es gibt so viel, was man an diesem Lied mögen muss. Zum Beispiel die pfiffige Instrumentierung dieses Chamber-Folk-Stücks, auch Rusbys Gesang zeichnet sich durch feines Timbre aus, erzählt mit leichter Hand. Die Geschichte selbst ist ungemein erheiternd. Wenn der Held einen schurkischen Schneemann mit dem Inhalt eines Teekessels übergießt und dadurch zum Schmelzen bringt, dann ist das nicht nur very british, sondern auch liebenswert. Tee, so verrät uns das Lied, ist auch das Elixir, das dem Helden seine Energie gibt.  Weiterlesen

John Prine – Christmas in Prison (Free Mp3) + Best of Covers

Free Download: Noisetrade

 

Einer der Klassiker unter den Alternativ Christmas Songs ist ohne Frage Christmas in Prison von John Prine. Vor 3 Jahren hatte wir euch auf unserem Blog die fantastische Cover-Version von Del Bel vorgestellt, heute kommt besser spät als nie das Original. Mr. Prine hochstpersönlich, oder vielleicht auch „nur“ sein Label, verschenkt auf Noisetrade eine Live-Version des Weihnachtssongs. Wir haben dies zum Anlass genommen, die schönsten Cover-Versionen rauszusuchen und nehmen gerne weitere Empfehlungen entgegen.

 

Die schönsten Cover-Versionen:

Del BelChristmas In Prison (Free Download)

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Great Lake Swimmers – They Don’t Make Them Like That Anymore EP

Tony Dekker darf wohl als einer der großen Folk-Troubadoure der Gegenwart gelten. Sein Markenzeichen ist ein zarter, von Nostalgie durchdrungener Gesang. Dekker gibt oft den Eremiten, der über Veränderung grübelt, mit einem feinen Gespür für Wandel ausgestattet ist. Mit seiner Band Great Lake Swimmers hat er in den bald 15 Jahren des Bestehens ein in Thematik und Ausdruck ausgesprochen konsistentes Werk geschaffen, dass gepflegter Sentimentalität huldigenden Menschen die Seele wärmt. Und so macht es nur Sinn, dass Dekker und Mitstreiter 2017 mit der EP They Don’t Make Them Like That Anymore auch weihnachtliche Wehmut verbreiten. Zwei selbstverfasste Lieder und zwei klassische Weihnachtslieder sorgen für eine andächtige Stimmung, die im Rausch der Rührseligkeit, des Komsums und des Kitsches sehr oft verloren geht. Schon der Titeltrack macht aus der schönsten, feierlichsten Zeit des Jahres ein großes und kleines Vermissen. Sei es nun Bräuche und Tand, die im Lauf der Zeit abhandenkommen, oder aber Liebste, die zu Weihnachten fehlen! Julie Doiron ergänzt mit ihrem Backgroundgesang Dekkers Vortrag wunderbar. They Don’t Make Them Like That Anymore war bereits 2015 das Highlight des alljährlichen Weihnachtssampler Ho! Ho! Ho! Canada, der von The Line of Best Fit kuratiert wird. Dass der Song nun das Fundament dieser EP bildet, macht wirklich Sinn. Auch der zweite eigene Track, Ink For A Star tituliert, ist von ähnlicher Stimmung getragen. Er erweist sich als Sammlung von Momentaufnahmen, denen eine gewisse Flüchtigkeit innewohnt. Vor allem im Refrain sorgt das Zusammenspiel von Gitarre, Streicher und Piano für einen wärmende Erhabenheit. Ein schöner, filigraner Song, der sich wohltuend von jeglichem weihnachtlichen Fetengetue abhebt.

