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Späte Wiedergutmachung – Johnny Cash

Es gibt Dinge, bei denen mir die Spucke wegbleibt. Etwa wenn man „verlorene“ Aufnahmen des großen Johnny Cash nun plötzlich wiederentdeckt und unter dem Namen Out Among The Stars veröffentlicht. Cash ist die Legende des Country, nicht zuletzt ihm ist es zu verdanken, dass das Genre bis heute so etwas wie Glaubwürdigkeit besitzt und nicht samt und sonders der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Und auch wenn Cash im Rahmen seiner fast 50 Jahre im Musikgeschäft nicht eben wenige Lieder und Platten aufgenommen hat, so sind ihm diese zwischen 1981 und 1984 aufgenommenen Tracks wohl keineswegs aus dem Gedächtnis entfleucht. Sie wurden von ihm wohl nie vergessen, vielmehr verdrängt. Denn sie entstanden in einer Zeit, als sich das Verhältnis zwischen ihm und seiner langjährigen Plattenfirma Columbia zunehmend verschlechterte, was Mitte der Achtziger auch zur teilweisen Trennung führte. Zumindest als Solo-Künstler ging er neue Wege, lediglich mit seinen Outlaw-Country-Weggefährten Waylon Jennings, Willie Nelson und Kris Kristofferson nahm er als The Highwaymen erfolgreiche Alben für Columbia auf. Trotzdem stand er in den Achtziger nicht besonders hoch im Kurs, erst Mitte der Neunziger erlebte er mit den American Recordings eine unerwartete, bis heute kultisch verehrte Renaissance. All das sollte im Hinterkopf haben, wenn man sich mit Out Among The Stars beschäftigt.

Die Aufnahmen zu Out Among The Stars wurden also von der Plattenfirma über die Jahrzehnte vergessen und sind im Zuge der Aufarbeitung des Nachlasses entdeckt worden. Sie belegen, dass Cash auch in den Jahren rückgängiger Popularität integre Musik fabriziert hat. Ihre Veröffentlichung steht für eine späte Wiedergutmachung, somit auch für das Eingeständnis einer Plattenfirma, starke Songs nicht als solche wahrgenommen zu haben. Es stellt sich natürlich die Frage, wie sehr die Aufbereitung der Aufnahmen zur frischen Zeitlosigkeit des Sounds beigetragen hat. Im Booklet wird nur vage von einem „additional recording“ unter der Ägide von Cashs Sohn John Carter Cash gesprochen. Sofort ins Ohr sticht allerdings der Umstand, dass der Man in Black bei feiner Stimme war. Noch hatten sich gesundheitliche Problem nicht auf den gesanglichen Ausdruck geschlagen. Hier glänzt und funkelt sein Bassbariton noch, von der ebenso markanten Knarzigkeit seiner Spätphase ist noch nichts zu hören. Natürlich ist es der feuchte Traum jedes Kritikers, in dieser Platte ein Verbindungsglied zwischen dem klassischen Cash und der späteren genialen Neufindung zu sehen. Der Wiederentdeckung dadurch musikhistorische Dimension zu verleihen. Diesen Gefallen kann Out Among The Stars jedoch nicht leisten. Es ist nie hip oder von existenziellem Grübeln gekennzeichnet, taugt zur Ausweitung des Kults kaum. Es besticht als Album aus der Spätphase des klassischen Country-Stils, dem manch Ärgernisse der Achtziger erspart geblieben sind.

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Alter Wein in neuen Schläuchen – Quo vadis, Reclam?

Heute will ich offen bekennen, dass ich – noch ehe die Musik in den Vordergrund meines Lebens rückte – einer ebenfalls mächtigen Leidenschaft frönte, der Leserattenexistenz nämlich. Bereits während meiner Jahre als Teenager verschlung ich Bücher, griff tief in die Taschen, um auch den letzten Groschen meines Taschengeldes für Lesestoff aufzuwenden. Das allein wäre nun sogar heutzutage, Harry Potter sei Dank, kein absonderliches Verhalten, welches besorgte Eltern als Entwicklungsstörung klassifizieren könnten. Ich hingegen pflegte eine ausgepräge Vorliebe für die in der Regel gelben, dünnen Heftchen von Reclam. Ja, genau jene, mit denen Generationen von Deutschlehrern ihre Schüler drangsalierten! Ich las mich quer durch die Weltliteratur, mit Mut zur Lücke und Hang zum Obskurem. Scheute auch vor den orangefarbenen, zweisprachigen Ausgaben nie zurück. Bis heute gehört Der Ackermann und der Tod von Johannes von Tepl zu den eindringlichsten Stücken Literatur, die ich je gelesen habe.

