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Musikalisches Tohuwabohu (I): Jaga Jazzist, Four Tet, Matias Aguayo & The Desdemonas

Seit Monaten schon komme ich mit dem Aufräumen meines Postfachs nicht mehr nach, es blutet mein Herz, wenn ich teils nur vermuten kann, wie viele hervorragende Klänge wohl darin dahingammeln. Nun könnte ich mich natürlich zurücklehnen und darauf vertrauen, dass all die Musik auch ohne mein bisschen Zutun ihre Hörer finden wird. Aber mir fehlt halt nach wie vor das Vertrauen in Spotifys Playlist-Algorithmen oder die Unabhängigkeit der meisten Musikmagazine. Und natürlich können auch die sehr geschätzten Bloggerkollegen wie Nicorola oder Coast Is Clear nicht alles alleine stemmen. Daher will ich ab sofort mindestens einmal die Woche das Beste aus dem Kladderadatsch vieler Newsletter und Feeds ohne ganz viel Worte an dieser Stelle auflisten. Möge dies hilfreich sein!

Jaga Jazzist

Vielleicht ist der Begriff mittlerweile aus der Mode und ich habe das nicht mitbekommen, aber ich fand den Genrenamen Nu Jazz stets mit Coolness behaftet. Die norwegische Formation Jaga Jazzist hat sich diesbezüglich so einige Verdienste erworben. Die Band kann schon einige Jahre des Bestehens zurückblicken und hat mit One-Armed Bandit (2010) eine Platte für die Ewigkeit vorzuweisen. Und gerade wenn es um experimentelle Sounds im Allgemeinen und Jazz-Fusion im Speziellen geht, wird der musikalische Zenit oft erst später erreicht als bei schnödem Rock. Darum darf man schon jetzt dem nächsten Werk der Band um Mastermind Lars Horntveth entgegenfiebern. Zur Überbrückung der Wartezeit hat uns Jaga Jazzist nun ein neues Stück spendiert. Prokrastinopel heißt die neue Single, für die der schwedische Gitarrist Reine Fiske als Gast gewonnen werden konnte. Prokrastinopel besticht – wie nahezu der gesamte Output Jaga Jazzists – durch einen funky Groove, der die komplexen Arrangements fast vergessen lässt. Schon allein für diese Finesse muss man die Kapelle lieben. Ihr experimentelles Tun imponiert durch einzigartige Leichtigkeit und eingängigen Charme. Bravo, bitte bald mehr davon!

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Unsere liebsten Songs 2015 (26-50)

Heute will ich ohne große Ansprache den ersten Teil unserer 50 Lieblingslieder vorstellen. Natürlich sind wir keine Listenfetischisten, die aus der Reihenfolge eine Wissenschaft machen wollen. Die Nummerierung dient vor allem der Übersichtlichkeit! All die hier aufgeführten Songs wurden von uns 2015 gerne und viel gehört. Es würde mich sehr freuen, wenn zumindest ein paar dieser Tracks auch beim werten Leser Wirkung zeigen.

keepthevillagealive

26.) Stereophonics – C’est la Vie

Die Pub-Rock-Hyme des Jahres! Das Lokal, in dem diese Nummer ohne jedwede Resonanz durch die Boxen dröhnt, muss erst noch eröffnet werden! (Das Album Keep The Village Alive ist am 11.09.2015 auf Stylus Records erschienen.)

aforestofarms

27.) Great Lake Swimmers – The Great Bear

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Indie-Lieblingslieder 2015 – Ein Zwischenstand (Teil 2)

Ein wenig atemlos hechle ich stets der Musik hinterher. Irgendwann im Jahre 2016 werde ich vielleicht einmal den Jahrgang 2013 endgültig verdaut haben. Ich bin also vielleicht nicht der geeignetste Blogger, um in einer Art Zwischenstand meine ganz persönlichen Indie-Highlights des Musikjahres 2015 aufzulisten. Ich tue es dennoch, denn so einige Highlights habe ich in diesem Jahr bereits entdeckt. Und gute Musik kann man nicht oft genug erwähnen! Hier nun der 2. Teil der Glanzlichter:

BinoculersWhere The Water Is Black (Deutschland) [Das Album Adapted To Both Shade And Sun ist 19.06.2015 auf Insular erschienen.] (Ankündigung)

