Schlagwort-Archive: Indie Pop

Schatzkästchen 88: Basement Revolver – Johnny Pt.2

Photo Credit: Yoshi Cooper

Vor nicht einmal einem Jahr habe ich über die Debüt-EP der kanadischen Formation Basement Revolver geschwärmt. Mit ein wenig zeitlichem Abstand betrachtet war diese EP mit das Beste, was mir 2016 zu Ohren gekommen ist. Doch ich bin immer auch ein klein bisschen vorsichtig, mich in Newcomer allzu innig zu verlieben. Denn so eine Band ist auch schnell aufgelöst, wenn sich nicht gleich der erwartete Erfolg einstellt. Und dann steht man als Fan recht verdattert da. Basement Revolver allerdings scheinen keineswegs zu jenen Eintagsfliegen zu gehören, für die Schmetterlinge im Bauch doch nicht lohnen. Denn dieser Tage wurde eine neue EP names Agatha angekündigt und dazu ein neuer Song vorgestellt. Johnny Pt. 2 knüpft an den Track Johnny an, der mich letztes Jahr ganz und gar zu begeistern wusste. Indie-Pop mit kräftigen Drums aufgefettet und mit ein wenig Twee-Süße veredelt, so hatte ich die famose Nummer damals charakterisiert. Und auch das so bittersüße Johnny Pt. 2 bekommt man nicht so rasch aus dem Kopf. Es tönt shoegazig, der Gesang erinnert mich an die junge Dolores O’Riordan. Der kraftvolle Song ist das großes Indie-Kino, wie gemacht für einen erinnerungswürdigen Moment. Wer nun neugierig geworden ist, sollte nicht achtlos auf Play drücken, Johnny Pt. 2 vielmehr im Hinterkopf behalten, für einen nachdenklich-magischen Augenblick aufsparen. Dann nämlich schlägt der Track so richtig ein!

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Mammut Merritt – The Magnetic Fields

Photo Credit: Marcelo_Krasilcic

Große Projekte verdienen eine ausgiebigere Betrachtung als herkömmliche Unterfangen. Darum höre ich seit Wochen schon 50 Song Memoir, das nicht eben läppische 5 CDs umfassende Box-Set von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt wühlt hier in seinen Erinnerungen, lässt die ersten 50 Jahre seines Lebens Revue passieren. Die Idee zu diesem Vorhaben kam vom Boss seines Plattenlabels Nonesuch Records, entwickelte sich aber keineswegs aus einer Bierlaune heraus. 1999 bedeuteten die aus 3 CDs bestehenden 69 Love Songs ja Merritts Durchbruch. Seit damals ist Merritt ein Darling der Musikkritik und mehr noch eine Ikone der großstädtisch-liberalen Musikfans. Es war also durchaus nicht bloß künstlerische Bewunderung, die Robert Hurwitz von Nonesuch zu jener Anregung trieb. Ein Opus magnum vom Schlage der 69 Love Songs können nicht viele Songwriter stemmen, für Merritt dagegen scheint der Umfang eines Box-Sets geradezu prädestiniert, wie auch 50 Song Memoir einmal mehr belegt.

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100 Prozent Herzenswärme – When Nalda Became Punk

Wenn man über Menschen sagt, sie seien unkompliziert, dann meint man dies immer als Kompliment. Nennt man hingegen Musik unkompliziert, ist das fast ausnahmslos kaum wohlwollend gemeint. Dabei gibt es legere, eingängige Klänge, die schlicht schmissig und ansprechend sein wollen. Unkompliziert, so zumindest würde ich das Minialbum Those Words Broke Our Hearts der Formation When Nalda Became Punk beschreiben. Der lärmige, pfiffige Twee der im spanischen Vigo beheimateten Formation hat es mir schon 2013 angetan. Er wummert ins Ohr, ohne irgendwelche Sperenzchen. Gerade im tristen Jetzt, in denen man dem Wahnsinn der Welt kaum entkommen kann, braucht es solch quirlige Lieder. Guten (Indie-)Pop erkennt man nicht zuletzt daran, dass er lebendig tönt, sogar wenn die Lyrics bittersüß ausfallen.

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Schatzkästchen 80: Sjowgren – Now & Then

Ich will keineswegs übertreiben, aber ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass man 2017 musikalisch völlig verpennen würde, wenn man sich den Song Now & Then nicht zu Gemüte führt. Die besondere Güte der Nummer äußert sich in einer im Refrain ungemein heiteren Melodie von hymnischer Qualität, die die entrückte Leichtigkeit der Strophen hervorragend kontrastiert. So klingt Indie-Pop, bei dem nicht jeder Takt und sämtliche Instrumentierung den Regeln der Charts folgend durchkalkuliert sind. Der dreieinhalb Minuten dauernde Geniestreich stammt von einer Formation namens Sjowgren, die zwar auf allen sozialen Plattformen vertreten ist, jedoch eher wenig von sich preis gibt. Als geografische Anhaltspunkt wird die Bay Area, also San Francisco und Umgebung genannt. Schatzkästchen 80: Sjowgren – Now & Then weiterlesen

