Schlagwort-Archive: Folk

Schlaglicht 71: Lindi Ortega

Die Unrast derer, die ständig unterwegs sind, sei es aus schnöden beruflichen Gründen oder aber wegen eines ruhelosen Gemüts, taugt bestens zum Sinnbild für einen unsteten Lebensweg, der keineswegs in kalkulierten Bahnen verläuft. Die kanadische Country-Musikerin Lindi Ortega erzählt in ihrem Lied Til The Goin‘ Gets Gone also vom Leben hinterm Steuer eines Autos, unterbrochen nur von Übernachtungen in billigen Motels. Gerade Nordamerika mit seinen endlosen Highways eignet sich gut als Gleichnis für die Reise des Lebens. Immer weiter dem Ziel entgegen, getrieben von Sehnsüchten und aufgehalten von Frustrationen. Davon berichtet auch diese akustische Ballade. Die Zeilen „All the rundown dirty motels/ All the cities and small towns/ Leave ‚em in the rear view mirror/ While the wheels keep spinning round/ ‚Cause I gotta keep goin‘, I gotta keep goin‘ on“ geben dem Song mit wenigen Worten viel Ambiente. Man vermag die Rastlosigkeit mit den Händen zu greifen. Und durchaus verstehen, warum bei manch Gemütern die Reise stets in die Ferne schweift, das eigentliche Zuhause keinen beständigen Reiz versprüht.

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Ein Stück Ewigkeit – Josienne Clarke & Ben Walker

Heute will ich den werten Lesern ein zeitgenössisches Chamber-Folk-Album schmackhaft machen. Overnight ist eine Platte, die nicht nur Hörer zu entzücken vermag, sie kann auch aufstrebenden Musiker als Blaupause dienen. Sogar bewährte Veteranen, die sich hin zu kammermusikalischem Folk entwickeln wollen, sollten die Ohren spitzen. Dem britischen Duo Josienne Clarke & Ben Walker gelingt ein in der Form vollendetes Werk. Eine dem Folk immanente Melancholie wird vom ergreifenden wie schlichten Gesang Clarkes sowie von Walkers akkustischer Gitarre hervorragend eingefangen. Um diesen traditionellen Kern werden weitere Instrumente gruppiert. Stets mit Bedacht, nie ausufernd. Hier ein paar Takte Klavier, dort ein dezenter Kontrabass,  Streicher, wo sie sinnvoll scheinen, sogar ein klagendes Saxofon findet Platz. Manch Stücke transzendieren in eine warme Nachdenklichkeit, wie man sie von hippiehaften Songwriterinnen der Siebzigerjahren kennt, andere Lieder wieder bleiben nahe am archaischen Flair des Folk.

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Ein genuiner Erzähler – Radical Face

Manch Musik schleppt den Ballast eines bewegten Lebens mit sich. Und möchte vielleicht gerade deshalb besonders viel erzählen. Der Singer-Songwriter Ben Cooper arbeitet mit seinem Projekt Radical Face seit Jahren an einer Familiengeschichte der besonderen Art. Er wagt das, was man schon lange aus Film und Fernsehen kennt. Nämlich ein opulentes historisches Drama, welches mehrere Generation einer Familie begleitet. The Family Tree thematisiert die ewig gleichen Vorsätze der Nachkommen, alles anders als ihre Väter und Mütter zu tun. Und dennoch kehren Schicksale wieder, bleiben Hoffnungen ab und an bloß Hoffnungen, sind alle Protagonisten Gefangene ihrer Zeit. Drei reguläre Alben umfasst Coopers Vorhaben schon, Bonusmaterial nicht eingerechnet. Allein der Aufwand verrät bereits, dass hier nicht weniger als der große Wurf angepeilt wurde. Das Werk ist in feinstes Americana gehüllt, musikalisch pittoresk gehaltenen, zeitigt einen Folktronica, der neben mächtigen Gefühlen Spleens und Ambition anzubieten hat. Und als wäre nicht bereits genug Fleisch am Knochen, findet sich auf der Webseite des Musikers zu allen Figuren der Trilogie weitere biografische Details. Man muss Radical Face dafür loben, dass hier eine künstlerische Vision mit Liebe zum Detail umgesetzt und natürlich auch durchgehalten wurde. Ein Stück weit überwindet Cooper sogar das übliche Konzept Album. Im Grunde hat all das das Potential, in Form eines Americana-Musicals umgesetzt zu werden. An Story und Figurenbeschreibung scheitert es sicher nicht.