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Gestrigkeiten für Bildungsbürger? Oh nein! – Kinbom & Kessner

Während ich die letzten Wochen nicht ganz freiwillig eine Blogpause eingelegt habe, haben mich zwei völlig unterschiedliche Alben musikalisch begleitet. Eines davon ist With The Beetles, das bereits zweite Werk des Duos Kinbom & Kessner. Schon das Debüt Lieder von Liebe und Krieg hat mir vor anderthalb Jahren sehr imponiert. Am Ansatz hat sich seitdem nichts geändert. Noch immer beackern der schwedische Gitarrist Fredrik Kinbom und die deutsche Theatermacherin Sonja Kessner ihr ganz eigenes Terrain, das stilistisch zwischen chansonesker Anmut und liedermacherischem Folk angesiedelt ist, thematisch der Tradition des Kunstlieds verbunden scheint. Die Motive Liebe und Krieg, die bereits das Erstlingswerk stark geprägt haben, sind ebenfalls geblieben. All das mag zunächst aus der Zeit gefallen wirken. Über Revolutionen sinnieren doch eigentlich nur verstockte Brecht-Nostalgiker, die Schicksale von Kriegsheimkehrern wirken auch eher in der Mottenkiste der Historie beheimatet. Man könnte bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht wirklich meinen, dass hier einer bildungsbürgerlichen Zielgruppe vor allem Gestrigkeiten aufgetischt werden. Doch wäre das allenfalls die halbe Wahrheit.

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Schlaglicht 71: Lindi Ortega

Die Unrast derer, die ständig unterwegs sind, sei es aus schnöden beruflichen Gründen oder aber wegen eines ruhelosen Gemüts, taugt bestens zum Sinnbild für einen unsteten Lebensweg, der keineswegs in kalkulierten Bahnen verläuft. Die kanadische Country-Musikerin Lindi Ortega erzählt in ihrem Lied Til The Goin‘ Gets Gone also vom Leben hinterm Steuer eines Autos, unterbrochen nur von Übernachtungen in billigen Motels. Gerade Nordamerika mit seinen endlosen Highways eignet sich gut als Gleichnis für die Reise des Lebens. Immer weiter dem Ziel entgegen, getrieben von Sehnsüchten und aufgehalten von Frustrationen. Davon berichtet auch diese akustische Ballade. Die Zeilen „All the rundown dirty motels/ All the cities and small towns/ Leave ‚em in the rear view mirror/ While the wheels keep spinning round/ ‚Cause I gotta keep goin‘, I gotta keep goin‘ on“ geben dem Song mit wenigen Worten viel Ambiente. Man vermag die Rastlosigkeit mit den Händen zu greifen. Und durchaus verstehen, warum bei manch Gemütern die Reise stets in die Ferne schweift, das eigentliche Zuhause keinen beständigen Reiz versprüht.

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Ein Stück Ewigkeit – Josienne Clarke & Ben Walker

Heute will ich den werten Lesern ein zeitgenössisches Chamber-Folk-Album schmackhaft machen. Overnight ist eine Platte, die nicht nur Hörer zu entzücken vermag, sie kann auch aufstrebenden Musiker als Blaupause dienen. Sogar bewährte Veteranen, die sich hin zu kammermusikalischem Folk entwickeln wollen, sollten die Ohren spitzen. Dem britischen Duo Josienne Clarke & Ben Walker gelingt ein in der Form vollendetes Werk. Eine dem Folk immanente Melancholie wird vom ergreifenden wie schlichten Gesang Clarkes sowie von Walkers akkustischer Gitarre hervorragend eingefangen. Um diesen traditionellen Kern werden weitere Instrumente gruppiert. Stets mit Bedacht, nie ausufernd. Hier ein paar Takte Klavier, dort ein dezenter Kontrabass,  Streicher, wo sie sinnvoll scheinen, sogar ein klagendes Saxofon findet Platz. Manch Stücke transzendieren in eine warme Nachdenklichkeit, wie man sie von hippiehaften Songwriterinnen der Siebzigerjahren kennt, andere Lieder wieder bleiben nahe am archaischen Flair des Folk.

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Ein genuiner Erzähler – Radical Face

