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Konzerttipp: 12.04.2017 – Ja Ja Ja mit IRAH und Mikko Joensuu

Ich bin ein großer Bewunderer skandinavischer Klänge. Doch neben all den musikalischen Qualitäten muss man auch den Vermarktungsfertigkeiten der Nordlichter applaudieren. Frei von jeglichen Eitelkeiten arbeiten Förderprogramme aus Dänemark, Finnland, Island, Schweden und Norwegen zusammen, um Skandinavien als musikalisches Schwergewicht weiter zu etablieren. Von so viel Kooperationswillen könnten sich andere europäische Regionen ruhig eine Scheibe davon abschneiden. Ein Beispiel dafür ist die Reihe Ja Ja Ja, die aufstrebende Acts nach London und Berlin schickt, sie im Rahmen von Club-Nächten auch außerhalb der Herkunftsländer bekannt macht. Und speziell die nächste Ausgabe von Ja Ja Ja könnte großartiger nicht ausfallen, kommen doch das dänische Trio IRAH, der finnische Singer-Songwriter Mikko Joensuu nach Berlin. Was habe ich mir doch in den letzten Jahren die Finger wund geschrieben, um diese Ausnahmeerscheinungen anzupreisen! Grund genug also, nicht nur auf dieses einmalige Konzert zu verweisen, sondern nochmals das Tun der genannten Acts kurz hervorheben.

Photo Credit: Nick_Hune

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Regional ist besser 6: Trickser Tonträger

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Berlin wird gern zum Sehnsuchtsort für Kreative hochstilisiert. Was jedoch wären etwa Musiker, wenn es nicht auf jene gäbe, die jene Kreativität in Platten gießen. Labels eben! In pucto Plattenfirmen hinkt Berlin seinem Ruf allerdings hinterher. Abgesehen von den Dependancen der großen Majors gibt es zwar viele wunderbare kleine Hobby-Labels, die mit Liebe Kleinode verbreiten. Was jedoch ein bisschen fehlt, ist die goldene Mitte. Also professionell betriebene Label, die viel mehr als nur Hobby sind und zugleich die Fahne des Indie hochhalten. Staatsakt oder City Slang wären Paradebeispiele dafür. Seit drei Jahren nun gibt es mit Trickser Tonträger eine weitere Plattenfirma mit feinem Gespür für Bands und Musiker aus aller Welt. Es spricht viel dafür, dass Trickser auf einem guten Weg ist. Qualität wird der Quantität vorgezogen, dazu hat man sich auch mit der Konzertreihe Listen. ins Metier der Veranstalter vorgewagt. Vielleicht macht Trickser aber auch deshalb so gute Figur, weil die Macher auch als Yesterday Shop allerbeste Musik fabrizieren. Wenn sich Musikenthusiasmus und geschäftliches Know-how mit der Befähigung zu eigener Kreativität verbinden, bildet das ein hervorragendes Fundament. Regional ist besser 6: Trickser Tonträger weiterlesen

Dark Dark Dark live – Comet 30.06.2011

Manchmal muss man verkorksten Umständen eine starke musikalische Protestnote überreichen. Und zwar in der Manier wie es Dark Dark Dark am Donnerstagabend im Berliner Comet Club taten. Doch beginnen wir der Reihe nach. In den letzten zwölf Monaten habe ich Konzerte wie der Teufel das Weihwasser gemieden. Aufgrund andauernder Rückenprobleme stehe ich mir nur ungern die Beine in den Bauch, gehe jedem Hauch von Gedränge bestmöglich aus dem Weg. Wenn jedoch eine derart begabte Band – wie ich jüngst hier erklärte – die Stadt heimsucht, darf man sich schon einmal am Riemen reißen.