Schlaglicht 66: The Magnetic Fields

Es gibt wohl selten jene Einhelligkeit der Meinungen, wie man sie von der Musikkritik zu den 69 Love Songs vernommen hat. Dieses drei CDs umfassende Werk aus dem Jahre 1999 ist das Opus magnum von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt zählt fraglos zu markanten Köpfe der amerikanischen Indie-Szene, verkörpert all das, was in den USA dieser Tage unter Beschuss steht, nämlich das großstädtisch-liberale Milieu. Merritts trockener Humor, der den lakonischen Intellektuellen verrät, scheint fast aus der Zeit gefallen. Er will so gar nicht zum reaktionären Eifer der Gegenwart passen, hat auch nichts mit der dauerposenden Ironie der Hipster gemein. Kurzum, Merritt ist eine interessante Erscheinung, selbst wenn nicht jedes seiner Alben an die absolut famosen 69 Love Songs heranreicht. 2017 strebt er mit den The Magnetic Fields allerdings wieder ein Meisterwerk an. 50 Song Memoir ist ein 5 CDs beinhaltendes Boxset, dass auf 50 Liedern Merritts 50 Lebensjahre Revue passieren lässt. Laut Pressetext sind die nicht-fiktionalen Texte eine Mischung aus Autobiographie, festgemacht an 3 B’s (Bedbugs, Buddhism, Buggery), und Dokumentation, repräsentiert durch 3 H’s (Hippies, Hollywood, Hyperacusis). Der werte Merritt begann mit dem Aufnahmen zu diesem Werk am 09.02.2015, seinem fünfzigsten Geburtstag. Die dieser Tage nun veröffentlichten ersten Kostproben zeigen den Künstler in Bestform. All das, was seit über 25 Jahren bereits sein Songwriting auszeichnet, sticht auch hier ins Auge. So beschreibt das verdammt eingängige ’93 Me and Fred and Dave and Ted die wilde Zeit als Endzwanziger in einer nicht eben alltäglichen WG. Schlaglicht 66: The Magnetic Fields weiterlesen

Die Gnade der späten Geburt – Cullen Omori

Natürlich durchseufzt einen manchmal der Wunsch, bei den großen Veränderungen der Musik dabeigewesen zu sein. Etwa die ersten Gehversuche der British Invasion vor Ort erlebt oder Marc Bolan beim Erfinden des Glam-Rock über die Schulter geschaut zu haben. Nicht minder reizvoll wäre es gewesen, mit Hippies im Woodstock der späten Sechziger einen Joint geraucht oder Mitte der Neunziger den Britpop als Roadie zu begleitet zu haben. Wer hätte damals nicht die unvergleichliche, auf Gegenseitigkeit beruhende Herzlichkeit der Gallagher-Brüder hautnah spüren wollen. Zugleich ist die Gnade der späten Geburt keineswegs nur Floskel. Der Musiker von heute kann staunend vor der Geschichte stehen, aus ihr schöpfen, sie für sich neu zusammenpuzzeln. Dieser Ansatz wird auch gerne gewählt, selten jedoch so brilliant umgesetzt wie Cullen Omori dies bei seinem Debüt New Misery tut. Dem ehemaligen Frontmann der Formation Smith Westerns ist ein kurzweiliges, stimmiges Album geglückt, das wir uns nun näher ansehen wollen.

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Am Ende einer Liebe – Jacob Faurholt

Es gibt Situationen, Momente und Gefühlslagen, die sich allesamt schlecht beschreiben lassen. Weil sie sich nicht zur Zuspitzung eignen, nicht zum dramatischen Höhepunkt oder gar zum Happy End taugen. Jene chronisch unerwähnten Umstände, Augenblicke und Emotionen werden mit Verachtung gestraft, weil man sie verdammt schwer in Szene zu setzen vermag. Dem dänische Singer-Songerwriter Jacob Faurholt ist jedoch genau dies gelungen. Sein Album Super Glue beschäftigt sich mit jenem Zustand der Schwebe, der nach dem Ende einer langjährigen Beziehung eintritt. Wenn man zwischen einem bedauernden, melancholischen Blick zurück und dem sich aufrappelnden Blick nach vorn in eine neue Liebe ersehnende Zukunft hin- und hergerissen scheint. Super Glue macht ein von Trauer und Hoffnung gleichermaßen geprägtes Innehalten erlebbar. Vor allem aber zeigt es einen reifen, respektvollen Umgang mit der beendeten Beziehung, indem es selbige nicht durch den Dreck zieht, die Erinnerung nie in Bitterkeit ertränkt.