East Cameron FolkcoreOur City (USA) [Das Album am 10.04.2015 auf Grand Hotel van Cleef erschienen.] (Review)

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Odyssee ohne Ziel – Jaga Jazzist

Manchmal ist es so einfach, ein Album im passenden Genre zu verorten. Im Falle von Starfire wäre das ohne Zweifel Post-Prog-Electronica-Jazz-Rock. Klar, oder? Nach 5 Jahren Studioabsenz hat das norwegische Ensemble Jaga Jazzist endlich wieder zugeschlagen, eine Platte fabriziert, die durch allerlei Stile und Musikrichtungen pflügt. Vor knapp 20 Jahren erschien das Debüt der Band, deren Musik mindestens so im Flux ist wie die Bandbesetzung. Zugleich herrscht Kontinuität vor, neben den drei Geschwistern Horntveth sind auch noch Even Ormestad und Andreas Mjøs aus den Anfangstagen dabei. Kopf dieser ungebrochen experimentierfreudigen Gruppe ist Lars Horntveth, ein bisschen Wunderkind, auf alle Fälle leidenschaftlicher Grenzgänger. Auf den ersten, zweiten, sogar dritten Blick wirkt das neue Werk Starfire freilich nicht so zwingend wie etwa One-Armed Bandit aus dem Jahre 2010. Wo One-Armed Bandit eine brillante Mischung aus Bombast und Groove anbot, verquere Ideen mit Eingängigkeit mixte, scheint Starfire nun kleinteiliger, abwegiger – und dadurch ein wenig unzugänglicher. Der Nu Jazz der Band kann so wunderbar funky und trotz all der Komplexität der Arragements letztlich erstaunlich umkompliziert sein. Starfire fehlt mitunter die Magie des Mühelosen, es lässt den intuitiven, verspielten Fortgang vermissen, obwohl es fraglos eine ausgesprochen hörenswerte Platte ist.

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Photo Credit: Anthony P. Huus

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Release Gestöber 38 (Rover, Yasmine Hamdan, Jaga Jazzist)

Rover

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Wenn ein larmoyanter Sixties-Crooner, vielleicht ein wenig im Stile von Scott Walker, auf das kräftige Außenseiterum eines Meat Loaf trifft, wenn man sich diese Vorstellung im Kopf ein bisschen ausmalt, vermag man in den musikalischen Kosmos von Rover einzutauchen. Der Franzose Timothée Régnier hat unter diesem Alias ein ungeheuer markantes Debüt vorgelegt, eine Singer-Songwriter-Scheibe, die mit Leben und Liebe hadert, dabei nicht verzagt, sich vielmehr den Triumph der lauthals mit der Welt ringenden, geschundenen Seele gönnt. Das wuchtige Remember etwa erzählt von der Einsamkeit des mit einem Korb bedachten („Oh silly I, silly I/ I melted down and cried, alone/ We could’ve settled down on the seaside shore/ And carry the time/ Only you never showed up dear„). Rover macht aus Pathos eine Tugend, erschafft nebenbei einen veritablen Radiohit. Glück ist in seinen Songs generell ein wenig zuverlässiger Gefährte, eine im Leiden verblassende Erinnerung (Tonight). Bitterkeit wird zelebriert, die gierigen, scheuklappigen Lebensmodelle anderer Menschen wirken gnadenlos seziert. Beim melodramatischen Queen Of The Fools bricht dies besonders durch, wenn Zeilen wie „Thinking that you rise? You’re on the wrong ladder/ Sure if it’s money-wise, you’re queen of the fools“ als mitleidslose Abrechnung erschallen. Das gespenstische Wedding Bells versinkt in der Traurigkeit des Rückkehrers, der die Liebste in den Armen eines anderen wiederfindet („The name on doorbell had been changed/ A man had come to ruin the plan/ My expectations are in vain/ I stand alone to my old door„). Die dunkle Electro-Pop-Hymne Silver hebt das Unbehagen auf eine allgemeinere Ebene, malt ein hässliches Gesellschaftsbild. Keinesfalls unter den Tisch fallen sollen die Tracks Carry On und das geradzu ausufernd niederschmetternde Full Of Grace. Dessen Refrain ist der inbrünstige Höhepunkt dieses edlen Albums. Man sollte diese Platte unbedingt in der Deluxe Version erwerben, denn auch die nachfolgenden Bonustracks sind stark. Beispielsweise Silence To Navigate.

