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50 Albumschmankerln 2012

Hier nun also der zweite Teil unserer Jahresbestenliste. 40 Alben und 10 EP haben wir als Empfehlungen ausgewählt. Wie schon für unsere 75 Lieblingstracks 2012 gilt auch in diesem Fall, dass diese Liste von Auslassungen lebt. Natürlich wären Get Well Soon oder auch Leonard Cohen heiße Anwärter auf einen Platz in dieser Aufzählung, wenn wir denn jenen Alben heuer mit der gebührenden Ausführlichkeit gelauscht hätten. Doch wenn uns der wöchentliche Veröffentlichungszirkus etwas anderes weismachen möchte, gute Alben werden nicht schnell ranzig. Können auch erst mit ein paar Jahren Verzögerung gefestschmaust werden. Ob ein Musikjahr also beweihräuchert werden darf, das entscheidet sich oft erst lange nach dessen Verstreichen. Das, was uns jedoch bereits jetzt nachdrücklich in Herz und Hirn haften geblieben ist, haben wir folglich hier zusammengetragen. Wir wünschen viel Vergnügen beim Durchstöbern!

Alben

Born To Die_ Lana Del Rey - CMS Source1. Lana Del ReyBorn To Die

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Release Gestöber 30 (Joel Alme, Dusted, Ormonde, Forest & Crispian)

Musik macht aus einem schönen Tag einen noch besseren, darüber hinaus rettet sie auch viele allzu mittelprächtige Stunden. Musik kann somit einiges leisten, wenn wir ihr nur genügend zusprechen. Aber Musik schafft nicht alles. Sie krempelt uns nicht zu großartigeren Menschen um, sie vermag keine emotionalen Wüsten zu bepflanzen. Sie behübscht die Seele, drapiert höchstens einen frischen Farbtupfer in ein welkes Blumenbeet. Mehr leisten Lieder und Alben eben nicht. Und dies erklärt auch, warum diese Welt trotz all der feinen Musik keine paradiesischere wird. Weil egoistische, dumme oder ignorante Menschen durch Musik nie und nimmer bekehrt werden. Bezaubernde Melodien lassen Kretins nicht zu Humanisten mutieren. Leider! Tumbe Zeitgenossen basteln sich lieber ihre eigenen tumben Klänge. Und solchen wollen wir auch heute Klasse entgegensetzen.

Joel Alme

Seit dem Album Waiting For The Bells bin ich dem schwedischen Singer-Songwriter Joel Alme treu ergeben. Wie er die larmoyante Grandezza eines ausgesuchten Sixties-Sounds in die Gegenwart holt, ist ein Ausbund an Eleganz. Das tönt so edel, dass mein Herz freudvoll hüpft. Mit seinem neuen Werk wiederholt Alme diese Glanztat. Auch A Tender Trap flößt mir Balsam ins Gemüt. Die Platte berührt mit allerlei umschmeichelnden Melodien und Almes exquisiten Gesang. Ich fühle mich in eine Zeit zurückversetzt, in der Musik noch keine Beliebigkeit kannte. Joel Alme ist schlichtweg großartig altmodisch, keiner Hipness verpflichtet. Und das zu hören tut unheimlich gut!

A Tender Trap ist am 09.05.2012 auf Razzia Records erschienen. (Vielleicht gibt es ja auch diesmal noch eine verspätete Veröffentlichung in Deutschland.)

Dusted

Aus dem kanadischen Toronto dringt Dusted an mein Ohr. Das Projekt von Brian Borcherdt entpuppt sich als spleeniger, übersteuerter Lo-Fi-Folk mit sentimentaler Note. Das Album Total Dust erwächst zu einem einzigen zwischen Wirklichkeit und Fantasie tingelnden Wachtraum. Es sind Akkorde, die gleich wolkebauschigen Schäfchen vor dem geistigen Auge herumhoppeln und in Wohlfühltrance blöken. Total Dust ist reich an Kostbarkeiten, etwa das gen Orbit galoppierende (Into the) Atmosphere oder ein wunderbar schmermütiges Centuries of Sleep. Ein Album für träumerische Connaisseure. (Mit Dank an Peter von Schallgrenzen für diese Empfehlung.)

Total Dust ist am 10.07.2012 auf Polyvinyl Records erschienen.

