Dringliche Nächte – Francesca Lago

Stell dir vor, dass überall Wunder und allerorts Bedrohungen lauern. Dass der scheinbar schnöde Wechsel der Tageszeiten plötzlich Aufregung und Schicksalhaftigkeit versprüht. Mal dir aus, wie eingedöste Emotionen mit einem Mal von Dringlichkeit und Fiebrigkeit angeschubst werden. Wie Geister durch Szenerien gespenstern, die vertraute Umgebung aufmischen. Tauche einen Moment lang in eine Fantasie ein, die jede Abenddämmerung mit Geheimnissen durchsetzt, die jeden Sonnenaufgang als einschneidend erlebt. Und die Naturgewalten voll archaischer Kraft wahrnimmt. Wenn man sich auf all das einlassen möchte, wird man vom Album Mirrors Against the Sun sehr angetan sein. Die in der Schweiz lebenden Italienierin Francesca Lago überzeugt mit einer mal verträumten, oft ruhelosen Platte, die eine nähere Entdeckung fraglos lohnt. Also ran ans Werk!

Schon der Opener Where do we go gibt die Stimmung des Albums vor. Electro-Pop im Stile von Ladytron wird mit der Unwirklichkeit des Dream-Pop gekreuzt. Die Zeilen „Where do we go/ Tell me a story while the sun is setting low/ At dusk we float/ Hear your story while the sun is setting low“ lassen erahnen, dass es keineswegs um irgendwelche niedlichen Gutenacht­ge­schich­ten geht. Dem Wechsel von Tag zu Nacht haftet hier eine mystische Kraft an. Lagos enigmatischer Text wird von einem in nervöser Schönheit flirrenden Sound bestens unterstützt.  Weiterlesen

Unsere musikalischen Favoriten 2011 – Ein Zwischenstand und Vorausblick

Es gibt durchwachsene Jahre und grandiose Jahre. Bislang scheint 2011 noch einen schüchtern bescheidenen Eindruck zu hinterlassen, sich nicht voreilig entscheiden zu wollen. Natürlich verstecken sich feine Platten in den Tagen und Monaten des bislang so flugs verlaufenden Jahres. Aber zünftige Paukenschläge, welche das Herz in höchste Sphären katapultieren, fehlen bis dato mehrheitlich. Oftmals wird aus dem vermeintlichen Trommelwirbel dann doch ein Triangelgeklingel. Das gilt insbesondere für Alben, denen ich recht insbrüstig entgegen geharrt habe. Das neue Werk Take Care, Take Care, Take Care der mir ans Herz gewachsenen Post-Rock-Kulleraugen Explosions In The Sky wirkt ansprechend, aber nie völlig geniedurchblitzt. Die über alle Maßen verehrten The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble haben mich mit From The Stairwell zwar überzeugt, leider jedoch nicht derart enthusiasmiert, wie sie es mit ihren Vorgängerscheiben taten.  Ähnliches ließe sich auch über Joan As Police Woman oder The Low Anthem sagen. 2011 verlangt mir also Neuentdeckungen ab, zumal ich mit den gängigen Charts-Stürmern eher wenig anzufangen weiß. Herbert Grönemeyers Schiffsverkehr wirkt auf mich recht lustlos durchgewunken, die Foo Fighters etwa hatten auch schon mal distinktivere Hits im Repertoire. So sind es eben die jüngst aufgespürten Künstler, welche mir die erste Hälfte des Jahres speziell verzuckerten. Ein Ausblick auf demnächst zur Veröffentlichung anstehende Alben verspricht auch für den Rest des Jahres das eine oder andere Glanzlicht. Man darf gespannt bleiben, immer mit einem weit geöffneten Ohr den Neuerscheinungen begegnen…

Album-Favoriten 2011

Erland & The CarnivalNightingale

Joel AlmeWaiting For The Bells

Anna CalviAnna Calvi

Dark Dark DarkWild Go

Susanne SundførThe Brothel

Sin FangSummer Echoes

PapercutsFading Parade

Amon TobinISAM

Juliette CommagereThe Procession

Africa Hitech93 Million Miles

Lieder 2011:

Sin Fang – Two Boys

Sin Fang : Two Boys from morr music on Vimeo.