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Lie In The Sound präsentiert: Die 10 besten Tracks 2010

Oft scheint ja der eigene Horizont nur eine iPod-Länge entfernt zu sein. Um diese Begrenztheit im Keim zu ersticken, höre ich mir vielerlei Musik an. Beherzige Empfehlungen von Freunden, notiere das Rauschen in meinem RSS-Feed, leihe den Tipps der Fachzeitschriften ein Ohr,  sogar den Mätzchen von Micky-Maus-Bloggern widme ich Aufmerksamkeit. Irgendwie will sich jedoch Angesagtheit partout nicht in meinen Gehörgängen verankern, verheddere ich mich ebensowenig in Geschmacksverpflichtungen. So sind es letztlich die Dauerbrenner und Underdogs, die die Liste meiner liebsten Songs pflastern. Obwohl ich mindestens 100 Lieder präsentieren könnte, die mich 2010 begeisterten, sollen heute zunächst 10 hervorgehoben werden. Weitere 40 werden im Laufe der Woche noch lobende Erwähnung finden. Diese 10 Tracks, welche nun den Anfang machen, sind fraglos edel und ohne Ablaufdatum.

01. Clem SnideI Got High

Begründung: Mastermind Eef Barzelay kreiert einen Song, der hymnische Momente in einen sanften Sound bindet und textlich am Gemächt der amerikanischen Jugend sägt.

02. GrasscutThe Tin Man

Begründung: Weil das vielschichtige Experimentieren unabdingbarer Bestandteil von Musik ist, muss man vor Grasscut den Hut ziehen. Sie schmiedeten viele Versatzstücke zu einem meisterhaft gänsehäuternen Track.

03. Xiu XiuDear God, I Hate Myself

Begründung: Eine derart larmoyant wie augenzwinkernde Electro-Pop-Hymne hat es 2010 kein zweites Mal gegeben.

04. Sharon Van EttenDon’t Do It

Begründung: Mit dem Album Epic stieg sie vom Singer-Songwriter-Talent zur Könnerin empor. Den eindringlichsten, eingängigsten, hintergründigsten Track der Platte bekommt man nicht mehr aus dem Ohr. Warum auch sollte man dies wollen?

05. Fang IslandLife Coach

Begründung: Ein Song, zu dem es sich prima grölen und Bierdosen werfen lässt. Dass ausgerechnet der Auftritt der Band beim diesjährigen Berlin Festival zu den schwächer besuchten geriet, bleibt unverständlich, da die Herren live die reinste Wonne darstellen.

06. Damien JuradoArkansas

Begründung: Jurado könnte spielend 4 Tracks in meinen Top 50 platzieren, bescherte dieses Jahr Momente bestechenster Liedkunst. Das Sahnehäubchen Arkansas überzeugt durch seine sofortige Überwältigung des Hörers.

07. Johnny CashAin’t No Grave

Begründung: Der Auferstehungsgesang einer Legende.

08. SeligVon Ewigkeit zu Ewigkeit

Begründung: Eine schönere Liebeserklärung in deutscher Sprache habe ich 2010 nirgendwo vernommen. Jan Plewka darf sich zumindest meiner ewigliche Verehrung gewiss sein.

09. Jaga JazzistOne-Armed Bandit

Begründung: Startet funkig-sirenesk, flirtet zwischendurch mehrmals heftig mit minimalistischen Motiven, um doch wieder und wieder das Hauptthema aufzugreifen und derart zu forcieren, dass man sich in eine Zeit zurückfühlt, als allein schon die Erkennungsmelodie von Die Straßen von San Francisco vor die Glotze lockte.

10. Justin Townes EarleHarlem River Blues

Begründung: Ein Hochkaräter des Country. Mit einem nicht minder hochkarätigen Song aus dem gleichnamigen Album. In deutschen Gefilden nahezu unbekannt, warum eigentlich?

