Schlagwort-Archive: Folk

Schatzkästchen 37: Andrew Butler – Mainour

Ich mag Stimmen, die aus der Reihe tanzen, ein wenig danach klingen, als würde während des Singens die Zunge in den Zahnzwischenräumen nach den Resten des Mittagessens tasten. Ich schätze vor allem charakteristischen Folkgesang. Und genau diesen hat der in London ansässige Singer-Songwriter Andrew Butler zu bieten. Zärtlich in den hohen Lagen, sonst gern nachdenklich knödelig, so präsentiert sich eine Stimme, wie gemacht für erzählerischen Folk, der die essentiellen Dinge (Leben, Liebe, Tod) behandelt. Der wunderbar knorrig-elegante Song Mainour kündigt das im Frühjahr 2016 erscheinende Debüt Chalk an. Mainour steht für archetypischen, britischen Folk, der sich der Tradition entsprechend stark auf Gitarre und Vocals fokussiert, im Hintergrund jedoch exzellent und stimmungsvoll mit Bratsche instrumentiert ist. Schatzkästchen 37: Andrew Butler – Mainour weiterlesen

Schlaglicht 33: Phaedra

James Bond meets Twin Peaks. Elfe trifft auf Nachtclubsängerin. Oder: Björk goes Opera! So ungefähr möchte ich Phaedra, das Projekt der in Oslo beheimateten Sängerin Ingvlid Langgård, beschreiben. Das vor Kurzem erschienene Album Blackwinged Night vereint sinistre Eleganz mit exzentrischer Folklore. Als Hörer ist man zwischen Anbetung und Irritation hin- und hergerissen. Ein größeres Kompliment könnte man einer Platte kaum machen. Die Faszination noch besser auf den Punkt hat die werte Kollegin Eva-Maria vom Polarblog gebracht, wenn sie Phaedra als „Macbeths Hexe im Feen-Gewand“ bezeichnet. Damit verweist sie auf eine archaische Dunkelheit, die das Album zweifelsohne umfängt. Langgård ist ein atmosphärisch originäres Werk gelungen, dessen fraglos interessantes Songwriting von orchestraler Instrumentation und einer überragenden, facettenreichen Stimme gestützt wird. Nehmen wir doch etwa Too Much Sugar, welches wie eine Synthie-Tribal-Inkarnation eines Bond-Titelsongs anmutet. Oder Lightbeam, das dem durchaus populären, keltisch-nordischer Mythologie frönenden Folklore-Genre eine sehr seltene künstlerische Tiefe verleiht. Die Vielfalt von Blackwinged Night zeigt sich in der Folge beim von R&B und Art-Pop geprägten The Void. Episch wird das fast 11 Minuten dauernde Mend Me inszeniert, bei dem Langgård mit divaresker Souveränität intensive Minidramen und mit perfekt dosiertem Pathos dargebrachte Sehnsucht durchlebt. Schlaglicht 33: Phaedra weiterlesen

Ätherische Süße und Blöße – Kodiak Deathbeds

Schleppendes Flüstern, fragiles Trällern, bedauerndes Seufzen, samtenes Hauchen und sehnsüchtige Klarheit! Amber Webbers außergewöhnliche Stimme hat das süße Timbre einer Countrysängerin, die intensive Blöße einer Folksängerin sowie die ätherische Verlorenheit einer Vertreterin des Dream-Pop. Zusammen mit dem Gitarristen Derek Fudesco bildet Webber das Duo Kodiak Deathbeds. Beide waren schon in verschiedenen Bands aktiv, sind sozusagen alte Hasen. Und vielleicht braucht es diese gewisse Abgeklärtheit, um ein Album aufzunehmen, welches voll und ganz auf das Zusammenwirken von Gitarre und Gesang vertraut. Dem selbstbetitelten Debüt steht diese karge Schlichtheit vorzüglich zu Gesicht.

Schon die ersten Akkorde von Never Change machen das Herz schwer. Der Vergleich mit den oft als Referenz beschworenen Mazzy Star schien noch selten angebrachter, vor allem wenn man an Songs des Debüts She Hangs Brightly denkt. Schwermut und Weltflucht lasten gleich einem Fluch auf dem Lied und dessen resignativem Seufzer „We’ve got our histories to blame/ But they never change„. Webbers melodischer Gesang wird an manchen Stellen in mehreren Schichten auf das Lied aufgetragen, sodass in den dramatischen Momenten chorhafte Fülle entsteht. Ätherische Süße und Blöße – Kodiak Deathbeds weiterlesen

