Unsere 10 Lieblingsalbencover des Jahres 2012

Die Kunst des Plattencovers sollte man wahrlich nicht gering schätzen. Im besten Falle erhebt sie eine sehr feine Platte in die Sphären kultischer Erinnerung, mitunter sogar in ein kollektives Gedächtnis. Sind nicht manch Cover der Rolling Stones besser als der musikalische Inhalt? Hat nicht erst das Cover von Nevermind die Welt weit stärker an Nirvana gebunden, mehr als jedes Lied der Band dies vermochte? Wer an die American Recordings eines Johnny Cash denkt, erinnert sich zugleich an die Abbildungen eines ausgewählten Charakterkopfes. Und spricht nicht auch das Cover von Homogenic tief aus Björks musikalischem Kosmos? Wir stellen bei unserer tagtäglichen Erkundungen oft mit Schaudern fest, dass viele Musiker den Wert eines Plattencovers als künstlerische Visitenkarte nicht begreifen. Schade, sehr schade! 10 schöne bis interessante Cover haben wir in diesem Jahr dennoch entdeckt und wollen diese Fundstücke gerne teilen.

Beste Albencover

thebandcalledoutformore1. Gabby Young & Other AnimalsThe Band Called Out For More

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Release Gestöber 31b (The Fresh & Onlys, Gabby Young & Other Animals, Dead Can Dance, Sons Of Noel And Adrian)

Ein wenig verspätet wollen wir uns weiteren musikalischen Neuerscheinung zuwenden.

The Fresh & Onlys

Mit der aus San Francisco stammenden Band The Fresh & Onlys habe ich ein seltsames Problem. Mir schmeckt das jüngst erschienene Album Long Slow Dance kaum, obwohl nicht ein einziger schlechter Song die Platte verhunzt. Die Ursache für meine Skepsis liegt auch keineswegs in einer Abneigung gegenüber dem ohnehin schwammigen Genre Indie-Rock begründet. Vielmehr empfinde ich Long Slow Dance als Patchwork, dem es an einem roten Faden mangelt, der das Flickwerk präsentabel machen könnte. The Fresh & Onlys klingen immer ansprechend, entwickeln jedoch keine Unverwechselbarkeit. Sie präsentieren ihre verschiedenen Gesichter, am Ende bleibt keines dauerhaft im Gedächtnis. Nahezu jeden ihrer Tracks würde man auch noch in einem Jahr voll Wohlwollen wiedererkennen, der Name der Band jedoch wäre längst im Nirvana der Erinnerung entschwunden. Schade! Denn der herrlich altmodische, bittersüße Sound von Dream Girls ist ein echter Leckerbissen. Dazu will der anschließende Track  Euphoria so gar nicht passen. Hier wird eine für Arenen ausgedachte, leicht unterkühlte Rockigkeit zelebriert. Für solch einen mächtigen Titel würden viele große Bands ihr bestes Hemd opfern. Foolish Person zielt in eine ähnliche Richtung ab, kontrastiert die raue Atmosphäre anfangs mit engeligen Chören, ehe die Gitarren die Messer wetzen. Unmittelbar danach verstört der Titeltrack Long Slow Dance mit einem weiteren Bruch, gibt sich unschuldig retroesk, allen großen Gesten abschwörend. Presence Of Mind klingt nach einer verträumten Ausgabe von The Smiths. Dieses Kauderwelsch verschiedenster Stile, das Getingel zwischen schrammeligem Lo-Fi und dem Scheinwerferlicht riesiger Stadien, all dies zerstückelt die Platte in viele Kleinode. Bedauerlich! (Ein Stream der gesamten Platte findet sich hier.)

Long Slow Dance ist am 03.09.2012 auf Souterrain Transmissions erschienen.

Gabby Young & Other Animals

Wie man einem Werk Seele verleiht, das führt uns Gabby Young so kunterbunt wie exzessiv vor. Die Scheibe The Band Called Out For More von Gabby Young & Other Animals mutet nicht nur einzigartig und unverkennbar an, sie kann sich neben der Exzentrik des Varietés auch mit gut verdaulicher Theatralik brüsten. Besser ausgedrückt: Gabby Young bürstet gegen den Strich, missachtet alle gängigen Moden, läuft dabei nie Gefahr, in überkandidelte Nervigkeit zu verfallen. Sie kennt das Drama, die fiebrige Leidenschaft, aller Verluste Schmerzen, Zerrissenheiten der Sehnsucht. Bietet dem Temperament eine Bühne, lässt die Tränen nicht im stillen Kämmerlein dahintropfen, schaukelt stattdessen Sentimente auf. Als Ergebnis, wie man es sich nur wünschen kann, liegt mit The Band Called Out For More ein Album vor, welches einem heißblütigen Tanz auf einem brodelnden Vulkan gleicht. Zu den zahlreichen Highlights zählen das schwülstige Male Version Of Me („You’re like the male version of me/ Caught in this stream of continious sleep/ And I never taught you but you happen to be/ Perfect for me„), der ungemein beschwingte Opener In Your Head oder auch Segment, bei dessen Refrain man Sigur Rós als Gäste vermuten könnte.

