Was Musik (nicht) leisten kann

Kunst als Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens, mit einem Anspruch der über schiere Unterhaltung hinausgehend eine Quer- und Vordenkerschaft propagiert. All dies wird ins Kalkül gezogen, wenn die Rechte der Urheber unterstrichen werden. Kunst darf sich nie allein auf staatliche Förderungen verlassen und ebensowenig eine Gewichtung nach Verkaufszahlen erfahren. Sie lebt davon Träume, Grundängste und Realitäten poetisch in eine Essenz zu kleiden – und tut dies unter der Prämisse bestens, wenn wir alle mit unseren verschiedensten Lebenserfahrungen, Geschmäckern und Ansichten ihre Vielfalt unterstützen. Erbaulichkeit und Denkanstösse dankbar annehmen und honorieren. Aus eben jener Motivation heraus, habe ich mehrfach auf diesem Blog grundsätzliche Überlegungen zum Thema Urheberrecht angestellt.

Dieses Mal freilich soll der forschende Blick die Frage filetieren, was uns Kunst in Zeiten der Krise eigentlich vermittelt. Im konkreten Fall die Musik. Schenkt sie mehr als kollektive Weltflucht? Oder umkreist sie lediglich die Nabelbeschaulichkeit eines verklärten Individualismus? Fristet sie ihre Daseinsberechtigung als Feel-Good-Soundtrack für unsere gegenwärtige Raserei auf der holprigen Straße des Fortschritts? Meine Antworten entbehren nicht einer gewissen Bitterkeit.

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Foto von Jean-Luc (Creative Commons-Lizenz Attribution ShareAlike 2.0)

Auch im Internet-Zeitalter mit dem prinzipiell freien Zugang zu nahezu jedweder Information und allen Spiel- und Denkarten von Kultur verlässt sich das Gros der Menschen auf die verfestigen Filter, die eifrig aussortieren und uns dann beschnittene Endprodukte präsentieren, welche kaum ideologisch anecken und auf maximalen Profit ausgerichtet sind. Musikkonzerne und Medien servieren ihre Vorstellung von Musik als das Nonplusultra, kredenzen Fast-Food und verkaufen es als Schlemmer-Mahlzeit. Dauerpenetriert nicken wir die Chose ab, geben uns mit den Krümel zufrieden, selbsttäuschen Sattheit vor, obwohl der Magen weiter knurrt. Ein auf stabile Perpetuierung des Erfolgs ausgerichteter Konzern ist ein Koloss, dessen Wohlergehen Zahlen definieren: Umsätze, Börsenkurse. Mitarbeiter, Manager und Anleger sind austauschbar und als Menschen ohne Bedeutung. Das ist doch der Aktien-Kapitalismus, dessen Krise leider noch nicht in den Untergang mündet. Und eben jene auf Mathematik reduzierte Wirtschaft, die nur dann funktioniert, wenn Leichen den Weg pflastern – wie Erich Fromm bereits vor Jahrzehnten bekrittelt hat, eben dieses System definiert auch Kunst. EMI und Warner dominieren die Musikbranche, bestimmen die Charts, polieren Musik glatt. Pure Unterhaltung auf dem niedrigst-erträglichen Level – nur unter diesem Aspekt sind die Bekanntheit und Plattenverkäufe einer Mariah Carey zu erklären. Ab und an bedecken die Macher mit Feigenblättern ihre Scham, dürfen auch engagierte Künstler wie The Flaming Lips ins Rampenlicht. Aber auch hier dominiert das Kalkül.

Wundert sich denn niemand, dass die Krise und ihre Folgen in den letzten 12 Monaten kaum musikalische Resonanz gefunden hat? Dass kein Lied eine friedliche Revolte herbeisingt? So mutet es fast schon als Trauerspiel an, wenn Bob Dylan als Ikone der Gegenworte ein Weihnachtsalbum in Angriff nimmt. Wo zum Teufel bleibt die Relevanz, der stochernde Finger in der Wunde? Handzahm getrimmt wabbert Mainstream und etablierter Indie auf einer Retro-Woge daher. Oder verengt das Sehen auf den erwähnten Individualismus, huldigt biedermeiern dem eigenen Schicksal, dimmt die soziale Komponente auf Mosaiksteinchen persönlicher Erfahrungen.