Vielleicht braucht der vor Kurzem erschienene dritte Teil The Leaves gar keine Verweise auf Coopers eigene, dysfunktionale Jugend. Möglicherweise ist diese Platte eine, die mit zu viel Kontext hausieren geht. So sehr sich die Musikkritik an Hintergründen ergötzt, so wenig erklärt dies den nach Indie-Maßstäben großen Erfolg von Radical Face. Denn dieses Maß an Ausgestaltung scheint mir so gar nicht zum Streaming-Konsum der Gegenwart zu passen. Vermutlich liegt die breite Resonanz eher in dem fast schüchternen, zärtlichen Gesang und den gefälligen, äußerst smart instrumentierten Melodien begründet. Unter Umständen trägt Coopers Äußeres dazu bei. Er wirkt wie ein großer Bär mit filigraner Seele. Solch Liedermacher sind zur Zeit in, wohl weil sie eine Sensibilität anbieten, die sich über Äußerlichkeiten erhebt. Diese Gedanken kamen mir so in den Sinn. Doch sollte man Hörer nie unterschätzen. Ein genuiner Erzähler – Radical Face weiterlesen

Besser als New-Age-Ratgeber – Damien Jurado

Was nur ist aus dem guten, alten New Age vergangener Tage geworden? Früher konnte man in keiner Buchhandlung wirklich sicher sein, nicht vom einem proppenvollen Regal mit New-Age-Literatur erschlagen zu werden. Wenn man sich heute in Buchhandlungen so umsieht, schreien einem Bücher über Veganismus oder Selbstoptmierung entgegen. New Age, also diese Verquickung aus Hippietum und Science Fiction, ist Schnee von gestern. Das neue Zeitalter, das man damals so sehr herbeigesehnt hat, wird heute nicht länger gesucht. Wohl weil es irgendwie gekommen ist, doch anders als erwartet, nämlich in digitaler Form. Dieser Umstand hindert Damien Jurado freilich nicht daran, mit seinem neuen Album Visions of Us on the Land eine mystisch angehauchte, über das Hier und Jetzt hinausforschende Aussteigergeschichte zu erzählen. Nun ist die Suche kein Thema, das Jurado erst mit diesem Werk entdeckt hat. Bereits sein Maraqopa von 2012 habe ich mit der Überschrift ‚Erkenntnisse aus dem Niemandsland‘ versehen, meine Gedanken zu Brothers and Sisters of the Eternal Sun (2014) mit ‚Auf dem Pilgerpfad des ewigen Träumers‘ betitelt. Visions of Us on the Land vollendet somit eine in dieser Form vielleicht gar nicht geplante Trilogie.

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Photo Credit: Elise Tyler

Jurado hat sich nicht erst seit diesen drei Platten zu einem der besten Singer-Songwriter gemausert. Was jedoch ins Ohr sticht, ist fraglos der Sound, der der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Richard Swift in den letzten Jahren erwachsen ist. Wir haben es hier mit sehr versonnenem Folk-Rock samt warmen, wohldosierten psychedelischen Elementen zu tun. Der Kollege Nicorola kategorisiert die Platte sogar als Prog-Folk, angesichts einer unleugbaren Siebziger-Aura des Albums keine schlechte Idee. Besser als New-Age-Ratgeber – Damien Jurado weiterlesen

Schlaglicht 47: Great Lake Swimmers

Tony Dekker und seine Great Lake Swimmers brauche ich regelmäßigen Lesern dieses Blogs wohl nicht länger vorzustellen. Stattdessen will ich aus meinen Posts der letzten Jahre zitieren, um die Qualitäten der Formation nochmals aufzufächern.

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Photo Credit: Marina Manushenko

Inmitten einer turbulent lautstarken Welt bilden die Kompositionen Tony Dekkers einen meditativen Zufluchtsort, den Liebhaber modernen Folks nicht missen möchten.[1] Die stoische, zeitlos gültige Art der Lieder kratzt ein kontemplatives Element hervor, fokussiert sich auf eine Grundsätzlichkeit, die durch den entspannt-gelösten Vortrag noch verstärkt wird. Jene innere Ruhe bietet Hörern Halt, gerät zum Gegenstück einer mit jeder Faser wuselnden Gesellschaft. Dekker wirkt wie ein Eremit, der sich durch Abschottung eine Reinheit und Ernsthaftigkeit bewahrt. Er teilt sich mit, liefert Einblicke und wahrt doch Distanz.[2] Nachdenklichkeit und Tiefgang berührt das Herz, erzeugt eine Stimmung des Sehnens, die nicht die üblichen Befindlichkeiten abspult.[3] Tony Dekker ist ein Folk-Barde, wie er im Buche steht. Reflektiert, naturverbunden, mit viel Authentizität gesegnet. Zugleich beschränkt er sein musikalisches Schaffen keineswegs auf Gitarre und eremitische Abgeschiedenheit. Jener in bedächtiger Manier vollführte Folk-Rock und dieses Faible für lebendige Rhythmik ergänzen den gedankenversunken, warmen Vortrag perfekt. Mit seinen Great Lake Swimmers schlägt er seit über 10 Jahren die Brücke zwischen Erbaulichkeit und unprätentiösem Fühlen.[4]