Ormonde

Die Singer-Songwriterin Anna-Lynne Williams hat es uns in jeder Hinsicht angetan. Als Frontfrau der formidablen, leider Anfang 2012 aufgelösten Dream-Pop-Band Trespassers William, natürlich auch unter dem Namen Lotte Kestner auf Solopfaden wandelnd oder eben nun zusammen mit Robert Gomez als Duo Ormonde wirkend. Dieser Tage reifen nun die ersten Früchte dieses neuen Projekts, das 10 Titel umfassende Debüt Machine erscheint! Den ersten Vorboten nach schätze ich zwar jede Scheibe der Trespassers William wesentlich höher ein, aber auch Machine hat Meriten erdiger Entrückung. Cherry Blossom etwa ist ein feiner Song, der unaufgeregt wispert und aus dösiger Monotonie seine Wirkung bezieht. Eine von Herzen kommende Empfehlung! (Zwei Tracks des Album sind auf Soundcloud als kostenlose Downloads erhältlich.)

Machine wird am 07.08.2012 auf dem Label Hometapes veröffentlicht.

Forest & Crispian

Kehren wir nun zum Ende hin wieder in skandinavische Gefilde zurück. Das Album Morgenlands des schwedischen Quartetts Forest & Crispian liegt nun schon geschlagene zwei Monate zuoberst auf meinem Stapel der besseren, allerdings nicht unproblematischen Promo-CDs. Irgendwie weckt Morgenlands alle möglichen Zwiespälte in mir. Da treffen gefällige wie skurrile Tracks auf Frontalattacken auf die Gehörgänge. This Ain’t A Song For People Wanting To Have Fun macht seinen Namen alle Ehre, erinnert mich an das unsägliche Fairytale von Alexander Rybak. Hier und auch bei Let The Best Band Win sind Forest & Crispian von sämtlichen guten Geistern verlassen. Ein weiter Minuspunkt sind einige Kurzstücke, die die Platte mit Varieté-Note (Salome) oder Western-Flair (The Rider) unnötig aufblähen. Sie zergliedern die Platte, nehmen auch manch Überraschungsmoment vorweg. Doch genug der Kritik. Denn Morgenlands mangelt es auch nicht an starken Stücken. I Don’t Wan’t To Be Laughed At etwa beschert Freude, wenn der Wilde Westen auf einen Refrain im Stil der Titelmusik von Cheers trifft, nur um den Hörer schließlich clownesk durchs Zirkusrund zu führen. Forest & Crispian machen kein Hehl aus ihrer Vorliebe für schrullig-pittoreske Elemente, wie uns der Titanic-Gedächtnissong Women And Children First beweist („Real men die hiding all their fears/ Real men cry hiding all their tears„). Für solch prima Lieder möchte man die Formation herzen, weil sie unorthodoxe Ideen zelebriert. Oh Copenhagen ist mit seinem ungemein schmalzigen Sechziger-Feeling ein humoriger Track, der bedeutungsschwangeren Akkorden Schlagergrütze entgegenstemmt. Und wenn ich mir dann auch noch das feine A Horse’s Tale vergegenwärtige, komme ich zum Fazit, dass Morgenlands eine phantastische EP ist, die leider zu einer LP mit Durchhängern und Ärgernissen aufgebläht wurde.

Morgenlands ist am 08.06.2012 auf Für Records erschienen.

 

SomeVapourTrails

Unsere musikalischen Favoriten 2011 – Ein Zwischenstand und Vorausblick

Es gibt durchwachsene Jahre und grandiose Jahre. Bislang scheint 2011 noch einen schüchtern bescheidenen Eindruck zu hinterlassen, sich nicht voreilig entscheiden zu wollen. Natürlich verstecken sich feine Platten in den Tagen und Monaten des bislang so flugs verlaufenden Jahres. Aber zünftige Paukenschläge, welche das Herz in höchste Sphären katapultieren, fehlen bis dato mehrheitlich. Oftmals wird aus dem vermeintlichen Trommelwirbel dann doch ein Triangelgeklingel. Das gilt insbesondere für Alben, denen ich recht insbrüstig entgegen geharrt habe. Das neue Werk Take Care, Take Care, Take Care der mir ans Herz gewachsenen Post-Rock-Kulleraugen Explosions In The Sky wirkt ansprechend, aber nie völlig geniedurchblitzt. Die über alle Maßen verehrten The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble haben mich mit From The Stairwell zwar überzeugt, leider jedoch nicht derart enthusiasmiert, wie sie es mit ihren Vorgängerscheiben taten.  Ähnliches ließe sich auch über Joan As Police Woman oder The Low Anthem sagen. 2011 verlangt mir also Neuentdeckungen ab, zumal ich mit den gängigen Charts-Stürmern eher wenig anzufangen weiß. Herbert Grönemeyers Schiffsverkehr wirkt auf mich recht lustlos durchgewunken, die Foo Fighters etwa hatten auch schon mal distinktivere Hits im Repertoire. So sind es eben die jüngst aufgespürten Künstler, welche mir die erste Hälfte des Jahres speziell verzuckerten. Ein Ausblick auf demnächst zur Veröffentlichung anstehende Alben verspricht auch für den Rest des Jahres das eine oder andere Glanzlicht. Man darf gespannt bleiben, immer mit einem weit geöffneten Ohr den Neuerscheinungen begegnen…