Nicht zuletzt wegen meiner ausgeprägten Affinität zu Reclam wurde ich hellhörig, als mir im Februar per E-Mail verkündet wurde, dass nun auch eine Reclam Musik Edition ins Leben gerufen würde. Reclam bleibt für mich stets Synonym für erschwingliche Klassiker, welche man für sich entdecken darf – und nicht muss. Zugleich konterkariert Reclam das bildungsbürgerliche Streben nach Schein, indem der Verlag Meilensteine der Literatur in unscheinbaren wie unverkennbaren Büchlein kultiviert, allgemein erschwinglich macht und sich eben nicht auf edel aufgemachte Wälzer fokussiert, die vielfach vorzeigbares Kernstück einer jeden Büchersammlung vermeintlich belesener Kreises bilden. Zugleich bietet Reclam oft kurze Einführungen oder Nachworte, die Novelle wie Theaterstück nicht völlig nackt dastehen lassen. Und ähnlichen Mehrwert erwartete ich denn auch von besagter Musik Edition, deren ersten 3 Ausgaben nun vor mir auf dem Tisch liegen.

Als alter Jünger eines Johnny Cash, der ich mich nach wie vor rühme, den Mann in Schwarz zweimal live gesehen zu haben. Der ich schon mal von einem wildfremden Menschen einen Drink spendiert bekam, weil ich mit breiter Brust ein cooles T-Shirt mit der zerfurcht-beeindrucken Visage Cashs trug.  Kurz gesagt, als verzücktem Fan freut es mich natürlich, dass ausgerechnet eine Zusammenstellung des Cashschen Wirkens die neue Reclam-Reihe eröffnet. Das darf man Sony als Partner Reclams verdanken, die hierfür den Backkatalog geplündert haben. Doch hält die Prämisse der Reihe, All Time Best nämlich, einer nähren Überprüfung stand? Meine derartig plakativ geäußerte Frage provoziert zwangsläufig ein Nein. Die Mechanismen der Musikindustrie führen natürlich zu einer verkürzten Darreichung seines Werkes. Was Cash in den letzten 10 Jahren seines Lebens an Famositäten geleistet hat, diese überragenden American Recordings fehlen gänzlich, weil bei einem anderen Label erschienen. Im Falle von Kompilationen der größten Hits sind Erfolge bei anderen Plattenfirmen prinzipiell in ein Paralleluniversum verbannt. Vorliegende Edition präsentiert somit Cash über den Zeitraum vom Ende der 50er-Jahre an bis zu seinem Bruch mit Columbia in den Achtzigern. Selbstverständlich ergibt sich allein aus der Fülle von Material wahrlich kein Mangel an Liedern, die für eine Zusammenstellung in Betracht kommen.

Tatsächlich exisitieren bereits ein paar Versuche dem Werk Cashs gerecht zu werden und ungezählte, die nur auf kommerzielle Ausbeutung abzielen. Aus Wohlwollen möchte man Reclams Ausgabe mit Liner Notes und zeitlicher Einordnung des Schaffens durchaus eine lobenswerte Attitüde unterstellen. Freilich mit einem unverzeihlichen Schönheitsfehler behaftet. Eben diese Zusammenstellung mit dem identen Tracklisting existiert bereits unter dem Titel The Man in Black (The Definitive Collection), aktuell bei amazon um fast 3 Euro günstiger erhältlich. Vermutlich ohne Liner Notes und nicht in das distinktive Gelb Reclams gegossen, aber trotzdem hört man alten Wein in neuen Schläuchen rieseln. Obzwar die Zusammenstellung durchaus befriedigend gewählt scheint, Klassiker wie Ring Of Fire, Folsom Prison Blues, A Boy Named Sue oder I Walk The Line fehlen ebensowenig wie das wunderbare Cover von Springsteens Highway Patrolman, verabsäumt es Reclam, Sony mehr als nur ein kultiges Design zu bescheren.

