Schatzkästchen 96: Tocotronic – Hey Du

Gestern ist die neue Single von Tocotronic erschienen. Das bedeutet, dass Menschen mit gehobenem Musikgeschmack den Track Hey Du selbstverständlich längst für sich entdeckt haben. Falls man die gestrige Veröffentlichung doch tatsächlich verpennt hat, sollte eine etwaige Ausrede mindestens das Wort Koma oder besser noch eine Entführung durch Außerirdische beinhalten. Denn Tocotronic sind zurück! Gerade einmal anderthalb Jahre nach Veröffentlichung ihres roten Albums dürfen bereits wieder neue Klänge bestaunt werden. Und Hey Du hat es wirklich in sich. Schon nach dem ersten Hördurchlauf reiht es sich nahtlos in die vorderste Reihe der allerbesten Songs der Band. Über zwei Aspekte des Tracks muss ich kurz ein paar Wörter verlieren. Da wäre zunächst der frische Sound zu nennen. Entgegen der landläufigen Meinung ist Rock alles andere als ein Jungbrunnen. Bands, die in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern erfolgreich sind, tönen einige Jahre später oft furchtbar dröge und schlaff. Aller Elan ist Biederkeit gewichen, jedwede Aufmüpfigkeit wirkt aufgesetzt. Menschen mittleren Alter sind zu oft viel zu uninspiriert.

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Dolcefarniente im Wiener Schick – Wanda

Ein Doppelschlag hat Wanda innerhalb eines Jahres im gesamten deutschsprachigen Raum berühmt gemacht, ja mehr noch dem Austropop eine eher unerwartete Renaissance beschert. Gerade einmal drei Jahre ist es her, dass allerorts Amore herrschte und Bologna zur überraschenden Sehnsuchtsstadt mutierte. 2015 dann war plötzlich alles Bussi und die Wiener Band endgültig Kult. Das Erfolgsrezept der ersten beiden Platten war so einfach wie simpel. Dem Motto „Verschwende deine Jugend“ folgender Rock gepaart mit sehr schlawinerhaftem Austropop, dazu noch das Augenzwinkern als Verbeugung vor dem Zeitgeist und moribunder Wiener Schmäh als Herkunftsgütesiegel. Diese Masche trug Amore und Bussi, doch gab es vermutlich nicht wenige Zeitgenossen, die vom dritten Album irgendeine Art von Transformation erwartet haben. Wohin also würde Wandas Reise gehen? Niente gibt nun die Antwort. Man düst wieder gen Italien!

Photo Credit: Wolfgang Seehofer/Universal Music

Während viele neue Bands einen gewissen intellektuellen Chic pflegen, die Sozialisation im studentischen Milieu erkennen lassen, bei aller Ironie einem Thomas Bernhard weit mehr verbunden scheinen als einem Mundl Sackbauer, bedienen Wanda eher profane, proletarische Sehnsüchte. Wanda saufen und streiten sich nicht durch die Lieder, um diffusen Weltschmerz, verkrachte Revolutionen zu vergessen oder als Jeunesse dorée aufzutrumpfen, die Hemdsärmeligkeit der Wiener ist eine für die Feierabende, wenn der Grind des Alltags abfällt und die Lebenslust erwacht.  Weiterlesen

Welcher Vogel hat denn diese Tracklist verbrochen? – Angus & Julia Stone

Ich meine mich zu erinnern, dass ich auf das australischen Geschwisterpaar Angus & Julia Stone bislang keine Zeile verschwendet habe. Was ich im Lauf der Zeit so aufgeschnappt habe, war zwar stets nett, aber zugleich nichts, was mich aus den Socken gehauen hätte. Eine ähnliche Einschätzung wäre auch dem neuen Album Snow zuteilgeworden, wenn ich mich während der ersten Lieder in der Nähe meines Computers befunden hätte. Denn dann wäre die Chance groß gewesen, dass ich mich in der vorgefassten Meinung bestätigt gesehen und mich dem nächsten Album zugewandt hätte. So jedoch schaffte es die Platte bis zum siebten Track und ab dann hat sie mich tatsächlich um den Finger gewickelt. Auf meinem Schreibtisch türmen sich Alben voll künstlerischem Anspruch, gesellschaftlicher Relevanz und kreativem Potential, Snow ächzt nicht unter solch Erwartungshaltungen und entpuppt sich vermutlich gerade deshalb als echtes Hörvergnügen.