Album-Favoriten 2011

Erland & The CarnivalNightingale

Joel AlmeWaiting For The Bells

Anna CalviAnna Calvi

Dark Dark DarkWild Go

Susanne SundførThe Brothel

Sin FangSummer Echoes

PapercutsFading Parade

Amon TobinISAM

Juliette CommagereThe Procession

Africa Hitech93 Million Miles

Lieder 2011:

Sin Fang – Two Boys

Sin Fang : Two Boys from morr music on Vimeo.

Low – Try To Sleep


Low – Try to Sleep (OFFICIAL VIDEO) von subpoprecords

Francesca Lago – On My Way Back From The Moon

Finde weitere Künstler wie Francesca bei Myspace Musik

Beady Eye – Wigwam (simfy)

Erland & The Carnival – Wealldie (simfy)

Dark Dark Dark – Something For Myself

Joel Alme – When Old Love Keeps You Waiting (simfy)

White Lies – Bigger Than Us


WHITE LIES – BIGGER THAN US (official music video) von elnino

Pat Appleton – Männer ohne Pferd

Lotte Kestner – Halo

Veröffentlichungsausblick:

Early Day Miners – Night People (VÖ 12.08.2011)
Beirut – The Rip Tide (VÖ 26.08.2011)
Tinariwen – Tassili (VÖ 02.09.2011)
Sóley – We Sink (VÖ 02.09.2011)
Dear Reader – Idealistic Animals (VÖ 02.09.2011)
Ladytron – Gravity The Seducer (VÖ 09.09.2011)
Cant – Dreams Come True (VÖ 09.09.2011)
dEUS – Keep You Close (VÖ 16.09.2011)
Ane Brun – It All Starts With One (VÖ 16.09.2011)
Shimmering Stars – Violent Hearts (VÖ 16.09.2011)
Laura Marling – A Creature I Don’t Know (VÖ 23.09.2011)
Björk – Biophilia (VÖ 30.09.2011)
Dum Dum Girls – Only In Dreams (VÖ 30.09.2011)
DJ Shadow – The Less You Know the Better (VÖ September 2011)
Noel Gallagher’s High Flying Birds – Noel Gallagher’s High Flying Birds (VÖ 14.10.2011)
Still Corners – Creatures Of An Hour (VÖ 14.10.2011)

SomeVapourTrails

Unzeitgeistige Eleganz – Joel Alme

Musikalische Präferenzen verraten viel über den eigenen Charakter. Rüpel und angehende Knastbewohner arschlochen gut zu protzigem Rap, Unterschichtengemüter bevorzugen Kitsch & Glamour mit plakativen wie flachen Emotionen, aufmüpfige Nerds vergehen in angesagter Indie-Attitüde. Unterkühlte Intellektuelle schließlich lauschen einer Joanna Newsom, wohl deshalb, weil ihre Stimme den perfekten Kulminationspunkt für die Unerträglichkeit des Seins bedeutet. Obwohl ich mich im Bezug auf Musik als geschmacklichen Tausendsassa erachte, kann ich mein Faible für einen warmen, zeitlos eleganten Singer-Songwriter-Sound schwerlich verhehlen. Welches Selbstbild mir dieser Umstand wohl aufdrängt, das würde die gebotene Kürze sprengen. Diese ausholende Einleitung soll vielmehr akzentuieren, warum ich das Album Waiting For The Bells schlichtweg lieben und seinem Schöpfer Joel Alme mit nachgerade überbordender Bewunderung begegnen muss. Allein aufgrund meiner Vorliebe weitet sich das Herz beim Erlauschen der Platte, mag sich das Hirn den Genuss nicht durch ein Differenzieren und Schattieren vergällen. Etwaige Schwachpunkte mit dem Fanatismus eines Erbsenzählers unter dem Musikmikroskop zu suchen, das verbietet sich daher.