Die zweite CD der Reclam Musik Edition widmet sich Miles Davis. Ich zähle mich keineswegs zu den ausgewiesen Jazz-Connaisseuren, komme aber nicht umhin, Davis für Tracks wie In A Silent Way und Jean Pierre zu vergöttern. Beide Titel fehlen auf der Ausgabe von All Time Best, deren Untertitel Cool & Collected wenigstens offenlegt, dass diese Auslese bereits vorher in der gleichen Form existierte (und bei amazon wiederum billiger zu haben ist). Ob eine Werksschau allerdings die Interpretationen von Time After Time und Human Nature auf diese Scheibe packen musste? Das wage ich als weiteres Minuspünktchen zu werten.

Die dritte Ausgabe schließlich heftet sich Bob Dylan auf die Fahnen, dieses Mal an dem 2007 erschienen Sampler Dylan orientiert. Auch hier wird dem ausgesprochenen Fan kein zwingender Mehrwert geboten, der einen Kauf uneingeschränkt rechtfertigen würde. Dem unbeleckten Laien freilich mag die geballte Kraft von Liedern wie Hurricane, Like A Rolling Stone, Blowin‘ In The Wind oder Tangled Up In Blue ein musikalisches Universum eröffnen, welches Musik von ihrer tiefgängigsten und eindringlichsten Seite präsentiert. Doch spätestens mit dieser CD drängt sich mir eine Grundsatzfrage auf.

Für welche Zielgruppe wurde die Reclam Musik Edition entworfen? Wohl kaum für gedankenlose Zeitgenossen, die ihre Albensammlung durch Greatest Hits vom Grabbeltisch komplettieren, oder Käuferinnen, die ab und an mal in der Stimmung für Jazz sind und sogleich ihre Wohnung mit CDs à la Jazz for Lovers beschallen. Der ernsthaftere, anspruchsgeprägte Musikliebhaber wird in aller Regel bereits eine hochwertige, in ein Box-Set gefasste Werksschau in seinem Besitz wissen. Ob dem heutigen Jungspund Reclam noch ausreichned als Inbegriff für günstige Meisterwerke der Literatur im Gedächtnis verhaftet ist, um auch hinsichtlich der Musik als gute Wahl erachtet zu werden?

So sehr ich mich prinzipiell mit dem Gedanken einer Reclam Musik Edition anfreunden kann, so verbesserungswürdig erscheint mir das Konzept. Wenn der Partner Sony alternative Versionen bekannter Klassiker, denkwürdige Live-Aufnahmen oder manch Rarität springen lassen würde, könnte sich diese Reihe durchaus zu einem Meilenstein mausern, den Namen Reclam über den Literaturbetrieb hinaus mit zusätzlichem Glanz erfüllen. So wie sich der Auftakt der Edition bis dato präsentiert, fehlt der typische Kaufanreiz, welcher Reclam generell adelt: Der Preis. Ich hoffe doch sehr, dass Reclam und Partner Sony über Sinn und Zweck dieses nicht uncharmanten Angebots nochmals brüten. Alter Wein in neuen Schläuchen kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Sonst müsste ich mich wirklich zu einem „Quo vadis, Reclam?“ hinreißen lassen.

