Stippvisite – 16/03/10

Und wieder soll abgehandelt werden, was die werten Bloggerkollegen erwähnen, die Fachpresse mehr oder minder klug schwätzt und Musiker und Bands so abliefern…

Genusstipp:

Wenn Bonnie ‚Prince‘ Billy Daytrotter seine Aufwartung macht, darf man durchaus zentnerschwere Qualität erwarten. Freilich wird man dabei nicht enttäuscht.

Vorfreutipp:

James aus Manchester veröffentlichen im April ihr neues Album The Night Before. Dass es die Band in all den Jahren nie in die erste Reihe geschafft haben, liegt wohl auch am dümmstmöglichen Namen für eine Band. Aber die Musik ist mit das Beste, was Großbritannien so zu bieten hat.

Entdeckungstipp:

Foto: Bart Pettman

Aufgepasst, Freunde der deftigen Töne. Castrovalva schreien sich die Seele aus dem Leib – und das ist gut so. In wenigen Wochen erscheint das Album We Are A Unit. Und wer es auf die harte Tour mag, der sollte sich die kostenlosen Mp3s Donut und Pump Pump zu Gemüte führen. Wir werden die Herren demnächst noch ausgiebiger vorstellen. Und meine werte Co-Bloggerin DifferentStars wird mich angesichts des Lärms, den sie dann ertragen muss, wohl verfluchen…

Diktiertipp:

Seit einigen Tagen wollte ich schon Emit Bloch an dieser Stelle erwähnen, doch trotz interessanter Ansätze konnte mir der Herr nicht die absolute Begeisterung abringen. Nun hat sich das klienicum der demnächst erscheinenden Scheibe Dictaphones Vol. 1 angenommen. Dieser alternative Lo-Fi-Zugang zu Country und Bluegrass ist zweifellos nicht nach jedermanns Geschmack, sollte aber dennoch einer Entdeckung unterzogen werden.

Lesetipp:

Verkümmert das Gehör durch Mp3-Dateien? Was so reißerisch klingt, als wäre die Bild wieder investigativ tätig geworden, ist als ernste Frage in der Futurezone des ORF gestellt. Trotz des Versuchs einer wissenschaftlichen Unterfütterung der These bleibe ich skeptisch.

Hörtipp:

J Dilla mag gestorben sein, aber Material, welches es noch zu veröffentlichen gilt, scheint reichlich vorhanden. Via Prefix habe ich seine instrumentale Interpretation des 80er-Klassikers Safety Dance gefunden. Beste Hintergrund-Musik für die U-Bahn-Fahrt zur Arbeit!

Videotipp:

Julian von DieKopfhörer hat mich auf ein Video von Emmanuelle Seigner aufmerksam gemacht. Dingue ist ein wirklich feiner Song, und Frau Seigner anzusehen tut auch nicht weh.

Geheimtipp:

Eine Band, von der man noch viel hören wird, ist Pacific Theater. Als Appetithappen sei auf den Album-Stream von Animals At Night auf Last.fm verwiesen, wo es auch noch 2 kostenlose Downloads gibt. Insbesondere der Song Lions ist eine feine Nummer. (Gefunden bei The End of Irony)

Lions from Whale Heart Records on Vimeo.

Vorhörtipp:

Laura Marling bringt demnächst das Album I Speak Because I Can heraus. Und da ich das Talent der Dame nicht gering bemesse, waren meine Erwartungen durchaus hoch geschraubt. Der Album-Stream auf Times Online bestätigt die Ansprüche auch. Unbedingt zurücklehnen und lauschen!

SomeVapourTrails

500 essentielle Songs der Dekade – Teil 1

Wer dieser Tage Pitchfork ansteuerte, durfte mit hochgezogener Augenbraue die 500 wichtigsten Tracks dieser Dekade begutachten – oder vielmehr belächeln. Was hier inmitten verdienter Glanztaten an Schrecklichkeiten zu finden ist, deutet durchaus darauf hin, dass Plattenfirmen manch Sänger eine kräftige Fürsprache angedeihen haben lassen. Kelly Clarkson auf Platz 21 kann nur ein wirklich geschmacksverschleimtes Hirn ersinnen. Insgesamt ist diese Liste eine derart dumme, ärgerliche, in die Irre führende Angelegenheit, dass man sie nicht geflissentlich ignorieren kann und darf. Gerade Leute, die sich mit Musik eben kaum bis gar nicht beschäftigen, kommen am Ende durch solch Aufzählung auf den komplett absurden Gedanken, wonach der Mist, den Beyoncé verzapft, tatsächlich die Krone der audiophilen Hochgenusses sei.