Photo Credit: Tod Seelie

Was ist das eigentlich für eine geradezu zwanghafte Geheimhaltungsmasche, mit der speziell Indie-Clubs den Konzertgängern begegnen? Die auf Plakaten oder im Internet angegebene Uhrzeit deckt sich nie mit dem realen Beginn eines Konzertes. Im Idealfall benennt sie den Zeitpunkt, an dem der Sound-Verantwortliche in Seelenruhe damit beginnt, die nicht vorhandenen Ärmel seines T-Shirts mit stoischer Ruhe hochzukrempeln. Nun vermochte ich die Zeit durchaus so sinnvoll wie grummelig zu nutzen und den Blick auf das eintrudelnde Publikum zu werfen. Man will ja erforschen, mit wem man in Sachen Musik eine geschmackliche Schnittmenge teilt. Im konkreten Fall leider auch mit Mittzwanzigerinnen, die die scheußlichsten Klamotten der Achtziger aus dem Lokus der Modehistorie rausgefischt haben. Da rumpelstilzete ich im Geiste mit Vehemenz, da – aus grundsätzlichen Überlegungen heraus – Hässlichkeiten in meinem ästhetischen Kosmos höchsten peripher geduldet werden.

Finde weitere Songs von The Information Age bei Myspace Musik

Mit gehörigem Wohlwollen könnte man den eigentlichen Beginn als cum tempore titulieren. Dann nämlich schritt Herr The Information Age, ein Berliner Singer-Songwriter, auf die Bühne. Und wählte zum Beginn ein Liedchen, dass selbst Tote in ein hartnäckiges Koma fallen lassen würde. Man verstehe mich bitte richtig, ich kann dem Bild Bärtiger junger Mann mit Akustikgitarre auf streiholzheftchengroßer Bühne durchaus etwas abgewinnen. Es darf – soll sogar – Musik existieren, die nicht wie ein wild gewordenes Duracell-Häschen durch den Raum steppt. Zur Einstimmung auf Dark Dark Dark jedoch hätte Mozarts Requiem die Besucher auch nicht übler getriezt. The Information Age war zur falschen Zeit am falschen Ort, an den Lieder selbst habe ich wirklich nichts auszusetzen.

Irgendwann nach 10 Uhr quetschten sich auch Dark Dark Dark samt ihren Utensilien auf die Bühne. Sechs sympathische Musiker mit allerhand Instrumenten, die weder die Größe eines Triangels aufwiesen noch einem Klavierflügel Konkurrenz machten. Dennoch platzte das Podest aus allen Nähten, musste sich der Banjo-Spieler, den man ohne große Fantasie als jüngeren Doppelgänger des deutschen Schauspielers Lars Rudolph beschreiben kann, an den äußerten Rand des Podiums quetschen, mit einem Bein praktisch noch in der Garderobe stehend. Jede semiprofessionelle Menschenschmugglertruppe würde ihrer Klientel nie und nimmer ähnliches zumuten. Der Bewegungsspielraum der Akteure lag bei gefühlten fünf Nanometern. Doch die Formation rund um Sängerin Nona Marie Invie trotzte der Enge. Ließ sich auch von der Schwarzen Magie (laut Invie) des Sounds nicht übertölpeln, die das eine oder andere markerschütternde Pfeifen durch den Saal jagte. Einen kurzen Moment lang schienen sich Dark Dark Dark durch den Auftritt quälen zu wollen, ehe sie sich wieder auf die Freude an ihrem Tun besannen.

Dark Dark Dark – Daydreaming by supplyanddemand

Die Formation aus Minneapolis besitzt die Gabe, ihre Songs auch live verspielt wie bodenständig zu präsentieren, beschwingt und entzückend berührend zu gleich. Die Verschrobenheit ihres Auftretens, unter anderem am überdimensionierten Kassengestell auf der Nase der Sängerin festzupinnen, vergegenwärtigte dem Betrachter stets, dass jene Musiker auch herbe Akzente setzen möchten. Das elfenhafte Element ihres Werks in patenten Feinripp packen. Die rustikaleren Stücke (Celebrate) gewannen im konzertanten Vortrag noch an Kraft, nicht zuletzt wegen des routinierten wie stimmigen Zusammenwirkens der einzelnen Mitglieder. Manch magischem Moment ihres jüngsten Album Wild Go vermochte Dark Dark Dark auf der Bühne keine zusätzliche Facette abzuringen, die wundervolle Erbauungsballade Robert ließ sich einfach nicht gefinkelter darbieten. Schlechthin ergreifend fiel bei diesem Gig jedoch Daydreaming aus, brachte das mit jedem Lied begeistertere Publikum sehr in Wallung, was sich nach Ende des einstündigen Konzerts in kräftigem Applaus ausdrückte. Und die Band dazu ermutigte, gleich zweimal für insgesamt drei Zugaben erneut das briefmarkenkleine Podest zu erklimmen. Spätestens hier waren den Herrschaften die Freude und der Spaß anzumerken, wie Sängerin Invie auch zugab, um zugleich den ernsthaften Anspruch augenzwinkernd über zu betonen.