Fortsetzung folgt…

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Lie In The Sound präsentiert: 30 Alben, die 2010 bereicherten

Endjahresbestenlisten verkörpern neben dem Geschmack des Erstellers vor allem eine blogpolitische Message: Sie möchten triftige Gründe liefern, warum der Leser auch im kommenden Jahr das eine oder andere Mal dem Blog oder Magazin seine Aufwartung machen soll. Nun kann die Strategie dahinter in der Platzierung bekannter Namen und Alben liegen, welche ins Auge springen und dem Besucher das Gefühl geben, sich auf vertrautem Terrain zu bewegen. Eine andere Verfahrensweise besteht in der Nennung des Obskuren und Außenseiterhaften, was wiederum den Entdeckerdrang des Lesers besonders anregt, zugleich eine Underdog-Romantik bedient. Oder aber der Lister packt die Last der Musikwelt auf seine Schultern, filetiert einen allumfassenden Querschnitt, der sämtliche Genres und Stile berücksichtigt, die nicht ausschließlich von moldawischen Entenzüchterchören betrieben werden. Einfach um seinen Kunden zu suggerieren, dass man musikalisch alles, schlichtweg alles geboten bekommt, was nur irgendwie ein Instrument in den Händen zu halten vermag.

All die aufgezählten Zugänge winken verheißungsvoll. Und würden mir dennoch ein Gähnen entlocken, da der unter die Oberfläche tauchende Leser bereits ohnehin erkannt hat, wie es um die Grundausrichtung des Blogs bestellt ist. Warum also nicht eine Auflistung, welche auch dem, der handverliest, einen Spannungsmoment beschert? Aus besagtem Grunde will ich die 30 Lieblingsalben unseres Blogs, davon wurden ja bereits 10 vor 2 Wochen genannt, nach Provenienz sortieren. Welche Aussagekraft lässt sich aus der Herkunft unserer Favoriten ableiten? Einerseits könnte man ihr Hotspots entnehmen, an den von uns verehrte Musik entsteht. Ein weiterer Zugang würde die Weite unseres Horizont determinieren. Und eine dritte – allgemein gültigere – Betrachtung könnte skizzieren, dass auch in Zeiten des ach so globalen Internets gewisse kulturelle und sprachliche Barrieren dazu führen, dass dem neugierigsten Zeitgenossen – nämlich mir – Musik von ganzen Kontinenten de facto verschlossen bleibt. Doch seien nun ohne längere Umschweife die 30 Platten des Jahres präsentiert:

England

Her Name is CallaThe Quiet Lamb

ScannersSubmarine

RPA & The United Nations of SoundUnited Nations of Sound

Grasscut1 Inch / ½ Mile

BonoboBlack Sands

The Strange Death of Liberal EnglandDrown Your Heart Again

Betty and the WerewolvesTeatime Favorites

Exit CalmExit Calm

Allo Darlin‘Allo Darlin‘

Wales

Tom JonesPraise & Blame

USA

Clem SnideThe Meat of Life

Damien JuradoSaint Bartlett

The PostmarksMemoirs At The End Of The World

Sharon Van EttenEpic


EelsEnd Times

BlockheadThe Music Scene

InterpolBroken Bells

Broken BellsBroken Bells

Island

Pascal PinonPascal Pinon

Schweden

SambassadeurEuropean

Nina KinertRed Leader Dream

JunipFields

Norwegen

Jaga JazzistOne-Armed Bandit

Deutschland

Mardi Gras.bbVon Humboldt Picnic

Get Well SoonVexations

Philipp PoiselBis nach Toulouse

HundredsHundreds

Österreich

Francis International AirportIn The Woods

Kanada

Thee Silver Mt. Zion Memorial OrchestraKollaps Tradixionales

Mali

Ali Farka Touré & Toumani DiabatéAli and Toumani

Welche Blöße gibt sich diese Liste? Außer dem bereits erwähnten Umstand, dass sie ganze Kontinente zu weißen Flecken erklärt, Asien, Australien und Südamerika mangels Angeboten negiert. Weiters enthüllt sie, dass nur eine Handvoll Alben nicht die englische Sprache als Mittel des Ausdrucks wählen. Als zusätzliche Information sei erwähnt, dass uns 11 der 30 Platten aktiv von Promotoren angepriesen wurden, während wir bei 19 selbst schon lange mit dem Fernrohr Ausschau haltend harrten oder Breschen durch den Veröffentlichungsdschungel schlugen, um sie zu entdecken. Von den 30 Interpreten waren 13 darunter, von denen wir zum ersten Male ein Platte erlauschten, 8 davon können sich ihres Albumdebüts rühmen. Die Bandbreite der vertretenen Stile reicht von Post-Rock über Twee, Indie-Rock, Downtempo und ähnlichen elektronischen Spielereien hin zu Pop, Folk und gar World Music.

