Leuchtfeuer des Dream Pop – Das Comeback von Mazzy Star

Einer nie verflossenen Jugendliebe beim Altern zuzusehen, das ist schon schwer genug. Aus keckem Auftreffen haben sich Marotten herausgebildet, die Lebenserfahrung hat den einstigen Liebreiz abgeschmirgelt und sonnige Zukunftsperspektiven sind längst zum Schnee von gestern zerschmolzen. Noch schlimmer freilich fällt ein unerwartetes Wiedersehen nach all den Jahren aus, wenn das im Gehirn verhaftete Bild ewiger Jugend plötzlich in ein Meer von Falten blickt. Als ich dieser Tage davon erfuhr, dass sich Mazzy Star am 31.10.11 mit zwei Liedern aus ihrer 15 Jahre währenden Schaffenspause zurückmelden würden, mischte sich ein Grübeln unter all die Freude. Denn wenngleich Sängerin Hope Sandoval in der Zwischenzeit zwei wunderbare Alben veröffentlicht hat, damit unterstrich, dass sie von ihrem Zauber nichts verloren hat, darf von einer neuerlichen Zusammenarbeit mit David Roback doch nicht weniger als ein durch die dunkelste Nacht weit über die Lande strahlendes Leuchtfeuer des Dream Pop erhofft werden.

Die drei Alben von Mazzy Star haben mich nun bereits gut 20 Jahre musikalisch durch sämtliche Lebenslagen begleitet. Sie sind ein seit Teenager-Tagen gehüteter Schatz größter Schönheit, der jedes Jahr weitere Verklärung erfährt. Unter dem Aspekt muss jedes neues Werk unter dem Gewicht der Erwartungshaltung zwangsläufig ächzen, selbst wenn man vor lauter Dankbarkeit für Vergangenes gar keine Erwartungshaltungen anlegen möchte. Und doch bleibt ein bisschen Sorge, dass die Grazie vergangener Tage von der Gegenwart eingeholt wird. Wenn nun Ende Oktober die beiden Lieder Common Burn und Lay Myself Down einen ersten Vorgeschmack auf ein für Frühjahr 2012 avisiertes Album liefern, sehe ich freilich meinem Wunsch entsprochen, dass all die Jahre lediglich sanfte Spuren in der Musik hinterlassen haben. Wenn kommendes Jahr die gesamte Platte den Grundton von Lay Myself Down einhält, sind all meine Hoffnungen ohne Wenn und Aber erfüllt.

Common Burn / Lay Myself Down erscheint am 31.10.11 als digitaler Download auf Rhymes Of An Hour Records.

Link:

Stream von Lay Myself Down auf Pitchfork

SomeVapourTrails

Neues Video: Hope Sandoval & The Warm Inventions – Trouble

Hope Sandoval & The Warm Inventions – Trouble

Hope Sandoval & The Warm Inventions | MySpace Music Videos

Trouble ist einer der schönsten Songs, die jemals geschrieben und gesungen wurden – von unserer Lieblingssängerin Hope Sandoval. Das Video zum Lied ist auch sehr schön geworden und wird hier mit großer Freude sofort dargeboten. Auch wenn man sie die meiste Zeit, wie auch auf der Bühne, mehr silhouettenhaft bewundern darf, als wirklich sieht 😉

Wir haben ja die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das angekündigte neue Mazzy Star-Album noch in diesem Jahr erscheint. Für alle, die Hope erst jetzt entdecken, gibt’s Trouble vom aktuellen Album Through The Devil Softly als Gratis-Download.

Mp3: Hope Sandoval – Trouble

Link: MySpace

Viel Spaß damit!

DifferentStars

Free Mp3: Massive Attack – Paradise Circus feat. Hope Sandoval

Update:
Jetzt online der Soundcheck: Massive AttackHeligoland mit Peter, Tux und mir.

Während ich in die Tasten tippe, um meinen Beitrag zum Massive Attack  HeligolandSoundcheck auf den Schallgrenzen zu verfassen, darf ich euch den besten Track des Albums als Free Download weiterreichen.

Hier könnt ihr euch Massive Attack – Paradise Circus feat Hope Sandoval downloaden: betterpropaganda

Einen kostenlosen Remix bietet auch RCRD LBL, allerdings finde ich da den Anfang ziemlich nervig.