Ein Ringen um Orientierung – Kalle Mattson

Das Format EP wird ja oft ein wenig despektierlich behandelt. Im besten Fall beinhaltet es eine Handvoll Tracks, die entweder die Wartezeit zum nächsten Album überbrücken sollen oder aber thematisch nicht recht zur anstehenden Platte passen und deshalb als EP das Licht der Welt erblicken. Am lautersten wirkt das Format, wenn aufstrebende Musiker EPs als Lernprozess auf dem Weg hin zum Debütalbum verstehen. 2015 hat schon die eine oder andere wunderbare EP gesehen, das Konzept in meinen Augen sogar rehabilitiert. Dazu zählt fraglos auch das sechs Tracks umfassende Werk Avalanche des kanadischen Singer-Songwriters Kalle Mattson. Vor anderthalb Jahren hat er mit Someday, The Moon Will Be Gold eine großartige Platte vorgelegt, die ich mit viel Lob bedacht habe. Er weiß also, wie ein Album geht, und hat sich dennoch für die komprimierte Form entschieden.

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Ein Hauch von Ewigkeit – Great Lake Swimmers

Tony Dekker ist ein Folk-Barde, wie er im Buche steht. Reflektiert, naturverbunden, mit viel Authentizität gesegnet. Zugleich beschränkt er sein musikalisches Schaffen keineswegs auf Gitarre und eremitische Abgeschiedenheit. Jener in bedächtiger Manier vollführte Folk-Rock und dieses Faible für lebendige Rhythmik ergänzen den gedankenversunken, warmen Vortrag perfekt. Mit seinen Great Lake Swimmers schlägt er seit über 10 Jahren die Brücke zwischen Erbaulichkeit und unprätentiösem Fühlen. Auch das jüngste, im Frühjahr 2015 erschienene A Forest of Arms bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

GLS-new-press-2 by Marina Manushenko
Photo Credit: Marina Manushenko

Es ist ein Werk, das vereinzelt ein wenig quirliger auftritt, stellenweise hemdsärmeligen Rock sehr betont, sogar mit Refrains aufwartet, die zum Mitsingen einladen. Der Country-Rocker I Must Have Some Else’s Blues ist nicht eben typisch für die Band. Auch das zünftige One More Charge at the Red Cape fällt ein wenig aus der Rolle. Dieser Song wagt es, einen straighten Bandsound mit Dekkers manchmal fast schüchternen Gesang zu kombinieren. Das hat seinen Reiz, allerdings kommt sein Vortrag bei akustischeren, gedämpfteren Nummern besser zur Geltung. Ein Hauch von Ewigkeit – Great Lake Swimmers weiterlesen

Schlaglicht 26: Mark Rogers & Mary Byrne

Das Duo, das ich heute vorstellen möchte, will ich auch zum Anlass nehmen, um dem Genre Folk einmal mehr meine Hochachtung auszusprechen. Weil Folk in seiner knorrigen Schlichtheit große und zugleich gänzlich unaufgeregte Wahrhaftigkeit ausstrahlt, weil unbehagliche Zwischentöne das Genre prägen. Folk ist so verdammt nah an den Gefühlen des einfachen Mannes, huldigt den alltäglichen Gedanken der kleinen Frau. Folk kann im Moment sinnieren – oder aber in historischen Dimension schwelgen. Die reduzierte, von Intimität erfüllte Folkmusik des Duos Mark Rogers & Mary Byrne lässt alle Vorzüge des Genre erstrahlen. Das 2014 veröffentlichte Album I Line My Days Along Your Weight fällt wunderbar aus. Wie es die Nichtigkeit des Lebens und die Tragik des Seins schildert, wie sich das Storytelling kleinen Freuden und Hoffnungen widmet, wie Irritationen durch die Seele geistern, all das verfehlt die Wirkung nicht.

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Schatzkästchen 28: Kodiak Deathbeds – Against The Wind

Wie wäre es heute mit einer folkigen Ballade, die auf ein für September angekündigtes Debüt neugierig macht? Die Kodiak Deathbeds bestehen aus der Sängerin Amber Webber, die man von den kanadischen Indie-Acts Black Mountain und Lightning Dust kennt, und dem Gitarristen Derek Fudesco, der wiederum bei Pretty Girls Make Graves und The Cave Singers mitgewirkt hat. Es sind also zwei alte Indie-Hasen, die sich hier zusammengetan haben. Und wenn man nach dem Lied Against The Wind geht, dann erscheint dies auch als famose Idee. Die so wehmütige, existentielle Ballade überzeugt durch karge Schönheit, entwickelt sich zu einem Triumph des schlichten Vortrags. Begleitet wird dieser erste Vorgeschmack von einem sehenswerten Stop-Motion-Clip. Schatzkästchen 28: Kodiak Deathbeds – Against The Wind weiterlesen

Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain

Samantha Crain gehört nicht zu jenen privilegierten, weißen Singer-Songwriterinnen, die all ihre  Mittelstandsproblemchen in Lieder packen und stolz damit hausieren gehen. Sie zählt nicht zu denen, die selbst dann noch über Selbstverwirklichung grübeln, während das Leben herum schon längst zu einem einzigen Trümmerfeld geworden ist. Crain ist indianischer Abstammung, vom Volk der Choctaw. Sie kennt Außenseitertum. Ihre Lyrics spiegeln die Wirklichkeit jener Bevölkerungsgruppe wider, die man in den Staaten Blue Collar nennt. Die Texte schildern ein Milieu einfacher Arbeiter, die es nie zu großen sozialen Ansehen bringen werden. Crain blickt auf diese Existenzen nie herab, sie wirft einen Blick in die Existenzen hinein. Und zwar in jene, die trotz Misslichkeiten wie ungewollten Schwangerschaften nicht aufgeben, die sich allerdings zugleich keinerlei Illusionen hingeben. Ihre Charaktere kämpfen verzweifelt um das kleine bisschen Glück. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und genau unter dieser Prämisse sollte man sich diesem Americana-Album Under Branch & Thorn & Tree nähern.

Leben ist Glücksache. Diese lapidare wie wahre Erkenntnis wird man auch in Crains Liedern finden. So etwa beim Song Elk City. Ein wenig Sex mit einem Kerl, der abends nur vorbeigekommen ist, um wie vereinbart die Waschmaschine zu reparieren, kann das Leben nachhaltig verändern („Well that night turned into 9 months/ Sitting on my ass/ Waiting for a baby/ My first and my last„). Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain weiterlesen

Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow

Heute möchte ich dem werten Leser eine außerordentliche Americana-Platte ans Herz legen. Diese Platte schimpft sich zwar EP, aber angesichts von 6 Liedern und über 29 Minuten Laufzeit erscheint mir dieses Format eher willkürlich gewählt. Hinter dem Namen Dicey Hollow stecken Petter Ericson Stakee und Jamie Biden. Ersteren könnte man übrigens als Kopf von Alberta Cross kennen. Dicey Hollow darf somit als typisches Nebenprojekt verstanden werden, dass die Erkundung eines neues Genres wagt. Im konkreten Fall wendet sich Stakee dem Alternative Country und der sehr vielfältigen amerikanischen Folk-Tradition zu. Die schlicht nach dem Projekt benannte EP fällt in ihren Lieder derart unterschiedlich aus, dass ein genauerer Blick lohnt.

Die von Piano und herzschwerer Gitarre bestimmte Americana-Ballade Silver and Sand darf getrost als stärkster Track einer tollen EP gelten. Der Song besticht durch ungemeine Wehmut, gibt sich dabei jedoch nicht wimmernd, eher nachdenklich und lapidar. Welch schönes Stück! Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow weiterlesen

Schuld und Schicksal, Einschnitt und Neuanfang – Jeff Beadle

Ich will jetzt keine Ode an den Vollbart anstimmen. Dazu ist der Vollbart durch die schiere Masse an Hipstern endgültig diskreditiert. Früher freilich hatte der Vollbart eine Aura rustikaler Authentizität oder der bürgerlicher Vornehmheit. In erstere Kategorie fällt der Vollbart des kanadischen Folksängers Jeff Beadle. Sein Anfang des Monats erschienenes Album Where Did We Get Lost ist ein knorriges Stück Musik ohne jegliches Pipapo. Beadle und seine Gitarre berichten von Träumen und deren Scheitern, von der Liebe mit all ihren Krisen, von Abschieden. Sein Storytelling schöpft aus dem Alltag, es greift aus dem Leben und beschert uns dadurch eine schmerzliche Echtheit. Diese Songs verschanzen sich nie hinter Fiktionalität, sie scheinen eher dem Tagebuch entnommen, wirken echt und schmerzhaft wahr. Geschichten derart zu erzählen, sie emotional zuzuspitzen, sodass sie greifbar und wirklich geraten, all das unterstreicht die therapeutische Qualität von Musik. Natürlich ist mir bewusst, dass Lieder immer ein Werk der Imagination sind und keinen dokumentarischen Charakter haben. Beadle ist seinem lyrischen Ich jedoch verdammt nah. Genau deshalb erzeugt er beim Hörer Gänsehaut, etwa mit dem intensiven Single Mothers, Single Fathers. Hier werden Enttäuschungen auf starke Weise verdichtet, die Tiefpunkte eines Lebensentwurfs schonungslos präsentiert: „We were bright eyed naive lovers,/ Payed no attention to the numbers./ Bought a home deep in the suburbs./ We got lost somewhere in love./ Now it’s late nights at the office./ When I ask I’m told to drop it./ When that starts you just can’t stop it/ Then the whole thing falls apart./ And I can’t help but reflecting,/ Was it me doing the neglecting,/ Was it her that fell rejected straight into another’s arms.„. Beadles bedauernder bis bitter bilanzierender Gesang verfehlt seine Wirkung nicht.

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