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Den Mann für ausgesuchte Frivolitäten benötigend und zum schmückenden Beiwerk in der Selbstfindung degradierend – Jasmin Tabatabai

Chanson und deutsche Schauspielerinnen. Das entbehrt nicht einer langen Tradition. Aber Traditionen weisen eben stets auch gruselige Seiten auf. Nicht jede Actrice ist zur Grande Dame Knef geboren. Nun möchte man Jasmin Tabatabai zugute halten, dass sie nicht zu denen zählt, die eine schauspielerische Sinnsuche mit einem Ausflug in die Musik mehr schlecht als recht kaschieren wollen. Tabatabai darf eine Reputation als Sängerin für sich in Anspruch nehmen. Doch noch ein weiteres Pfund beschwert ihr neues, mit dem David Klein Orchester eingespieltes Album Eine Frau. Wenn eine Frau das Frausein für sich reklamiert, schwingt unterschwellig der Wunsch mit, doch endlich und gänzlich ernst genommen zu werden, verbunden mit der Erkenntnis, dass man eine Altersgrenze überschritten hat, die einen endgültigen Abschied vom Adjektiv jung besiegelt.

Foto Credit: Felix Broede

Natürlich kokettiert Tabatabai mit dem Bild eines fragilen, einsamen, gedankenverlorenen Wesens, dessen Unabhängigkeitsdrang den Mann für ausgesuchte Frivolitäten benötigt und ihn zugleich zum schmückenden Beiwerk in der anmutigen wie tiefgründigen Selbstfindung degradiert. Nimm ihn dir überlässt den Partner seiner (noch naiven) Geliebten, entlässt sich selbst in eine rachsüchtige  Ungebundenheit, die eine Frau natürlich gleich für eine Affäre mit dem besten Freund des Verflossenen nutzt. Das Titellied Eine Frau verpackt das Mantra „Eine Frau ist ne Frau ist ne Frau“ in einen dezenten lateinamerikanischen Rhythmus, wirft mit einem nonchalanten Vortrag die Frage auf, wozu eine Frau einen Mann denn braucht, der „ihr auch nur das gibt, was sie selbst nehmen kann„. In diesen Rahmen reiht sich auch der Standard Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben ein, wenngleich aus einer Zeit stammend, in der diese emanzipatorische Frage noch eine Berechtigung hatte. Während den benannten Liedern noch eine Leichtigkeit anhaftet, die man auch als Augenzwinkern (fehl-)interpretieren dürfte, so wirkt Ich weiß nicht zu wem ich gehöre wie eine Musical-Schnulze, die dies Grübeln mit – Überraschung! – „Nur mir ganz allein“ beantwortet und sich in punkto Männer alle Optionen offen hält. Einzig Ein Brautkleid trägt trotz Schönheitsfehlern (Muss sich Ute wirklich auf Jute und die Gute reimen?) den wahrhaftigen Schalk im Nacken, erfreut sich am Schicksal der ewigen Brautjungfer, die selbst nie in die Falle der Konventionen tappt.

Wenn mit Augen in der Großstadt ein Text von Tucholsky musikalisch umgesetzt und in einen grauen Schleier getaucht wird, strahlt diese Platte eine Schwergewichtigkeit aus, wird substantiell ohne in den Kategorien von Gut (Frau) und Böse (Mann) zu schwadronieren. Denn im Grunde ist Jasmin Tabatabai eine überaus begabte Chanteuse mit dem Gefühl für Nuancen und Timing, die die Lieder mit viel Flair ausstattet, dabei von David Klein unterstützt wird. Dessen Arrangements  und Kompositionen sind mitunter spritzig, nie aufdringlich. Manchmal fast zu diskret. Geben Tabatabai unnötig viel Raum zur Entfaltung, den sich eine zum Chanson tendierende Sängerin durchaus selbst erkämpfen sollte.

Eine Frau ist ein fraglos elegantes Album, dessen zeitloser Anspruch durchaus lobenswert scheint. Zugleich wirkt der Selbstfindungstrip als altbackene Chose, die sich zu sehr um Anerkennung bemüht und das ab und an nur notdürftig mit einer Prise vermeintlicher Ironie bemäntelt. Und so würde ich mir von Jasmin Tabatabai ein Album wünschen, welches weniger will und noch mehr kann. Bis dahin darf diese Platte als phasenweise achtbares Versprechen verstanden werden.

Eine Frau ist am 16.09.11 auf Edel erschienen.

Konzerttermine:

25.10.11 Düsseldorf – Savoy
26.10.11 München – Carl-Orff-Saal
27.10.11 Hamburg – Laeiszhalle, kleiner Saal
29.10.11 Dresden – Wechselbad
30.10.11 Frankfurt – Dreikönigskirche
31.10.11 Berlin – Passionskirche

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