Paradise Circus (feat. Hope Sandoval) (Gui Boratto Remix)

Während wir gespannt auf das neue Mazzy Star-Album warten gibt’s von Hope Sandoval hier und da neues zu hören. Hope Sandoval & The Warm Inventions haben für die Märzausgabe von  Mojo (UK) Golden Hair von Syd Barrett (Pink Floyd) gecovered. Golden Hair stammt von Barretts 1970er Album The Madcap Laughs und basiert auf einem Gedicht von James Joyce.

Hope Sandoval and The Warm Inventions – Golden Hair

Über einen weiteren Song – The Buffalo – dürfen sich die Japaner freuen. Ich würde jüngst vom werten Co-Blogger belehrt, ich solle mich nicht so über diesen dem japanischen Release von Through The Devil Softly exclusiv beigefügten Bonustrack ärgern, es sei Tradition, dass die japanischen Veröffentlichungen einen Extratrack hätten, der dem Rest der Welt vorenthalten bleibt. Mehr dazu findet ihr im Mazzy Star Boulevard Fanforum.

DifferentStars

DifferentStars Lieblingslieder 2009

Doves – Kingdom Of Rust

White Lies – To Lose My Life

Ladytron – Tomorrow

Soulsavers – You Will Miss Me When I Burn

Hope Sandoval & the Warm Inventions – Trouble

Röyksopp Feat Robyn – The Girl And The Robot

The Girl And The Robot from Röyksopp on Vimeo.

Great Lake Swimmers – Everything Is Moving So Fast

The Sons – Welcome Home Again

Placebo – Kings of Medicine

Manic Street Preachers – William’s Last Words
(leider kein gutes Video gefunden)

The Alexandria Quartet – Goodbye, Future Boy
The Alexandria Quartet – live @ Magnet Club Berlin

DifferentStars | MySpace Video

Alessi’s Ark – Magic Weather

Papercuts – John Brown

Kasabian – Fire

Kasabian – Fire from Kasabian on Vimeo.

Paolo Nutini – Candy

Paolo Nutini – Candy from Nikke Osterback on Vimeo.

Metric – Help I’m Alive

Florence + the Machine – You’ve Got the Love

Die Liste ist zugegeben so durcheinander wie auch mein Musikgeschmack, ganz bewusst keine Top Ten, denn wie lieb ich ein Lied gerade habe, hängt auch immer von meiner momentanen Laune ab. Wobei die Doves mit Kingdom Of Rust und die Soulsavers mit You Will Miss Me When I Burn ganz besondere Meisterwerke geschaffen haben und Hope Sandoval schwebt eh über allem. Und jetzt nicht ankommen und klugscheißen, dass Soulsavers Lied sei nur ein Cover, ist mir bekannt…

Fast vergessen, also last but not least:

Timo Breker – Julia da es kein gutes Video gibt, hier stattdessen: Ocean Song

DifferentStars

Herz_mit_Pfeil

Video: Massive Attack feat. Hope Sandoval – “Paradise Circus (NSFW)

Massive Attack hatten schon Ende November auf ihrer Homepage angekündigt, dass vor Veröffentlichung ihres heiß ersehnten Albums Heligoland verschiedene Videos + Free Downloads der Tracks, die es nicht auf’s Album geschafft haben, im Netz auftauchen werden.

Der erste Clip ist ein Paukenschlag, der Rammsteins Skandal-Video klosterschülerinnenhaft blass aussehen lässt. Da dieser jedoch den Song Paradise Circus mit Hope Sandoval featured, ist’s uns einen Blogbeitrag wert.

Eine Mischung aus Interviews mit dem heute 73-jährigen Pornostars Georgina Spelvin und Szenen aus dem Pornofilm The Devil in Miss Jones (1973) werden untermalt von dem Track. Selbstredent sind die Porno-Szenen nicht geeignet für Zuschauer unter 18 Jahren. Daher gibt’s das Video nicht auf den gängigen Portalen wie Youtube, Dailymotion, Vimeo & Co. Alle über 18 dürfen’s hier sehen.

Mehr Hintergrund-Informationen findet ihr auf Spex.de.