Manch Musik schleppt den Ballast eines bewegten Lebens mit sich. Und möchte vielleicht gerade deshalb besonders viel erzählen. Der Singer-Songwriter Ben Cooper arbeitet mit seinem Projekt Radical Face seit Jahren an einer Familiengeschichte der besonderen Art. Er wagt das, was man schon lange aus Film und Fernsehen kennt. Nämlich ein opulentes historisches Drama, welches mehrere Generation einer Familie begleitet. The Family Tree thematisiert die ewig gleichen Vorsätze der Nachkommen, alles anders als ihre Väter und Mütter zu tun. Und dennoch kehren Schicksale wieder, bleiben Hoffnungen ab und an bloß Hoffnungen, sind alle Protagonisten Gefangene ihrer Zeit. Drei reguläre Alben umfasst Coopers Vorhaben schon, Bonusmaterial nicht eingerechnet. Allein der Aufwand verrät bereits, dass hier nicht weniger als der große Wurf angepeilt wurde. Das Werk ist in feinstes Americana gehüllt, musikalisch pittoresk gehaltenen, zeitigt einen Folktronica, der neben mächtigen Gefühlen Spleens und Ambition anzubieten hat. Und als wäre nicht bereits genug Fleisch am Knochen, findet sich auf der Webseite des Musikers zu allen Figuren der Trilogie weitere biografische Details. Man muss Radical Face dafür loben, dass hier eine künstlerische Vision mit Liebe zum Detail umgesetzt und natürlich auch durchgehalten wurde. Ein Stück weit überwindet Cooper sogar das übliche Konzept Album. Im Grunde hat all das das Potential, in Form eines Americana-Musicals umgesetzt zu werden. An Story und Figurenbeschreibung scheitert es sicher nicht.

Vielleicht braucht der vor Kurzem erschienene dritte Teil The Leaves gar keine Verweise auf Coopers eigene, dysfunktionale Jugend. Möglicherweise ist diese Platte eine, die mit zu viel Kontext hausieren geht. So sehr sich die Musikkritik an Hintergründen ergötzt, so wenig erklärt dies den nach Indie-Maßstäben großen Erfolg von Radical Face. Denn dieses Maß an Ausgestaltung scheint mir so gar nicht zum Streaming-Konsum der Gegenwart zu passen. Vermutlich liegt die breite Resonanz eher in dem fast schüchternen, zärtlichen Gesang und den gefälligen, äußerst smart instrumentierten Melodien begründet. Unter Umständen trägt Coopers Äußeres dazu bei. Er wirkt wie ein großer Bär mit filigraner Seele. Solch Liedermacher sind zur Zeit in, wohl weil sie eine Sensibilität anbieten, die sich über Äußerlichkeiten erhebt. Diese Gedanken kamen mir so in den Sinn. Doch sollte man Hörer nie unterschätzen.  Weiterlesen

Besser als New-Age-Ratgeber – Damien Jurado

Was nur ist aus dem guten, alten New Age vergangener Tage geworden? Früher konnte man in keiner Buchhandlung wirklich sicher sein, nicht vom einem proppenvollen Regal mit New-Age-Literatur erschlagen zu werden. Wenn man sich heute in Buchhandlungen so umsieht, schreien einem Bücher über Veganismus oder Selbstoptmierung entgegen. New Age, also diese Verquickung aus Hippietum und Science Fiction, ist Schnee von gestern. Das neue Zeitalter, das man damals so sehr herbeigesehnt hat, wird heute nicht länger gesucht. Wohl weil es irgendwie gekommen ist, doch anders als erwartet, nämlich in digitaler Form. Dieser Umstand hindert Damien Jurado freilich nicht daran, mit seinem neuen Album Visions of Us on the Land eine mystisch angehauchte, über das Hier und Jetzt hinausforschende Aussteigergeschichte zu erzählen. Nun ist die Suche kein Thema, das Jurado erst mit diesem Werk entdeckt hat. Bereits sein Maraqopa von 2012 habe ich mit der Überschrift ‚Erkenntnisse aus dem Niemandsland‘ versehen, meine Gedanken zu Brothers and Sisters of the Eternal Sun (2014) mit ‚Auf dem Pilgerpfad des ewigen Träumers‘ betitelt. Visions of Us on the Land vollendet somit eine in dieser Form vielleicht gar nicht geplante Trilogie.

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Photo Credit: Elise Tyler

Jurado hat sich nicht erst seit diesen drei Platten zu einem der besten Singer-Songwriter gemausert. Was jedoch ins Ohr sticht, ist fraglos der Sound, der der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Richard Swift in den letzten Jahren erwachsen ist. Wir haben es hier mit sehr versonnenem Folk-Rock samt warmen, wohldosierten psychedelischen Elementen zu tun. Der Kollege Nicorola kategorisiert die Platte sogar als Prog-Folk, angesichts einer unleugbaren Siebziger-Aura des Albums keine schlechte Idee.  Weiterlesen

Schlaglicht 47: Great Lake Swimmers

Tony Dekker und seine Great Lake Swimmers brauche ich regelmäßigen Lesern dieses Blogs wohl nicht länger vorzustellen. Stattdessen will ich aus meinen Posts der letzten Jahre zitieren, um die Qualitäten der Formation nochmals aufzufächern.