Natürlich kann man nicht jedes 2010 publizierte Werk in Augenschein nehmen. So lebt die Auflistung auch von schmerzhaften Auslassungen. Die aktuelle Scheibe der Manic Street Preachers fehlt ebenso wie Gisbert zu Knyphausens jüngster Release. Auch Sun Kil Moon blieb noch ungehört oder sogar Fran Healys  Alleingang. Daher bedeutet eine etwaige Absenz keinesfalls, dass wir ein Album verdammen. Xiu Xiu fabrizierte einen der besten Track des Jahres und glänzt doch durch Abwesenheit, ähnliches gilt für Johnny Cashs posthume Auferstehung. Vielen davon wird bei unserer Reihung der besten Songs Gerechtigkeit widerfahren. Für heute jedoch gilt, mögen unsere Lieblinge des Jahres beim Leser auf fruchtbaren Boden fallen.

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Lie In The Sound präsentiert: Die 10 besten Alben des Jahres

Heute wollen wir unser geschmackssicheres Füllhorn ausgießen und nach langem Grübeln die 10 besten Alben des Jahres kundtun. Wir haben das ganze Jahr über viele wirklich gute Platten erlauscht und manchmal auch besprochen, mit Sicherheit versteckten sich leider auch viele feine Werk im Gewimmel der Veröffentlichungstermine. Alben sind wie Menschen, die wirklich penetranten, aufdringlichen, anmaßend jovialen bekommen weit mehr Aufmerksamkeit, während die bescheidenen wie begabten Geister im Hintergrund bleiben. Unsere Taschenlampe jedoch leuchtet besonders die hintersten Winkel der Musikszene aus, überschweifen dabei jene, die sich allzu beharrlich Indie auf die Stirn tätowiert haben. Aber sogar manch Rabauke oder bärbeißige Zeitgenosse aus der ersten Reihe verdient Anerkennung, fährt gegenüber geschniegelten Mainstream-Fratzen die Ellbogen aus. Wir hören sie alle, erhören nur einige. Die Welt mag gaga sein, wir sind es jedoch nicht, so erklärt sich unsere Selektion.

1. Her Name is Calla – The Quiet Lamb

Und eben jene Vielschichtigkeit spottet jeder Beschreibung, macht mich ratlos, mit welchen Worten ich empfehlen soll, was doch für sich selbst spricht, wenn man nur das Wagnis eingeht, dieses Album anzuhören. Und ja, das sollte man um jeden Preis tun, wenn man die heiligen Momente der Musik zu ergründen wünscht. (Mehr hier)

2. Clem Snide – The Meat of Life

The Meat of Life erfüllt alle Anforderungen, um als wahres Kleinod den Liebhaber tief- wie eingängiger Musik zu erfreuen. Eine sanfte Melancholie paart sich mit Ironie, zeitlos warme, wunderbar altmodisch umgesetzte, niemals sterile Melodien bestechen. (Mehr hier)

3. Sambassadeur – European

Neben extrovertiertem Pop gibt’s natürlich auch ruhige Seelenschmeichler auf der Platte wie den Track Albatross. Eingängiges Songwriting paar sich hier mit dem charmanten Vortrag von Anna Persson. Zurecht im englischsprachigen Feuilleton gefeiert, zu Unrecht im deutschsprachigen Raum übersehen/unterschätzt, bleibt mir nur ein Fazit: Unbedingt hören, kaufen, lieben! (Mehr hier)

4. Jaga Jazzist – One-Armed Bandit

Eine Platte, die Jazzfunk mit dem hehren Wesen des Minimalismus durchmengt, eine CD, welche fast schon verschwenderisch mit der Verwendung von Instrumenten umgeht und dabei doch ein harmonisches Gesamtwerk kreiert, bei dem jeder Mosaikstein am richtigen Platz liegt, exakt so zeigt sich One-Armed Bandit. (Mehr hier)

