Girl Ray – (I Wish I Were Giving You a Gift) This Christmas

Heute haben wir es mit einem interessanten Weihnachtslied zu tun. Was als tweehafter Retro-Pop mit engelsgleichem Gesang beginnt, nimmt im weiteren Verlauf geradezu Medley-Charakter mit fast parodistischem Einschlag an. Überraschende melodische Einschübe, ein quasi aus dem Nichts auftauchender Kinderchor, der Song (I Wish I Were Giving You a Gift) This Christmas ist derart überkandidelt, dass man ihn gerade deshalb mögen muss. Dem britischen Trio Girl Ray ist ein Lied mit jeder Menge Augenzwinkern gelungen. Die süße Groteske drückt sich auch in einem DIY-Video aus, das den Eindruck vermittelt, als bestünde ein Leben auf Tour ausschließlich aus Flausen und Sightseeing. So flapsig die Chose also ausfällt, so sehr muss man vor Girl Ray auch den Hut ziehen. All der Millennial-Humor könnte freilich auch ein Schuss in den Ofen sein, doch Girl Ray verfügen viel Qualität, wie auch bereits das im Sommer erschienen Album Earl Grey gezeigt hat. Ihr Lo-Fi-Indie-Pop kann sich mit starken Melodien brüsten, eine Affinität zu Sound und Attitüde der späten Sechziger darf ebenfalls auf der Habensseite verbucht werden. Ein weiteres Markenzeichen ist der mitunter heiser-liebliche Vortrag der Sängerin Poppy Hankin.  Weiterlesen

Mist – The Bell That Couldn’t Jingle

Die Leichtigkeit und Eleganz der Kompositionen eines Burt Bacharach sind hoffentlich unbestritten. Vielen Liedern und Alben Bacharachs haftet zudem die Patina goldener musikalischer Zeiten an. Dennoch ist so ein wunderbarer Weihnachtssong wie The Bell That Couldn’t Jingle leider nie die erste Wahl für Indie-Musiker ist. Dabei ist das Lied auch textlich so verdammt rührend, erzählt die Geschichte einer Weihnachtsglocke, die nicht läuten kann und sich deshalb auch keine Illusionen macht, den Schlitten Santas mit Geläut begleiten zu dürfen. Doch Santa hört das Weinen des Glöckchens und nimmt sich seiner an. Er entdeckt, dass ihm der innere Klöppel fehlt. Er lässt Jack Frost daraufhin aus einer der Tränen einen solchen Klöppel anfertigen und schenkt ihm dem Glöckchen, damit selbiges am Weihnachtsabend munter vor sich hin läuten kann. Ein tolles Lied, das darunter leidet, dass die ganz hohe Kunst des Easy Listening und die Attitüde des Indie halt nicht immer harmonieren. Wie dies jedoch bestens funktioniert, zeigt das Projekt Mist des Niederländers Rick Treffers. Sein verträumter Indie-Pop mit zärtlicher Singer-Songwriter-Note scheint dazu prädestiniert, sich an einen Herrn Bacharach heranzuwagen. Ihm gelingt ein Track, der die so liebenswürdige Geschichte herrlich untermalt, zugleich einige exzentrische Akzente setzt. Elektronische Frickeleien fehlen ebenso wenig wie chorale Eskapaden, im Verlauf mündet die anfängliche Kleinteiligkeit dann in einen harmonisch-eingängigen Ohrenschmaus. Eine ausgesprochen würdige Interpretation von The Bell That Couldn’t Jingle!

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Jugendlichkeit als Pfund, nie Mühlstein! – Fazerdaze

Wenn nachdenklicher Lo-Fi-Indie-Pop und der Girl-with-Guitar-Alternative der Neunziger auf eine gewisse Surfer-Girl-Niedlichkeit trifft, dann hält man Morningside in Händen. Der als Fazerdaze firmierenden Neuseeländerin Amelia Murray gelingt ein sehr sympathisches Debüt, das das authentische Lebensgefühl einer Mittzwanzigerin vermittelt. Tatsächlich ist es angenehm zu hören, dass bei allen Beziehungsproblemen, Traurigkeiten, Sehnsüchten und den ewigen Fragen an die Zukunft dennoch nie der Eindruck entsteht, dass das Leben gerade jetzt entschieden wird. Morningside steht ebenso für jugendliche Abenteuerlust wie für die Sorgen des Erwachsenwerdens. Die authentische Frische des Albums macht selbiges zu einem perfekten Soundtrack dieses Frühsommers.