Trotz des von der Band nicht gewollten Lo-Fi-Charakters dieses Abends konnten auch Störgeräusche den Erfolg nicht beeinträchtigen. Dark Dark Dark ist eine der interessantesten Bands der Stunde, gehaltvoll und unterhaltsam, tugendreich. Man sollte die noch anstehenden Termine unbedingt wahrnehmen.

Konzerttermine:

04.07.11 Hamburg – Kulturhaus III&70
05.07.11 Jena – Café Wagner
06.07.11 Bremen – Breminale

SomeVapourTrails

Berlin – Ein Festival schafft sich ab

So und jetzt alle zusammen im Chor: Du, die Halle ist voll, buhuhuh. Das bringt das Fass natürlich zum Überlaufen – und schon hat das Berlin Festival 2010 mächtig Schlagseite. Doch ehe wir uns nun fragen, ob der olle Kahn damit endgültig gekentert oder lediglich die Location Tempelhof über Bord gegangen ist, fassen wir noch einmal kurz die Sachlage zusammen. Man musste wahrlich kein Klabautermann sein, um im Vorfeld der Veranstaltung leise Zweifel am voll umfänglichen Gelingen zu haben.

Wenn man den Freitag mit angesagten Acts (Zola Jesus, Robyn, Editors, Fever Ray) vollpropft, den Samstag dagegen mit einem relativ soliden Programm (Seabear, Tricky) füllt, darf man sich nicht stirnrunzelnd wundern, wenn speziell der erste Tag im Fokus der Besucher steht. So kam es dann auch. Und schon gar nicht hätte dieses rege Interesse zu einem vorzeitigen Ende des ersten Festivaltages führen müssen. Wieviel Milchmädchen steckt in der Rechnung, dass sich die Reihen nach dem mitternächtlichen Betriebsschluss auf der Open-Air-Stage lichten oder zumindest derart auf das Gelände und die zwei Hangar-Bühnen verteilen, dass Staus und Überfüllung ausgeschlossen sind? Irgendwann nach 2 Uhr früh wurde die Reißleine gezogen und die Veranstaltung für beendet erklärt, weil man vor den Schleusen zu Hangar 4 ein Nichts-geht-mehr konstatieren musste. So zumindest die offizielle Darstellung.

War dies das Aus für den geschichtsträchtigen Ort? (Foto Credit: Sibilla Calzolari)

Man benötigt keine besonders voyeuristisch ausgeprägte Ader, um Miss Management unter den Rock zu schauen. Dass gerade in Berlin, wo man wochenends zum uncoolen Spießer mutiert, wenn man sich vor Mitternacht auf die Piste begibt, um just diese Uhrzeit die Lichter der Hauptbühne des Events ausgehen und damit die diversen Nebenschauplätze in den Fokus rücken, sollte keinesfalls überraschen. Wie es trotz dieses Wissens zu den geschilderten Problemen kommen konnte, bleibt unverständlich. So sehr einerseits das Areal des stillgelegten Flughafens Tempelhof nach einer Folgenutzung schreit, so hellhörig sind andererseits die Anwohner, welche sich nach Jahren des Flugzeuglärms mit kaum weniger als einer Oase der Stille zufrieden geben wollen. Unter diesem Aspekt stößt ein mitten in der Stadt verortetes Festival an seine Grenzen, kann das Halli-Galli-Bedürfnis des Publikums in der Weite des Tempelhofer Feldes nicht befriedigen, sondern kuschelt sich ganz eng an das ehemalige Flughafengebäude. Der überdachte Vorplatz und die Einbeziehung der Hangar-Hallen schaffen zwar Wettersicherheit, aber eben auch eine angesichts der Weite der vormaligen Rollbahnen nachgerade lächerliche Beengung des Geländes.