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Schlaglicht 45: Mairearad Green

Der schottische Singer-Songwriter King Creosote hat sich vor 2 Jahren mit seinem Album From Scotland With Love in die Riege meiner Lieblinge gehievt. Er besitzt eine Stimme, die sich schwer beschreiben lässt. Da ist natürlich der unüberhörbare schottische Akzent, der dem Timbre eine gewisse Kernigkeit gibt. Dazu gesellt sich noch ein von Understatement beseelter Vortrag, dessen angenehme Nachdenklichkeit verfängt. From Scotland With Love hat mich 2014 wirklich entzückt. Und über eben jenen King Creosote bin ich auf seine Landsfrau Mairearad Green gestoßen. Die Folkmusikerin Green nimmt sich der großen regionalen Traditionen an, modernisiert sie mit Bedacht. Ihr dieser Tage erscheinendes Album Summer Isles verweist auf eine Inselgruppe in den schottischen Highlands. Die Pianoballade Blessing on Tanera ist eine poetisch-tagträumerische Hommage an Tanera Mòr, einer unbewohnten Insel, die zu den Inneren Hebriden gezählt wird. Eine friedliche, selige Entrücktheit kennzeichnet auch das Lied  A Tanera Talisman. Dessen kontemplative Atmosphäre wird von dezenter Streicher-Instrumentierung ausgestaltet. In einem gewissen Kontrast dazu steht Star of Hope, das der Ausgangspunkt meiner Entdeckung dieser Platte war. Hier gastiert King Creosote hinter dem Mikro, drückt dem Song im positivsten Sinne seinen Stempel auf. Star of Hope, das seinen Titel von einem zwischen den Inseln verkehrenden Handelsschiff bezieht, kommt dank Schlagzeug und Bass dynamischer rüber. Dieses Stück wäre in dieser quirlig-zärtlichen Weise auch auf einem Album King Creosotes sehr gut aufgehoben. Nicht umsonst scherzt er: „I feel as though I answered a personal ad that read: ‚Virtuoso bagpiper/accordionist from the Summer Isles seeks middle-aged alt. folk singer to collaborate on an original song that he might well wish he could poach for his own album.'“

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Erinnerungen aus dem Schatzkästchen der Selbstfindung – Kesang Marstrand

Speziell im Singer-Songwriter-Metier bescheinigt man Musik gerne Nachdenklichkeit. Aber was meint dies überhaupt? Grüblerei allein ist doch kein Wert an sich. Gedanken können sich auch so lange im Kreise drehen, bis sie völlig in sich zusammenfallen. Für mich bedeutet Nachdenklichkeit im musikalischen Sinne, dass man die Stimmung und Emotion eines Augenblicks einfängt, dessen Flüchtigkeit konserviert, seine Wahrhaftigkeit prüft. Dazu muss der Verstand in Bauchgefühle und Herzensangelegenheiten tauchen, mittels Sprache Schmetterlinge im Bauch einfangen und manch Sprünge im Herzen kitten. Nachdenklichkeit ist dann angesagt, wenn Gefühle und Situationen eine Erforschung lohnen. Wenn man sie sich auf der Zunge zergehen lassen möchte. Nachdenklichkeit bedeutet keinen Stresstest fürs Gehirn, Nachdenklichkeit stellt eher eine Form von Genuss dar. Die Singer-Songwriterin, die ich den werten Lesern heute begeistert vorstellen will, scheint eine sehr zärtliche, versonnene Art der Reflexion zu beherrschen. Die in New York lebende US-Amerikanierin Kesang Marstrand verfügt über eine angenehm unaufgeregte, gedankenverlorene Erzählweise, die sie von vielen ihrer verhärmt tönenden, des Seins müden Kolleginnen unterscheidet. Ihr Album For My Love hält Gemütslagen fest, knipst zur Erinnerung Polaroids. Marstrands Folk tönt dabei wunderbar austariert, plustert Gefühle nicht auf, streichelt die Empfindung vielmehr liebevoll. So wie man sacht über ein Foto streicht, sich die Umstände der Entstehung vergegenwärtigt.