Es gibt Dinge, die Musik kaum oder gar nicht leisten kann. Sie kann AIDS nicht besiegen, die Klimaveränderung stoppen oder ein Erdbeben verhindern. Aber das Potential die Herzen zu öffnen, Scheuklappen zu entfernen und gesellschaftliche Hoffnung zu entfalten – all dies wäre möglich. Eine diesbezüglich mögliche wirtschaftliche Rendite erscheint keinesfalls sicher. Und eben darum werden Herr Universal und Frau Sony auch weiterhin mit den Reizen großer Töne geizen.

SomeVapourTrails

Sarrazins Wahn: Zwangssterilisationen für Hartz 4 Empfänger?

NS-Ideologie Reloaded – Anders kann und darf man die aktuellen Äußerungen vom neuen Bundesbandchef Sarrazin nicht deuten.

Musik muss nicht immer – manchmal aber ausdrücklich doch politisch sein. Genauso wie unserer Blog. Vor allem da sich fast die gesamte Blogosphäre zur Zeit wie die Lemminge von den brennenden Problemen ablenken lässt und in die Abgründe rund um Zensur-Verschwörungstheorien stürzt.

Das Grundrecht auf Würde und Unversehrtheit war gestern. Dafür haben wir kein Geld mehr – erläutert  jetzt Thilo Sarrazin. Der Abschaum muss weg und am Vermehren gehindert werden.

Folgt man den Ausführungen des SPD-Politikers, ist es jetzt offiziell und amtlich: Arbeitslose und Arme sind Dreck – verrecken sollen sie. Das die Wirtschaftskrise von den unverantwortliche Spekulationsgeschäften der Banken verursacht wurde ist egal.

Weg mit der staatlichen Fürsorge für die, die nun am schlimmsten darunter leiden. Mindestens Frieren und schnellstens das Kinderkriegen abstellen. Wenn nicht freiwillig, dann mit Zwang! Frei dem Motto: Euer Elend widert mich an. Da wünscht man sich doch glatt einen neuen Stauffenberg – diesmal erfolgreicher als bei der erste Mission.

Hier mal ein paar von mir kommentierte Zitate des früheren Finanzsenator Thilo Sarrazin:

„Die große Frage ist: Wie kann ich es schaffen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die damit fertig werden“.

Gemeint sind hier nicht nur pädagogische Fähigkeiten… sondern die finanzielle Voraussetzungen…. Gibt nur eine Lösung: Zwangssterilisation!

„dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern kann, was heute der Fall ist“.

Alle Studien zum Thema lügen also laut Sarrazin. „In Deutschland ist jedes fünfte Kind arm.“ Das sagt der Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.
„Jedes sechste Kind in Deutschland ist von Armut betroffen.“ Das sagt der Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland von Unicef aus Mai 2008.
„Jeder Vierte zwischen 16 und 24 Jahre alte Jugendliche lebt in materieller Not oder ist davon bedroht.“ Das erklärt die Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jungendhilfe (AGJ) Anfang Juni 2008. Vielleicht meint aber Sarrazin auch nur die Bitches, die für ihn und Seinesgleichen die Beine breit machen und vom Unterhalt prächtig leben. Aber auch Reiche sollten den Gebrauch von Kondomen lernen, um solche Goldgräberinnen am Tun zu hindern…

Die Armen jedoch rammeln nicht nur zuviel, sie sind auch größte Energieverschwender, polemisiert der Nachfolger Goebbels weiter:

„Hartz-IV-Empfänger sind erstens mehr zu Hause; zweitens haben sie es gerne warm, und drittens regulieren viele die Temperatur mit dem Fenster“

Wie unverschämt, sie sind also nicht nur arbeitslos, sie weigern sich auch noch zu frieren. Beste Lösungen: Alle auf die Straße setzen. Genug werden im Winter erfrieren. Dann reduzieren sich auch die Arbeitslosenzahlen und die Statistiken sehen wieder positiver aus. Schafft auch neue Arbeitsplätze, da die Beerdigungsinstitute mehr zu tun haben…

Das Erwerbslose dies nur Dank eigener Dummheit sind, weiß eh jeder. Deshalb können sie auch keine Temperaturregler bedienen. Tot dem Gesocks!

Die Zitate habe ich diesem Spiegel-Artikel entnommen: Sarrazin provoziert Hartz-IV-Empfänger und Problemfamilien. Dort findet sich noch mehr der gequirlten braunen Scheiße.

Das die SPD alles andere als sozial ist, hat sie in den vergangenen Jahren mehr als zu genüge gezeigt. Vielleicht sollte sie sich umbenennen in SDP = Sozial Darwinistische Partei.