Photo Credit: Jennifer Stenglein/UniversalMusic

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Schatzkästchen 81: Circa Waves – Fire That Burns

Eigentlich hätte ich vor mehr als drei Jahren schwören mögen, dass die Liverpooler Band Circa Waves 2017 sogar noch ein Stückchen weiter wäre. Womöglich sieht die Sache in ein paar Monaten auch schon anders aus. Vielleicht gelingt mit dem zweiten Album Different Creatures der ganz große Durchbruch. Das Rüstzeug, die britische Indie-Rock-Band des Jahres zu werden, bringen Circa Waves auf alle Fälle mit. Die Qualitäten hatten sich bereits Ende 2013 mehr als nur angedeutet, weshalb ich sie schon damals zum Hype freigegeben hatte. Nun sollte es endgültig klappen. Auch dank des famosen Tracks Fire That Burns. Ein zunächst treibender, dann bombastisch explodierender Refrain wird von melodischen Strophen samt fast zärtlichem Gesang umrahmt. Ein wunderbarer Song, den man nicht aus dem Ohr bekommt. Dass die Single auch ein starkes Musikvideo spendiert bekommen hat, sollte zum Erfolg beitragen. Ein wenig packt mich der Clip sogar bei der Ehre.  Weiterlesen

Aus dem Club um die Ecke – Bängks

Einer meiner musikalischen Vorsätze für 2017 ist vielleicht gar nicht so unproblematisch. Ich will dieses Jahr mehr deutschen Indie-Klängen lauschen. Nun könnte man natürlich argumentieren, dass es in die nationalistische Stimmung dieser Trump-Tage passt, dass alles nur noch aus dem eigenen Land stammen soll. Doch das ist nicht meine Intention. Vielmehr geht es darum, dass man sich nicht immer nur mit den Acts beschäftigt, die an der Spitze der Erfolgspyramide stehen. Und das Fundament, um bei diesem Bild zu bleiben, bilden eben die lokalen Bands und Musiker, die tagtäglich in den kleinen und großen Städten des Landes auftreten. Musik definiert sich längst nicht nur über das, was gerade international durch alle Magazine oder Radiostationen geistert, Musik wirkt eben auch durch die Acts, die im Club um die Ecke live auftreten. Die Solinger Gruppe Bängks verkörpert genau das, was eine gute heimische Indie-Formation ausmacht. Ihr Indie-Rock klingt keine Sekunde lang provinziell, zugleich könnte man sich gut vorstellen, die Jungs an einem netten Abend im benachbarten Konzertschuppen zu bestaunen. Ein Trumpf regionaler Bands eben!

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Schatzkästchen 73: Lions of Dissent – Heaven Sent

Vielleicht geht es ja nicht nur mir so, dass ich Shoegaze an einem heißen Sommertag angenehm erfrischend finde. Falls es den werten Lesern ähnlich geht, möchte ich eine sehr gute Empfehlung weiterreichen. Beim Bloggerkollegen Peter von Coast Is Clear habe ich nämlich Lions of Dissent aufgestöbert. Die Formation aus Wolverhampton, die sich laut eigenen Angaben eher als kreatives Kollektiv denn Band versteht, imponiert mit Heaven Sent, einem Indie-Rock-Track mit starkem Shoegaze-Charakter und einem altmodisch-inbrünstigen Gesang. Beim Indie-Rock der letzten 15 Jahre geht mir mitunter die gesangliche Qual, die überbordende Emotion ab. Eben dies zeichnet den Song aus, dieses schwelgerische Achtziger-Flair. Neben dominanten Gitarren setzen auch Synthies einen atmosphärisch dichten Akzent. Ich würde es wirklich selten nennen, dass ein Lied ungemein wuchtig, ja fast hymnisch, und doch zugleich luftig tönt. Ich bin begeistert!

