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Ein Werk der vielen Einflüsse – Dominik Plangger

Was wird doch der amerikanische oder irische Folk gerade heutzutage hochgelobt. Weltweit hat sich eine neue Generation von Singer-Songwritern an Legenden wie Townes Van Zandt, Bob Dylan, Woody Guthrie oder John Prine orientiert. Doch wie sieht es eigentlich in hiesigen Breiten aus? So sehr ich mein Hirn auch malträtiere, ich komme immer auf die Altmeister Wolf Biermann, Hannes Wader, Reinhard Mey, Hubert von Goisern und Konstantin Wecker zurück. Während in frankophonen Staaten das Chanson stets wichtig blieb, die italienische Cantautori vom Schlage eines Antonello Venditti ebenfalls eine Tradition begründet haben, sieht es in Deutschland mit der Nachfolge karg aus. Die Heimat mit lyrischer Kraft zu durchschreiten, politische und soziale Veränderungen zu dokumentieren, die eigene Muttersprache für Erzählungen zu nutzen, das wird hierzulande sträflich vernachlässigt. Der deutschsprachige Liedermacher fristet leider ein Schattendasein. Dem Südtiroler Dominik Plangger ist mit seiner kürzlich veröffentlichten CD Hoffnungsstur freilich der Beweis gelungen, dass es um den liedermachenden Nachwuchs gar nicht mal schlecht bestellt ist.

Plangger widmet sich auf diesem Album der gesamten Palette tradioneller Liedermacherkunst. Heimatverbundenheit und Urtümlichkeit werden ebenso thematisiert wie Protest, Gesellschaftskritik und Außenseitertum. Mal singt Plangger im Dialekt, dann wieder hochdeutsch, auch ein italienisches und englisches Lied sind auf der Platte zu finden. Eigenkompositionen gehen Hand in Hand mit Coverversionen von Konstantin Wecker, Hannes Wader, Lucio Dalla und Townes Van Zandt. Es überzeugt als Werk der vielen Einflüsse, als relevantes Album, dessen Folklore den reaktionären volktümlichen Schlager und sämtlichen Pathos der Deutschtümelei ganz und gar verachtet.

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Der aus der Seele gebürstete Stachel der Folklore – Tinariwen

Drei Arten von Folklore malträtieren oder euphorisieren uns. Zunächst einmal die mit Exotik behaftete, unverbrauchte Weltmusik, deren gängiger Charme auch darin liegt, dass sie oft in einen Kontext gebettet wird, der den gutmenschelnden Teil unseres Wesens anspricht. Dann natürlich der Folk amerikanischer Prägung, welcher schon längst jedweden Songwriter vom Mississippi bis Wladiwostok zu Glanztaten bewegt, als anspruchsvoller Vertreter der Populärkultuer den Erdball umspannt. Und zu guter Letzt die einheimische Folklore, die speziell im ländlichen Bereich jeden Kirchtag beschallt und bereits völlig ihrer musikalischen Redlichkeit beraubt wurde. Heute freilich soll eine Attitüde unter die Lupe genommen werden, die Brauchtum in eine hohe Kunst überführt, eine erzählerische Botschaft vermittelt, die mehr vertraut als fremdartig scheint. Die aus Mali stammende Formation Tinariwen repräsentiert eine in seiner Integrität bestechende World Music. Das jüngste Album Tassili zeugt vom Wert tradierter Lebenserfahrung, entfaltet die Reinheit einer Folklore, welche eine gesamte Kultur in einen faszinierenden wie unverfälschten Sound bettet.

Der Stachel der Folklore liegt nie in einer trachtenbehübschten Verklärung eines Idylls, wie sie in deutschsprachigen Landen kitschbeschürzt praktiziert wird, vielmehr in der oft schmerzlichen Sehnsucht und Rückbesinnung auf die oft verdorrten Wurzeln der eigenen Kultur. So rollt Folklore die eigene Geschichte auf, sendet eine länderübergreifende, allgemein nachvollziehbare Botschaft. Und da Tinariwen dies mit schlichter poetischer Würde und voll Bescheidenheit begreifen und umsetzen, wachsen diesem Werk Flügel. Die Ruhe, mit der die Musiker vom Stamm der Tuareg ihr Sehnen und Leid sowie all das Hadern mit Veränderungen in Musik übertragen, bekräftigt die Erhabenheit ihres Tuns. Wenn Djeredjere vom Stachels des Leidens spricht, der die Tiefen der Seele durchbohrt, und Verrat hinter Tausenden von Gesichtern vermutet, verdeutlicht sich die Bitterkeit einer Existenz, die – von Aufständen und Kämpfen geprägt – qualvoll um Frieden ringt. Die Drangsale der Einsamkeit werden jedoch oft von Hoffnung aufgestemmt (Assuf D Alwa), nie verödet die Platte in vollkommener Gebrochenheit. Das Verlangen nach einer intakten Heimat drückt Tameyawt prägnant aus, wenn andächtig das verlorene Paradies herbeigesehnt wird – verbunden mit der Hoffnung, es durch die Opferung einer Ziege zu erlösen. Die ehemaligen Widerstandskämpfer gegen die Unterdrückung der Tuareg in Mali lassen lange schon die Waffen ruhen, beten Tinariwen nun für die Einheit und Freiheit ihres Volks, um zum Einklang mit dem Leben in der Wüste, die sich gegen die Menschen gewendet hat, zurückzufinden (Tenere Taqhim Tossam). Wie die virtuosen Gitarren, allerlei Percussion und der oft einsetzende Chor die knorrige Stimme von Ibrahim Ag Alhabib umpolstern, derart bildet sich ein distinktiver, fast stoisch-meditativer Sound aus, der die Platte im Vergleich zum guten Vorgängeralbum Imidiwan: Companions abgespeckter und bedrückender erscheinen lässt.

Tinariwen – Imidiwan Ma Tennam by antirecords

Tinariwen – Tenere Taqqim Tossam by V2 Music

Tamiditin Tan Ufrawan als Klage über die allzu undurchschaubare Angebete verdeutlicht, dass Folklore immer auch Liebeswirrungen thematisiert, erst durch Schmerzen des Herzens vollendet wird. Tassili wirkt von Behutsamkeit erfüllt, vermittelt eine Weisheit, deren Mahnungen aus der Seele gebürstet sind. Trotz Verbitterung bleibt das Gemüt mit Sehnsucht bestückt. Tinariwen präsentieren sich als handwerklich überaus versierte Puristen, die ihr Schaffen als Heilung erfahren, ihren Traditionen voller Ehrfurcht huldigen, den Schrammen in ihrer Geschichte ohne sülzige Wehklage begegnen. Solch Haltung bedingt uneingeschränkte Hochachtung, keinesfalls geheuchelte Anteilnahme. Tassili versorgt uns nicht mit Wohlfühl-Ethno-Klängen, die Platte ist zugleich Wunde und Pflaster einer afrikanischen Existenz.

Tassili ist am 02.09.11 auf V2/Cooperative Music erschienen.

Konzerttermine:

06.10.11 Köln – Philharmonie
21.10.11 Berlin – Kesselhaus

Link:

Offizielle Webseite

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