Schlagwort-Archive: Indie Pop

Neuanfang nach Unpässlichkeit – Mist

Der November ist der wohl tristeste Monat des Jahres. Die Pracht des Herbstes geht in ein dumpfes, kaltes Grau über. Und auch wenn sich dieser Herbst bislang noch mit Schönheit schmückt, die üblen Tage sind nur eine Frage der Zeit. Erst mit dem vorweihnachtlichen Lichtermeer wird dieser Blues dann wieder abgeschüttelt. Bis dahin jedoch trifft es sich gut, dass ich heute eine sacht aufheiterte Platte vorstellen will. Indie-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns Mist, ein Projekt des Niederländers Rick Treffers. Das im tiefsten November erscheinende The Loop of Love punktet mit selten um Harmonien verlegenen, manchmal in den seligen Sechzigern schwelgenden Liedern voll eingängiger Lieblichkeit. Sogar Twee-Pop blitzt hervor. Die Chose mag bisweilen ins Easy Listening abgleiten, in der Summe mangelt es freilich nicht an gemütserwärmenden Songs, die ich dem werten Leser nicht nur – aber vor allem – für die unwirtlichsten Novembermomente ans Herz legen möchte.

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Schatzkästchen 36: HAWK – Once Told

Ich schätze Musik mit starkem gesellschaftlichem Fokus. Genau diesen möchte die in London ansässige Formation HAWK bieten, wenn man den Ausführungen Glauben schenken mag, die die Band gegenüber The Line of Best Fit getätigt hat. Dort wird zum Song Once Told folgendes bemerkt: „‚Once Told‘ was written about the Irish law around abortion. Abortion is still illegal in Ireland, and wider issues around pregnancy, sexuality, contraception, and sexual education are still seen as taboo, and shrouded in religious undercurrent. At the root of it, the song is about archaic mindsets and processes which systemically let down women, especially those in more vulnerable circumstances. All of it seems to stem from a lack separation between church and state and in most modern societies this isn’t accepted. We hoped to draw some attention and create some debate around the issue.“. Ich schaffe es zwar akustisch nicht, die Lyrics zu verstehen, aber ich nehme der Formation rund um Frontfrau Julie Hawk gerne den Debattenbeitrag zum Thema Abtreibung ab. Und selbstredend bewundere ich die Courage, nicht einfach über Luft und Liebe zu singen, sondern ein heißes Eisen anzufassen. Wobei Abtreibung vielleicht noch in Irland ein heißes Eisen ist, generell in Westeuropa längst gesellschaftlich akzeptiert ist. Doch ist das eine Errungenschaft ohne jegliches Wenn und Aber? Der Schwangerschaftsabbruch wird heute gern als Indiz dafür gewertet, dass Frauen über ihren Körper selbst bestimmen dürfen. Aber greift diese Selbstbestimmung nicht schon bei Verhütungsmitteln? Und hört die Selbstbestimmung nicht auch in dem Moment auf, wo die Verantwortung für ein heranwachsendes Leben beginnt? Ich will keinesfalls reaktionär sein, denn natürlich gibt es triftige Umstände, die Abtreibungen notwendig machen. Wenn die Kirche auch dem Embryo ein Recht auf Leben zubilligt, hat das aber nichts mehr mit der hartherzigen Rückständigkeit zu tun, die früher Gesellschaften durchzog und Frauen für ungewünschte Schwangerschaften bestraften wollte. Wenn man das Thema Abtreibung als gesellschaftliche Emanzipation von religiösen Zwängen versteht, ist man meiner Meinung nach auf dem Holzweg.

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Schlaglicht 32: Lapwings

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Photo Credit: Tanya Davidow Photography