5. Damien Jurado – Saint Bartlett

Nie war Damien Jurado zwingender, nie die Harmonie von Musik, Lyrics und Vortrag vollkommener als auf Saint Bartlett. Man vermag sich schwerlich eine Steigerungsmöglichkeit ausmalen. Die Grazie des Werks schwillt in all dem Sehnen, Trauern, Leiden, Suchen und Hoffen zu einer majestätischen Wucht an, welche das tiefste Innere des Hörers in schönste Aufruhr versetzt. (Mehr hier)

6. Scanners – Submarine

Nicht ganz so wütend wie Emily Haines, dafür aber mit der Laszivität der ravonetteschen Sharin Foo darf sich Sarah Daly mit den Scanners spätestens nach dem zweiten Album zur ersten Riege der “Female fronted”-Bands zählen. (Mehr hier)

7. Mardi Gras.bb – Von Humboldt Picnic

Was nun bekränzt Von Humboldt Picnic – abgesehen von der qualitativen Hochwertigkeit? Wohl auch der Umstand, dass Mardi Gras.bb aus Deutschland kommen, das gesamte Ensemble um Mastermind Doc Wenz aber mit der Finesse kosmopolitischer Musik-Koryphäen agiert. So darf diese Expedition in aller Herren und Frauen Länder als hochgradig gelungen erachtet werden. (Mehr hier)

8. The Postmarks – Memoirs At The End Of The World

So wie die Wunderwaffe der Postmarks in jedem Moment die Fähigkeit ihrer Sängerin ist, immer die Gratwanderung zu meistern, zwar lieblich und betörend, nie aber überzuckert zu klingen. Ein Balanceakt, der nur wenigen Interpretinnen gelingt. Ihre Bandkollegen Jonathan Wilkins und Christopher Moll verschaffen die perfekte musikalische Kulisse, vor deren Hintergrund Tim Yehezkely als Hauptdarstellerin zwischen Opfer, Heldin und Schurkin agiert. (Mehr hier)

9. RPA & The United Nations of Sound – United Nations of Sound

Das Schlechteste an dieser Platte ist der Bandname, welchen Richard Ashcroft für sein neues Vehikel gewählt hat. Denn sonst besticht United Nations of Sound als zutiefst schmissige Platte, die ordentlich Rabatz macht und sich zugleich eine vertraute erhabene Opulenz gönnt. (Mehr hier)

10. Get Well Soon – Vexations

Konstantin Gropper vermochte mit Vexations seinen Ruf als Wunderkind zu zementieren. Anspruchsvoller, more sophisticated kann Pop nicht klingen – und freilich auch kaum besser.

Und weil es mit diesen 10 Alben nicht getan ist, die Regeln von Top of the Blogs aber genau dies vorsehen, noch dazu eine Reihung verlangen,  werden wir demnächst weitere Werke nachreichen, die diese Ehre nur knapp verpasst haben.

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Musikalischer Quartalsbericht 2010 (I)

Das erste Quartal war in jeglicher Hinsicht üppig und eigentlich voll von schlagenden Argumenten, dass es keine Krise der Kreativen gibt. Was Musiker so ersannen und in den letzten 3 Monaten in Deutschland veröffentlichten, wird man nicht schnell vergessen können und mögen.

Beginnen wir zunächst mit Electronica. Wenn Blockhead, Four Tet, Bonobo und Autechre allesamt innerhalb kürzester Zeit gewaltige Alben veröffentlichen, strahlt mein Herz zufrieden. Vier Platten feinster Qualität und großer Diversität, angeführt von Blockheads in jeder Hinsicht hervorragenden The Music Scene.  Doch auch pointiertes Songwriting konnte 2010 in all seinen Facetten genossen werden. Ob nun in Form einer existentiellen Wehklage von Eels, der Rückbesinnung der The Magnetic Fields auf ein durch und durch sophisticated und gleichsam eingängiges Songwriting oder auch im famosen Vexations, mit dem Konstantin Gropper alias Get Well Soon endgültig unter Beweis stellte, dass er zu den sehr wenigen deutschen Musikern mit internationalem Format gehört. Völlig unbeachtet lieferten Clem Snide mit The Meat of Life ein kleines, in den Details zündendes Stück gediegensten Songwritings ab.