Photo Credit: Anna Ledin

Ich will gar nicht lange um den den heißen Brei schwafeln, der Schwede Alme beschert ein Kompendium an Sixities-Melodien, prächtig arrangiert, für immer in Schönheit gegossen. Derart mit Haut und Haar retroesque, dass man das Entstehungsdatum nie und nimmer im Jetzt verorten möchte. Waiting For The Bells mutet wie ein zu höchster Würde gereifter Klassiker an, erhaben und wonnig in den Harmonien, ein manches Mal an Dylan erinnernder Gesang – ohne dessen Knarz zu imitieren. So zitationsreich Lied für Lied tönt, so eigenständig gerät die musikalische Interpretation einer Epoche auf eine gute halbe Stunde. Fein justiert Alme den Schmelz in seiner Stimme, gibt nicht nur, aber eben auch den Crooner. Bezaubernde, am Sentiment pinselnde Streicher sowie tun ihr Übriges, um jeden Makel von dieser Platte fernzuhalten.

Schon die ersten 30 Sekunden von When Old Love Keeps You Waiting benetzen den Gaumen, dass sämtliche Speichelflüsse nur so lossprudeln. Was früher das Zeug zum schmachtenden Gassenhauer gehabt hätte, steht heute voll nostalgischer Grazie allein auf weiter Flur. Das apodiktische No Class samt seiner wohltönenden Verdammung „There is no heart left that seems to miss you/ There is no loving eye on you“ oder auch No Luck To Give trotzen den atemberaubend orchestrierten Klängen eingängige Bitterkeit oder in letzterem Falle ein Ringen um ein Happy End ab. Mit dem von Geigen durchwirkten You Remember The Good Times But The Good Times Don’t Remember You präsentiert Alme seine gesangliche Dylan-Hommage, welche die Konturen des Werks weiter schärft. Ihm sind die Meister der Sechziger allesamt vertraut, doch kopiert er sie nicht, sondern teilt mit ihnen die Fähigkeit, gediegen-eingängige Melodien aus dem Ärmel zu schütteln, die sich einfach nicht abnützen und mehr als nur auf einen netten Refrain aufbieten. Er bastelt das Album mit dem nötigen Bombast, spart Rock und Revolte aus, versteift sich auf die ewig aktuellen Themen Liebe, Schmerz und Verlangen. On This Night Of Loving Arms verkörpert einmal mehr all die Grandezza einer Ära, deren ausladende Formen in ein perfekt geschneidertes Korsett gefügt wurden.

Dass vorliegende CD erst mit einem Jahr Verspätung einen deutschen Veröffentlichtungstermin verpasst bekommt, darf man mit ärgerlichem Kopfschütteln  bewerten. Nahezu jedwedes Schnickschnackalbum wird heutzutage sogleich in aller Herren Länder vertrieben, dieses Juwel freilich nicht. Alter Schwede, entfleucht es mir, was für einen wohlklingenden Geniestreich hat Joel Alme hier fabriziert. Waiting For The Bells wird Ende 2011 unzweifelhaft in den Top 3 meiner Jahresbestenliste zu finden sein.  Mit diesem Sound, der das Gestern ins Heute holt, dabei nichts verklärt oder überfrachtet, mit solch Attitüde hat sich Alme dauerhaft in meine Ohren gepflanzt. Was nun verrät meine Schwäche für dies Album? Unzeitgeistige Eleganz – schwappt sie mir nicht auch durch sämtliche Glieder?

Waiting For The Bells ist am 21.01. auf Razzia Records erschienen.

Tracklisting:

1. When Old Love Keeps You Waiting
2. You Will Only Get It Once
3. The Spell Of Brothers
4. If You Got Somebody Waiting
5. The Way We Used To Beg
6. No Class
7. No Luck To Give
8. Waiting For The Bells
9. On This Night Of Loving Arms
10. You Remember The Good Times But The Good Times Don’t Remember You
11. Spanish Moss

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Review auf The Line of Best Fit

SomeVapourTrails