Ich nehme mir oftmals vor, nicht immer nur in die Weite zu schweifen, sondern auch die Musikszene hierzulande im Auge zu behalten. Tue ich aber leider selten! Dabei wäre es gerade in Berlin sehr leicht, ausschließlich in der Stadt wirkende Bands vorzustellen. Manche kommen aus allen Ecken der Republik, manche sogar aus allen Winkeln der Welt. Berlin – der kreative Sehnsuchtsort. Das gilt auch für die Formation Lapwings, die einen angenehm eingängigen Indie-Pop mit Americana- und Chanson-Anleihen auf die Reihe kriegt. Der Sound der EP Frozen Time fällt wunderbar organisch aus, besitzt einen nie zu spröden melancholischen Charakter. Indem ein Cello in eine eigentlich herkömmliche Instrumentierung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug eingefügt wird, gewinnt die Chose an zeitloser Noblesse. Wenn sich dann sogar ein Piano dazugesellt, wird’s richtig wunderbar. Der gefühlig vorgetragene, folkig getragene Titeltrack Frozen Time gefällt mir sehr. Auch der pittoreske Singer-Songwriter-Pop des Songs Love Blinkers erfreut schon deshalb, weil der Handclap für perkussive Würze sorgt, ehe das Stück im Verlauf weiter in Americana-Gefilde vordringt. Das auf ergreifende Erbaulichkeit setzende Happiness mit den nachdenklichen Zeilen „Life is short/ Don’t ever look behind“ entwickelt durchaus chansonesquen Flair. Schlaglicht 32: Lapwings weiterlesen

Odyssee auf Nimmerwiedersehen – Leonard Las Vegas

Post-Punk meets Indie-Pop meets Kafka meets Sci-Fi-Tristesse meets The Catcher in the Rye. So möchte ich ein ehrgeiziges wie interessantes Projekt zusammenfassen, über das ich heute einige Worte verlieren will. Die Platte Jagmoor Cynewulf hat nämlich einen Zwilling in Buchform. Alexander L. Donat, seines Zeichens Kopf des Duos Leonard Las Vegas, hat sich somit nicht einfach auf das Ertüfteln eines Konzeptalbums beschränkt, sondern seinem Protagonisten auch gleich noch eine hochgradig verstörende Erzählung spendiert. Es ist der mutige Versuch, eine Figur mit vielfältigen künstlerischen Mitteln Gestalt werden zu lassen. Wobei diese Figur äußerlich schemenhaft bleibt, wir werden vielmehr mit einem Innersten ohne Haut konfrontiert. Jagmoor Cynewulf fokussiert sich voll und ganz auf aufgewühlte Gefühlswelten, auf eine desillusionierte Wahrnehmung der Realität, auf einem albtraumhaften Schleier über den Gedanken.

Ich will mich in der Betrachtung des Album-Buch-Projekts für heute zunächst auf die Platte beschränken. Diese ist in ihrer Darreichungsform wohl verdaulicher. Mit Where To Go? wird gleich zu Beginn Verweigerung dargeboten. Es sieht absolut keinen Sinn mehr im Wettbewerb, will kein Ziel mehr vor Augen haben. Diese Orientierungslosigkeit gleicht einem Aufatmen. In der Melodik des Refrains findet man Anklänge bei The Smiths, was angesichts der Thematik wenig überraschend scheint. Odyssee auf Nimmerwiedersehen – Leonard Las Vegas weiterlesen

Schatzkästchen 18: Broen – Iris

Eine norwegische Formation mit griechischem Einschlag, die als Heimat Oslo und die wundervolle griechische Insel Mykonos angibt, weckt mein Interesse sofort. Ich bin stets für jede Ungewöhnlichkeit zu haben. Und an Kuriosität mangelt es dem Lied, das heute in meine Schatzkästchen wandert, nun wirklich nicht. Der Song Iris besticht als Indie-Pop samt flirrender Gitarre, Synthie-Geklimper und Tuba-Gebrumme. Der Band Broen ist ein verwegener Track geglückt, der in der Intention unberechenbar skandinavisch anmutet. Unter der Oberfläche des mädchenhaft-fordernd vorgetragenen Gesangs schlummern Abgründe. Die Kollegin Eva-Maria vom Polarblog formuliert es ausgezeichnet: „Marianna Røe zelebriert hier eine perfide Grenzwert-Hysterie, die sich hinter vordergründiger Heile-Welt-Paranoia versteckt. Und klingt wie eine leicht depressive Variante von Kate Nash.“ Es ist ein Lied, das sogar mehrfach gegen den Strich gebürstet ist, wenn es einerseits mit den Gesetzmäßigkeiten des Indie-Pop spielt, mit der Tuba herrlich konterkariert und andererseits hinter einer lieblichen Fassade fiebrige Ausbrüche, großes Verlangen und geradezu Obsession verbirgt.  Vielleicht auch deshalb hat sich der Guardian zur Beschreibung „Basically, it’s an Every Breath You Take for indie stalkers.“ hinreißen lassen. Schatzkästchen 18: Broen – Iris weiterlesen