For My Love zeichnet sich durch Ungekünsteltheit aus, durch entzücktes Staunen, wenn Verliebtheit das Innerste erfüllt, durch eine neugierige Sorgenfalte, wenn Enttäuschungen anstehen. Marstrands Timbre strotzt vor liebenswürdiger Wärme, und natürlich auch vor Langmut, mit der durchs Leben geschritten wird. Skyrocket kommt mit der irritierten Feststellung „You walk right through/ Taking over my imagination“ daher, lässt sich verwundern und beeindrucken, ohne dabei die Fassung zu verlieren. Erinnerungen aus dem Schatzkästchen der Selbstfindung – Kesang Marstrand weiterlesen

Triumph der Lyrik – Kinbom & Kessner

Ein verhuschtes Chanson, ein folkiges Liedermacherwerk, ein der Poesie huldigendes Kunstlied, von derlei Dingen kann ich nie genug bekommen! Wenn die Chose dann noch in deutscher Sprache dargeboten wird, ist meine Freude groß. Lieder von Liebe und Krieg als Albumtitel stapelt allerdings nicht eben tief. Deutet er doch die Durchdringung der einschneidendsten Erfahrungen an, die Menschsein zu bieten hat. Niveauvolle deutsche Texte sind in der Musik unserer Tage allerdings Mangelware. Das Duo Kinbom & Kessner hat sich mit dieser gegen den Strich gebürsteten Platte also einiges vorgenommen. Die Arbeitsteilung wurde dabei klar umrissen. Der schwedische Gitarrist und Songwriter Fredrik Kinbom ist für die Musik verantwortlich, die deutschen Theatermacherin Sonja Kessner für Texte. Das Ergebnis fällt beachtenswert aus, weil man ihm anmerkt, dass es einer Gedankenwelt mit ausgeprägtem Kunstverständnis entstammt. Lyrik, ein bisschen markiger Brecht und ein Ausbrechen aus Zeitgeistigkeit lassen solch Lieder von Liebe und Krieg besonders wirken.

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Photo Credit: Anton Pohle

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Befreiung des Selbst – Amy Antin

In der Musik geschieht es oft, dass Mittzwanziger etwas über gescheiterte Lebensentwürfe erzählen. Als könnte man in diesem Alter bei aller Empathie tatsächlich verspüren, wie jedes gelebte Jahr die Seele ein wenig wunder scheuert. Leben nämlich ist ein stetiger Abnützungskampf. Eine mit Ende Zwanzig zur Schau getragene Ausweglosigkeit basiert vor allem auf viel melodramatischer Attitüde, während mangelnde Optionen in den Sechzigern schmerzliche Realität werden. In der Musik lassen wir uns zu oft auf schlecht gealterte Jugendlichkeit ein, während wir im Bereich der Literatur weitaus weniger Berührungsängste mit Weisheit und Alter haben. Eine steile These? Dann nehme man einfach die letzten 3 gehörten Singer-Songwriter-Platten und die letzten 3 gelesenen Bücher aus dem Regal, vergleiche das Alter der Musiker mit jenem der Schriftsteller. Das Resultat wird mir vermutlich recht geben. Doch zurück zum heutigen Thema, ich möchte nämlich meine Bewunderung für eine Platte äußern, die mir tatsächlich viel über manch Lebensentwürfe erzählt. Einen Monat schon höre ich Already Spring, das aus der Feder der in Köln lebenden US-Amerikanerin Amy Antin stammt. Ihrer Biografie entnehme ich, dass sie soeben 60 Jahre alt geworden. Reife und auch Temperament dieses Werks haben mich überaus beeindruckt. Antin braucht nicht mehr als eine akustische Gitarre, um Beobachtungen und Empfindungen in Musik zu meißeln.

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Schatzkästchen 37: Andrew Butler – Mainour

Ich mag Stimmen, die aus der Reihe tanzen, ein wenig danach klingen, als würde während des Singens die Zunge in den Zahnzwischenräumen nach den Resten des Mittagessens tasten. Ich schätze vor allem charakteristischen Folkgesang. Und genau diesen hat der in London ansässige Singer-Songwriter Andrew Butler zu bieten. Zärtlich in den hohen Lagen, sonst gern nachdenklich knödelig, so präsentiert sich eine Stimme, wie gemacht für erzählerischen Folk, der die essentiellen Dinge (Leben, Liebe, Tod) behandelt. Der wunderbar knorrig-elegante Song Mainour kündigt das im Frühjahr 2016 erscheinende Debüt Chalk an. Mainour steht für archetypischen, britischen Folk, der sich der Tradition entsprechend stark auf Gitarre und Vocals fokussiert, im Hintergrund jedoch exzellent und stimmungsvoll mit Bratsche instrumentiert ist. Schatzkästchen 37: Andrew Butler – Mainour weiterlesen