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Geplatzte Träume und ohrwürmelnde Melodien – Haley Bonar

In meinen Zeilen zum 2014 veröffentlichten Last War habe ich die Haley Bonar einiges Lob spendiert. Ihren fiebrigen, nach Ausbruch trachtenden Gesang hervorgestrichen, ihre Texte, die die geplatzten Träumen kleiner Leute thematisieren, für stark befunden, Bonar quasi zu einem weiblichen Springsteen gekürt. Auch dem neuen Album Impossible Dream wird man mit dieser Charakterisierung fraglos gerecht. Indie-Rock, versetzt mit Post-Punk und ein bisschen Synthie-Pop, alles getränkt mit nostalgischen Achtziger-Melodien, mit solch musikalischer Ausrichtung vermag Impossible Dream abermals zu überzeugen. An Bonars Texten hat sich ebenfalls nichts geändert, noch immer dominiert die Enttäuschung über den Zustand eines erwachsenen Lebens, das all die Freuden und Torheiten der Jugend hinter sich gelassen hat, nach wie vor ist ein Aufbäumen gegen alle Stagnation spürbar, weiterhin kämpft das lyrisches Ich mit der kleinstädtischen Enge, die Veränderungen unmöglich macht.

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Schlaglicht 59: Deap Vally

Wenn Feminismus ein noch lange nicht ausgestandener Kampf um Gleichberechtigung ist, stellt sich schon die Frage, wer diesen im Jahre 2016 führen muss? Etwa smarte Social-Media-Virtuosinnen mit Hang zu öffentlichkeitsheischenden Hashtags? Oder Veteraninnen der ersten Stunde, die im Alter plötzlich wunderliche Allianzen eingehen? Vielleicht sollte man den Feminismus Praktikerinnen überlassen, die darin vor allem das Lebensgefühl der Selbstbestimmtheit sehen, Feminismus nicht nur auf knallharte Ideologie reduzieren. Dafür erscheint mir das Duo Deap Vally bestens geeignet. Wenn man sich den Song Smile More anhört, stechen sofort Zeilen wie „And I am not ashamed of my mental state/ And I am not ashamed of my body weight/ And I am not ashamed of my rage/ And I am not ashamed of my age/ And I am not ashamed of my sex life/ Although I wish it were better.“ ins Auge. Smile More imponiert als Indie-Rock-Hymne mit bluesig-psychedelischen Flair und ausgeprägter Scheiß-drauf-Attitüde. Lindsey Troy und Julie Edwards verbinden Lust und Frust mit einem – na klar! – erdigen Sound, der bei weitem nicht nur bei besagtem Smile More zündet. Mit Royal Jelly haben sie Ende letzten Jahres bereits einen weiteren rau-bluesigen Kracher präsentiert. Beide Titel kündigen das für den Herbst anstehende Album Femejism an, das auch auf Albumlänge jene Energie und Intensität aufrechterhält, die die vorab veröffentlichten Songs versprühen.

