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Musikalisches Tohuwabohu (IV): Lotte Kestner, Widowspeak, HAWK

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Lotte Kestner

Man kann mir viel erzählen, einen Bären jedoch lasse ich mir nicht aufbinden, nämlich dass in den vergangenen 20 Jahren ein besserer Dream-Pop als jener von Trespassers William gemacht wurde. Immer wieder weise ich gern darauf hin, dass es die Magie dieser Klänge war, die diesen Blog zum Leben erweckt hat. Leider gibt es die Band schon lange nicht mehr, aber was die Sängerin Anna-Lynne Williams seitdem unter dem Künstlernamen Lotte Kestner fabriziert, kann sich mehr als nur hören lassen! Das gilt auch für ihr neues Werk Off White, das soeben das Licht der Welt erblickt hat. Der Track Ghosts fasst all die Qualitäten Lotte Kestners zusammen. Da wäre zunächst jeder makellose Gesang, der große Intimität und Fragilität ausstrahlt. Nichts scheint leicht über die Lippen zu kommen, alles Fühlen und Grübeln ist von Verletzlichkeit geprägt. Der skeletthafte Sound wird von einem kargen Piano bestritten. Und doch erwächst aus einfachsten Mitteln eine intensive Atmosphäre, für deren Beschreibung man tief in die Schatzkiste jedes Thesaurus greifen muss. Man nehme die Worte gedankenverloren, selbstversunken, weltentrückt und stelle sich all das in einem beklemmenden, zwielichtigen Ambiente vor, dann bekommt man ein Ahnung über das, was Lotte Kestner an emotionalem Tiefgang auffährt. Doch neben all dem stillen Leiden, das eines ihrer Markenzeichen ist, existieren auch hoffnungsvollere Momente. In dieser Hinsicht wäre die angenehme Versonnenheit von In Glass zu nennen. Auch Eight Ball ist eine Offenbarung, weil sich Williams‘ verhallter Gesang wunderbar an diesen sachten Walzer schmiegt. Musikalisches Tohuwabohu (IV): Lotte Kestner, Widowspeak, HAWK weiterlesen

Schatzkästchen 36: HAWK – Once Told

Ich schätze Musik mit starkem gesellschaftlichem Fokus. Genau diesen möchte die in London ansässige Formation HAWK bieten, wenn man den Ausführungen Glauben schenken mag, die die Band gegenüber The Line of Best Fit getätigt hat. Dort wird zum Song Once Told folgendes bemerkt: „‚Once Told‘ was written about the Irish law around abortion. Abortion is still illegal in Ireland, and wider issues around pregnancy, sexuality, contraception, and sexual education are still seen as taboo, and shrouded in religious undercurrent. At the root of it, the song is about archaic mindsets and processes which systemically let down women, especially those in more vulnerable circumstances. All of it seems to stem from a lack separation between church and state and in most modern societies this isn’t accepted. We hoped to draw some attention and create some debate around the issue.“. Ich schaffe es zwar akustisch nicht, die Lyrics zu verstehen, aber ich nehme der Formation rund um Frontfrau Julie Hawk gerne den Debattenbeitrag zum Thema Abtreibung ab. Und selbstredend bewundere ich die Courage, nicht einfach über Luft und Liebe zu singen, sondern ein heißes Eisen anzufassen. Wobei Abtreibung vielleicht noch in Irland ein heißes Eisen ist, generell in Westeuropa längst gesellschaftlich akzeptiert ist. Doch ist das eine Errungenschaft ohne jegliches Wenn und Aber? Der Schwangerschaftsabbruch wird heute gern als Indiz dafür gewertet, dass Frauen über ihren Körper selbst bestimmen dürfen. Aber greift diese Selbstbestimmung nicht schon bei Verhütungsmitteln? Und hört die Selbstbestimmung nicht auch in dem Moment auf, wo die Verantwortung für ein heranwachsendes Leben beginnt? Ich will keinesfalls reaktionär sein, denn natürlich gibt es triftige Umstände, die Abtreibungen notwendig machen. Wenn die Kirche auch dem Embryo ein Recht auf Leben zubilligt, hat das aber nichts mehr mit der hartherzigen Rückständigkeit zu tun, die früher Gesellschaften durchzog und Frauen für ungewünschte Schwangerschaften bestraften wollte. Wenn man das Thema Abtreibung als gesellschaftliche Emanzipation von religiösen Zwängen versteht, ist man meiner Meinung nach auf dem Holzweg.

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