Link:

Reclam Musik Edition

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Lie In The Sound präsentiert: Die 10 besten Tracks 2010

Oft scheint ja der eigene Horizont nur eine iPod-Länge entfernt zu sein. Um diese Begrenztheit im Keim zu ersticken, höre ich mir vielerlei Musik an. Beherzige Empfehlungen von Freunden, notiere das Rauschen in meinem RSS-Feed, leihe den Tipps der Fachzeitschriften ein Ohr,  sogar den Mätzchen von Micky-Maus-Bloggern widme ich Aufmerksamkeit. Irgendwie will sich jedoch Angesagtheit partout nicht in meinen Gehörgängen verankern, verheddere ich mich ebensowenig in Geschmacksverpflichtungen. So sind es letztlich die Dauerbrenner und Underdogs, die die Liste meiner liebsten Songs pflastern. Obwohl ich mindestens 100 Lieder präsentieren könnte, die mich 2010 begeisterten, sollen heute zunächst 10 hervorgehoben werden. Weitere 40 werden im Laufe der Woche noch lobende Erwähnung finden. Diese 10 Tracks, welche nun den Anfang machen, sind fraglos edel und ohne Ablaufdatum.

01. Clem SnideI Got High

Begründung: Mastermind Eef Barzelay kreiert einen Song, der hymnische Momente in einen sanften Sound bindet und textlich am Gemächt der amerikanischen Jugend sägt.

02. GrasscutThe Tin Man

Begründung: Weil das vielschichtige Experimentieren unabdingbarer Bestandteil von Musik ist, muss man vor Grasscut den Hut ziehen. Sie schmiedeten viele Versatzstücke zu einem meisterhaft gänsehäuternen Track.

03. Xiu XiuDear God, I Hate Myself

Begründung: Eine derart larmoyant wie augenzwinkernde Electro-Pop-Hymne hat es 2010 kein zweites Mal gegeben.

04. Sharon Van EttenDon’t Do It

Begründung: Mit dem Album Epic stieg sie vom Singer-Songwriter-Talent zur Könnerin empor. Den eindringlichsten, eingängigsten, hintergründigsten Track der Platte bekommt man nicht mehr aus dem Ohr. Warum auch sollte man dies wollen?

05. Fang IslandLife Coach

Begründung: Ein Song, zu dem es sich prima grölen und Bierdosen werfen lässt. Dass ausgerechnet der Auftritt der Band beim diesjährigen Berlin Festival zu den schwächer besuchten geriet, bleibt unverständlich, da die Herren live die reinste Wonne darstellen.

06. Damien JuradoArkansas

Begründung: Jurado könnte spielend 4 Tracks in meinen Top 50 platzieren, bescherte dieses Jahr Momente bestechenster Liedkunst. Das Sahnehäubchen Arkansas überzeugt durch seine sofortige Überwältigung des Hörers.

07. Johnny CashAin’t No Grave

Begründung: Der Auferstehungsgesang einer Legende.

08. SeligVon Ewigkeit zu Ewigkeit

Begründung: Eine schönere Liebeserklärung in deutscher Sprache habe ich 2010 nirgendwo vernommen. Jan Plewka darf sich zumindest meiner ewigliche Verehrung gewiss sein.

09. Jaga JazzistOne-Armed Bandit

Begründung: Startet funkig-sirenesk, flirtet zwischendurch mehrmals heftig mit minimalistischen Motiven, um doch wieder und wieder das Hauptthema aufzugreifen und derart zu forcieren, dass man sich in eine Zeit zurückfühlt, als allein schon die Erkennungsmelodie von Die Straßen von San Francisco vor die Glotze lockte.

10. Justin Townes EarleHarlem River Blues

Begründung: Ein Hochkaräter des Country. Mit einem nicht minder hochkarätigen Song aus dem gleichnamigen Album. In deutschen Gefilden nahezu unbekannt, warum eigentlich?

Fortsetzung folgt…

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Musikalischer Quartalsbericht 2010 (I)

Das erste Quartal war in jeglicher Hinsicht üppig und eigentlich voll von schlagenden Argumenten, dass es keine Krise der Kreativen gibt. Was Musiker so ersannen und in den letzten 3 Monaten in Deutschland veröffentlichten, wird man nicht schnell vergessen können und mögen.