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Ach… und zur Musik, nicht nur man, sondern auch frau ist irgendwie abgelenkt, beim Sehen dieser Bilder, aber „Paradise Circus“ ist toll geworden, leider Nebensache, bei dieser Art von Musikpromotion. Wer als Künstler jetzt noch einen drauf setzen will, muss leider vor laufender Kamera Schafe ficken. Viel Spass dann Sido & Co.

DifferentStars

Massive Attack: Aus „Weather Underground“ wird „Heligoland“

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Artwork: Robert del Naja (3D)!

Dank Nico von Nicorola kommen jetzt die lang erwarteten Neuigkeiten.

Nicht Weather Underground (so der Arbeitstitel, der durchs Netz spukte), sondern Heligoland nennt sich das neuste Werk von Massive Attack. Wir warten gespannt darauf, immerhin hat unsere allerliebste Lieblingssängerin Hope Sandoval im Interview mit mir sehr geschwärmt von den beiden Songs, die sie mit Massive Attack aufgenommen hat. Laut der Tracklist auf Wikipedia scheint es leider nur ein Song auf’s Album geschafft zu haben. Aber wer weiß, vielleicht dürfen wir ja noch auf eine B-Side hoffen.

Heligoland wird am 8 Februar 2010 veröffentlicht werden.

Tracklist:

1. „Pray For Rain“ (vocals: Tunde Adebimpe)
2. „Babel““ (vocals: Martina Topley-Bird)
3. „Splitting the Atom (vocals: D, G and Horace Andy)
4. „Girl I Love You“ (vocals: Horace Andy)
5. „Psyche“ (vocals: Martina Topley-Bird)
6. „Flat of the Blade“ (vocals: Guy Garvey)
7. „Paradise Circus“ (vocals: Hope Sandoval)
8. „Rush Minute“ (vocals: D)
9. „Saturday Comes Slow“ (vocals: Damon Albarn)
10. „Atlas Air“ (vocals: D)

Noch mehr Infos gibt’s beim Spex Magazin.

Link:
Homepage Massive Attack

DifferentStars

Im Gespräch mit Hope Sandoval

DifferentStars:

If your best friend had to describe you with one word, which word would that be?“

Hope Sandoval:

Sunny…  silly.

hopesandoval

Freitag 13.00 Uhr – nach dem uns fast alle guten Geister der Technik verlassen haben, tippe ich die Nummer des Park-In Berlin in die Tasten meines Handys – dann blitzschnell von der Rezeption weitergeleitet, hab ich eine etwas überraschte Hope Sandoval am Apparat. Empört tönt mir ein „We said one“ entgegen. Oh weh, denk ich mir.  Es ist 13.00.26  und ich sehen schon fast das Interview als wieder beendet an. Hope Sandoval gilt als eine der Interview-scheusten Künstlerinnen unserer Zeit. Gestandene Musikjournalisten sind schon gescheitert am Versuch, der Sängerinnen mehr als nur einsilbige Antworten zu entlocken. Mein Verstand schaltet schneller, als ich denken kann. Sommerzeit-Winterzeit-Umstellung „maybe that’s causing the trouble?“ Ich biete an, eine Stunde später nochmal anzurufen – aber nein, Miss Sandoval mag doch jetzt mit mir reden.

Smalltalk zum Warmwerden. Ob sie einen besonderen Bezug zu Deutschland oder Bayern habe, will ich wissen und beziehe mich auf den Namen des ersten Hope Sandoval & the Warm Inventions Albums „Bavarian Fruit Bread„.

„It’s a secret message to somebody“ antwortet mir Hope. Nettes Geplänkel meiner- und ihrerseits folgt. Geheimnisse müssen Geheimnisse bleiben – das Bavarian hätte mich interessiert, da ich bayrischer Abstammung sei… Sie wär noch nie in Bayern gewesen, würde aber gerne mal dorthin reisen, plaudert Hope gutgelaunt, meine Erwiderung, dort hätte sie auch mehr Glück mit dem Wetter als in Berlin, wird von ihr mit einem fast empörten „but the sun is shining“ quittiert.

Wie ihre beste Freundin sie mit einem Wort beschreiben würde, beantwortet Hope mit „sonnig“ nach kurzem Zögern fügte sie noch ein kleines „töricht“ hinzu.