Das Sarrazinische Menschenbild kurz und knackig zusammen gefasst,  hat der Blog Dies und Das:

Nur ein toter Hartz-IV-Empfänger ist ein guter Hartz-IV-Empfänger!

Ein Paar sehr kluge Gedanken zum Thema und Reflexionen früherer Äußerungen Sarrazins findet ihr auch hier: Sturmbannführer Sarrazin

DifferentStars

(…ist zwar gegen Gewalt gegen Menschen, ein Teil von ihr wünscht sich dennoch ein RAF-Reloaded… als Antwort auf diese Menschen verachtenden Machthaber)

Sprachlosigkeit kann tödlich sein

Update 2: Ich habe lange überlegt, ob ich wie ein Teil der anderen Medienvertreter, den Namen der beschuldigten Sängerin entfernen soll oder nicht. Ob unkenntlich gemacht oder nicht – jeder weiss nun um wen es geht. Gleichzeitig zu beobachten: Die Berichterstattung artet aus. Immer mehr ideologische Gruppen missbrauchen das Thema für ihre eigenen Zwecke. Allen voran, Rassisten, Neonazis und fundamentalistische Christen. Es ist mehr als ekelhaft, was es zu lesen gibt.

Die meisten Verfehlen, dass der diskutierte Fall eine Möglichkeit gewesen wäre, uns ins Gedächtnis zu rufen, dass HIV uns alle angeht, jeden treffen kann. HIV ist kein Randgruppen-Thema.

Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten zeigt sich mal wieder, dass die richtige Menschen nicht miteinander geredet haben – während nun die falschen Leute zuviel drüber reden.

Es geht um eine Frau, der vorgeworfen wird, trotz Wissens um ihre HIV Infektion ungeschützten Sex mit mehreren Männern gehabt zu haben. Einer dieser Männer klagt sie an, sich bei ihr infiziert zu haben.

Diese Geschichte hätte genauso überall passieren können. Egal ob die Frau nun Sängerin, Grundschullehrerin, Managerin oder Verkäuferin ist. Um aus dem Exemplarischen etwas lernen zu können und den Fall auf eine neue Ebene zu heben, habe ich nun den Namen entfernt.

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Es ist sonst nicht meine Art, Themen aus dem Boulevardbereich aufzugreifen. Der Fall der Sängerin ist auch kein Klatsch und Tratsch – sondern leider todernst. Macht wütend – in vielerlei Hinsicht. Einen Artikel, der regelmäßig aufgerufen wird, hatte ich anlässlich des Weltaids-Tages geschrieben: Statt roter Schleife: Ofra Haza – als Jungfrau in die Ehe – gestorben an AIDS.

Hier schilderte ich meine Erfahrungen, wie man sich schön beim Hausarzt zum Deppen macht – mit allerlei Vorurteilen gegen Schwule konfrontiert wird und das nur, weil man sich verantwortungsvoll zeigen will.

Es klingt spießig – ist aber wahr: Egal wie groß die Lust oder Liebe: Erstmal geschützter Sex – dann ab zum AIDS Test. Sind beide negativ – kann munter ohne Gummi… Eine Grundregel, die eines voraus setzt: Das Miteinander Reden – ohne falsche Hemmungen.

Denn das teuflische an HIV ist – man sieht’s nicht.  Es kann jeden treffen. Egal ob hetero oder homo, schön oder hässlich, gepflegt oder verlottert, gut oder böse. Viren unterscheiden nicht.

Leider schieben zu viele dieses Thema immer noch in die Schwulen/Stricher/Fixer-Ecke. Drüber reden ist tabu. Und zugegeben es ist auch ziemlich unsexy beim ersten Date damit anzufangen. Leider sind wir aber auch meilenweit davon entfernt, dass sich die Herren der Schöpfung wie selbstverständlich ein Kondom überziehen. Besonders bei jungen Leuten sind die Zunahme von Teenie-Schwangerschaften und Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten alarmierend.

Infizierten, die sich outen droht die Ausgrenzung aus der Gesellschaft, sie stehen unter dem  Generalverdacht, ein unehrenwertes Leben geführt zu haben.  Vielleicht haben sie jedoch einfach nur einmal zu viel vertraut, dass nichts Schlimmes passieren wird.

Wie die Geschlechtspartner der nun verhafteten Sängerin. Ihr wiederum wird zur Last gelegt, ihre mutmaßliche Infektion verschwiegen zu haben. Spielte – so ist der Verdacht – mit dem Leben der anderen, wie den Medienberichten nach auch einmal mit ihrem gespielt wurde. Russisch Roulette – bei dem aus Opfern Täter werden.