Low – Try To Sleep


Low – Try to Sleep (OFFICIAL VIDEO) von subpoprecords

Francesca Lago – On My Way Back From The Moon

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Beady Eye – Wigwam (simfy)

Erland & The Carnival – Wealldie (simfy)

Dark Dark Dark – Something For Myself

Joel Alme – When Old Love Keeps You Waiting (simfy)

White Lies – Bigger Than Us


WHITE LIES – BIGGER THAN US (official music video) von elnino

Pat Appleton – Männer ohne Pferd

Lotte Kestner – Halo

Veröffentlichungsausblick:

Early Day Miners – Night People (VÖ 12.08.2011)
Beirut – The Rip Tide (VÖ 26.08.2011)
Tinariwen – Tassili (VÖ 02.09.2011)
Sóley – We Sink (VÖ 02.09.2011)
Dear Reader – Idealistic Animals (VÖ 02.09.2011)
Ladytron – Gravity The Seducer (VÖ 09.09.2011)
Cant – Dreams Come True (VÖ 09.09.2011)
dEUS – Keep You Close (VÖ 16.09.2011)
Ane Brun – It All Starts With One (VÖ 16.09.2011)
Shimmering Stars – Violent Hearts (VÖ 16.09.2011)
Laura Marling – A Creature I Don’t Know (VÖ 23.09.2011)
Björk – Biophilia (VÖ 30.09.2011)
Dum Dum Girls – Only In Dreams (VÖ 30.09.2011)
DJ Shadow – The Less You Know the Better (VÖ September 2011)
Noel Gallagher’s High Flying Birds – Noel Gallagher’s High Flying Birds (VÖ 14.10.2011)
Still Corners – Creatures Of An Hour (VÖ 14.10.2011)

SomeVapourTrails

Ein in den Briefkasten gekullertes Kleinod – Francesca Lago

Wir bekommen viel Musik ins Postfach gejubelt und werden oftmals vom Eindruck übermannt, dass zu viele Säue vor uns Perlen geworfen werden. Doch manchmal sieht man sich auch einem Glücksschweinchen gegenüber, mehr noch: einer eierlegenden Wollmilchsau, welche mit musikalischen Trüffeln um sich wirft. Das Album Siberian Dream Map jedenfalls gesellt sich in die recht überschaubare Liste der veritablen Glücksfälle, die sich ungebeten in meinen Briefkasten verirrten. Die Singer-Songwriterin Francesca Lago besticht mit durchwegs robustem, ab und an auch verträumt gefühlsechtem Dream-Pop – und charismalastigem Gesang.

Der famose, sirenesk-ohrwürmige Auftakt On My Way Back From The Moon zählt zu charmantesten Liedern, die 2011 bislang in meine Ohren gespült hat. Nicht zuletzt aufgrund des Refrains im Vintage-Stil. Als weiteres Highlight sei das ungemein kraftvolle, unverschämt knappe Kleinod Treasure The 5th nicht unerwähnt. Lago bringt auf den gut 34 Minuten verdammt viel Dynamik in Gang, pritschelt nicht nur im üblichen Meer aus E-Gitarre, Bass und Drums herum, tunkt ihr Werk häufig in die dunkle Eleganz eines Cellos. Still Before The Spell erfüllt mich ebenso mit großem Wohlwollen wie der nervöse Rhythmus von Slapstick, dem rausten Stück dieser abwechslungsreichen wie konsistenten Platte.

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Francesca Lago verkrümelt sich nie im Schneckenhaus der eigenen Emotion, frickelt nicht mit aufgesetzter Leidensmiene an übertrieben hyperfragilen Gefühlsregungen herum, gibt ihren Songs eine Geradlinigkeit, die sich zugleich Tiefgründigkeit bewahrt (Bad Dream). Was man Lago besonders positiv anlasten möchte, ist die klassische Gewandung ihres Sounds, der sich nie krampfhaft in die Achtziger verbeißt und auch keine trendigen Purzelbäume schlägt. Das dramatisch anschwellende Bring The Noise beispielsweise könnte sich bereits locker 15 Jahre auf CD fläzen, tönt freilich nach wie vor frisch genug, dass man nicht in glibberige Nostalgie verfallen mag.

Siberian Dream Map bezaubert als zeitlos schöne Scheibe. Eine Platte, die eine Entdeckung lohnt und keinerlei Vergleich scheuen muss. Ich für meinen Teil verneine, dass 2011 viele, bessere Titel als On My Way Back From The Moon aufbieten wird. Ach würde mir der Postbote doch öfter solch unbekannte Juwelchen in den Briefkasten kullern lassen. Ich wäre mit der Musik, dem ganzen Wust von Veröffentlichungen versöhnt.

Siberian Dream Map ist auf On The Camper Records erschienen.

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