Beginnen wir zunächst mit Electronica. Wenn Blockhead, Four Tet, Bonobo und Autechre allesamt innerhalb kürzester Zeit gewaltige Alben veröffentlichen, strahlt mein Herz zufrieden. Vier Platten feinster Qualität und großer Diversität, angeführt von Blockheads in jeder Hinsicht hervorragenden The Music Scene.  Doch auch pointiertes Songwriting konnte 2010 in all seinen Facetten genossen werden. Ob nun in Form einer existentiellen Wehklage von Eels, der Rückbesinnung der The Magnetic Fields auf ein durch und durch sophisticated und gleichsam eingängiges Songwriting oder auch im famosen Vexations, mit dem Konstantin Gropper alias Get Well Soon endgültig unter Beweis stellte, dass er zu den sehr wenigen deutschen Musikern mit internationalem Format gehört. Völlig unbeachtet lieferten Clem Snide mit The Meat of Life ein kleines, in den Details zündendes Stück gediegensten Songwritings ab.

2010 bot auch ein letztes Abschiednehmen von Johnny Cash, dessen Ain’t No Grave von der Kritik als Leichenfledderei zerpflückt wurde. Ein Schwachsinn und Frevel, denn diese Lieder in einem Archiv versauern zu lassen, das wäre ein Sakrileg der besonderen Sorte gewesen. Auch die letzten gemeinsamen Aufnahmen von Ali Farka Touré mit Toumani Diabaté sind ein gelungenes Vermächtnis, Ali and Toumani gehört fraglos zu den erlesensten Scheiben der World Music dieses Jahres.

Kommen wir zu poppigen Tönen, Sambassadeur aus Schweden konnte mit European eine frische Mischung aus Twee und Indie-Pop finden, welche Genre-Fans sicher durch den Frühling bringen wird. Auch The Postmarks verzauberten mit erquickenden Sounds, die man in hiesigen Breiten noch zu gering schätzt. Das weit zu fassende Feld des Post-Rocks wurde einerseits von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra in erwartbarer Finesse beackert, andererseits begeisterte The Album Leaf mit schlichte Besinnlichkeit von A Chorus of Storytellers.

Zwei Platten verdienen eine besondere Erwähnung. Jaga Jazzist vermochten mit One-Armed Bandit ein kompositorisch komplexes Werk zu erschaffen, dass dennoch pure Hörfreude atmet. Vor solch Können muss man den Hut ziehen. Und fast noch mehr beeindruckte eine unbekannte deutsche Formation namens The Blue Angel Lounge, deren gleichnamiges Debüt unglaublich starken psychedelischen Rock beschert. So gut, dass man die Band partout nicht in Deutschland verorten mag.

Einige Wortfetzen seien auch Enttäuschungen und vorhersehbaren Zumutungen gewidmet. Tocotronic ergaben sich einem Gaga-Dadaismus, der all die Tugenden dieser Band zu einer Fratze verzerrte. Eine Frustration sondergleichen! Dass Vampire Weekend eine richtig flüssiges, also überflüssiges Contra ablieferten, das hingegen war keinerlei Überraschung. Und Joanna Newsoms neuestes Attentat auf kultivierte Gehörgänge ebenso. Aber es wird wohl auch immer Platten geben, die vom Feuilleton in einem Akt von Gesinnungsterror angepriesen und letztlich doch Zumutungen bleiben.

Das Resümee könnte trotz Querschläger nicht besser ausfallen. Die Hoffnung, dass sich die Fülle an Wundertaten im nächsten Quartal wiederholen wird, scheint überzogen. Für den Moment jedoch sollte Zufriedenheit regieren.

Die 10 besten Tracks:

Johnny Cash – Ain’t No Grave
Broken Bells – Trap Doors
Clem Snide – I Got High
Get Well Soon – We Are Free
Sambassadeur – Stranded
Massive Attack – Paradise Circus
Scanners – A Girl Like You
The Postmarks – Thorn In Your Side
Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself
Blockhead – Tricky Turtle

Die besten 10 Alben:

Jaga Jazzist – One-Armed Bandit
Scanners – Submarine
The Blue Angel Lounge – The Blue Angel Lounge
Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra – Kollaps Tradixionales
Get Well Soon – Vexations
The Postmarks – Memoirs At The End Of The World
THUS:OWLS – Cardiac Malformations
Bonobo – Black Sands
Blockhead – The Music Scene
Sambassadeur – European

Die 5 schlechtesten Alben:

Joanna Newsom – Have One On Me
Tocotronic – Schall & Wahn
Vampire Weekend – Contra
Owl City – Ocean Eyes
Delphic – Acolyte

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Stippvisite – 01/03/10

Über die Woche hat es wieder einmal einiges an Treibgut in unsere gefühlten Tausenden von Bookmarks gespült. Daran wollen wir die werten Leser wieder einmal teilhaben lassen…

Hörtipp:

Ich gestehe gerne, dass ich mit der griechischen Musikszene nicht vertraut bin. Unter dem Aspekt war ich angenehm überrascht, als ich zum ersten Male der in Athen ansässigen Band Night On Earth gelauscht habe. Klingt gut, hat Hand und Fuß und wird beim diesjährigen SXSW-Festival zu hören sein.
Night On Earth – Hotel (live@Gagarin, 19.03.09)

Night On Earth | MySpace Music Videos

Hörtipp:

Apropos SXSW! Eine kanadische Folk-Sängerin namens Catherine MacLellan, über die ich schon lange ein paar Worte verlieren wollte, wird dort ebenfalls auftreten. Ihr puristischer Zugang ohne Schnickschnack erfindet das Rad nicht neu, verfehlt aber auch nicht seine Wirkung.

Ausgiebige Hörproben sind auf der Labelseite von True North Records verfügbar. Das 2009 erschienene Album Water In The Ground ist ein durch und durch hörenswertes Kleinod.

Konzerttipp:

Unseren Konzertkalender haben wir für März aktualisiert. Und einmal mehr möchte ich allen die deutsche Band Mariahilff ans Herz legen, die in diesem Monat wieder ein paar Gigs spielt. So clevere Lyrics wünschte ich mir öfters. Ein absolut famoses Album, dass die Herren um Lars Rudolph im vergangenen Jahr veröffentlicht haben – wie ich hier bereits ausgeführt habe.

Live-Termine:
11.03.10 Hamburg – Golden Pudel Club
12.03.10 Hannover – Silke-Arp-Bricht
18.03.10 Jena – Rosenkeller
19.03.10 Erfurt – Museumskeller
20.03.10 Stuttgart – Wagenhallen

Webtipp:

Die Sendung Breitband von Deutschlandradio hat SoundCloud porträtiert. Möge sich diese Idee durchsetzen!

Lesetipp:

Wenn die deutsche Kritikerzunft Johny Cashs Ain’t No Grave auf das Niveau eines Ausverkaufs reduziert, zeigt sich doch deutlich, dass das deutsche Feuilleton auch schon mal niveauvoller war. Jan Kühnemund für ZEIT ONLINE, Michael Pilz für WELT ONLINE und Thomas Winkler für die Frankfurter Rundschau haben ihr Urteil abgegeben, doch so richtig hat keiner der Herren die Platte verstanden. (via ByteFM Magazin)

Immerhin hat Johannes Waechter auf dem SZ-Magazin Musikblog sinnigere Worte gefunden.

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Loslösung von den Fesseln der irdischen Existenz – Johnny Cash

Heute wäre Johnny Cash 78 Jahre alt geworden. Und ebenfalls heute wird sein Monument um einen weiteren Sockel emporgehoben, erscheint in Deutschland doch der letzte Teil der American-Recordings-Reihe, die sein kongenialer Produzent Rick Rubin nun zu einem denkwürdigen Ende führt. American VI: Ain’t No Grave präsentiert die letzten Aufnahmen einer von Krankheit gezeichneten Legende, die bis zum Tode in absoluter Höchstform agierte. Trotz – oder vielleicht sogar wegen – körperlicher Defizite, die sich in einer brüchigen Stimme offenbaren, wirkt die Botschaft umso eindringlicher, voll Weisheit, letzte Reflexionen eines um das eigene Ende wissenden Menschen. Das verdient Respekt, vor allem weil Cash sich nicht in Schmerzen suhlt, Selbstmitleid quengelig vorträgt und auch keinen Anflug von Panik und Sinnkrise zeigt. Auch gramgebeugt bleibt der alte Mann seinen Überzeugungen treu, bewahrt Haltung – mehr noch: Hoffnung -, während der Leib bröckelt.