Laut dem Stern wurde die 26-jährige am vergangenen Samstagabend unter dem Tatverdacht der schweren Körperverletzung verhaftet. Die Sängerin soll trotz des Wissens über ihre Infizierung zwischen 2004 und 2006 mit mindestens 3 Männern ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt haben. Mindestens einer der ehemaligen Sexpartner soll sich bei der ehemaligen Castingshow Kandidatin angesteckt haben.

Update: Die Medienberichte sind inzwischen widersprüchlich. Der Spiegel beruft sich weiter auf die Staatsanwaltschaft und schreibt von mindestens einer Infektion, die die Sängerin zu verantworten habe. Manche Zeitungen berichten von einem bereits durchgeführtem Beweis bringenden Test. Andere schreiben, die Sängerin sei zum Zwecke dieser Untersuchung festgenommen worden. Andere bezweifeln, dass solch ein Test überhaupt den Beweis erbringen könne. Der Stern stellt inzwischen in Frage, ob die Frau überhaupt von ihrer vermeintlichen HIV-Infektion wusste. Am skrupellosesten ist wie üblich die Bildzeitung, diese hat einen Mann interviewt, der nach seinen, zu hinterfragenden Angaben, mit der Sängerin ungeschützten Sex gehabt haben will und unterstellt dieser, sie habe ihn bewusst belogen.

HIV-Infektion ist immer noch ein Todesurteil auf Raten. Auch wenn neue Medikamente bei vielen Infizieren den Ausbruch von AIDS um viele Jahre hinaus schieben. Immer noch krepieren viele elendiglich. Der schöne Schein, mit aufgebaut von der Pharmaindustrie trügt.

Der Sängerin droht nun eine  Haftstrafe  zwischen 6 Monaten und 10 Jahren. Der Ermittlungsrichter erließ Haftbefehl da laut seinem Ermessen Wiederholungsgefahr bestünde. Den Mann, den sie infizierte, hat diese Frau  längst zu einem qualvollem Tode verurteilt.

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Generation Sex

The Divine Comedy – Generation Sex

Bewegt man sich, auch auf vermeintlich sicheren Pfaden durchs Netz, verstärkt sich der Eindruck, wir sind schon längst von der Generation Sex zur Generation Porno gewandelt worden. Die Generation Erotik kennt schon niemand mehr. Bzw. denkt jeder bei Erotik sofort ans nächste Eros-Center. Von der Generation Sinnlichkeit träumen nur noch ganz wenige.

Gestern bin ich einem Referrer gefolgt, der in unserem Stats-Dashboard landete und war dann einigermassen erstaunt. Fand ich mich doch auf einem Blog wieder, betrieben von einer Cam-Hure. Thema des Beitrages war, dass sie via Cam2Cam die Schwänze ihrer Kunden beim Wischsen wieder erkennen könne. Oder so… Frauen erniedrigen sich eben gerne öffentlich.

Ich habe keine Problem mit weiblichen oder männlichen Geschlechtsorganen in der Öffentlichkeit konfrontiert zu werden… so lange dies am FKK-Strand oder der Sauna geschieht. Und die uns eigenen Körpermerkmale eben da hängen oder sitzen wie Gott sie schuf. Würde mir da etwas stehend entgegen kommen, wärs schon was anderes. Hervorstechende Silikonbrüste fänd‘ ich einfach hässlich und ich würd‘ mir die Schmerzen bei der Op vorstellen.. stünde bei fremden Männern was am Strand… wär‘ ich wohl am falschen Ort gelandet… oder die… oder einem wär‘ da wohl (hoffentlich) etwas sehr peinlich und ich reichte zur Bedeckung der Scham ein Handtuch.

Eine Ausnahme gäbe es natürlich, die wäre aber sehr privat und ich allein mit SomeVapourTrails auf ner einsamen Insel.

Um jetzt aber mal auf den Punkt zu kommen. Das nervt, dieses ständig bombadiert werden mit dem Porno-Scheiss. Im Big Brother Haus wird wild gefickt – und auch wenn man diesen grottenschlechten Scheiß nicht schaut, irgendwo und überall springen einem Schlagzeilen mit dieser unnötigen Information entgegen.

Und nein. Ich stamme nicht aus einem erzkonservativen Haushalt. Meine Mutter hat nen obskuren indischen Guru und hielt es für ne gute Idee mir detailliert über ihre Nachkampf-Tandra-Erfahrungen zu berichten. Ich bin sozusagen abgehärtet.