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Schatzkästchen 88: Basement Revolver – Johnny Pt.2

Photo Credit: Yoshi Cooper

Vor nicht einmal einem Jahr habe ich über die Debüt-EP der kanadischen Formation Basement Revolver geschwärmt. Mit ein wenig zeitlichem Abstand betrachtet war diese EP mit das Beste, was mir 2016 zu Ohren gekommen ist. Doch ich bin immer auch ein klein bisschen vorsichtig, mich in Newcomer allzu innig zu verlieben. Denn so eine Band ist auch schnell aufgelöst, wenn sich nicht gleich der erwartete Erfolg einstellt. Und dann steht man als Fan recht verdattert da. Basement Revolver allerdings scheinen keineswegs zu jenen Eintagsfliegen zu gehören, für die Schmetterlinge im Bauch doch nicht lohnen. Denn dieser Tage wurde eine neue EP names Agatha angekündigt und dazu ein neuer Song vorgestellt. Johnny Pt. 2 knüpft an den Track Johnny an, der mich letztes Jahr ganz und gar zu begeistern wusste. Indie-Pop mit kräftigen Drums aufgefettet und mit ein wenig Twee-Süße veredelt, so hatte ich die famose Nummer damals charakterisiert. Und auch das so bittersüße Johnny Pt. 2 bekommt man nicht so rasch aus dem Kopf. Es tönt shoegazig, der Gesang erinnert mich an die junge Dolores O’Riordan. Der kraftvolle Song ist das großes Indie-Kino, wie gemacht für einen erinnerungswürdigen Moment. Wer nun neugierig geworden ist, sollte nicht achtlos auf Play drücken, Johnny Pt. 2 vielmehr im Hinterkopf behalten, für einen nachdenklich-magischen Augenblick aufsparen. Dann nämlich schlägt der Track so richtig ein!

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Mammut Merritt – The Magnetic Fields

Photo Credit: Marcelo_Krasilcic

Große Projekte verdienen eine ausgiebigere Betrachtung als herkömmliche Unterfangen. Darum höre ich seit Wochen schon 50 Song Memoir, das nicht eben läppische 5 CDs umfassende Box-Set von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt wühlt hier in seinen Erinnerungen, lässt die ersten 50 Jahre seines Lebens Revue passieren. Die Idee zu diesem Vorhaben kam vom Boss seines Plattenlabels Nonesuch Records, entwickelte sich aber keineswegs aus einer Bierlaune heraus. 1999 bedeuteten die aus 3 CDs bestehenden 69 Love Songs ja Merritts Durchbruch. Seit damals ist Merritt ein Darling der Musikkritik und mehr noch eine Ikone der großstädtisch-liberalen Musikfans. Es war also durchaus nicht bloß künstlerische Bewunderung, die Robert Hurwitz von Nonesuch zu jener Anregung trieb. Ein Opus magnum vom Schlage der 69 Love Songs können nicht viele Songwriter stemmen, für Merritt dagegen scheint der Umfang eines Box-Sets geradezu prädestiniert, wie auch 50 Song Memoir einmal mehr belegt.

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100 Prozent Herzenswärme – When Nalda Became Punk

Wenn man über Menschen sagt, sie seien unkompliziert, dann meint man dies immer als Kompliment. Nennt man hingegen Musik unkompliziert, ist das fast ausnahmslos kaum wohlwollend gemeint. Dabei gibt es legere, eingängige Klänge, die schlicht schmissig und ansprechend sein wollen. Unkompliziert, so zumindest würde ich das Minialbum Those Words Broke Our Hearts der Formation When Nalda Became Punk beschreiben. Der lärmige, pfiffige Twee der im spanischen Vigo beheimateten Formation hat es mir schon 2013 angetan. Er wummert ins Ohr, ohne irgendwelche Sperenzchen. Gerade im tristen Jetzt, in denen man dem Wahnsinn der Welt kaum entkommen kann, braucht es solch quirlige Lieder. Guten (Indie-)Pop erkennt man nicht zuletzt daran, dass er lebendig tönt, sogar wenn die Lyrics bittersüß ausfallen.

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Schatzkästchen 80: Sjowgren – Now & Then

Ich will keineswegs übertreiben, aber ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass man 2017 musikalisch völlig verpennen würde, wenn man sich den Song Now & Then nicht zu Gemüte führt. Die besondere Güte der Nummer äußert sich in einer im Refrain ungemein heiteren Melodie von hymnischer Qualität, die die entrückte Leichtigkeit der Strophen hervorragend kontrastiert. So klingt Indie-Pop, bei dem nicht jeder Takt und sämtliche Instrumentierung den Regeln der Charts folgend durchkalkuliert sind. Der dreieinhalb Minuten dauernde Geniestreich stammt von einer Formation namens Sjowgren, die zwar auf allen sozialen Plattformen vertreten ist, jedoch eher wenig von sich preis gibt. Als geografische Anhaltspunkt wird die Bay Area, also San Francisco und Umgebung genannt.  Weiterlesen

