50 Albumschmankerln 2012

Hier nun also der zweite Teil unserer Jahresbestenliste. 40 Alben und 10 EP haben wir als Empfehlungen ausgewählt. Wie schon für unsere 75 Lieblingstracks 2012 gilt auch in diesem Fall, dass diese Liste von Auslassungen lebt. Natürlich wären Get Well Soon oder auch Leonard Cohen heiße Anwärter auf einen Platz in dieser Aufzählung, wenn wir denn jenen Alben heuer mit der gebührenden Ausführlichkeit gelauscht hätten. Doch wenn uns der wöchentliche Veröffentlichungszirkus etwas anderes weismachen möchte, gute Alben werden nicht schnell ranzig. Können auch erst mit ein paar Jahren Verzögerung gefestschmaust werden. Ob ein Musikjahr also beweihräuchert werden darf, das entscheidet sich oft erst lange nach dessen Verstreichen. Das, was uns jedoch bereits jetzt nachdrücklich in Herz und Hirn haften geblieben ist, haben wir folglich hier zusammengetragen. Wir wünschen viel Vergnügen beim Durchstöbern!

Alben

Born To Die_ Lana Del Rey - CMS Source1. Lana Del ReyBorn To Die

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Labsal für deprimierte Stunden – Kid Koala

Wir erwünschen uns oft Balsam für die Seele. Butterweiche Streicheleinheiten, welche die Schrunden des Gemüts heilen. Doch mitunter benötigt es Schmirgelpapier, welches Kratzer von der Psyche tilgt. In musikalischer Hinsicht leistet der Blues diesbezüglich Wunderdinge, lamentiert knorrig, raut uns die Ohren auf. So erscheint es nur logisch, dass die kratzige Energie, mit welcher der Turntablism zu Werke geht, dem Blues gut zu Gesicht steht. Wie der kanadische DJ Kid Koala mit Schallplatten hantiert, hatte bereits in der Vergangenheit stets große Klasse. Sein neuestes Werk 12 bit Blues schleppt sich mit Kettengeschepper durch Gefilde eines archaisch-grummeligen Genres. Das Resultat mag verstören. Da es zunächst weder den Fan elektronischer Klänge betört, noch etwaige Blues-Fetischisten auf Anhieb zu überzeugen weiß.

Der 12 bit Blues wirkt durch seine paradoxe Attitüde. Denn trotz allgegenwärtigen Samplings nimmt man die Tracks der Platte nicht als Stückwerk wahr. Jegliche elektronische Spielereien, alles Scratching tritt hinter die düstere Seele des Blues zurück. Kid Koala holt urtümliche Klänge in die Gegenwart, weil er mit den Mitteln des Jetzt zurück in die Zeit reist. Das ist mutig, zumal er die Ursprünge nicht als unantastbar versteht, kein retroeskes Unverfälschtheitsgebot akzeptiert. Er fuhrwerkt am Chassis herum, lackiert die Karosserie, schraubt und hämmert unter der Haube, doch letztlich röhrt und jault der Motor wie anno dazumal. Er verändert und bewahrt – bleibt dabei dem Charakter des Genres immer treu, setzt sich zugleich zwischen die Stühle. Die Platte wird Tradionalisten zu gewagt erscheinen und elektronisch fokussierten Haudegen zu rückwärts gerichtet anmuten. Schade!

Wer jedoch danach dürstet, sich Bourbon in die Seele zu kippen, sollte dem 12 bit Blues eine Chance geben. Wem der Eröffnungstrack 1 bit Blues (10,000 miles) ins Herz fährt, dem wird fraglos die rohe Stimmung der Scheibe kräftig im Gemüt herumstochern. Zu den faszinierenden Titel zählen der in schmissigem wie urigem Rhythmus gehaltene 2 bit Blues, der verlangsamt quakende und jammernde 4 bit Blues oder 5 bit Blues, dem die Tristesse aus jeder verdammten Pore regnet. Der Trauermarsch 6 bit Blues glänzt als Klage über Einsamkeit und verlorene Liebe, durchsetzt von einer gespensterchorigen Sehnsucht nach Erlösung („I guess it’s all over now/ There is nothing I can do„). Sampling-Wahnwitz gepaart mit einer Grabesstimme machen 8 bit Blues (Chicago to LA to NY) zum krawalligsten, buntesten Lied dieses Werks. Hier rumort es gepresst funky, tanzen die Ohren gleich Scheiben auf Plattentellern, ehe der 11 bit Blues wieder gekonnt ins Lamento schwenkt.