Trotzdem: Mach mal bitte jemand wieder die Schlafzimmertür zu!

DifferentStars

Hängt den Sündenbock

Jede Katastrophe und Tragödie führt zu einem gesellschaftlichen Rumoren und dem Ruf nach Konsequenzen. So auch der gestrige Amoklauf von Winnenden. Trauer und Sensationslust sind erst befriedigt, wenn man das trügerische Gefühl der Sicherheit zurückerlangt hat. Dazu freilich bedarf es zweiferlei: Das Dingfestmachen von Sündenböcken und die Ankündigung von Maßnahmen, die eine Wiederholung der Ereignisse erschweren sollen. Zumindest die Sündenböcke wurden im Zuge der gestrigen Bestandsaufnahme in der Sendung Hart aber fair bereits eruiert. Neben dem Computerspiel Counter-Strike sollen  es auch gewaltverherrlichende Lieder und Videos sein. So zum Beispiel wurde das Album Amokzahltag des Rappers KAAS als Verherrlichung eines Amoklaufs bewertet. Prompt wurde das gleichnamige Video von diversen Plattformen wie YouTube gelöscht. Eine offizielle Stellungnahme des Rappers oder seines Labels Chimperator steht noch aus. Ist damit die Jugend Deutschlands vor weiteren Amokläufen geschützt? Man darf dies bezweifeln. Drei Aspekte sollten wir uns kurz vergegenwärtigen.

1.)  Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und ein schlecht gerappter Track generiert noch keine Armee von amokwütigen Zombies. Menschen am Abgrund werden immer einen Auslöser für den finalen Schritt finden. Ob es vor über 200 Jahren Goethes Werther war, der suizidgefährdete Menschen in den Selbstmord trieb, oder Marilyn Manson ist, den die Amokläufer in der Columbine High School angeblich gerne hörten. Labile Menschen werden immer eine Möglichkeit finden aus der Ohnmacht heraus Allmachtsfantasien zu entwickeln und diese dann auszuleben. Ob dies nun das Ende des eigenen Lebens bedeutet oder ein Massaker an Mitmenschen, in keinem Fall sollte man das Augenmerk auf den letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, fokussieren.

2.) Jugendschutz ist eine wichtige Sache. Aber mehr noch als Altersbeschränkungen schützt soziale Wärme Menschen vor dem Abdriften in den Wahnsinn. Und diese fehlende Nestwärme – ob im Elternhaus oder in der Schule – mündet in Gewaltbereitschaft und Verrohung. Und bei Einzelnen dann in der Katastrophe. Nicht ein Rapper mit frauenfeindlichen Plattitüden (Bushido) verdirbt die Jugend, kein Liedtext über das Gefühlsleben eines Amokläufers (KAAS) wird einem gefestigten Charakter verderben. Dies sind lediglich Indikatoren, die eine orientierungslose Zielgruppe ansprechen und deren Innenleben auf den Punkt bringen. Insofern wird in dem gestrigen Lynchgeheul der Überbringer der schlechten Nachricht als Täter gegeißelt.

3.) Das Entfernen eines Videos oder das Verbot eines Videospiels wird Menschen, die sich durch die Thematik angesprochen fühlen, von gar nichts abhalten. Im Gegenteil. Warum wird eigentlich selten gefragt, wie oft solch Musik oder PC-Game schon erfolgreich für Aggressionsbewältigung gesorgt haben? Und warum werfen wir alle Konsumenten dieser angeblich „bösen“ Machwerke in einen Topf? Wenn jeder Hörer oder Spieler potentieller Killer wäre, dann könnte man sich nicht mehr auf die Straße wagen.

Die Sündenböcke sind wir alle. Eine grausame Gesellschaft, die Werte nur mehr durch Verbote vermittelt und egoistischen Individualimus als oberste Prämisse hat. Wenn die Verlierer des Systems austicken, sind sie von satanischen Mächten beseelt, denken wir. Dass es mangelnde Hilfe, Solidarität und Einfühlungsvermögen sein könnte, wird ausgeblendet. Da hängt man doch bevorzugt den Sündenbock in Form des zugegeben unbedarften Rappers KAAS.

Achja, noch ein Gedanke. Naziaufmärsche lässt man zu, obzwar jeder Bürger sich im Klaren ist, wofür diese Ideologie steht. Aber wehe, wenn auf fikitonale Weise Gewalt thematisiert wird. Dann spricht fast jedermann von Gewaltverherrlichung und schreit nach Verboten. Viel zu simpel gedacht.

