Schlagwort-Archive: Indie Rock

Schatzkästchen 47: The Jezabels – Come Alive

Dieser heutige Post kommt mit leisem Grummeln in der Magengegend daher. Denn leider hat es sich derzeit eingebürgert, dass ein Album immer öfter mit einem Stück Schicksal angeteasert wird. Kaum ein Pressetext kommt ohne mehr oder weniger dramatische Hintergrundinformation aus, die das künstlerische Werk in einen gewissen Kontext setzen und dadurch auch eine Art Deutungshoheit erlangen möchte. Die Biografie eines Sängers oder einer Band wird auf schicksalhafte Erlebnisse abgeklopft, deren Verarbeitung dann das Werk dominieren. Selbstverständlich ist ein Werk immer auch Produkt der Umstände, die zu seiner Entstehung geführt haben. Aber ein Album muss sich zunächst durch die eigene Qualität legitimieren, ehe das Wie und das Warum für tieferes Verständnis sorgen können. Ein mittelmäßiges Lied wird nicht besser, wenn der Hörer darum weiß, dass während der Aufnahme der Schwippschwager des Tontechnikers über den Jordan gegangen ist. Ein starker Song gewinnt freilich dazu, wenn man die Hintergründe kennt. Als bestes Beispiel dient ein Lied der Tindersticks, über das ich vor wenigen Tagen geschrieben habe.

Heute möchte ich den Song Come Alive der australischen Formation The Jezabels ans Herz legen. Die Band ist aufmerksamen Lesern dieses Blogs fraglos vertraut, bereits mehrfach habe ich in der Vergangenheit über sie geschrieben. Den neuen Track, im November 2015 als Vorgeschmack auf das kommende Album vorgestellt, hatte ich freilich völlig übersehen. Und vielleicht wäre in der überbordenden Newsletterflut auch das für Februar angekündigte Album Synthia untergegangen, wenn nicht eine Promo-Mail die Absage einer für März angekündigten Tour durch Deutschland verlautbar hätte. Schatzkästchen 47: The Jezabels – Come Alive weiterlesen

Schatzkästchen 44: Wintersleep – Amerika

Die in den letzten Jahren zu einer meiner absoluten Lieblingsbands aufgestiegenen Kanadier Wintersleep melden sich mit einem neuen Song zurück! 2012 haben sie mir mit dem Album Hello Hum den Kopf verdreht, für März ist nun endlich die neue Platte The Great Detachment angekündigt. Ich schätze die Band für einen intensiven Indie-Rock, dessen Melodien und Texte haften bleiben. Viele ihrer Lieder haben diese eine Zeile, die sich derart einprägt, dass man sie in den summt und singt, wenn das Lied schon längst verklungen ist. Den Refrain „Nothing is anything without you, babe“ des Songs Nothing Is Anything (Without You) trällere ich seit Jahren immer wieder mal dahin. Solch dauerhafte Wirkung haben nicht eben viele Indie-Rock-Bands auf mich. Der erste Vorbote des neuen Werk ist auch schon zu vernehmen, der Track Amerika gerät zur Hymne mit mächtigen Gitarrenriffs. Man darf von der Nummer freilich kein Loblied auf Amerika erwarten, Amerika ist eher Sehnsucht nach einem Ideal, nämlich der beständigen Verbindung von Erde, Freiheit, Liebe und Gesetz und Leben zu sehen. Schatzkästchen 44: Wintersleep – Amerika weiterlesen

Großes Glück im Unglück – Library Voices

Eine meiner Lieblingsplatten des Jahres habe ich bisher noch mit keiner einzigen Silbe erwähnt. Das soll sich heute schleunigst ändern. Lovish hat mich bereits mit den ersten Takten ganz und völlig eingefangen, noch ehe ich die Hintergrundgeschichte des Werks kannte. Die kanadische Formation Library Voices hat sich seit 2008 mit Indie-Pop einen guten Namen gemacht, dieses Album freilich markiert eine Neuausrichtung ihres Tuns. Lovish glänzt mit Indie-Rock, der durch Garage und psychedelische Elementen verfeinert wird. Vielleicht erklärt sich der Aufbruch zu neuen musikalischen Gefilden auch durch einen Schicksalschlag, den der Gitarrist und Sänger Carl Johnson erlitten hat. Er wurde nämlich Zufallsopfer eines Gewaltexzesses, erlitt dabei eine Hirnblutung, von welcher er sich immer noch erholen muss. Die Platte ist dennoch keine düstere Angelegenheit, sie ist durchaus melodisch gehalten, zugleich jedoch oft druckvoll und kompakt im Sound.