Darum wollen wir in den nächsten Wochen und Monaten hier eine in jeder Hinsicht vielfältigere Auswahl präsentieren.  500 Songs dieser Dekade – in feinster subjektiver Manier handverlesen und durchaus mit einem gerüttelt Maß an objektivem Anspruch. Heute beginnen wir mit den ersten 50 Liedern.

500Tracks(Teil1)

kingdomofrustDovesKingdom Of Rust (2009)

bringmetheworkhorseMy Brightest DiamondWe Were Sparkling (2006)

straightfromthefridgeJames HardwaySpeak Softly (2002)

skilligansislandThirstin Howl IIIWatch Deez (feat. Eminem) (2002)

gulagorkestarBeirutPostcards From Italy (2006)

frenchteenidolFrench Teen IdolShouting Can Have Different Meanings (2005)

addinsulttoinjuryAdd N to (X)Plug Me In (2000)

convictpoolCalexicoAlone Again Or (2004)

pleasedtomeetyouJamesGetting Away With It (All Messed Up) (2001)

Flow im Ohr

Wenn der Groove stimmt, hüpft der Floh im Ohr. Doch welcher Beschaffenheit muss die Musik sein, um das possierliche Tierchen in die Gehörgänge zu locken? Faustregel Numero Uno wäre das hartnäckige Ignorieren der gefühlten Hunderten tagtäglich neu erscheinenden Lounge-Compilations. Selbige sind oft so relaxt gehalten, dass sie sämtliche Gliedmaßen zugleich einschläfern. Gediegenen, elektronischen Downtempo erfühlt man am losgelösten Zustand fußwippender Entspanntheit.

Und nun betritt ein neuer Stern die Manege und säbelt gleich Zorro ein Alles fließt in unsere Hirnrinde. Diego Bernal hat den Flow gepachtet. Sein Erstlingswerk For Corners lädt zum Jubilieren ein. Auf gekonnte Weise vermixt er unzählige Stile zu einem durch und durch kohärenten Album, welches die Welt für 40 Minuten federleicht werden lässt. Alles ist easy, man schwebt, wird süchtig nach diesem Joint fürs Ohr.

forcorners

Was macht der werte Herr Bernal nun anders beziehungsweise richtig? Und warum brilliert er in einem längst von Durchschnittlichkeit dominierten Genre? Vielleicht liegen die Antworten in seinem eigentlich Brotberuf, der in seiner Vita als civil rights attorney angegeben ist. Möglicherweise bedarf es eines gerüttelt Maß bierernsten Alltags, um in der Freizeit die musikalische Sau rauszulassen und selbige durch das Dorf gen Vinyl zu treiben. Filetieren und sezieren wir doch in gebotener Kürze Diego Bernals Platte, um zu guter Letzt noch eine Freudensbotschaft darzureichen.

For Corners ist ein über weite Strecken ein Downbeat-Album mit Breakbeat-Charakter. Samples aller Art tummeln sich auf der Scheibe. Elemente des Funk modellieren einen sanften Retro-Sound, Referenzen an J Dilla atmen Hip-Hop-Komponenten. Das kunterbunte Durcheinander wird jedoch immer durch einprägsame Beats strukturiert. Diese sind mal fett (aber nicht feist) und mal zurückhaltend reduziert. Ein Latin-Flair durchweht das Album und bricht sich schön an bereits erwähnten Hip-Hop-Stücken. Jeder noch so kurze Track fristet sein unverwechselbares Dasein, ab und an zwitschert der Rhythmus beschwingt in Richtung Disco (Bring It On Home), dann wieder verheddert er sich gen Rap-Untermalung (Damn You), und ein andermal schaufelt Diego Bernal alles durcheinander (On4). Inmitten der Heiterkeit stechen die Wortschnipsel von May Day hervor, die in Cinemascope Beklemmung schildern. Bereits im folgenden Titel Momma’s Boy franst For Corners mittels Soulröhren-Sample wieder in Ekstase aus.

Aus dem (musikalischen) Nichts ist der Schritt ins fahle Licht der Musiköffentlichkeit mit dieser Scheibe definitiv gelungen. Mehr noch, Diego Bernal liefert ein Meisterstück des Genres als Talentprobe ab. Und dies auch noch kostenlos, denn das gesamte Album ist als freier Download auf der Homepage des Labels erhältlich. Man mag sein Glück nicht fassen und dem Künstler ein „Das ist gut, damit kannste Kohle scheffeln!“ leise hüsteln. Solch ein Geschenk freilich sollte man annehmen und sich daran erfreuen. Ganz großes Kino feiert Flitterwochen mit dem hörereigenen Ohrenschmalz. Diesen Flow im Ohr wird man nicht so schnell los.

Links:

MySpace-Auftritt

Kostenloser Download von For Corners

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