SomeVapourTrails

Dies ist nur ein Liebeslied: Peter Fox – Schwarz zu Blau

Liebe duftet nicht immer nur nach Rosen – manchmal stinkt sie nach Kotze und Urin. Kaum irgendwo sonst, liegen das Schöne und Ekelhafte so nah bei einander, wie am Kottbusser Tor. Dreh-und Angelpunkt für alle, die hier leben und ausgehen wollen. Kein Kiez hat soviel Flair wie Kreuzberg 36, wobei – diejenigen, die dieses Flair geschaffen haben, können sich ihren Kiez oft nicht mehr leisten. Der Kampf um das Stadtviertel tobt schon eine Weile und verschärft sich, vielleicht passender, vielleicht ironischer Weise genau zu einem Zeitpunkt, an dem Peter Fox mit seiner Liebeserklärung alle Preise abräumt.

Peter Fox besingt keine Sozialromantik – lebt man hier, fühlt man das Lied und weiß – aus der Ferne sieht alles viel schöner aus. Dieses bisschen Hässlichkeit nimmt vielen die Luft zum Atmen – lässt nun die Anwohner jegliche Solidarität vergessen und sich gegenseitig niedermachen.

Parallel zu den Echo-Vorbereitungen zerfleischen und bekämpfen sich die Anwohner des Kotti mit  polemischem Aufeinander-Eingedresche im Vorfeld – und Demos am Samstag Mittag.

Lesenswert dazu ist der Bericht der blog.rebellen. Auch wenn sie vorab noch sehr undifferenziert titelten: Yuppies planen Demo gegen Junkies

Dort habe ich auch ein Video gefunden, dass die Realität des Kotti wesentlich düsterer zeigt – dennoch liegt mir Peter Fox‘ Sichtweise näher.

The Black Ghosts – Full Moon

Gerechterweise muss ich aber auch zugeben, dass ich mehr Zeit im kuscheligen X-Kölln verbringe – und das ein oder andere Mal Umwege laufe oder fahre, wenn ich im SO 36 unterwegs bin – nur um nicht direkt mit der Brutalität des Kotti konfrontiert zu werden.

DifferentStars

PS: Mehr Polemik im ironischen Gewande zum Thema: Berlin goes Neuschwabenland!!!

Werben für die gute Sache?…oder: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Laut gegen Nazis – auch ich habe diese Verein in meine Myspace-Freundesliste aufgenommen. Um ein Zeichen zu setzten. Wobei ich auf Last.Fm immer sehr erstaunt war, wieviele User sich dort in den Anti-Nazi-Gruppen tummeln und wie wenige sich trauen ihren Mund aufzumachen. SomeVapourTrails und ich haben uns eine Zeitlang aufgerieben in Diskussion mit dem Last.Fm-Staff und anderen Usern ob der inakzeptablen Toleranz der Last.Fm-Geschäftsführung gegenüber den Nazis, die sich dort frei ausleben dürfen.

Aber nun zurück zur aktuellen Aktion von Laut gegen Nazis. Die Grundidee ist gut.  Im Kontrast zu den bei der Fußball-WM viel diskutierten NO-Go-Areas, sollen jetzt bewußt GO-Areas markiert werden.

Hier ein Auszug aus dem Myspace-Bulletin:

Zusammen mit Gastronomie- und Hotelbetrieben aller Art möchten wir nun ein Zeichen für Toleranz und Demokratie, gegen Rassismus und Antisemitismus setzen. Neben Informationen zum Umgang mit auftretender rechter Gewalt bzw. rechtsextremen Äußerungen im eigenen Hause, bekommen die teilnehmenden Gastronomen einen Aufkleber, der an die Fensterscheibe/Tür geklebt werden kann. Dieser Aufkleber symbolisiert zugleich die Teilnahme an der Gastronomie „GO Area“ Aktion, sowie die tolerante und demokratische Einstellung, die der Betrieb damit öffentlich macht und zeigt, dass Gastfreundschaft und Zivilcourage eine Selbstverständlichkeit sein sollten.

Des Weiteren erhält jeder Teilnehmer eine Präsenz auf unseren zwei Internetseiten www. lautgegennazis. de und www. myspace. com/gastronomiegoarea.
Im Sommer ist außerdem die Produktion eines Reiseführers geplant, der alle teilnehmenden Betriebe beinhaltet und in den Tourismuszentralen bundesweit ausgelegt werden soll.

Die Teilnahme kostet von 50,- € bis zu 150,- € – je nach Betriebsart.