© Chris Graham Photo 2015
© Chris Graham Photo 2015

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Stream: Palma Violets – Last Christmas on Planet Earth

Mit einiger Verwunderung habe ich festgestellt, dass wir die Indie-Rock-Formation Palma Violets auf diesem Blog noch gar nie erwähnt haben. Dann holen wir das jetzt schleunigst nach, indem wir auf die Weihnachtssingle der Briten verweisen, die den bedeutsamen Titel Last Christmas on Planet Earth trägt. Man darf sich den Song als rockige Suff-Hymne vorstellen, als einen Gegenentwurf zu all der geheuchelten Besinnlichkeit. Last Christmas on Planet Earth fällt so inbrünstig wie verkracht aus, torkelt dahin. Wer einen abgefuckten, völlig dichten Santa erleben und dazu einer unter Drogen stehende Sekte beim Tanzen zusehen möchte, wird auch am Musikclip zum Lied schiere Freude haben. Stream: Palma Violets – Last Christmas on Planet Earth weiterlesen

Wie begossene Pudel – A Tale Of Golden Keys

Es gibt Tage, an denen man mit einer blümeranten Stimmung aufwacht, die man sich nicht so einfach aus den Augenwinkeln reiben kann. An solch Tagen fühlt man einen bitteren Geschmack im Mund, den kein Wässerchen und nicht einmal Kaffee vertreiben kann. Alles wird von der Melancholie dominiert, durch die beschlagene Brille ungebremster Wehmut wahrgenommen. Das Hier und Jetzt ist  irgendwo zwischen Kapitulation und Frustration angesiedelt. Was auch gedacht wird, denkt sich verkehrt. Genau für jene Tage scheint das Album Everything Went Down As Planned gemacht. Der deutschen Formation A Tale Of Golden Keys glückt eine nachdenkliche, mit Verlorenheit hadernde Platte, die wir uns ohne Umschweife kurz näher ansehen wollen.

Bereits der Opener All Of This zählt zu den stärksten Stücken des Werks. Einem zarten, empathischen Gesang steht ein edles Klavier zur Seite, das sehr in den Vordergrund gerückte Schlagzeug gibt dem Stück Lebendigkeit, stößt auch die mit Streichern forcierte Aufbruchstimmung an, die allen Fragen einen kleinen musikalischen Hoffnungsschimmer entgegensetzt. Der Titeltrack Everything Went Down As Planned wiederum wirkt seltsam getrieben, nervös, geradezu auf der Flucht. In dieser Hektik ist es Hannes Neunhoeffer, der mit der Gewissheit einer selbsterfüllende Prophezeiung gelassen den Abgesang anstimmt, während der Song zur Gitarrenhymne ausholt. Wie begossene Pudel – A Tale Of Golden Keys weiterlesen

Schlaglicht 34: Feu! Chatterton

Chansonesquen Pop-Rock der feinsten Sorte hat die Pariser Formation Feu! Chatterton zu bieten. Dabei sind die Franzosen mal gern im Gedanken vertieft, dann wieder mit viel Temperament am Übersprudeln und von handfester Emotion beseelt. Vor allem sind die Lieder des Debüts Ici le Jour (a tout enseveli) überraschungsreich. Der Discofeger La Malinche wandelt sich im Mittelteil zum schwülstig-inbrünstigen Schmachtfetzen. Côte Concorde steigert sich in einen gefühlsmüßigen Ausnahmezustand hinein, die hörbar tränenbestückten Stimme hat dabei trotzdem noch ordentlich Schmelz im Talon. Einem Johnny Hallyday müsste solch eine Nummer sehr gefallen. Rhythmisch geschmeidig, im Refrain sogar zum Mitträllern einladend gibt sich Boeing. Ein solch eingängige Nummer wäre sogar im deutschen Radio gut aufgehoben. Gegen den Strich gebürstet fällt Harlem mit seinem Sprechgesang aus. Das sechs Minuten erzählende Stück kann sich zu einen überraschend pittoresken Refrain aufraffen, der der eher nüchtern gehaltenen Prosa entgegensteht. Feu! Chatterton sind in ihrem Sound nie wirklich greifbar – und deshalb auch spannend. Als stärkste Lied des Album erscheint mir Le Pont marie, welches, wenn mich die Reste meines Schulfranzösisch nicht im Stich lassen, vom tragischen Ende einer Amour fou fantasiert. Großartig! Außer Rand und Band verhält sich bei La Mort dans La Pinède der Gesang von Arthur Teboul. Er besitzt eine wunderbar schauspielernde Stimme, die auch das Extreme ausdrücken kann, die sich in Rage und in Inbrunst hineinzusteigern vermag, die alle Facetten an Emotion ausspeit. Schlaglicht 34: Feu! Chatterton weiterlesen