Ain’t No Grave zeigt sich als Album, das oft ausgeblendeten Themen wie Tod und Glauben Platz einräumt, öffentlich bekennt, was eine vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft bereits in das stille Kämmerlein des Privaten zu verdrängen sucht. Cash zittert sich nicht mit weichen Knien dem Sterben entgegen, all seine Weisheit kennt das Dunkel und das Licht, erzählt in einem Kraftakt davon. Genau aus diesem Umstand heraus gerät das Werk nicht zur finalen Auflösung einer Verlassenschaft, versucht Rick Rubin keine Profitmaximierung durch Aneinanderfügung irgendwelcher Gesangsschnipsel, sondern stellt Ain’t No Grave eine für Fans unschätzbare wie unverzichtbare Botschaft dar, unterstreicht mit jedem Song die Wahrhaftigkeit und Integrität von Johnny Cash.

(c) Universal Music 2010

Bereits der kettenrasselnde Titelsong lässt Auferstehung zur knorrig-bestärkenden Gewissheit aus dem Jenseits werden, jedoch nicht als eitle Wonne, es bleibt ein zähes Ringen um Erlösung. Cash schmachtet nie in Milchmädchenfantasien und exakt aus diesem Punkte unterscheidet er sich von all den Vertretern christlicher Musik, die nur den Himmel voller Geigen oder tiefste Höllenschlunde kennen. Auch Cashs letztes selbstverfasstes Lied I Corinthians 15:55 bekundet mit den Zeilen „Oh death, where is thy sting? Oh grave, where is thy victory?“ Zuversicht ohne Erlösung als selbstverständlichen Automatismus zu verstehen, wie dies die vielen falschen Prediger tun. Und warum ein vom Leben durchgeschüttelter Mensch mit all seinen Krisen dieses Vertrauen aufbauen konnte, wird durch die Coverversion von Satisfied Mind deutlich. Mit der hawaiianisch Ballade Aloha Oe, die wiederum den Abschied nur auf Zeit sieht, endet ein Platte, welche in gelungener Manier Gospel, Country und Folk als Motor zum Transport der essentiellen Aussage, wonach Tod kein Zerbröckeln einer Existenz bedeutet, verwendet. Trostvoll legt Cash sein Credo dar, sucht nicht hektisch nach großen Gesten, besticht umso mehr mit der bescheidenen Eindringlichkeit seiner Stimme. Und darum gerät sein Farewell nie zu pathetisch.

Mit Ain’t No Grave hat sich Johnny Cash erfolgreich von den Fesseln der irdischen Existenz gelöst. Diese Grundstimmung führt das Album zu einem triumphalen Ende, dessen Hoffnung sich auf den Hörer überträgt. Dafür kann man Cash nur dankbar sein.

Tracklist:
1. Ain’t No Grave
2. Redemption Day
3. For the Good Times
4. I Corinthians 15:55
5. Can’t Help But Wonder Where I’m Bound
6. Satisfied Mind
7. I Don’t Hurt Anymore
8. Cool Water
9. Last Night I Had the Strangest Dream
10. Aloha Oe

Link:
Label-Seite

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Erste Hörprobe aus Johnny Cashs Ain’t No Grave

Soeben ist der Titeltrack des am 26. Februar erscheinenden Albums American VI: Ain’t No Grave veröffentlicht – und entspricht natürlich in jeder Hinsicht den hohen Erwartungen, die man an dieses Album knüpft. „Ain’t No Grave can hold my body down“ singt Cash und das voll knorriger Überzeugung dargebotene Lied ist natürlich keine süßliche Auferstehungsfantasie. Johnny Cash spannt seine überlebensgroße Tragweite über das Lied, lässt es wie eine Gewissheit aus dem Jenseits erschallen – und fügt seinem Vermächtnis eine weiteres Kapitel hinzu.

Das Lied Ain’t No Grave ist hier im Stream zu hören.