5,- € davon gehen jeweils an den Laut gegen Nazis e.V. und an die Amadeu Antonio Stiftung.

[….]

Du kannst uns helfen, indem Du in Deiner Stadt Gastronomie- und Hotelbetriebe über die bundesweite Gastronomie „GO Area“ Aktion informierst.

[…]

Für jeden Gastronomen, der nach Deiner Information teilnimmt, bekommst Du jeweils 5,- € von den 50,- € als Provision.

Meine Kritikpunkte:

1. Die Betriebe zahlen zwischen 50 und 150 Euro, je 5 Euro davon gehen an Laut Gegen Nazis, die Amadeu Antonio Stiftung und den Werbenden. Bleiben zwischen 35 bis 135, die in die Produktion des Reiseführers fließen – klingt ein bisschen nach einem als guter Zweck getarnten, gewerblichen Projekt.

2. Wir leben hier am Rande von Klein-Istanbul, solche Angebote würden bei uns besuchten Locations zu Recht mit Gelächter bedacht – fremd sind hier nur die, die noch nach arisch Reinem suchen.

3. Gerade in den Gegenden, in denen GO-Areas nötig sind, wird allein die Teilnahmsprämie eine Hürde sein.

4. Wenn ich von einer Aktion überzeugt bin, will ich nicht als Werbender bezahlt werden. Alles andere ist zynisch.

Was haltet ihr davon?

DifferentStars

Statt roter Schleife: Ofra Haza – als Jungfrau in die Ehe – gestorben an AIDS

Allerorts springen mir heute die roten Schleifen entgegen. Als Zeichen des Mitgefühls und der Mahnung. Wie nah die Träger der roten Schleife des Welt-Aids-Tages die Wahrheit an sich ran kommen lassen, ist jedoch fraglich. Für die meisten wird es wohl ein Zeichen für andere bleiben. Zu sehr ist in unseren Köpfen noch der Gedanke festgesetzt, es handle sich um eine Seuche der Drogensüchtigen und Schwulen. Zu wenige beginnen bei sich selbst.

Übernimmt man selber Verantwortung erlebt man bisweilen Erschreckendes. Auch ohne Anlass zur Sorge – einfach weil es selbstverständlich sein sollte, bevor man mit dem neuen Partner ungeschützten Geschlechtsverkehr hat – fragte ich vor einigen Monaten meinen (nun ehemaligen) Hausarzt nach einem HIV-Test. Die erste Reaktion war ein Stirnrunzel – wer fragt, gilt als verdächtig. Entweder zu hysterisch oder zu promiskuitiv.  Der Preis dieses Tests ließ dann meine Stirn runzelig werden.

Wer nicht zu einer Risikogruppe gehört, der muss selber zahlen, begann  der Arzt seine ekelhaften Ausführungen über Homosexuelle, die ja alle mindestens 3 Geschlechtspartner pro Abend hätten. Und nein, Ausnahmen gibts kaum. Ungerecht fände er’s, sagte der Arzt – aber die bekommen den Test eben bezahlt… Und nein, nur weil ich Schwule kenne, die genauso „normal“ lebten wie Heteros, hieße dass nicht, dass nicht alle promiskuitiv wären.

Ich bin ja normaler Weise nicht auf den Mund gefallen – nur in dieser Situation verschlug es mir schon irgendwann die Sprache. Mehr als diese Arztpraxis in Zukunft zu boykottieren fiel mir dann nicht ein.

Was aber hat dies alles mit Ofra Haza zu tun?

Das Schicksal der 2000 an AIDS gestorbenen Sängerin steht exemplarisch für viele Frauenschicksale. Ofra Haza ging jungfräulich in die Ehe – angesteckt wurde sie vom eignen Ehemann – dem einzigen Mann mit dem sie jemals Sex hatte. AIDS ist eben nicht die Krankheit der Unmoralischen.

Solange jedem, der einen Test verlangt, unterstellt wird, zu misstrauisch zu sein oder ein zu unmoralisches Leben zu führen, wird diese Hemmschwelle viele Test verhindern. Ein weiterer Stolperstein ist der Preis. Zwischen 20 und 35 Euro lagen die von deutschen Ärzten genannten Preise – dazu die Demütigung überhaupt gefragt zu haben.

Kehren wir zurück zu Ofra Haza – in einer wirklich aufgeklärten Welt hätte sie sich nie angesteckt. Da der Test vor dem ersten ungeschützten Sex mit einem neuen Partner nicht als „Zweifeln an der wahren Liebe“ gegolten hätte. In einer wirklich aufgeklärten Welt würde sie wahrscheinlich trotz HIV noch leben. Sie – dies ist das Bitterste – war zu beschämt, um sich richtig behandeln zu lassen.