Freilich könnte man auch eine Hymne an das Sicherheitsbewusstsein der Veranstalter anstimmen, der nach einem kritischen Gedränge, welches von Anwesenden weitaus weniger dramatisch dargestellt wurde, sofort die Notbremse zog und die freitägliche Chose noch vor Fatboy Slims Auftritt unterbrach. Warum jedoch wurde der Samstag daraufhin kurzerhand kunterbunt umgekrempelt, alle Shows auf eine Zeit vor Mitternacht verlegt? Wohl um ein ähnlich gestaltes wie programmiertes Chaos zu unterbinden. Dies entpuppt sich doch als peinliches Eingeständnis, dass man bei den Planungen keine zwingend pfiffigen Überlegungen angestellt hat, wie man die Besucherströme nach den  Main-Stage-Gigs entbündelt und auf die restlichen Spielorte splittert.

Der schale Nachgeschmack des Berlin Festivals 2010 lechzt nach einer grundsätzlichen Betrachtung der Ereignisse. Hat sich dieser Event nicht soeben selbst – zumindest in der Form der bisherigen zwei Jahre – abgeschafft? Sollte man ein in dieser Dimension konzipiertes, irgendwo zwischen Indie und Mainstream angesiedeltes Fest für Musikfreunde nicht auf die grünen Wiese, sprich in die Beschaulichkeit Brandenburgs, verpflanzen? Dort wäre der Veranstalter in ein weitaus weniger enges Vorschriftenkorsett geschnürt. Braucht ausgerechnet Berlin mit seinem an jeder Straßenecke, in vielen U-Bahn-Schächten sowie in ungezählten schicken Clubs, versifften Cafés, großen wie kleinen Konzerthallen pulsierenden musikalischen Leben tatsächlich ein Festival-Vehikel? Wäre der Flughafen Tempelhof mit all seiner die Haarspitzen penetrierenden Aura als museale Attraktion nicht wirkungsvoller definiert und somit endgültig in der beschaulichen Wirklichkeit jenes Bezirks angekommen? Eine Beibehaltung des bisherigen Konzepts vermag auch in Zukunft weder Organisatoren noch Besucher vollends zu befriedigen, für diese Prognose brauche ich keine Glaskugel. Wenn an der Örtlichkeit festgehalten werden sollte und zugleich die Auflagen eine Freiluft-Bühne bis in die Puppen verhindern, wäre ein kollektives Ende um 24 Uhr angebracht. Eine Kooperation mit Berliner Clubs könnte den Fortgang der Ereignisse dann andernorts sicherstellen. Wäre im Ticketpreis der Eintritt in jene Clubs samt Auftritt feiner DJ-Acts inkludiert, kämen die Heerscharen nachtschwärmerischer Konzertgänger auf ihre Kosten.

Die Hausaufgaben für das nächste Jahr sind also jetzt aufgegeben – und werden hoffentlich akribisch mit viel Hirnschmalz gelöst. Sonst wird spätestens 2011 ein lautstarkes Mann über Bord erschallen.

Link:

Erlebnisbericht auf direkteingabe.com

SomeVapourTrails

The Joy Formidable im Comet Club (03.06.10)

Irgendwo zwischen Blondies Debbie Harry in ihren Glanzzeiten und der Perücke Lady Gagas scheint die Frisur der Frontfrau Ritzy Bryan von The Joy Formidable angesiedelt. Während sie mit der unsäglichen Lady jedoch nichts gemein hat, erinnert ihre Bühnenpräsenz jedoch sehr wohl an die energetische Kraft Harrys. Im Grunde scheint der Weg zum Durchbruch mit den besten Voraussetzung gepflastert, wird man von der Band noch viel gutes Dinge hören. Am 03. Juni spielten sie im Berliner Comet Club, direkt am lebendigen Schlesischen Tor.