Das Schlawiner-Gen – Wanda

Den Tschick in der Pappn, also die Fluppe im Mund, dazu noch das Bier in der Hand, mit diesen Utensilien machen sich Wanda daran, von der Liebe und dem Leben zu singen und österreichische Daseinsfreude, die stets aus Granteln und Goschertheit besteht, mit knarziger Kehle zu zelebrieren. Mit ihrem letztjährigen Debüt Amore hat die Wiener Band sogar in Deutschland für Furore gesorgt. Binnen Jahresfrist wird also nun mit Bussi nachgelegt. Bereits bei der im Frühjahr erfolgten Ankündigung des neuen Albums hat jeder mit Sympathien für die Band gehofft, dass Wanda noch ein paar Pfeile im Köcher haben. Und tatsächlich haben sich die Wiener neuerlich mit Haut und Haar dem Motto ‚Verschwende deine Jugend‘ verschrieben, abermals werden Überschwang, Lust und Narretei zu einem einzigartigen Lebensgefühl gemixt. Wanda drängt es danach, ohne Rücksicht auf Verluste den Exzess zu suchen. Die Jungs stehen voll im Saft – und das merkt man Bussi auch an.

Wanda 1 ©Florian Senekowitsch Vertigo Berlin
Photo Credit: Florian Senekowitsch (Vertigo Berlin)

Der Charme von Wanda besteht darin, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wer in den vergangenen zwölf Monaten das eine oder andere Interview der zwischendurch geradezu omipräsenten Neulingen gelesen hat, wird mir sicher zustimmen. Während manch deutsche Kollegen entweder zur Verkopfung neigen oder aber Trivialitäten ausgesucht langweilig darbieten, sitzt den Wienern der Schalk stets im Nacken. Wanda tragen halt das Schlawiner-Gen in sich. Musikalisch hat sich nichts geändert, sie bleiben die Reanimateure des Austropop im neuen Jahrtausend, paaren diesen mit frechen Indie-Rock-Hymen, wie sie Österreich noch nie gesehen hat. Sogar ohne den Let’s-fetz-Überraschungseffekt des quasi aus dem Nichts kommenden Debüts vermag Bussi den Hörern ein seliges Grinsen ins Gesicht zu zaubern. Ein Lied wie Das wär schön wird ein Hit, da muss man keinerlei Kristallkugel bemühen. Die erste Single Bussi Baby hat in den österreichischen Charts ohnehin längst gute Figur gemacht. Wer in meinem Heimatland keine Marillen in den Ohrwaschln hat, ist Wanda allerdings ohnehin längst verfallen. Bussi liefert dafür triftige weitere Argumente. Schon zu Beginn macht 1,2,3,4 alles klar: „Ich kann dich nackt und wunderschön von hier aus sehen, ich will mir dir in einem schwarzen Kreis aus Opium stehen. Und die Stadt träumt sich in unser Herz hinein, denn in mütterlicher Stille fängt es an schneien.“ Sex, Drugs und Austropop, so wird’s gemacht! Auch Meine beiden Schwestern ist ein markanter Gassenhauer mit sinnfreiem wie eingängigem Refrain. Marco Michael Wanda scheint mit Ausstrahlung und einem unverwechselbaren Gesang gesegnet, all dies lässt Texte in den Hintergrund treten. Der Herr gibt den Falco, aber auch gern Alpen-Celentano! Die Affinität zu Italien findet sich in einigen Liedern wieder, Rom, Bologna – eh klar! – und Venedig werden als Orte des Lustwandelns zelebriert. Was die Texte brauchen, sind schlicht nur Phrasen, Slogans, Sehnsuchtdesitinations, die aus vollster Kehle intoniert werden können. Beim bereits erwähnten, urlässigen Bussi Baby ist der Titel Programm.