College-Fantasien vergangener Tage – Cayucas

Es gibt Alben, da kann ich jedes Fitzelchen Text mitsingen. Dann wieder gibt es Platten, bei denen ich inhaltlich nur Bahnhof verstehe. Dancing at the Blue Lagoon fällt ohne jeden Zweifel in letztere Kategorie. Die Stimmung dieses Werks lässt sich zwar leicht in Worte fassen, die Texte der einzelnen Lieder sind jedoch derart assoziationsträchtig, dass sie wohl nur im Hirn ihres Songwriters Sinn ergeben. Cayucas, ursprünglich eine in den eigenen vier Wänden aufgezogene One-Man-Show Zach Yudins, hat mittlerweile Verstärkung in Form seines Zwillingsbruders Ben erfahren. An der Ausrichtung hat sich jedoch nichts geändert. Vor 2 Jahren habe ich das Debüt Bigfoot als sommerliches Intermezzo leichtfüßiger Nostalgie bezeichnet. Und exakt jene Atmosphäre kalifornischer Sonne durchzieht auch Dancing at the Blue Lagoon.

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Photo Credit: Dusdin Condren

Wenn man aus den Lyrics die Worte Fraternities, Pom-poms, Swimsuit Calendar, Jacuzzi und Tijuana extrahiert, sieht man sich gängigen College-Fantasien gegenüber. Hier wird mit Melancholie den Freizeitbeschäftigungen und Partyfreuden amerikanischer Teenager nachgehangen, bei denen Alkohol („Sips of rum on ice with an orange slice„), Zigaretten („And the cigarette burns slowly in a copper tinted ashtray„, Sex („She took off all her clothes„) und natürlich Badefreuden („You saw him summersaulting down to the ocean floor„) nicht fehlen dürfen. College-Fantasien vergangener Tage – Cayucas weiterlesen

Schatzkästchen 16: High Hi – Calm Down Sir

Aufbegehrendes, adoleszentes „Gitarrengeschrammel mit viel Fuzz und Hall“, welches sich zwischen Shoegaze, härterem Britpop und garagigem Gelärme bewegt. So beschreibt die werte Kollegin Eva-Maria von Plan My Escape die belgische Formation High Hi. Besonders imponiert ihr die „wunderbare Spannung zwischen Lärm und Lust“, die der Track Calm Down Sir zu vermitteln vermag. Und tatsächlich dominiert bei besagtem Track das  launige, von Konfettigestöber begleitete Spiel, nach der Hälfte setzt sogar noch der verheißungsvolle Gesang von Anne-Sophie Ooghe ein. Schatzkästchen 16: High Hi – Calm Down Sir weiterlesen

Zwischen Sepia und Pastell – The Feather

Wenn sich ein Musiker ernsthafter Schönheit verschrieben hat, einer luftigen Erhabenheit, die in schwebenden Schwaden auf den Hörer herniederkommt, dann sollte man diese ganz eigentümliche Stimmung nicht mit viel Blabla torpedieren. Trotzdem will ich ein paar Worte zu The Feather, einem Projekt des belgischen Musikers Thomas Medard, verlieren. Denn das diese Woche erscheinende Album Invisible vereint auf wunderbare Weise die vermeintliche Mühelosigkeit des Indie-Pop mit der Gemessenheit von Chamber-Pop und der flüchtigen Schwermut von Folk. Im Grundkolorit schwankt es denn auch zwischen Sepia und feinen Pastelltönen. Die Platte fällt angenehm aus dem Alltag heraus, taugt zum seligen Sinnieren und zarten Fantasieren. „Tagträume sollten so luftig sein wie Federn, die durch die Lüfte segeln.“ meint die werte bloggende Kollegin Eva-Maria und sieht im Sound von The Feather alle Voraussetzungen für den entspannten Müßiggang erfüllt.