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Photo Credit: Marina Manushenko

Inmitten einer turbulent lautstarken Welt bilden die Kompositionen Tony Dekkers einen meditativen Zufluchtsort, den Liebhaber modernen Folks nicht missen möchten.[1] Die stoische, zeitlos gültige Art der Lieder kratzt ein kontemplatives Element hervor, fokussiert sich auf eine Grundsätzlichkeit, die durch den entspannt-gelösten Vortrag noch verstärkt wird. Jene innere Ruhe bietet Hörern Halt, gerät zum Gegenstück einer mit jeder Faser wuselnden Gesellschaft. Dekker wirkt wie ein Eremit, der sich durch Abschottung eine Reinheit und Ernsthaftigkeit bewahrt. Er teilt sich mit, liefert Einblicke und wahrt doch Distanz.[2] Nachdenklichkeit und Tiefgang berührt das Herz, erzeugt eine Stimmung des Sehnens, die nicht die üblichen Befindlichkeiten abspult.[3] Tony Dekker ist ein Folk-Barde, wie er im Buche steht. Reflektiert, naturverbunden, mit viel Authentizität gesegnet. Zugleich beschränkt er sein musikalisches Schaffen keineswegs auf Gitarre und eremitische Abgeschiedenheit. Jener in bedächtiger Manier vollführte Folk-Rock und dieses Faible für lebendige Rhythmik ergänzen den gedankenversunken, warmen Vortrag perfekt. Mit seinen Great Lake Swimmers schlägt er seit über 10 Jahren die Brücke zwischen Erbaulichkeit und unprätentiösem Fühlen.[4]

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Schlaglicht 45: Mairearad Green

Der schottische Singer-Songwriter King Creosote hat sich vor 2 Jahren mit seinem Album From Scotland With Love in die Riege meiner Lieblinge gehievt. Er besitzt eine Stimme, die sich schwer beschreiben lässt. Da ist natürlich der unüberhörbare schottische Akzent, der dem Timbre eine gewisse Kernigkeit gibt. Dazu gesellt sich noch ein von Understatement beseelter Vortrag, dessen angenehme Nachdenklichkeit verfängt. From Scotland With Love hat mich 2014 wirklich entzückt. Und über eben jenen King Creosote bin ich auf seine Landsfrau Mairearad Green gestoßen. Die Folkmusikerin Green nimmt sich der großen regionalen Traditionen an, modernisiert sie mit Bedacht. Ihr dieser Tage erscheinendes Album Summer Isles verweist auf eine Inselgruppe in den schottischen Highlands. Die Pianoballade Blessing on Tanera ist eine poetisch-tagträumerische Hommage an Tanera Mòr, einer unbewohnten Insel, die zu den Inneren Hebriden gezählt wird. Eine friedliche, selige Entrücktheit kennzeichnet auch das Lied  A Tanera Talisman. Dessen kontemplative Atmosphäre wird von dezenter Streicher-Instrumentierung ausgestaltet. In einem gewissen Kontrast dazu steht Star of Hope, das der Ausgangspunkt meiner Entdeckung dieser Platte war. Hier gastiert King Creosote hinter dem Mikro, drückt dem Song im positivsten Sinne seinen Stempel auf. Star of Hope, das seinen Titel von einem zwischen den Inseln verkehrenden Handelsschiff bezieht, kommt dank Schlagzeug und Bass dynamischer rüber. Dieses Stück wäre in dieser quirlig-zärtlichen Weise auch auf einem Album King Creosotes sehr gut aufgehoben. Nicht umsonst scherzt er: „I feel as though I answered a personal ad that read: ‚Virtuoso bagpiper/accordionist from the Summer Isles seeks middle-aged alt. folk singer to collaborate on an original song that he might well wish he could poach for his own album.'“

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