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Schatzkästchen 34: A Tale Of Golden Keys – All Of This

Heute möchte ich dem Leser eine wirklich feines Liedchen von ausgesuchter melodischer Wärme empfehlen. Das Lied versprüht Wehmut, was nicht zuletzt am berührenden, voll nachdenklicher Emotion tönenden Gesang liegt. Dem zur Seite steht ein schönes Piano und die übliche Indie-Rock-Instrumentation. All Of This heißt diese erste feine Single aus dem Debütalbum Everything Went Down As Planned der deutschen Formation A Tale Of Golden Keys. All Of This imponiert einerseits durch edle Passagen voll versonnener Intimität, andererseits sorgen druckvolles Schlagzeug und forciertes Klavierspiel für Aufbruchstimmung. Das Lied entzückt durch eine gefühlige Grundstimmung, die jedoch nie in Theatralik abgleitet. Dazu passt auch ein optisch gut in Szene gesetzter Clip. Ein Klavier in einem Pool etwa ist ein starkes Motiv. Kurzum, dieser Vorgeschmack auf das für die zweite Oktoberhälfte avisierte Debüt macht Lust auf mehr. Schatzkästchen 34: A Tale Of Golden Keys – All Of This weiterlesen

Menschen mit Indie-DNA – Low

Ein Charme des Indie besteht doch wohl darin, dass echte Menschen Musik machen. Während sich in den Charts Stars und Sternchen, Idole und Ikonen tummeln, taugt der harte Kern des Indie kaum für Glorifizierungen. Wenn der musikalische Mainstream gern einen auf Cosmopolitan oder Vanity Fair macht, ist Indie das süße Mädchen von nebenan. Wenn Download-Charts die völlige Aufgeregtheit von Geburtstagsparty oder Weihnachten verbreiteten, verortet sich Indie in der Alltäglichkeit. Die US-Formation Low trägt seit mittlerweile über 20 Jahren zur Reputation der Indie-Bewegung bei. Sie verkörpert feine künstlerische Integrität, ein stetes Ringen mit dem eigenen Stil. Indie-Rock trifft hier auf Dream-Pop, nachdenkliche Entschleunigung und sachter Gesang auf eine unerwartete Lebendigkeit. Hinter dem Trio Low steckt das Ehepaar Alan Sparhawk und Mimi Parker, unterstützt werden sie dabei von Steve Garrington am Bass. Das Paar teilt sich nur den Platz vor dem Mikrofon, beide teilen wohl auch die Fähigkeit, ihren Liedern eine grüblerische, hinterfragende Note zu geben. Denn diese Musik träumt nicht, huldigt keinem Eskapismus, sie sinniert vielmehr dahin, hält für einen Moment die Welt an, wagt sich für einen Sekundenbruchteil an existenziellen, gerne auch an Kleinigkeiten festgezurrten Fragen. Auch das neue Werk Ones and Sixes bildet da keine Ausnahme, wenngleich der eine oder andere untypische Zugang vorhanden ist. Sparhawk und Parker kokettieren noch immer nicht mit der großen Emotion, sie dramatisieren nicht über, sind vielmehr nah am Leben. Echte Menschen eben!

LOW Band Photo
Photo Credit: Zoran Orlic

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Die große Wurstigkeit – The Phoenix Foundation

Eine Prise Prog-Rock, eine ordentliche Portion kosmische Psychedelia, dazu Ausflüge in die Disco oder in die Seligkeit des Siebziger-Pop, alles in von Sonnenfäden durchwirkten Indie-Rock eingebettet, so in etwa nimmt sich das Album Give Up Your Dreams aus. Der neuseeländischen Band The Phoenix Foundation ist mit ihrem neuesten Werk ein ganz starkes Argument für das in letzter Zeit vermehrt vom Abgesang bedrohte Format Album gelungen. Give Up Your Dreams wird vielleicht nicht in vielen Bestenlisten des Jahres 2015 auftauchen, aber eine rundere, stimmigere Platte als diese mag man heuer mit der Lupe suchen müssen. Die Attitüde vermittelt ein nach Entspannung gierendes Lebensgefühl, dem man sich mit Haut und Haar hingeben möchte. Sie zelebriert ein Loslassen, ein Wegdriften aus dem Alltag, ein Aufgehen in einem lässigen Sound.

Wer keine Sorgen hat, kann mit großer Leichtigkeit loslassen. Bei The Phoenix Foundation hingegen scheint das Loslassen notgedrungen, fast wie eine Kapitulation vor höherer Gewalt. Der Albumtitel versteht sich auch als Plädoyer für ein Ende von Ambition und Wunsch – und für den Beginn einer großen Wurstigkeit! In dieser Konsequenz heißt es dann im Titelsong Give Up Your Dreams auch „I’ve been giving up on all my aspirations„. Das Mantra „I’m a loser and I’m losing my belief“ durchzieht den Track, es schwingt dabei sogar ein gewisser Stolz mit. Die große Wurstigkeit – The Phoenix Foundation weiterlesen