Kid Koala – ‚8 bit Blues‘ (Official Video) from Ninja Tune on Vimeo.

Kid Koala mag mit dem Album Befremden auslösen. Dem 12 bit Blues gilt es ohne Scheuklappen zu begegnen, sonst wird man die Qualitäten des Werks nie und nimmer sehen können. Wer nie in die Seele des Blues geblickt hat, über die Kante in den Abgrund geschaut hat, mag von der Dunkelheit und Tiefe vielleicht überrascht sein. Die experimentelle Fröhlichkeit und entspannte Gelösheit von elektronischer Musik findet sich hier nicht. Vielmehr spricht der 12 bit Blues mit aller Grimmigkeit das Sentiment an, hat das Zeug zur Labsal für deprimierte Stunden. Wohl auch darum eine Platte, die ich nicht mehr missen möchte!

12 bit Blues erscheint am 14.09.2012 auf Ninja Tune.

Konzerttermine:

28.09.2012 Genf (CH) – L’Usine
29.09.2012 Basel (CH) – Kaserne
03.10.2012 Mannheim – Alte Feuerwache (Enjoy Jazz Festival)
04.10.2012 Berlin – Gretchen
05.10.2012 Hamburg – Kampnagel

Link:

Offizielle Homepage

Kostenlose Mp3 von 5 bit Blues auf Ninja Tune

SomeVapourTrails

Release Gestöber 28 (Kid Koala, A Thousand Fuegos, Fang Island, The Cinematic Orchestra)

Nimm doch mal das billigste Trinkglas, ein kristallenes Weinglas ist weniger zu empfehlen, und stell dich vor eine nackte Wand. Nun wirf das Glas gegen die Wand! Schau dir nun die am Boden verstreuten Scherben genau an. Sie stehen pathetisch überspitzt für allerlei zersplitterte Träume vieler Musiker. Woche für Woche für Woche werden wohl Hunderte Alben veröffentlicht, viele fantasieschwangere Kreation dargeboten. Doch die Wahrnehmungsschwelle überschreiten nur wenige. Denn auch wenn die Anzahl von Alben stetig steigt, weil die Produktion von Musik noch nie so einfach war und die Vernetzung von gleichgesinnten Musiker immer mehr Bands sprießen lässt, so bleibt der Bedarf doch mehr oder minder konstant. Es ist eine Illusion, wirklich nur ein Trugschluss, dass ein größeres Angebot auch zwangsläufig viel mehr Nachfrage generiert. Denn letztlich explodiert der Prozentsatz an musikaffinen Menschen nicht. Und auch die Geldbeutel der Zielgruppe füllen sich nicht wie von Zauberhand. Alles bleibt begrenzt. Nicht zuletzt deshalb wird Musik für die überwiegende Anzahl von Künstlern zu einem kaum bis schlecht bezahlten Nebenjob, ja eigentlich zu einem reinen Hobby. Massig Herzblut, wenig monetärer Ertrag – und jede Menge Scherben. Das sollten wir uns als Hörer und Liebhaber feiner Klänge öfter mal vergegenwärtigen. Kleine wie große Kunst schätzen und nicht immer nur bekritteln.

Kid Koala

Beginnen wir freilich mit einem Musiker, der es in seinem Genre schon lange zu Ansehen gebracht hat. Was der Kanadier Eric San unter seinem Künstlernamen Kid Koala in Sachen Turntablism und Samples seit über einem Jahrzehnt ausheckt, ist überragend. Doch am besten lasse ich den werten Herren sein Faible für Scratching doch selbst erklären.