Die Frage aller immer wieder an alle Songwriter gestellten Fragen: Was sie dazu bewege, Songs zu schreiben? – „No Idea – I have always done it“. Es ist einfach so – sie hat es schon immer gemacht. Sie sei umrundet von Menschen, die Musik machen aufgewachsen, erzählt Hope Sandoval. „It was just supposed to be“. Es gäbe nicht den einen Songwriter oder Musiker, der sie inspiriert habe. Musik war schon immer Teil ihres Lebens. Sie höre im Moment gerne die Musik von  Beach House, verrät sie, diese klängen ähnlich wie Opal (Anm.: Die frühere Band ihres Mazzy Star-Partners David Roback).

Teil der Faszination von Mazzy Star und Hope Sandoval & the Warm Inventions Songs sind für mich die Lyrics, die meist eher in emotionalen Bildern sprechen denn Geschichten erzählen. Da lag die Vermutung nach lyrischem Schaffen abseits der Musik nahe. In ihrer herzlich direkten Art erwiderte sie:   Nein – Gedichte sind nicht ihre Sache. „Not that I hate poetry, I don’t hate poetry… I like Dylan Thomas, that’s all, he’s getting away with it.“

Zurück zur vermeintlichen Einsilbigkeit, die der Sängerin zugeschrieben wird. Darauf angesprochen, dass sie auf der Bühne nur wenige Worte – ein kurzes „Hallo“ und Dankeschön ans Publikum richte und sonst nicht mit den Zuhörern rede, kontert sie: “ But I am talking to the audience. Cause when I sing I am talking. I am already talking…you know“. Kurz und knapp übersetzt: Sie spricht mit ihrer Musik zum Publikum.

Sie selber ginge nicht gerne zu Konzerten, bei denen die Musiker über die Songs redeten, oder übers Wetter, sie ginge hin um die Musik zu hören. Es sei genug „Hello“ , „Thank you“ und „Goodnight“ zu sagen. Die Leute kämen auch nicht zu ihren Konzerten, um sie reden zu hören, außerdem wisse sie auch nicht, was sie sagen sollte.

Wie in unserem Konzertbericht und auch anderenorts beschrieben, Hope Sandoval tritt im Halbdunkel auf, meist abgewandt vom Publikum. Ihre Schüchternheit ist legendär. Darauf angesprochen, kommt sie schnell auf den Punkt. Ja, sie sei schüchtern, aber das sei normal, jeder normale Mensch würde sich unwohl fühlen, wenn er vor 300-500 Menschen auftreten würde und alle Augen auf ihn gerichtet wären, sie halte das auch nicht für natürlich: “ It’s just not natural… it’s not in our nature to do it. Some people are really good at it, but… that’s not a normal thing to do.“

Mit einem Wortschwall und dennoch ausweichend beantwortet sie die Frage, ob es auf der Tour Highlights gegeben habe, die die Mühe wert gewesen seien. Touren sei wichtig, es mache keinen Sinn eine Platte aufzunehmen und dann nicht live zu spielen. Es gehöre dazu…. Man lernt sehr schnell beim Interviewen von Hope Sandoval, dass ihre Musik ein Geheimnis ist, dass sie nicht analysieren oder kommentieren möchte. Gefragt, was für sie der Unterschied zwischen einem Soloalbum und einem Mazzy Star-Album sei, erwidert sie  schlicht und einfach: Sie arbeite mit unterschiedlichen Menschen zusammen, fügt noch hinzu, dass sie bei Hope Sandoval & the Warm Inventions auch Gitarre spiele, während sie bei Mazzy Star nur singe und die Songs mitschreibe.

Hope Sandoval arbeitet gerne mit anderen Musikern zusammen, dass wird schnell im Gespräch deutlich. Das aktuelle Album ist zusammen mit den Mitgliedern von Dirt Blue Gene entstanden, die auch sie auch auf Tour als Liveband begleiten und als Support-Act spielen.

Vielversprechend klingen die Pläne für die nächsten Monate:  „A decent recording in the next couple of month“, nach Abschluss der Tour wird im Studio an neuen Tracks gearbeitet. Diesmal sollen auch keine ganzen 8 Jahre vergehen, genau kann und will sich Hope Sandoval jedoch nicht festlegen, was den Release-Termin betrifft. „Bald“… „whatever that means“, fügt sie selbstironisch hinzu.