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Regional ist besser 2: Woods Of Birnam

Ich lamentiere ja öfter mal, dass so manche Band, wenn man sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen verliert, sich sogleich auf Nimmerwiedersehen auflöst. Jedenfalls habe ich vor einigen Monaten mit Erstaunen festgestellt, dass die Mitglieder von  Polarkreis 18 schon seit 2012 getrennte Wege gehen. So ganz habe ich nicht durchschaut, was nach dem großartigen Hit Allein Allein schief gegangen ist. Damals schien für die Dresdner eine internationale Karriere eigentlich durchaus realistisch. Ein paar Mitglieder von Polarkreis 18 machen mittlerweile zusammen mit dem Schauspieler Christian Friedel als Woods Of Birnam Musik. Das selbstbetitelte Debüt erschien vergangenen Herbst und hinterließ einen hochsoliden Eindruck und ab und an war auch jener hingebungsvoll-ekstatische Moment vorzufinden, der bereits Polarkreis 18 sehr gut zu Gesicht stand. Nicht umsonst hat es der Song I’ll Call Thee Hamlet auf den Soundtrack des Schweiger-Films Honig im Kopf geschafft. Wie sich dieser Titel von einer in Shakespeare’schem Grübeln verhafteten Strophe zum theatralischen Refrain aufschwingt, zählte im letzten Jahr sicher zu den gelungensten musikalischen Augenblicken deutscher Provenienz. Woods Of Birnam zeigen nämlich ein Beifall verdienendes Kunststück: Sie verstehen Songs auf kultivierten wie eingängigen Pathos hinzutrimmen, all das vermittelt die Leichtigkeit von Pop und zugleich eine tiefgängige Reife. Ein Song vom Schlage von Closer muss man geradezu mögen. Auch weil Friedels Gesang eine feine Empfindsamkeit bereithält. Sogar eher missratene Tracks, die vielleicht einen Tick zu sehr nach Song Contest tönen, vermag Friedel noch zu drehen, mit aufrichtig-unschuldiger Gefühligkeit auszustatten (Falling). Manchmal ringen sich Woods Of Birnam sogar zu Synthie-Pop durch (Dance) und auch derart machen sie eine gute Figur. Letztlich erweist sich aber die Band dann am besten, wenn sie sich ohne Wenn und Aber zur bedeutungsschwangeren Geste bekennt, so geschehen beim textlich mächtigen Titeltrack Woods Of Birnam („Life is but a tale/ Full of sound and fury and exuberance/ Told us by an idiot/ Who stands upon the stage and then/ Then is heard no more„). Spätestens hier hört mein Bedauern über das Ende von Polarkreis 18 auf, stellt sich uneingeschränkte Freude über dieses neue Projekt ein!

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Regional ist besser 1: van Kraut

Ich nehme mir jedes Jahr vor, nicht immer nur in die große, weite Welt zu glotzen, sondern auch regelmäßig einen Blick vor die eigene Haustüre zu werfen. Immer diese Vorsätze! Dieses Jahr mache ich das jetzt aber wirklich. Ab nun heißt es: Regional ist besser!

Ich muss mich ja arg konzentrieren, um die Vorzüge deutschsprachiger Klänge benennen zu können. Ein Trumpf kommt mir freilich doch in den Sinn. Deutsche Liedermacher und Indie-Pop-Bands vermögen oftmals erstaunlich skurril zu sein. Ob PeterLicht, Erdmöbel oder Funny van Dannen, ja sogar die frühen Tocotronic stehen für eine mehr oder minder leise Ironie, oft auch für eine Diskrepanz zwischen Songtitel und Inhalt. Humor bleibt leider meist zuerst auf der Strecke, wenn der muttersprachliche Gesang zugunsten englischer Lyrics aufgegeben wird. Von daher sind deutsche Texte durchaus für das eine oder andere freudige Aha gut. Die Hamburger Formation van Kraut veröffentlicht Ende März ihr Debüt Strahlen, die erste Hörprobe Hausschuhe kreiert bereits durch den Titel jenen absurden Moment, der Neugier weckt. Hausschuhe zeigt sich als sympathischer Indie-Pop, der um die Ecke denken will und sich dabei pfiffig-kryptisch präsentiert: „Ja, das eine Paar Hausschuhe hab ich längst ausgezogen, ich wollt ihn einfach spüren, diesen ungewohnten Boden, das bisschen kalte Füße, das hab ich halt gewagt, der Boden ist nur halb so glatt, wie man das immer sagt.„. Regional ist besser 1: van Kraut weiterlesen