Vor wenigen Tage erreichte mich die frohe Kunde, dass am 14.09.2012 ein neues Album mit Namen 12 bit Blues hierzulande veröffentlicht wird. Ein triftiger Grund zur Freude, wie ich meine. Weil solch Originalität nicht einfach von den Bäumen wächst. Auf der Labelseite von Ninja Tune ist bereits ein erster Vorgeschmack gegen Angabe einer E-Mail-Adresse erhältlich, der formidable Track 5 bit Blues nämlich. Was für ein Leckerbissen!

A Thousand Fuegos

Eine Qualität, die man aber bitte keinesfalls mit Belanglosigkeit oder Langeweile verwechseln sollte, liegt in der Befähigung zur Kontemplation. Einer ruhigen Reflexion, die sich keine angestrengten Stirnfalten ins Gesicht stemmt oder Tränensäcke ausschwemmt. Dies und noch mehr leistet das vom Österreicher Matthias Peyker ersonnene Projekt A Thousand Fuegos. Das bereits im April erschienen Album The Treachery of Things sinniert zu einem warm-versponnenen Sound, tagträumerisch grübelnd fängt es mit großer Treffsicherheit Stimmungen ein. Es ist klingt wie die lose Verkettung von Gedankenfetzen, eine Aneinanderreihung von Momenten, in denen sich das Sein von seiner gehaltvollen, wachen und suchenden Seite präsentiert. Schon der Opener Naenie ist ein vor Leichtigkeit strotzendes Highlight, eine Loslösung von Vergangenem und Aufbruch ins Neue. Vor allem die Zeilen „But you can’t masturbate to nothing/ There’s a picture to be drawn first/ In full colour setting/ That I take from your eyes/ May I connect it with lines/ From your hair made of copper/ To the sun made of gold“ haben es mir angetan. Dieses Lied zeitigt Momente, die berühren und bereichern. Und nichts anderes definiert Kunst, trennt sie von Unterhaltung und Beschallung. Lind und lichtern, aufgeweckt elektronisch zeigt sich Savant Summer als zweiter ganz großer Track der Platte. Er hat ein ganz eigenes, im Ton subtiles Temperament, tänzelt wonnig voran, tapsig und sich ab und an hymnisch reckend wie streckend zugleich. Bei The Boundless Building ist es wiederum eine Zeile, die mir Gedanken aufgibt. „And don’t take anything for granted/ For your light is only guest in the dark“ heißt es da. Was für ein pfiffiges Bild! Auch dem transzendierenden, einer spirituellen Bestimmtheit entgegenströmenden The Path will ich mein Gefallen nicht verwehren.

The Treachery of Things vollführt Gedankengänge ins Licht, halb andächtig-träumerisch, halb entspannt und klar. Oft perfekt kalibriert. A Thousand Fuegos ist mit diesem bemerkenswerten Werk ein feinsinniger und kontemplativ Wurf gelungen, der Stunden der Muße geradezu veredelt. Wärmstens empfohlen!

The Treachery of Things ist am 13.04.2012 auf Seayou Records und Fettkakao (LP) erschienen.

Fang Island

Seit ich auf einem Festival erleben durfte, wie sich die Halle nach einem Auftritt der wahrlich nicht bemerkenswerten We Have Band leerte und die tollen Krawallrocker Fang Island anschließend vor einer überschaubaren Besucherzahl spielten, habe ich mit dem Festivalkonzept als solches gebrochen. Ich muss nicht auf einem Gelände mit geschmacksbefreiten Hipstern und ähnlichem Gesocks verbringen, die nur das Mittelmaß bejubeln. Doch zurück zu Fang Island. Ich habe bereits darüber berichtet, dass das neue Werk Major demnächst veröffentlicht wird. Nach dem famosen ersten Einblick Asunder gibt es nun mit Seek It Out eine weitere Hörprobe. Major garantiert wunderbar flockige, fröhliche Gitarrenhymnen. „Wir wollten die Band sein, die von vorn bis hinten nur deine Lieblingshooks spielt.“ erklärt Sänger und Gitarrist Jason Bartell. Ich kann zwar nicht für Hipster sprechen, aber ich persönlich vertraue Fang Island, dass sie dies Versprechen einlösen können.

Major erscheint am 27.07.2012 auf Sargent House.