Konkreter wird’s was ihre Kollaboration mit Massive Attack betrifft, der Release von Weather Underground stünde kurz bevor. Hope Sandoval wird auf dem Album, das Anfang 2010 erscheint, bei zwei Liedern als Gastsängerin mitwirken. Gerade 2 Tage sei es her, da habe sie die fertigen Songs zum ersten Mal gehört. „I can absolutely relate to it. So far it’s pretty amazing“. Es sei sehr angenehm mit Massive Attack zusammen zu arbeiten, sie seien wirklich sehr talentiert, schwärmt Hope Sandoval.

Bleibt nur noch eins zu sagen: Das verdammte Aufnahmegerät wollte nicht so, wie es sollte. Entweder die Gerüchte um Miss Sandovals Einsilbigkeit sind maßlos übertrieben, oder dies war die nun schriftlich dokumentierte Weltausnahme aller Zeiten, die auf Band, noch viel länger geworden wäre  😉

Vielen Lieben Dank fürs Interview Hope Sandoval!

Gruß und Kuss nach Hamburg an Patricia Nigiani von Nettwerk fürs Möglichmachen.

DifferentStars


Spiel auf der Gefühlsklaviatur der Besucher – Hope Sandoval & The Warm Inventions und ein feines Konzert in Berlin

Hope Sandoval empfindet das Singen vor einer Ansammlung von Menschen, die an ihren Lippen hängen wie an einem lebensspendenden Tropf, als unnatürlich. Diese Äußerung in einem telefonischen Interview mit meiner Co-Bloggerin DifferentStars, welches an dieser Stelle demnächst dokumentiert sein wird, eben diese Einstellung trägt zur Klärung dessen bei, was sich gestern anlässlich der Tour zur Vorstellung des neuen Albums Through The Devil Softly im Astra Kulturhaus in Berlin-Friedrichshain abgespielt hat.

hope sandoval berlin konzertFoto: Luz Gallardo

Wenn Frau Sandoval samt Begleitband The Warm Inventions aus dem schimmernden Halbdunkel ihres Schaffens treten und die Bühnen Deutschlands erklimmen, dann scharrt sich die treu ergebene Fangemeinde vor dem Altar einer Andacht und lauscht den im wahrsten aller Sinne magischen Momenten. Diese kultische Verehrung geht auf Sandovals Beteiligung an Mazzy Star zurück, welche dem Dream-Pop verfallenen Genre-Liebhabern seit fast zwei Jahrzehnten nun schon als legendäre Formation im Gedächtnis haftet. Bereits vor dem offiziellen Einlass um 19 Uhr harrte eine lange Schlange vor dem Veranstaltungsgebäude den da kommenden Ereignissen. um 10 Minuten verspätet Zugang in die für wenige Stunden heiligen Hallen gewährt zu bekommen. Von Beginn an herrschte eine ruhig-gespannte, der Besonderheit des Augenblicks mit jeder Faser gewahr werdende Vorfreude. Die bierdosenfeile Ausgelassenheit eines Rockkonzerts fehlte völlig, man fand sich nicht ein, um einem Abfeiern zu huldigen. Die Ergriffenheit einer angehenden Entrückung lockte verheißungsvoll.

Pünktlich trabten die Mannen von Dirt Blue Gene ins Rampenlicht. Selbige sollten im Verlauf des Abends zu den The Warm Inventions mutieren, doch vorerst galt es ohne Sandoval zu glänzen.  So sehr das kräftige, in manch instrumentalen Phasen an Dirty Three erinnernde Spiel eine mehr als solides Grundgerüst enthüllte, blieb der Gesang von Charles Cullen doch blass. Mein Ratschlag an die Band wäre daher auch ein verstärktes Abzielen auf eine bodenständige Interpretation von Post-Rock, denn hierfür haben Dirt Blue Gene wahrlich ein Händchen.

