Die 10 Alben, die mich am meisten bewegt haben

Der sehr geschätzte Kollege Nico hat mich auf seinem Blog und via Facebook nominiert, jene zehn Alben zu nennen, die mich im Laufe meines Lebens am meisten bewegt haben. Gern komme ich dieser Aufforderung nach und benenne diese. Ich tue mir dabei gar nicht einmal besonders schwer, denn obwohl sich diese 10 Platten vielleicht nicht gänzlich mit meinen ewigen Lieblingsalben decken, so hat es doch immer wieder Platten gegeben, welche mir zu einem gewissen Zeitpunkt richtig ans Herz gewachsen sind und für die ich mich auch heute noch keinesfalls schämen muss. Ich will kurz und chronologisch erläutern, warum ich genau diese Werke gewählt habe.

Bruce SpringsteenNebraska (1982)

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Zusammen mit Japanese Whispers von The Cure war Springsteens Nebraska Ende der Achtziger meine allererste Vinyl-Platte. Dieses reduzierte, folkige Singer-Songwriter-Album hat einerseits meine Liebe zu Underdogs für immer einzementiert und mich weiters auch dahingehend geprägt, dass ich Storytelling so liebe.

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Gedanken zu Joni Mitchell

Jubiläen sind für Empfindungsschwangere, die einen triftigen Anlass benötigen, um vor Ehrfurcht und Rührung zu erstarren. Ein 70. Geburtstag ist freilich durchaus speziell, weil man spätestens dann den Freibrief erhält, das Alter zu genießen, nicht länger zur Leistung verpflichtet ist. Am 07.11.2013 wurde Joni Mitchell siebzig Jahre alt. Grund genug, wie ich finde, ein paar Gedanken zu dieser kanadischen Singer-Songwriterin zu äußern. Im Kanon der musikalischen Größen des 20. Jahrhunderts nimmt Mitchell fraglos einen festen Platz ein. Und doch bleibt sie auch eine ewig Unverstandene, eine Fehleingeschätzte.

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Unsere musikalische Möbelnomenklatur

Unser Blog ist eine heimelige Rotunde, in der wir unsere Lieblingsmusiker namentlich einkerkern. Mag in der Welt da draußen auch noch so sehr die Post abgehen, wir riskieren nur selten einen aus dem Fenster gerichten Blick, der sich jedoch flugs vor Langeweile abwendet und schnell wieder die edle Inneneinrichtung überschweift. Ab und an klopft es an der gut gepolsterten Tür. Gemächlich kommen wir aus der Verschanzung gekrochen, gehen dem Pochen nach. Entriegeln die Sicherheitsschlösser, öffnen die Tür einen Spalt breit, spähen eher ungnädig über die Türkette hinweg. Wer uns da aller seine Visage entgegen hält! St. Vincent etwa. Rumms! Tür zu. Weiters Portugal. The Man. Denen würde ich zwar Obdach gewähren, jedoch unter der Bedingung, dass sie John Gourley, zweifelsohne mit einer der nervigsten, dünnen Stimmen der Gegenwart geschlagen, in die Wüste schicken. Und den ganzen Chart-Clowns und singenden Sex-Bömbchen wollte ich ohnehin nur mit Elektroschocker in der geballten Faust begegnen. So schnell könnte eine Beyoncé gar nicht die Laufmaschen in ihren Strümpfen zählen, ehe ich sie schon wutschnaubend vom Gelände jagen würde. Rihanna bekäme den geschwungenen Regenschirm zu sehen, verbunden mit der Ermahnung, dass ein einziges nettes Wölkchen noch kein Donnerwetter entfacht.

Im Inneren unseres Häuschens haben wir haben uns längst die eigenen Möbelnomenklatur gezimmert, die Gegenstände nur nach den verehrtesten Bands benannt. So lehnen in einer Ecke des Wohnraums einträchtig zwei wackelige Regale an der Wand, beide schon ein wenig ramponiert. Wenn man aus den Untiefen des einen etwas zu Tage befördern möchte, schlingert es, stößt unweigerlich gegen den anderen Schrank. Wir haben sie daher schlicht die Gallaghers getauft. Daneben an der Wand hängt ein Poster, eine mehrfach variierte Pietá in bester Tradition der Pop Art. Es kostete uns nicht einmal einen Gedanken, das Bild Madonna zu widmen. In der Mitte des Raumes steht ein Sofa ausgewähltester Behaglichkeit. Hier lässt es sich gemütlich fläzen, ein gutes Buch in den Händen oder einfach nur tagträumend den eigenen Gedanken hinterhergleiten. Solch wohliger Hort wurde von uns Mazzy Star tituliert.  Davor lümmelt ein Couch-Tischchen. Es neigt zu Eskapaden, steht umfallenden Weingläsern aufgeschlossen gegenüber. Seit eine gewisse britische Sängerin im Sommer verstorben ist, harrt das Tischchen einer abermaligen Namensgebung. Sollte wir uns doch noch zum Konsum von Kokain durchringen, wäre Doherty die erste Wahl. Der sich auf der einen Wand des Zimmers mächtig ausbreitende Schreibtisch schrie regelrecht danach, einem Singer-Songwriter die Reverenz zu erweisen. Der Poeten und Dichterinnen gibt es viele, aber Joni ragt hervor. Habe ich schon unseren überbunten Teppich gewürdigt? Sicher man tritt ihn Tag für Tag mit Füßen, doch lässt sich darauf auch abhotten, was das Zeug hält. Ähnlich ergeht es Moby. Mögen ihn Kritiker auch in Grund und Boden reden, für tänzerische Leibesertüchtigung hat der werte Herr einiges im Köcher. Selbst der übliche Nippes im Raum ist samt und sonders mit Namen versehen: Ob Placebo, Goldfrapp oder Travis, sie alle lächeln von Regalen und Kommoden herüber. Der kleine verschrumpelte Zinngartenzwerg mit dem langen Bart etwa, der auf dem Schreibtisch thront, was streichle ich Mr. E von den Eels nicht oft liebevoll über den Kopf.