2010 bot auch ein letztes Abschiednehmen von Johnny Cash, dessen Ain’t No Grave von der Kritik als Leichenfledderei zerpflückt wurde. Ein Schwachsinn und Frevel, denn diese Lieder in einem Archiv versauern zu lassen, das wäre ein Sakrileg der besonderen Sorte gewesen. Auch die letzten gemeinsamen Aufnahmen von Ali Farka Touré mit Toumani Diabaté sind ein gelungenes Vermächtnis, Ali and Toumani gehört fraglos zu den erlesensten Scheiben der World Music dieses Jahres.

Kommen wir zu poppigen Tönen, Sambassadeur aus Schweden konnte mit European eine frische Mischung aus Twee und Indie-Pop finden, welche Genre-Fans sicher durch den Frühling bringen wird. Auch The Postmarks verzauberten mit erquickenden Sounds, die man in hiesigen Breiten noch zu gering schätzt. Das weit zu fassende Feld des Post-Rocks wurde einerseits von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra in erwartbarer Finesse beackert, andererseits begeisterte The Album Leaf mit schlichte Besinnlichkeit von A Chorus of Storytellers.

Zwei Platten verdienen eine besondere Erwähnung. Jaga Jazzist vermochten mit One-Armed Bandit ein kompositorisch komplexes Werk zu erschaffen, dass dennoch pure Hörfreude atmet. Vor solch Können muss man den Hut ziehen. Und fast noch mehr beeindruckte eine unbekannte deutsche Formation namens The Blue Angel Lounge, deren gleichnamiges Debüt unglaublich starken psychedelischen Rock beschert. So gut, dass man die Band partout nicht in Deutschland verorten mag.

Einige Wortfetzen seien auch Enttäuschungen und vorhersehbaren Zumutungen gewidmet. Tocotronic ergaben sich einem Gaga-Dadaismus, der all die Tugenden dieser Band zu einer Fratze verzerrte. Eine Frustration sondergleichen! Dass Vampire Weekend eine richtig flüssiges, also überflüssiges Contra ablieferten, das hingegen war keinerlei Überraschung. Und Joanna Newsoms neuestes Attentat auf kultivierte Gehörgänge ebenso. Aber es wird wohl auch immer Platten geben, die vom Feuilleton in einem Akt von Gesinnungsterror angepriesen und letztlich doch Zumutungen bleiben.

Das Resümee könnte trotz Querschläger nicht besser ausfallen. Die Hoffnung, dass sich die Fülle an Wundertaten im nächsten Quartal wiederholen wird, scheint überzogen. Für den Moment jedoch sollte Zufriedenheit regieren.

Die 10 besten Tracks:

Johnny Cash – Ain’t No Grave
Broken Bells – Trap Doors
Clem Snide – I Got High
Get Well Soon – We Are Free
Sambassadeur – Stranded
Massive Attack – Paradise Circus
Scanners – A Girl Like You
The Postmarks – Thorn In Your Side
Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself
Blockhead – Tricky Turtle

Die besten 10 Alben:

Jaga Jazzist – One-Armed Bandit
Scanners – Submarine
The Blue Angel Lounge – The Blue Angel Lounge
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Kollaps Tradixionales
Get Well Soon – Vexations
The Postmarks – Memoirs At The End Of The World
THUS:OWLS – Cardiac Malformations
Bonobo – Black Sands
Blockhead – The Music Scene
Sambassadeur – European

Die 5 schlechtesten Alben:

Joanna Newsom – Have One On Me
Tocotronic – Schall & Wahn
Vampire Weekend – Contra
Owl City – Ocean Eyes
Delphic – Acolyte

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Nicht zu Tode zu sezieren – Jaga Jazzist

Man kann manch Album zu Tode sezieren, in diverse Einflüsse aufsplittern, solange bis man mit vielen Worten die Originalität des Werkes bricht. Bei One-Armed Bandit von Jaga Jazzist verbietet sich solch ein Ansinnen, mehr noch ist es zum Scheitern verurteilt. Bei aller Würdigung der vielfältigen Inspirationen dieser Scheibe, kommt man dennoch nicht umhin, die eigenständige Dichte anzuerkennen, die ein hochgradig unterhaltsames Stück Musik beschert und mit jeder Note die Freude am Spiel verrät. Allgemein lässt sich die norwegische Formation dem Nu Jazz zurechnen, doch der an und für sich schon schwammige Begriff sollte höchstens als Hinweis auf die Experimentierfreude des Ensembles um Lars Horntveth verstanden werden.