Schauen wir uns die Lieder kurz näher an. Schon das spacig-psychedelische Floating In Space steckt den Rahmen ab. Unwirklichkeit und Träumerei dominieren die Szenerie, verdichten sich zu einem Sein ohne Gegenwart, welches sich nur über das Gestern und das Morgen definiert. Der Song wabert in Vorstellungen dahin, angenehm erkenntnislos. Denn heute wird ein Scheitern ja immer auch als Chance zu persönlichem Wachstum auf dem Weg zur Selbstoptimierung angesehen. Doch enthalten die vermeintlichen Lehren aus gescheiterten Beziehungen oft jede Menge Selbstbetrug, weil sich die charakterliche Prädisposition nicht einfach abschütteln lässt. Faurholt sucht gar nicht erst Erklärungen, packt nicht den Zeigefinger aus, um Schuldzuweisungen vorzunehmen. Am Ende einer Liebe – Jacob Faurholt weiterlesen

Wie Topf und Deckel – Erdmöbel

„Weihnachten mag ein religiöses Fest, eine rauschende Familienzusammenkunft, eine Explosion des Konsumterrors oder ein Höhepunkt einsamer Schwermut sein. Vor allem ist es ein wiederkehrender Ausnahmezustand, dessen Ausgeburten Erdmöbel zu begegnen wissen. Geschenk versöhnt die Erfahrungswerte mit den Erwartungshaltungen, die man an Weihnachten und – weiter gefasst – an das Jahresende so haben kann. Seit 2006 schon bietet die Formation mit Liedern zwischen klugem Verlierertum, auf die Schippe genommenen Gepflogenheiten und dezenter Schunkel-Heiterkeit einen alljährlichen Gegenentwurf zum penetranten Jingle-Bells-Einerlei.“ hatte ich 2014 auf diesem Blog geschrieben. Was letztes Jahr galt, hat auch 2015 nichts an Gültigkeit eingebüßt. Die deutschen Indie-Pop-Veteranen vermochten die letzte Weihnacht mit ihrer Platte zu verschönern. Und spätestens jetzt wäre es wieder an der Zeit, das Album aus dem Regal zu holen und bis Heiligabend zu genießen. Doch halt! Geschenk wurde dieses Jahr nicht nur neu aufgelegt, sondern mit drei weiteren Liedern ordentlich aufgemotzt.

Geschenk +3 verfestigt den Eindruck, dass Erdmöbel ihre Bestimmung gefunden haben. Dass es sich mit Weihnachten und Erdmöbel wie mit Topf und Deckel verhält. Die Band hat dem Fest in den letzten zehn Jahren bereits mehr Aspekte abgerungen als die übrige deutsche Musikwelt zusammen. Erdmöbel sind die Chronisten von Weihnacht in der Postmoderne. Wie Topf und Deckel – Erdmöbel weiterlesen

Wie begossene Pudel – A Tale Of Golden Keys

Es gibt Tage, an denen man mit einer blümeranten Stimmung aufwacht, die man sich nicht so einfach aus den Augenwinkeln reiben kann. An solch Tagen fühlt man einen bitteren Geschmack im Mund, den kein Wässerchen und nicht einmal Kaffee vertreiben kann. Alles wird von der Melancholie dominiert, durch die beschlagene Brille ungebremster Wehmut wahrgenommen. Das Hier und Jetzt ist  irgendwo zwischen Kapitulation und Frustration angesiedelt. Was auch gedacht wird, denkt sich verkehrt. Genau für jene Tage scheint das Album Everything Went Down As Planned gemacht. Der deutschen Formation A Tale Of Golden Keys glückt eine nachdenkliche, mit Verlorenheit hadernde Platte, die wir uns ohne Umschweife kurz näher ansehen wollen.

Bereits der Opener All Of This zählt zu den stärksten Stücken des Werks. Einem zarten, empathischen Gesang steht ein edles Klavier zur Seite, das sehr in den Vordergrund gerückte Schlagzeug gibt dem Stück Lebendigkeit, stößt auch die mit Streichern forcierte Aufbruchstimmung an, die allen Fragen einen kleinen musikalischen Hoffnungsschimmer entgegensetzt. Der Titeltrack Everything Went Down As Planned wiederum wirkt seltsam getrieben, nervös, geradezu auf der Flucht. In dieser Hektik ist es Hannes Neunhoeffer, der mit der Gewissheit einer selbsterfüllende Prophezeiung gelassen den Abgesang anstimmt, während der Song zur Gitarrenhymne ausholt. Wie begossene Pudel – A Tale Of Golden Keys weiterlesen

Neuanfang nach Unpässlichkeit – Mist

Der November ist der wohl tristeste Monat des Jahres. Die Pracht des Herbstes geht in ein dumpfes, kaltes Grau über. Und auch wenn sich dieser Herbst bislang noch mit Schönheit schmückt, die üblen Tage sind nur eine Frage der Zeit. Erst mit dem vorweihnachtlichen Lichtermeer wird dieser Blues dann wieder abgeschüttelt. Bis dahin jedoch trifft es sich gut, dass ich heute eine sacht aufheiterte Platte vorstellen will. Indie-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns Mist, ein Projekt des Niederländers Rick Treffers. Das im tiefsten November erscheinende The Loop of Love punktet mit selten um Harmonien verlegenen, manchmal in den seligen Sechzigern schwelgenden Liedern voll eingängiger Lieblichkeit. Sogar Twee-Pop blitzt hervor. Die Chose mag bisweilen ins Easy Listening abgleiten, in der Summe mangelt es freilich nicht an gemütserwärmenden Songs, die ich dem werten Leser nicht nur – aber vor allem – für die unwirtlichsten Novembermomente ans Herz legen möchte.

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