Ein Modell, das - wie ich meine - nur The Boss heißen kann. (Photo Credit: Uwe Besendörfer aus de.wikipedia.org / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 von Wikimedia Commons)

Natürlich existiert auch problematischeres Mobiliar. Welcher Künstler möchte etwa seinen Namen mit einem Bücherschrank assoziiert sehen, wenn darin Kaliber vom Schlage eines Kafka oder Rilke die Feder schwingen? Welchen Liederschreiber überfällt dann nicht das Muffensausen? Ich habe den Bücherschrank guten Gewissens Nick Cave verehrt. Oder der chromglänzende, filigran von der Decke baumelnde Kronleuchter. Den will man nur einer wahren Lichtgestalt zuschreiben. Keinesfalls einem sinister gestimmten Persönchen. Darf man solch einen Leuchter mit dem Etikett Röyksopp behängen, ohne dass Ikea sein Monopol auf skandinavisch klingende Einrichungsgegenstände gefährdet sieht? Zu guter Letzt, der Papierkorb. Ein unverzichtbares Accessoire, zweifelsohne. Zugleich aber kaum zu Ehrungen taugend. Eben jene hätten die Papercuts freilich mehr als verdient.

Was fühlt man sich den Möbeln nicht gleich inniger verbunden, wenn sie weder Billy, Ivar noch Klippan heißen. Würde man eine mit verträumtem Motive versehene Vase namens Sigur Rós jemals versehentlich vom Tisch fegen? Niemals, das würde sich nicht mal die ungeschickte Co-Bloggerin trauen.

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100 Songs – Teil 6 (Amelia)

Wenn man ein mit seltener Eleganz verziertes, mit höchstmöglicher lyrischer Konsistenz behübschtes und auf dem Level genialster Musikalität gehaltenes Album hören möchte, dann kommt man um Hejira nicht herum. Mit diesem Album erschuf Joni Mitchell einen sträflich unbeachteten Meilenstein. Und wenngleich eine Handvoll Lieder eine nähere Betrachtung verdienen, so ist Amelia noch ein Quäntchen erwähnenswerter als der Rest.

Hejira

Der Song mag als Huldigung gegenüber der amerikanischen Flugpionierin Amelia Earhart verstanden werden, die 1937 während einer versuchten Erdumrundung über dem Pazifik abstürzte und deren Überreste bis heute nicht gefunden wurden. Und zweifelsohne ist dies Wissen um den Kontext nützlich, doch scheint die Botschaft und Kernaussage von einem letztlich universellen fragilen Verlangen getragen. Das lyrische Alter Ego Mitchells nimmt die bei einer Fahrt durch die Wüste am Himmel beobachten Kondensstreifen von Flugzeugen zum Anlass, über trügerische Sehnsüchte zu sinnieren. Die Weite des Himmels offeriert eine sinnbildliche Freiheit, in die es gleich Ikarus aufzubrechen gilt. Voll Hoffnung und doch letztlich sein Schicksal teilend. Das Ausbüchsen aus Zwängen („People will tell you where they’ve gone/ They’ll tell you where to go/ But till you get there yourself you never really know„) gestaltet sich schwierig („Where some have found their paradise/ Other’s just come to harm„), ein Streben nach Erfüllung bringt unweigerlich auch Schmerz. Und so fächert sich eine Liebesgeschichte in poetischen Fragmenten auf. Während die Zeilen „Maybe I’ve never really loved/ I guess that is the truth/ I’ve spent my whole life in clouds at icy altitude/ And looking down on everything/ I crashed into his arms“ abermals vordergründig Earharts Obsession für die Fliegerei schildern und eigentlich doch für die abgehobenen Träume vieler stehen, wird die Enttäuschung bereits zuvor mit „It’s so hard to obey/ His sad request of me to kindly stay away/ So this is how I hide the hurt/ As the road leads cursed and charmed“ vorweggenommen. Die jede Passage beschließende Zeile „Amelia it was just a false alarm“ determiniert den Kreislauf aus Hoffnungen und dem Bröckeln selbiger. Mitchell beendet das Lied mit einem wenige Worte umspannenden Traum („I dreamed of 747s/ Over geometric farms„), der nochmals kräftig eine Weite und Freiheit preisgibt. Der Wunsch über die geordnete Geometrie des Lebens, über sämtliche Pläne hinwegzusegeln, bleibt letztlich in einer Rückschau nur ein Traum. Die den kompletten Track über reduzierten, nahezu meditative Gitarren kreieren einen Fokus auf Mitchells unaufgeregten, nüchtern rekapitulierenden Gesang, dessen Anteilnahme in minimalster Dosis ausfällt. In einer legendären Live-Version unterstreicht Pat Methenys Spiel die Intensität nochmals nachdrücklich.

Dies Lied ist ein für immer in meinen musikalischen Horizont gemeißelter Kondensstreifen. Ewiglich poetisch und unglaublich klug beobachtet.

Link:

Live-Video vom Album Shadows and Lights

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