Gabby Youngs musikalischer Mittelpunkt liegt irgendwo zwischen Seemannsliedern, einer Leslie Feist, schwermütigem Chanson, dem Glitter einer Bühne in Las Vegas, burleskem Swing mit Balkanbläsern und gefühlten Dutzenden weiterer Stile. Solch Großartigkeit sollte man sich nicht entgehen lassen!

The Band Called Out For More ist am 07.09.2012 auf India Records/The Gift Of The Gab Records erschienen.

Konzerttermine:

15.09.2012 Karlsruhe – Tollhaus
16.09.2012 Mainz – ZDFkultur Zeltfest
20.10.2012 Potsdam – Nikolaisaal
19.01.2013 Berlin – Postbahnhof
21.01.2013 Stuttgart – Theaterhaus
22.01.2013 Darmstadt – Centralstation
23.01.2013 Köln – Club Bahnhof Ehrenfeld
25.01.2013 Salzburg (A) – JazzIt

Dead Can Dance

Wiedervereinigungen von Bands sind in aller Regel eine nostalgische Fußnote der Musikgeschichte, oft Eingeständnis eines Irrtums. Im Falle von Dead Can Dance würde man kaum auf solch einen Gedanken kommen. Dead Can Dance ist die Sorte Projekt, die man sich nur wünschen kann, selbst wenn man sich nicht als eingefleischten Fan bezeichnen möchte. Eine Formation mit Kanten und Eigenheiten, stets experimentierfreudig. Nach über 15 Jahren wurde nun im August ein neues Studioalbum namens Anastasis veröffentlicht. Ich hatte ein paar nicht besonders schmeichelhafte Rezensionen gelesen, die die Platte in etwa als monotones Pläsierchen für Fans beschrieben. Vielleicht auch deshalb habe ich mir das Album nicht angehört, ob der Fallhöhe von Enttäuschung. Als mir vor wenigen Tagen jedoch die Kunde ins Haus flatterte, dass es den Song Opium als kostenlosen Download gäbe, habe ich diesem dann doch gelauscht. Was soll ich sagen, ich liebe Opium! Und nicht nur diesen Titel. Anastasis besitzt eine sinnstiftende Qualität, eine kontemplative Güte, der ich mich nicht entziehen kann. Dank Tracks wie Return Of The She-King oder eben Opium wirkt dieses Werk schlichtweg grandios. Also bitte nicht bekrittelnden Musikkritikern glauben, die in jeder Suppe gern tonnenweise Haare finden wollen.

Anastasis ist am 10.08.2012 auf PIAS erschienen.

Sons Of Noel And Adrian

Kunstvoll lamentierende Alternative-Folk-Tristesse mit lebenserhaltenden Kniffen macht das Album Knots zu einem anspruchsvollen, jedoch nicht erschöpfenden Werk. Was die britische Formation Sons Of Noel And Adrian da im Oktober in deutschen Landen veröffentlicht, ist Gemütern mit ausgeprägter Leidensfähigkeit auf den Wunschzettel gesetzt. Noch bin ich Knots nicht auf die Schliche gekommen, verirre mich in der gedämpften Düsterkeit des Gesangs und erblicke doch immer wieder Lichter magisch-musikalischer Momente. Auf gewisse Weise beehren uns Sons Of Noel And Adrian mit einer Art Schattenspiel, geben nur Umrisse preis, machen ein Erkennen schwer. Im vorliegenden Falle verfällt dem feierlichen Ernst der Formation. Man spürt die Besonderheit des Werks, ohne mehr als Konturen ausmachen zu können. Eine spannende Angelegenheit, wie ich meine.

Knots erscheint am 12.10.2012 auf K&F Records.