Schlaglicht 66: The Magnetic Fields

Es gibt wohl selten jene Einhelligkeit der Meinungen, wie man sie von der Musikkritik zu den 69 Love Songs vernommen hat. Dieses drei CDs umfassende Werk aus dem Jahre 1999 ist das Opus magnum von The Magnetic Fields. Mastermind Stephin Merritt zählt fraglos zu markanten Köpfe der amerikanischen Indie-Szene, verkörpert all das, was in den USA dieser Tage unter Beschuss steht, nämlich das großstädtisch-liberale Milieu. Merritts trockener Humor, der den lakonischen Intellektuellen verrät, scheint fast aus der Zeit gefallen. Er will so gar nicht zum reaktionären Eifer der Gegenwart passen, hat auch nichts mit der dauerposenden Ironie der Hipster gemein. Kurzum, Merritt ist eine interessante Erscheinung, selbst wenn nicht jedes seiner Alben an die absolut famosen 69 Love Songs heranreicht. 2017 strebt er mit den The Magnetic Fields allerdings wieder ein Meisterwerk an. 50 Song Memoir ist ein 5 CDs beinhaltendes Boxset, dass auf 50 Liedern Merritts 50 Lebensjahre Revue passieren lässt. Laut Pressetext sind die nicht-fiktionalen Texte eine Mischung aus Autobiographie, festgemacht an 3 B’s (Bedbugs, Buddhism, Buggery), und Dokumentation, repräsentiert durch 3 H’s (Hippies, Hollywood, Hyperacusis). Der werte Merritt begann mit dem Aufnahmen zu diesem Werk am 09.02.2015, seinem fünfzigsten Geburtstag. Die dieser Tage nun veröffentlichten ersten Kostproben zeigen den Künstler in Bestform. All das, was seit über 25 Jahren bereits sein Songwriting auszeichnet, sticht auch hier ins Auge. So beschreibt das verdammt eingängige ’93 Me and Fred and Dave and Ted die wilde Zeit als Endzwanziger in einer nicht eben alltäglichen WG.  Weiterlesen

Die Gnade der späten Geburt – Cullen Omori

Natürlich durchseufzt einen manchmal der Wunsch, bei den großen Veränderungen der Musik dabeigewesen zu sein. Etwa die ersten Gehversuche der British Invasion vor Ort erlebt oder Marc Bolan beim Erfinden des Glam-Rock über die Schulter geschaut zu haben. Nicht minder reizvoll wäre es gewesen, mit Hippies im Woodstock der späten Sechziger einen Joint geraucht oder Mitte der Neunziger den Britpop als Roadie zu begleitet zu haben. Wer hätte damals nicht die unvergleichliche, auf Gegenseitigkeit beruhende Herzlichkeit der Gallagher-Brüder hautnah spüren wollen. Zugleich ist die Gnade der späten Geburt keineswegs nur Floskel. Der Musiker von heute kann staunend vor der Geschichte stehen, aus ihr schöpfen, sie für sich neu zusammenpuzzeln. Dieser Ansatz wird auch gerne gewählt, selten jedoch so brilliant umgesetzt wie Cullen Omori dies bei seinem Debüt New Misery tut. Dem ehemaligen Frontmann der Formation Smith Westerns ist ein kurzweiliges, stimmiges Album geglückt, das wir uns nun näher ansehen wollen.

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Am Ende einer Liebe – Jacob Faurholt

Es gibt Situationen, Momente und Gefühlslagen, die sich allesamt schlecht beschreiben lassen. Weil sie sich nicht zur Zuspitzung eignen, nicht zum dramatischen Höhepunkt oder gar zum Happy End taugen. Jene chronisch unerwähnten Umstände, Augenblicke und Emotionen werden mit Verachtung gestraft, weil man sie verdammt schwer in Szene zu setzen vermag. Dem dänische Singer-Songerwriter Jacob Faurholt ist jedoch genau dies gelungen. Sein Album Super Glue beschäftigt sich mit jenem Zustand der Schwebe, der nach dem Ende einer langjährigen Beziehung eintritt. Wenn man zwischen einem bedauernden, melancholischen Blick zurück und dem sich aufrappelnden Blick nach vorn in eine neue Liebe ersehnende Zukunft hin- und hergerissen scheint. Super Glue macht ein von Trauer und Hoffnung gleichermaßen geprägtes Innehalten erlebbar. Vor allem aber zeigt es einen reifen, respektvollen Umgang mit der beendeten Beziehung, indem es selbige nicht durch den Dreck zieht, die Erinnerung nie in Bitterkeit ertränkt.

Schauen wir uns die Lieder kurz näher an. Schon das spacig-psychedelische Floating In Space steckt den Rahmen ab. Unwirklichkeit und Träumerei dominieren die Szenerie, verdichten sich zu einem Sein ohne Gegenwart, welches sich nur über das Gestern und das Morgen definiert. Der Song wabert in Vorstellungen dahin, angenehm erkenntnislos. Denn heute wird ein Scheitern ja immer auch als Chance zu persönlichem Wachstum auf dem Weg zur Selbstoptimierung angesehen. Doch enthalten die vermeintlichen Lehren aus gescheiterten Beziehungen oft jede Menge Selbstbetrug, weil sich die charakterliche Prädisposition nicht einfach abschütteln lässt. Faurholt sucht gar nicht erst Erklärungen, packt nicht den Zeigefinger aus, um Schuldzuweisungen vorzunehmen.  Weiterlesen