Die Stärke des Albums liegt in einem hemmungslos bombastischen und doch niemals überladenen Sound, welcher mal an ein entspanntes Jazz-Konzert in Montreux Anfang der Siebziger erinnert, dann wieder viel von dem Flair in Bläser badender Themes bekannter TV-Serien dieser Zeit atmet, ab und an in einen Minimalismus verfällt, der aus den Glassworks eines Philip Glass stammen könnte, natürlich oft in den Gefilden des Progressive Rock schlendert, immer von einer handfesten Portion Groove vorwärts getrieben wird. Bereits der Titeltrack One-Armed Bandit fasst die Stoßrichtung des Werks zusammen, startet funkig-sirenesk, flirtet zwischendurch mehrmals heftig mit minimalistischen Motiven, um doch wieder und wieder das Hauptthema aufzugreifen und derart zu forcieren, dass man sich in eine Zeit zurückfühlt, als allein schon die Erkennungsmelodie von Die Straßen von San Francisco vor die Glotze lockte. Bananfluer Overalt gestaltet sich relaxter und ist dennoch nicht weniger schlüssig. 220 V / Spektral entwickelt einen an Effekten reichen Space-Sound, den mittendrin herrlich federleicht-jazzige Bläser dominieren, mir dies Montreux-Feeling verabreichen. Allem haftet trotz gerüttelt Maß an elektronischem Glitter ein herrlich altmodisch warmer Klang an. Toccata präsentiert die Minimal Music eines Steve Reich im Gewand eines Walkürenritts à la Wagner, ehe sich die Chose kräftig und unruhig nervös hochschaukelt. Die massive Vehemenz, mit der die Tracks dargeboten werden, und die schiere Anzahl der verwendeten Instrumente lässt vor dem geistigen Auge ein großes Orchester erstehen, nicht bloß ein neunköpfiges Ensemble.

Auch die zweite Hälfte der CD hält das phantastische Niveau, ob nun Prognissekongen mit den zahlreichen Wendungen, die nochmals das gesamte Repertoire der Band auf über 4 Minuten zusammenfassen, oder dem schwelgerischen, flirrenden Sommer-Feeling von Book Of Glass. Bei Music! Dance! Drama! zeigen sich Jaga Jazzist als Meister des Samplings, entwickeln einen so komplexen wie wummernden, von genialster Kakophonie beseelten Rhythmus voller Brüche. Hervorragendst! Der letzte Track Touch Of Evil tümpelt nochmals in einer längst liebgewonnen, von tausenden Ideen durchzogenen Manier durch die Boxen, kämpfen spacige Sphärenklängen mit einem brutalen Gitarrenriff und preschenden Drums, ehe die Beats vorwärts trippeln und in einen discostampfigen Abgesang münden, der die Herren von Röyksopp vor Neid erblassen lässt.

Was soll man zu einem Album sagen, dass unzählige Wurzeln und Zitate aufweist, so viele, dass ich mir wünschte mehr zu erkennen, und dabei ohne Ausnahme immer stimmig und vor allem originär bleibt. Eine Platte, die Jazzfunk mit dem hehren Wesen des Minimalismus durchmengt, eine CD, welche fast schon verschwenderisch mit der Verwendung von Instrumenten umgeht und dabei doch ein harmonisches Gesamtwerk kreiert, bei dem jeder Mosaikstein am richtigen Platz liegt, exakt so zeigt sich One-Armed Bandit. Jaga Jazzist haben ein enorm kurzweiliges, von struktiertem Chaos beseeltes Werk erschaffen, dessen Anspruch nur noch vom Hörvergnügen übertroffen wird. Ohne irgendeinen Zweifel unter den 5 besten Alben des Jahres 2010.

Tourtermine:

26.02.10 Bielefield – Kamp
05.03.10 Zürich (CH) – Moods
07.03.10 Berlin – Volksbühne

Links:

Offizielle Homepage

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Kostenloser Download von Toccata (nach E-Mail-Registrierung)

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