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Release Gestöber 25 (Hannah Cohen, Fang Island, Cold Specks, Xavier Rudd)

Wer sich durch Kochsendungen zappt, frisst sich den Eindruck an, dass ein aufregendes Essen nicht ohne exotische oder kostspielige Zutat fabrizierbar sei. Sogar ein simples Spaghetti-Gericht muss mindestens mit zweierlei Arten Hartkäse veredelt werden. Und ein Chutney sollte wenigstens eine Sorte Gemüse oder Früchte beinhalten, von der schlemmende Laie noch nie zuvor gehört hat. Das gebietet der Ehrenkodex eines jeden Starkochs. Auch in musikalischen Belangen wird uns oft Kreativität vorgegaukelt, hinter der sich letztlich doch nur die altbekannten zuckrig, buttrigen Geschmackträger verbergen. Die heute vorgestellten Künstler kochen auch nur mit Wasser, aber das was sie uns ganz ohne exaltiertes Gehabe kredenzen, das klingt in des Hörers Gaumen mal mehr und mal weniger intensiv nach.

Hannah Cohen

Ich weiß ja nicht, ob Elfen Eier legen, aber dies Werk klingt derart, als wäre es tatsächlich von einer Elfe ausgebrütet worden. Von einem Sagengeist mit sehr irdischem Emotionshaushalt freilich. Was uns Hannah Cohen mit ihren Debüt Child Bride so ins Ohr trällert, schimmert unwirklich, zumindest aber fragil. Diese Stimme kann fast kein Wässerchen trüben, sie erzählt uns keine Märchen, streckt und reckt den Bauchnabel zur Schau entgegen. Und so schlurft unser Blick auf eines dieser ab und an verhuschten, gern intimen Singer-Songwriter-Alben, welches im Abgang überraschend viel Substanz aufweist. Der jazzige Touch dieses Werks sorgt für eine aller Drögheit entgegenstehenden Note. Don’t Say wirkt wie eine der Balladen, die eine unnervenbündelige Fiona Apple zu ihrer besten Zeiten fabriziert hätte. Auch The Simplest schlägt in eine ähnliche Kerbe. Den Liedern tut eine Instrumentierung gut, die trotz dezenten Auftretens mehr zu bieten hat als Gitarre oder Piano. Mit California erfährt die Platte einen charmanten Höhepunkt, es bietet einen mit leichter Hand verstreuten Zauber, einen Sound, wie er in zeitlosem Liebreiz vor allem in New York gedeiht. Nicht minder gelungen: The Crying Game in seiner getragenen Traurigkeit. Cohen lässt Gefühle tröpfeln, sprudelt nie gleich einem Wasserfall los. Das ist löblich, überaus sympathisch und anmutig. Child Bride entzückt als sehr ansprechendes Erstlingswerk!

Child Bride ist am 20.04.2012 auf Bella Union/ Cooperative Music erschienen.

Fang Island

Das gleichnamige Debüt der Volldampfrocker Fang Island hat mir 2010 einfach nur imponiert. Eine intelligent krawallige Musik, zu der man in einem Anfall von Übermut bierdosenschwenkend loshüpfen möchte. Es lebe der Gitarrenlärm, sage ich da nur. Für Juli darf ich mich nun auf das bei Sargent House erscheinende Nachfolgealbum Major freuen. Geht es nach dem ersten Vorgeschmack Asunder, sind die aufgedrehten Herren von der Ostküste fetzigem Gitarrenbombast abermals nicht abgeneigt. Klasse, absolute Klasse! (Asunder ist als Gratis-Mp3 auf Stereogum verfügbar!)

Cold Specks

Schmirgelpapier ist nicht gleich Schmirgelpapier. Im Falle der Singer-Songwriterin Al Spx, die unter dem Namen Cold Specks firmiert, präsentiert sich die soulige Stimme feinkörnig schmirgelnd. Die aus Kanada stammende und nun in London lebende Sängerin legt dieser Tage ihr Debüt I Predict A Graceful Expulsion vor. Und das ist mit Verlaub mehr Talentprobe als ganz großer Wurf. Wie Cold Specks ihre Stimme zügelt, auf die rauen, leisen Töne setzt, dies darf man als den großen Pluspunkt werten. Sie könnte sich die Seele aus dem Leib grölen, das stimmliche Potential steht außer Frage, doch tut sie es nicht. Gut so! Zugleich sind die Lieder aber aus der Art Holz geschnitzt, dass sie mehrheitlich arg kalmierende Wirkung versprühen. Die Chose erinnert an eine schale Akustik-Session, welcher der letzte Pfiff fehlt. Nur selten nimmt die Platte ein wenig Fahrt auf, beispielsweise bei Blank Maps, dann jedoch bleibt die Wirkung nicht aus. Cold Specks hat die Bürde einer vortrefflichen, charaktervollen Stimme, doch sogar diese braucht einen lebendigen Sound. Die Sorte bedächtiger Musik, die nicht einmal auf einem Friedhof als Ruhestörung durchgehen würde, ist im konkreten Fall ein schlechter Begleiter. Manch Gospel-Nummer versprüht den Elan von Krückstöcken (Lay Me Down), andere Tracks wie Elephant Head leiden unter einer arg dünnen Gitarrenbegleitung. Wesentlich intensiver fällt Winter Solstice oder das großartig lamentierende Heavy Hands aus, Schlagzeug und Streicher sei Dank. Insgesamt überwiegt die Freude über diese schöne Stimme, drängt Mängel in den Hintergrund. Von Cold Specks wird man fraglos noch viel hören, Kritiker werden sie lieben. Die eine oder andere Liebeserklärung muss zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch als Vorschußlorbeer gelten. (Den Titel Holland gibt es auf SoundCloud zum kostenlosen Download.)

I Predict A Graceful Expulsion ist am 18.05.2012 auf Mute erschienen.

Xavier Rudd

Seien wir mal ehrlich, Öko-Bewusstsein und spirituelle Pfade der Sinnsuche sind völlig aus der Mode. Man muss sich Träumer schimpfen lassen, wird vielleicht gar als Verweigerer digitaler Wirklichkeiten abgestempelt. Der australische Singer-Songwriter Xavier Rudd hält die Tradition des engagierten Liedermachers hoch, fährt schwerere Geschütze auf, transportiert Anliegen, verstrickt sich nicht nur in Liebeswirrungen. Sein neuestes Werk Spirit Bird pocht Ende Juni an die Pforte des geneigten Musikhörers. Man mag Rudd dafür belächeln, dass er seine Platten mit Ethno-Touch versieht, man mag ihn als gutmenschelnden, keine Hipness versprühenden Musiker bezeichnen, aber man muss schon ein hartes Herz oder Chartssoße in den Ohren haben, um den Zauber in seinem Schaffen nicht zu erahnen. Der Track Follow The Sun entwirft mit Zeilen wie „Tomorrow’s a new day for everyone/ A brand new moon, a brand new sun“ eine Hoffnung, an die man sich klammern möchte.

Spirit Bird erscheint am 29.06.2012 auf SideOneDummy Records.

Das soll es für heute auch wieder gewesen. Wie immer: Viel Vergnügen!

SomeVapourTrails