Nach einer Verschnaufpause folgte kurz nach 21 Uhr der Höhepunkt der Erregung. Eine zierliche Silhouette huschte auf die verdunkelte Bühne, baute sich zuvorderst auf. Sandovals Mut hatte jedoch seinen Preis: Die gesamte Performance hindurch verblieb die Bühne in einen Dämmer gehüllt, der nur ab und an von projezierten Stummfilmsequenzen oder surrealen Makroaufnahmen gespenstisch erhellt wurde. Das Gesicht der Künstlerin war nur erahnbar oder von der Hand am Mikro verdeckt. So also führte sie sich vor, omnipräsent das Podium ausfüllend und doch irrlichtern in Schemen gehoben. Doch bereits während dem erstmaligen Erschallen ihrer Stimme schwante auch dem letzten, durch Zufall in den Saal verschlagenen Schlumpf die Überdimension des Ereignisses. Hell, dominant und unvergleichlich markant wühlte Sandoval die Herzen auf. Blickte sie sich anfangs noch fragend um, so als vergewissere sie sich der Anwesendheit eines unsichtbaren Schutzengels, der die scheue Künstlerin durch den Abend bringen sollte, so entwickelte sie mit jedem weiteren Lied eine stärkere Selbstsicherheit. Die rechte Hand hinter den Rücken wie festgezurrt gelegt, intonierte sie mit unnachahmlicher Finesse die losgelöst verträumten Songs.

In einem kurzen Schwarzen gekleidet, fragil anzusehen wuchtete die Sängerin allen Ausdruck in den Gesang, überzog alles mit einer handfesten Aura, welche eine spürbare, große Energie freisetzte.  Auch ihr Griff zu Mundharmonika, Xylophon und Glockenspiel überzeugte, gab der fast entrückt glänzenden Gestalt eine Handwerklichkeit. Wie wild tänzelnde Glühwürmchen glommen die grünlich beleuchteten Schlägel, als Sandoval sie ekstatisch malträtierte. Doch auch ihre zu brav arbeitenden Statisten verkommene Band mühte sich bestens, der Genialität der Stimme ein Korsett aus Klängen zu schnüren. Eben jenes flocht mit Fortdauer in die Andacht sogar eine unvermutete Rockigkeit, welche bei Trouble erstmals das Publikum in einen fetzigen Schwitzkasten nahm. For The Rest Of Your Life spreizte sich  zu einer auf visuelle und gehörliche Überforderung abzielenden Psychedelic-Oper auf, die monströs unterstrich, dass neben dem zarten Liebreiz von Dream-Folk, wie zum Beispiel bei Suzanne zu erfahren, und dem langsamen Shoegaze Marke Sandoval, wie er famos bei Blue Bird erlauschbar war, die werte Dame durchaus auch mit einer Facette der Raserei zu be- und verstören weiß.

Das Ende des regulären Sets legte die Exzentrik der Künstlerin nochmals den längst vor Atemstockung enthusiasmierten Fans nahe. Eine heftig geklatschte Ewigkeit später schwob sie für zwei Zugaben, darunter das bereits auf dem Debüt Bavarian Fruit Bread herausragende Feeling Of Gaze, zurück auf die Rampe. Und hinterließ beim endgültigen Abgang eine seltene Glückseligkeit in den Gesichtern der Besucher.

hopesandoval-berlin-konzert-2Foto: Luz Gallardo

Die als schüchtern verrufene Hope Sandoval – das Fotografieren war strengstens untersagt, lediglich die offizielle Fotografin Luz Gallardo durfte ihr ein paar Aufnahmen abringen – malte mit ihrem Konzert einen Gegenentwurf zu herkömmlichen Auftritten. Mochte sich auch die verbale Kommunikation mit dem Publikum auf Begrüßung und Verabschiedung beschränken, so fand ihre Stimme genug Wege auf der Gefühlsklaviatur der Zuhörer zu spielen. Diese derart denkwürdige Festivität vermag noch lange nachzuwirken. Was für ein Ausnahmeerlebnis!


Links:

Konzertbericht auf pretty-paracetamol.de

Offizielle Homepage

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Gralshüterin der Melancholie – Hope Sandoval & The Warm Inventions

hopesandoval

Während die Hektik alltäglicher Bruchstücke sich in ein Puzzle von Geschäftigkeit fügt, Wochen ohne Spuren ineinander strömen, die geordnete Funktion der Abläufe eine Routine züchtet, die für ihr Tagwerk Träume als Fußabstreifer nutzt, während all dies so wohldosiert das Dasein dominiert, währt die Suche nach Trutzburgen und Rückzugsgebieten, in welchen sich das erodierte Sentiment melancholischer Verträumung in unserem Fühlen neu verästelt. Eben jene Augenblicke in unserer aller Leben, wenn Zeit einen Stillstand erfährt, schwingen nach, sind Gegengewicht zur Schnelllebigkeit.