SomeVapourTrails

Ein Mixtape gegen die irdischen Töne des Sommers

Meine Gedanken queren die sengende Straße und schweifen in den belärmten Park , wenn ich so vom Balkon aus das grelle Leben sichte. Die Wirklichkeiten Kreuzköllns sind von irdischen Tönen beschickt, so prall wie stereotyp. Schwarz-Rot-Gold ranken sich Kopftücher um die Häupter mancher Frauen, selbst die ächzende Hitze vermag den perfekt gegelten Haare der flanierenden Checker nichts anzuhaben. Dickliche, nahezu albinohäutige Mädchen stapfen mit kurzem Minirock und lilanen Strümpfen vorbei, die Gesichter schick alternativ mit Piercings bedacht. Drogendealer dealen in den weiten Grünanlagen, sogar Asoziale gehen ihrem Tagwerk nach, leicht vertrocknet scheinen sie alle. Prosaisch legt der schwelende Sommer überraschungsarme Szenarien blank, um letztlich in der Gesamtschau doch vielfältig zu bleiben. Dieser Tage kennt mich der Computer kaum, mein leidender Rücken mag kein Sitzen, vom nassgeschwitzten Bett aus zu schreiben verbietet die Vernunft. So diktiere ich Gedanken dem Notizblock, während sich das Hoppeln viel zu schnell über Kopfsteinpflaster fahrender Autos und munteres Kindergeschrei mit von mir gewählter Musikbeschallung mengen.

Dem Wüten des Sommers setze ich eine wohldefinierte Klarheit entgegen. Der Üppigkeit der Grelle kontere ich mit einem oft leisen, manchmal in eigentümlicher Verträumung ruhenden Sound. Es muss nicht immer ein hüftwackelnder Rhythmus sein, eine auf Sex getrimmte, brütende Aufdringlichkeit. Gerade die Noblesse einer Zeitlosigkeit, die Erfrischung einer Losgelöstheit, eben jene Nuancen fluten inmitten all des schrillen Treibens hervor, wehen die nötige Kühle über den Balkon, beschatten den dösenden Patienten. So jedenfalls verkommt der Sommer zu einer schweißverkrusteten Erträglichkeit.

Great Lake Swimmers – River’s Edge

Colapesce – Niente di più

Gem Club – Sevens (kostenloser Download)

Natureboy – Heart To Fool

The Innocence Mission – The Happy Mondays (kostenloser Download)

Gabby Young & Other Animals – We’re All in This Together

Lanterns On The Lake – Lungs Quicken

Sun Kil Moon – You Are My Sun (Stream)

SomeVapourTrails

Burleskes Temperament mit Wiedererkennungswert – Gabby Young & Other Animals

Burleske Possen vermögen mich in ihrer Theatralik durchaus ab und an erfreuen. Besonders wenn es locker vom Hocker geschieht und nicht vor Berechnung überfrachtet scheint. Das schrille Element im Vortrag von Gabby Young & Other Animals motzt die Angelegenheit ordentlich auf. Als mir vor wenigen Wochen die Single The Ones That Got Away in den Postkasten trudelte, war ich zunächst mit gezückter Augenbraue konsterniert. Anhand zweier Songs lässt sich überlicherweise keine fundierte Einschätzung treffen. Das wäre ja so, als würde man sein Herz an eine Frau verschenken, von der man lediglich die Oberweite näher kennt. Es braucht den ganzen Körper samt Seele, um ein Klingeling der Gefühle zu provozieren. Ähnlich geht es mir bei Musik, ein Album muss in all seiner Leibesfülle genossen und examiniert werden.

Frau Young freilich darf auch nach zwei Liedern als heißer Feger erachtet werden, natürlich streng musikalisch gesehen. Da wuselt überbordendes Temperament, unterstützt von einer Band mit Schmackes im Spiel. Trippelt der Song The Ones That Got Away mit swingendem Charme daher, altmodisch wie exzentrisch, stilvoll und schräg schillernd, so sprenkelt sich Balkan-Folklore in die deftig-folkige Nummer Ask You A Question ein. Man scheint geneigt, den in einem Armstreich leergefegten Tisch zu erklimmen und in wilde Tanzverrenkungen zu verfallen. Beiden Titeln mangelt es nicht an Wiedererkennungswert, sie machen so richtig Lust auf mehr.

Die Britin Gabby Young vermag ihre Eigenart geschickt in einen musikalischen Ausdruck umzumünzen, der rauschend und lebensfroh anmutet. Famos! Ich belagere schon seit Tagen meinen Briefkasten in der Hoffnung, das Album We’re All In This Together demnächst in Händen zu halten. Und genau mit dieser Vorfreude sollte sich auch der werte Leser an diese Dame heranmachen.

Als Musikvideo habe ich nur den doch ernsteren Titelsong des Albums gefunden, die Qualität der Dame und ihrer Tiere verdeutlicht dieser freilich auch wunderbar.

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