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Der alte Mann und das Mehr – Ain’t No Grave von Johnny Cash erwartend

Unsere Existenz berechtigt uns zu mehr, als nur ein winziger Bestandsteil im steten Zyklus von Geburt und Tod zu sein. Trotz unserer eigenen Endlichkeit können wir Spuren hinterlassen, die auch dann noch existieren, wenn wir in Gräbern vermodern, bis selbige letztlich aufgelassen werden. Aber auch ein tausend Gräber tiefes Vergessen wischt die Spuren nicht weg, es tilgt höchstens die Erinnerung an den Verursacher. Doch manch ein Mensch bleibt für immer prägend im kollektiven Gedächtnis.

Wenn im Februar das Album Ain’t No Grave von Johnny Cash erscheint, als sechster Teil die American Recordings beschließt, spricht der Altmeister posthum zu uns, erhält sein Vermächtnis neue Kerben, die sich in unsere Seelen furchen. Cashs Begabung lag darin, dass er die volle Bandbreite dessen, was Musik als elementare Bereicherung unseres Lebens verkörpert, in uns zu wecken vermochte. Seine Kunst war nie schiere Unterhaltung, abgehobene Kreation, Weltflucht, ästhetische Verirrung. In all den eingängigen Melodien und Refrains spiegelte sich das Spektrum menschlicher Emotionen wider. Ob Liebe, Sinnsuche und Religiosität, Außenseitertum oder das Ringen mit der dunklen Seite – Cash vermochte ein Lied darüber zu singen.

Das in den letzten Jahren seines Lebens mit Rick Rubin produzierte Testament lehrt uns viel über die Würde des Menschen kraft existentieller Erkenntnis. Über Bedauern und Bitterkeit legt sich der sanfte Trost der Weisheit. Aus den Schatten und Fehlleistungen der eigenen Existenz tritt Vergebung und Seelenfrieden hervor. Cashs Werk regt uns im bis heute im Fühlen wie im Denken, erweitert den Horizont der Hörer ohne jegliche belehrende Predigt.

Ich für meinen Teil durfte Johnny Cash in den 90ern zweimal live erleben. Sein stimmlicher Ausdruck – verbunden mit überwältigender Bühnenpräsenz – gehören für mich auf ewig zu den wertvollsten Momenten, die mir Musik je bescheren wird. Und so erwarte ich die Veröffentlichung von Ain’t No Grave voll Freude, voll Zuversicht, dass auch dies Album mir Impetus und Offenbarung ist. Dieser alte Mann vermochte bis zum Ende mit seinen Liedern und Interpretationen ein Mehr an Gefühlen und Gedanken  zu bewirken, jedweden Anhänger zu bereichern. Und so müssen auch keine Blumen an sein Grab getragen werden, er ruht unvergessen in den Spuren in unseren Herzen.

American VI: Ain’t No Grave erscheint am 26. Februar 2010.

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500 essentielle Songs der Dekade – Teil 2

Auch dieses Mal wollen wir eine bunte Mixtur an bekanntem und unbekanntem, wichtigem und besonders wertvollem Liedgut vorstellen. Und obzwar Listen immer den Geschmack des Erstellers widerspiegeln, haben wir doch versucht über den Tellerrand zu lugen. So mag ob des Haareraufens nun das eine oder andere davon in der Suppe schwimmen. Dennoch wollen wir uns ans  Servieren machen – umso mehr, da wir der bloggenden Nachbarschaft mit dampfender Terrine und gutem Vorbild voranschreiten. Teil 1 offerierte bereits jede Menge Leckerbissen, jetzt folgt der Nachschlag.

500Tracks(Teil2)

wallofarmsThe Maccabees – Love You Better (2009)

someofmybestfriendsaredjsKid Koala – Skanky Panky (2003)

ghostsofthegreathighwaySun Kil Moon – Glenn Tipton (2003)

kidaRadiohead – The National Anthem (2000)

whateveryouloveyouareDirty Three – I Offered It Up To The Stars & The Night Sky (2000)

keystotheworldRichard Ashcroft – Words Just Get In The Way (2006)

siberiaEcho & The Bunnymen – In the Margins (2005)

championsoundJaylib – Champion Sound (2003)

lostchannelsGreat Lake Swimmers – Everything Is Moving So Fast (2009)

zMy Morning Jacket – Dondante (2005)