Hope Sandoval umgarnt mit ihrem neuen Album Through The Devil Softly eben die Musikfreunde, welche das Heil einer konzertierten Alltagsflucht im Hören edelster Klänge finden. Sie bestrickt mit verhuschtem Gesang, der die Fenster der Seele mit sachter Seide verhängt, alle überbordenden Eindrücke aussperrt und in dieser Kammer eine Essenz der Gefühle in flüchtigen Schwaden schweben lässt. Surrealisierte sie früher dank losgelöster Stimme als Protagonistin der Band Mazzy Star, so ummanteln nun The Warm Inventions, angeführt von Colm Ó’Cíosóig, die sphärische Intimität. Nahtlos nimmt Sandoval den Faden des Debütalbums Bavarian Fruit Bread auf und spinnt das traurige Ebenmaß weiter.

Die gespenstischen Echos von Unwirklichkeit segeln in sanften Wellen durch rätselhafte Gefilde, nicht greifbare, entrückte Wogen, die märchenhaft flüstern und schäumen. Rund um den wispernden Gesang geistern vor allem Gitarre und Harmonika, doch verdichten sich manch Lieder zu fülligen Balladen, auf deren Rundungen die Könnerin haucht, murmelt und diskret raunt. Und immer lauert ein Schatten auf ihrem Timbre, dessen Stachel schwermütig die hellen Töne sämtlicher Instrumente sticht. Dornenverrankt, von verwunschenem Liebreiz verziert, so fremd den Dingen, die nicht dem eigenen Emotionskosmos angehören, präsentiert sich Through The Devil Softly jedoch nie verzweifelt oder in Schockstarre vermodert. Es taucht ein Schimmer in die Tristesse, den die Gralshüterin der Melancholie grazil umkreist.

Die Magie einer Zeitlosigkeit umschmiegt die 11 nuancenreichen Songs. Blanchard und auch For The Rest Of Your Life erinnern von der Grundstimmung und Instrumentierung her an Mazzy-Star-Glanztaten. Schillernd wie zu Zeiten eines David Roback jault hier die Gitarre, während die akkustische Textur von Wild Roses die Art filigranen Charmes entfaltet, der bereits die Vorgängerplatte in Beschlag genommen hat. Die bluesige Anmutung im Vortrag von Trouble mit der Zeile „The trouble is that the trouble says:  There’s trouble in you.“ gerät ebenso zu einer Wonne wie das von Percussion und Saitengezupfe getragene Fall Aside, welches in seiner lebendigen Manier Referenzstück für die Kategorie Dream Folk scheint.  Das verrauschte, an Meeresgetöse erinnernde Satellite schaukelt sanft eine Platte aus, die über gesamte 50 Minuten lang eine Transzendenz in ein Traumland ewiger Berückung vollführt und die Stimme einer einzigartigen Sängerin auf einer Gefühlsklaviatur spielen lässt, die kein Alltag je erreichen mag.

Infos zu kostenlosen Downloads hier und da und dort erhältlich.

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Label: Nettwerk

Tracklist:

1. Blanchard
2. Wild Roses
3. For The Rest Of Your Life
4. Lady Jessica and Sam
5. Sets The Blaze
6. Thinking Like That
7. There’s A Willow
8. Trouble
9. Fall Aside
10. Blue Bird
11. Satellite

Live erleben:

Hope Sandoval & The Warm Inventions
02.11.09 Hamburg @ Kampnagel / K2
03.11.09 Köln @ Gloria Theater
06.11.09 Berlin @ Astra Kulturhaus

Link: Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

Musikalischer Quartalsbericht 2009 (III)