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Schlaglicht 58: Basement Revolver

Basement-Revolver

Wow! Es gibt Klänge, die mir nur ein schlichtes Wow entlocken. Das kanadische Trio Basement Revolver fabriziert solche tollen Klänge. Morgen veröffentlicht die Band ihre vier Titel umfassende, selbstbenannte Debüt-EP, die mit einem Ausruf der Begeisterung vielleicht doch nicht ausreichend gewürdigt scheint. Schauen wir uns also die Qualitäten der Formation näher an. Die Basis dieser Musik bildet ein ausgesprochen introspektiver Indie-Rock. Dabei allein bleibt es aber nicht. Der balladeske Song Lake, Steel, Oil etwa vermischt einen beschaulich-nachdenklichen, glockenklaren Gesang in der Manier von the innocence mission mit verzerrtem, mächtigem Shoegaze. Mit regelrechtem Staunen wird im Refrain die Erkenntnis „These days are numbered/ So don’t waste them on slumber“ kundgetan, so als wäre das Wissen um Vergänglichkeit gerade eben geschaut worden. Dieser Song zählt für mich bereits zu einem Highlight des Musikjahres 2016. Doch halt, die EP hat noch mehr Pfeile im Köcher. Zum Beispiel den Indie-Pop von Johnny, mit kräftigen Drums aufgefettet und mit ein wenig Twee-Süße veredelt. Wenn man im Indie-Bereich von einem Ohrwurm sprechen möchte, dann kommt dieser Song dem Begriff verdammt nahe. Die Sängerin Chrisy Hurn entzückt mit einer Stimme, die in sich gekehrt, unprätentiös wie inbrünstig wirkt, zugleich auch eine getrocknete Träne im Augenwinkel trägt. Auch Words kommt mit einem gewissen Maß an Beiläufigkeit daher, der Refrain „Words are just words are words are words“ mutet dabei als leiser Seufzer an.

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Poesie abseits von Je t’aime – Radio Elvis

Wenn sich eine Band nach EPs, die ich freudig goutiert habe, endlich an ein Debütalbum wagt, bange ich manchmal ein wenig, ob es denn auch klappt. Eine EP mit ungefähr 15 Minuten Spielzeit ist leichter zu fabrizieren als eine Platte, die schon auf 45 Minuten und mehr kommen sollte. Nun könnte man natürlich auf die grandiose Idee kommen, den Erstling als Best-of bereits veröffentlichter EPs zu konzipieren. Ob man damit allerdings Fans der bisherigen EPs einen großen Gefallen tut? Vielleicht haben solche Gedanken die Entstehung des Albums Les Conquêtes geprägt. Für die französische Formation Radio Elvis habe in den vergangenen 12 Monaten nur Lobeshymnen übrig gehabt und den Song Goliath sogar zu meinem Lieblingslied des Jahres 2015 gekürt. Gerade deshalb war ich doch einigermaßen überrascht, dass sich besagtes Goliath nun nicht auf dem Debütalbum wiederfindet. Vermutlich wollte die Band das Best-of-Szenario vermeiden. Les Conquêtes offeriert stattdessen überwiegend neue, unverbrauchte Lieder. Und tut dies verblüffend unaufgeregt. Man kennt das ja, dass die Ambition, die sich bei einem Debüt aufgestaut hat, oft nur bedingt mit dem Resultat korreliert. Nicht so bei diesen doch sehr abgeklärt wirkenden Franzosen! Ich zumindest habe bei dieser Platte nie das Gefühl, dass Radio Elvis Hits mit der Brechstange fabrizieren wollen. Eher neigen sie zu Understatement, sofern dies bei diesem in Sound, Darbietung und Optik markanten Mix aus Chanson, Pop und Indie-Rock denn möglich ist.

Schon im Februar habe ich bei der Ankündigung des Albums die Qualitäten der Formation herausgearbeitet. Der Sänger Pierre Guénard sieht dank Brille und Ohrring wie ein Nerd aus der Provinz aus, den nur die Gnade der späten Geburt von seiner Aufmachung freispricht. Seine Visage hat noch dazu etwas milchbubihaftes. Doch spätestens wenn er zu singen beginnt, weichen äußerliche Irritationen. Weil dann gesangliche beginnen. Denn diese Stimme scheint zunächst zu fein für Pop, zu weich für Indie-Rock und zu jugendlich für das große Chanson.  Weiterlesen