The Cinematic Orchestra

Zuletzt noch ein kurzer Hinweis auf eine Ende Juni das Licht der Welt erblickende Veröffentlichung, die unter meinem durch die Fußball-EM ohnehin anderweitig beschäftigen Radar durchgeschlüpft ist: The Cinematic Orchestra Presents: In Motion #1. Zusammen mit befreundeten Künstlern hat die renommierte Formation, die man wohl am besten im Nu Jazz verortet, endlich ein neues Album veröffentlicht. Seit Every Day (2002) hat sich die Gruppe nachhaltig in meine Erinnerung gebrannt, auch wenn ich das vor 5 Jahren veröffentlichte Werk Ma Fleur nicht ganz so prickelnd fand. Dennoch, ein Platte von The Cinematic Orchestra sollte man auf alle Fälle anhören. Das habe ich mir auch im Falle von In Motion #1 für die nächsten Tage fest vorgenommen. Ich rate meinem Beispiel zu folgen. Zumal ein als kostenloser Download erhältlicher Edit des Tracks Necrology ansprechend tönt.

Das soll es für heute auch schon wieder gewesen sein. Viel Vergnügen mit den Empfehlungen!

SomeVapourTrails

Scratch mir deine schokoladigste aller Schokoladenseiten – Kid Koala und The Slew

Kid Koala holzfällert sich nicht einfach hemdsärmelig durch Sounds, er schnippt Scratches auf den Plattenspieler in einer ausgefeilt melodischen Manier, die gleichsam singulär wie süchtig machend einem gesamten Genre die liebliche Fratze höchster Virtuosität  entgegen bleckt. Kid Koala ist weder Turntablism-Guru noch DJ, in aller erster Berufung ist er ein Hort kreativer Magie. Niemals absehbar, mit exzentrischer Schräge und Humor gesegnet, von wuchtiger Dynamik beseelt – dergestalt enthusiasmierte der Kanadier bereits auf den Vorgängeralben Carpal Tunnel Syndrome (2000), Some of My Best Friends are DJs (2003), Your Mom’s Favorite DJ (2006).

slew

Nun präsentiert sich der Könner im Rahmen des Projekts The Slew erneut von der schokoladigsten aller Schokoladenseiten. Zusammen mit Dynomite D und den beiden ehemaligen Wolfmother-Mitgliedern Chris Ross (Bass) und Myles Heskett (Schlagzeug) tourt Kid Koala gerade durch die USA, um das als kostenloser Download erhältliche Album 100% in großem Stil vorzustellen. Neben bereits von Your Mom’s Favorite DJ bekanntem Material betört das Album mit neuen Highlights, macht es so zu einem Glanzlicht dieses Herbsts. Anhören! Und staunen!

(Download gefunden bei Matter Of Effect)

Links:

Webseite des Projekts

SomeVapourTrails

500 essentielle Songs der Dekade – Teil 2

Auch dieses Mal wollen wir eine bunte Mixtur an bekanntem und unbekanntem, wichtigem und besonders wertvollem Liedgut vorstellen. Und obzwar Listen immer den Geschmack des Erstellers widerspiegeln, haben wir doch versucht über den Tellerrand zu lugen. So mag ob des Haareraufens nun das eine oder andere davon in der Suppe schwimmen. Dennoch wollen wir uns ans  Servieren machen – umso mehr, da wir der bloggenden Nachbarschaft mit dampfender Terrine und gutem Vorbild voranschreiten. Teil 1 offerierte bereits jede Menge Leckerbissen, jetzt folgt der Nachschlag.

500Tracks(Teil2)

wallofarmsThe Maccabees – Love You Better (2009)

someofmybestfriendsaredjsKid Koala – Skanky Panky (2003)

ghostsofthegreathighwaySun Kil Moon – Glenn Tipton (2003)

kidaRadiohead – The National Anthem (2000)

whateveryouloveyouareDirty Three – I Offered It Up To The Stars & The Night Sky (2000)

keystotheworldRichard Ashcroft – Words Just Get In The Way (2006)

siberiaEcho & The Bunnymen – In the Margins (2005)

championsoundJaylib – Champion Sound (2003)

lostchannelsGreat Lake Swimmers – Everything Is Moving So Fast (2009)

zMy Morning Jacket – Dondante (2005)