Ofra Haza – Im Nin’Alu

Sisters of Mercy feat. Ofra Haza: Temple of love

DifferentStars

Anatomie eines Tunichtguts

Wie bereits in unserem vorherigen Blog-Eintrag müssen wir uns heute noch einmal kurz mit dem leidigen Thema Filesharing beschäftigen. Anlass dafür ist die in manch unverbesserlichen Blogs vorgetragene Meinung, wonach es sich bei Filesharing um eine Art Notwehrreaktion gegenüber der bösen Plattenindustrie handelt. Diese Robin-Hood-Attitüde der Verfechter des Filesharings beruht auf Selbsttäuschung. Fassen wir daher noch einmal die Problematik der Situation kurz und bündig zusammen.

Lassen wir einmal die Anfangsjahre des Filesharings (Napster) ausser Acht. Seit einiger Zeit ist die Rechtslage eindeutig. Filesharing auf Tauschbasis (Upload und Download) ist illegal, weil es Copyrights verletzt. Da dieses Thema in den Medien sehr präsent war und ist, handeln Filesharer mehrheitlich wissentlich gesetzeswidrig. Warum tun sie das? Die Argumentation, dass ein Album zuerst eines ausführlichen Probehörens unterzogen werden muss, ehe man dann einen Kauf ins Auge fasst oder aber davon Abstand nimmt, ist angesichts der unzähligen kostenlosen Möglichkeiten ausführlichen Streamens nicht haltbar. MySpace, Last.fm oder iLike sind die bekanntesten Quellen, doch auch auf Künstler-Homepages findet man diese Option vermehrt. Die angeführten Gründe, wonach die Plattenfirmen und viele Künstler ohnehin schon zu reich sind, scheinen ebenfalls obskur. Die Telekom ist auch „reich“ und dennoch muss man die monatliche Telefonrechnung begleichen. Das intellektuell anspruchsvollere Argument, dass die Vervielfältigung von MP3s ja per se keinen Diebstahl darstellen kann, da niemandem etwas weggenommen wird, negiert den Verdienstentfall des Künstlers völlig.

Den Schreibern dieses Blogs geht es um den Künstler. Die Geschichte der Kunst steht in enger Verbindung mit der Entwicklung der Gesellschaft. Der Künstler erschafft Kunst aus einem inneren Bedürfnis heraus und unter Verwirklichung seiner Talente. Die gesellschaftliche Sehnsucht nach Kunst ist durch die Jahrtausende ungebrochen. Wir suchen Inspiration durch die vielfältigen Formen des Kunstgenusses. Insofern ist der Wunsch des Künstler seinen Lebensunterhalt mit der Produktion von Kunstwerken zu bestreiten legitim. Er bietet uns Erbauung, Unterhaltung und Anregung, liefert eine Dienstleistung. Das Aufkommen der Demokratie hat auch den Künstler endgültig vom Mäzenatentum befreit und eine breite gesellschaftliche Unterstützung in Form von Käufen einerseits und einer staatlichen Förderung ohne Einflussnahme andererseits erlaubt. Filesharing stellt eine existenzielle Bedrohung für Musiker dar, der Verdienstentgang trifft arme und reiche Musiker in gleichem Maß. Die sich gleichzeitig ständig verstärkende Kommerzialisierung von Kunst im Allgemeinen und speziell Musik verstärkt den Druck. Die von Konsumenten genützten Kanäle des Erwerbs bleiben kleineren Labels und Musikern, welche sich nicht dem Diktat der Industrie beugen, oft verschlossen. Nicht jedes Album ist eben über Amazon erhältlich.

Doch zurück zur Anatomie eines Tunichtguts. Der Filesharer befriedigt seinen Wunsch nach Inspiration und Unterhaltung, in dem er Musik konsumiert, spricht aber gleichzeitig dem Musikschaffenden das Recht ab, dafür auch ein Entgelt zu bekommen. Wie aufrichtig ist solch eine Handlung? Wie sehr ist das nicht Ausdruck einer derzeit vorherrschenden Mentalität, die sich in der Gier erschöpft? Alles soll/muss jederzeit gratis verfügbar sein. Ein „Will haben!“ ohne gleichzeitige Gegenleistung erscheint zutiefst egoistisch. Sagen wir den Egoisten den Kampf an!

SomeVapourTrails