Alben09III

Löchriger als Schweizer Käse präsentierte sich zunächst das diesjährige musikalische Sommerloch. Der Überfluss des ersten Halbjahres verebbte schlagartig und wich einer kahlen Leere. Nur eine Handvoll Alben vermochten diesen tiefen Fall aus wohlklingender Fülle ein wenig abzufedern. Und genau diesen Rettungsankern, die uns vor den Sturz ins Nichts bewahrten, wollen wir in der Rückschau eine Lobhudelei angedeihen lassen. An prominenter Stelle seien die Soulsavers auf ein funkelndes Podest gestellt. Broken vermochte mit genialer Düsterkeit zu becircen und mit dem Lied You Will Miss Me When I Burn eine balladeske Heldentat zu vollbringen. Und der Balladen nicht genug, zauberte die Göttin des Dream Pop, Hope Sandoval, eine schon beinahe nicht mehr möglich gehaltene Verzückung in Form von Through The Devil Softly in die gut sortierten Plattensammlungen des Landes. Die werte Co-Bloggerin DifferentStars wird, sobald sie aus der Ehrfurchtsstarre erwacht ist, zu diesem Monument noch einige Worte andächtig verlieren. Ein ebenso perfektes sinnebeträufelndes Mirakel kredenzten The Low Anthem mit der Scheibe Oh My God, Charlie Darwin. Doch waren es nicht nur schönen melodischen Mätzchen vom Schlage eines The First Days Of Spring von den so talentreichen Noah and the Whale, die in den vergangenen Monaten zu Schwelgereien einluden.

Auch flockigeres Geträller mengte sich ins Flirren der Großstadthitze. Major Lazer sorgten mit ihrem Klebstoff-Raggamuffin für Ekstase. Guns Don’t Kill People… Lazers Do schob ein Sommerflair der Extraklasse vor sich her. Fast unbeachtet stiefelten Fat Freddy’s Drop im August durch die Lande und bestachen mit Dr Boondigga and the Big BW. Ein Geheimtipp des letzten Quartals. Abgerundet wird die Rhythmus-Sektion von Felix Da Housecat, dessen He Was King sein bisher größter Wurf ist. Dazu demnächst mehr…

Wie sah es in letzter Zeit mit deutschen Musikern und Bands aus? Trist möchte man bemerken. Denn Element Of Crime sind endgültig auf einem Schunkel-Niveau angelangt, das eine Musikantenstadl-Stimmung vor dem geistigen Auge als Schreckensszenario erstehen lässt. Und was an Jochen Distelmeyer heilsbringerisch sein soll, das verstehen wohl nur einen gestriegelten Schnurrbart tragende Hipster. Enttäuschungen, wohin das Ohr auch hört. Da lobe ich mir meine Lieblingsentdeckung des Jahres, die Berliner Band Mein Mio, welche Irgendwo in dieser großen Stadt Inspiration für unverschlumpften und gefühlsechten Deutschpop fanden. Natürlich darf auch Max Herre bei den Lichtblicken nicht fehlen, seine authentisch transportierten Stimmungen machten Ein geschenkter Tag zur idealen Entschädigung für die Geschädigten eines Sven Regener. Und sogar die englische Texte wurden hierzulande mal samten vorgebracht, wie es Timo Breker auf der EP Learn & Wait offerierte, oder tiefsinnig, was I Might Be Wrong auf Circle The Yes extraordinär meisterten.

Kommen wir zu Könnern aus Großbritannien. The Big Pink sind der Beluga unter dem Kaviar, der derzeit von Insel zu uns rüberschwappt. A Brief History of Love ist kein Hype, sondern Fakt. Ebenso durfte man Florence & the Machine dank Lungs als Schattenspender an hitzeverseuchten Tagen empfinden. Doch wurde auch ein Verbrechen in Form von Muse und dem neuen Alben The Resistance in unsere Breiten gebeamt.

Kurz noch will ich die geballte Faust höher wuchten und das Entsetzen ausdrücken, welches mich quält. Marit Larsen als Newcomerin der warmen Jahreszeit wäre nur dann zu verstehen, wenn die Schweinegrippe die glorreiche Gilde skandinavischer Songwriter gleich im Dutzend dahingerafft hätte. Beliebige Langeweile als Erfolgskonzept – unverständlich. Noch übler freilich scheint das Loben über jedweden grünen Klee, welches man diesen Sommer dem armseligen Achtziger-Jahre-Bockmist von Zoot Woman angedeihen ließ. Eine Unplatte.

All die Prunkstücke der letzten 3 Monate freilich werden noch in den Herbst hineinstrahlen und manch düstrem Tag die richtige Bleiche verleihen. Und einige frohe Songs werden die wenigen verbleibenden Sonnenstrahlen in Gold tauchen. Amen.

SomeVapourTrails