Auch wenn die Anzahl der Konzertgänger die Hundertergrenze überstieg, die Location ohnehin den intimen Rahmen bedient, hätten sich durchaus mehr Besucher zu dieser Darbietung verirren dürfen. So blieb die Stimmung – abgesehen von der in den vordersten Reihen vertreten Fanschar – zu Unrecht und überraschenderweise ein wenig gedämpft. Dies freilich war keinesfalls das Resultat einer mediokren Performance. The Joy Formidable lieferten eine berserkerhafte Show ab, welche leidenschaftlich, laut und wild die Körper aller Musikenthusiasten zum Erzittern bringen musste. Was Rhydian Dafydd am Bass, Matt Thomas am Schlagzeug sowie Ritzy Bryan in ihrer Doppelfunktion als Gitarristin und Sängerin präsentierten, war direkt angelegter Noise-Pop mit viel authentischem Indie-Herz und ohne Mätzchen. Flockig wie kräftig wurden treibende Sounds in den Raum geworfen, die den Stein der Weisen zwar nicht ausbuddeln, aber eben nie abgelutscht klingen, sich vielmehr ungemein mitreißend entfalten. Wenn eine Gitarre noch Gitarre sein und gemolken werden darf, ein fiepsig-lasziver, melodischer Gesang den nötigen Twist beschert, alle Mitglieder sich in Ekstase bringen, dann erwächst daraus ein zwingende Vorstellung.

Die Waliser haben sich mit dem leider ein wenig kurzen, um die 40 Minuten dauernden Auftritt auf alle Fälle tief in meinen Notizblock geschrieben. Dem für dieses Jahr angekündigten Album darf folglich mit Neugier entgegengesehen werden. Und wer die Möglichkeit hat, sollte sich The Joy Formidable auf alle Fälle live ansehen. Ich jedenfalls fand den Auftritt im Comet Club wirklich ausgesprochen launig.

Tour-Daten:

06.06.10 Hamburg – Molotow
07.06.10 Köln – Studio 672

Links:

MySpace-Auftritt

Rockpalast-Mitschnitt

SomeVapourTrails

Die Kapitalistenschweine in Berlin, West Germany

Die Welt braucht mehr Polemik, denn sie wird von Arschlöchern regiert. So soll es nicht meinem Co-Blogger alleine überlassen sein, hier und da denn Finger in die eitrige Wunde zu legen. Wer richtig geil Kohle scheffeln will, der schmeißt heute den Anzug hin und setzt sich den Irokesenschnitt auf den Kopf, die weniger Mutigen überlassen dies revolutionäre Punkoutfit der Goldgrube, in der sie williges Hipstervolk und Touris neppen. Mit dem Kotti wird schnell die ideale Kulisse gefunden. Draußen auf der Straße und in den U-Bahnschächten verrotten noch die Junkies, die kleine Kreuzberger-Nachtmusik wird von den Sirenen der Polizeiwägen gespielt, hier duftet es noch nach Pisse und Kotze und vergammelten Sperma. Wer hier nicht merkt, dass er zweifelsverboten in der absolut Alternativ- und Punk- und Ultra-Indie-Szene unterwegs ist, der hat zu wenig gekifft im Leben und gehört zu den Spießern, die nur Wein und Bier trinken. Unliebsame Gesellen, die die Goldgräber am Neppen der Touris und Hipster hindern sollten.

Frisch in Berlin angekommen fühlte ich mich auch im Monarchen so richtig am Puls der Zeit, die Paloma Bar, der kleine Bruder gleich neben an eine Verheißung mehr. Missachtet jedoch, weil noch zu Landmädchenhaft hab ich das West Germany, der richtig heiße Scheiß, hier darf man sich um so mehr verarschen lassen. After-Work-Club für die, die Mitte meiden, weil sie zu cool sind. Wonneland für Studis, die das Achtziger-Revival verachten, denn heute werden teuer Punkklamotten mit Ramones-Feel geshoppt.

Der Authentizität zum Beweis sucht man die Homepage des West Germany vergebens. Allein die Adresse Skalitzer Str. 133, D-10999 Berlin darf gefunden werden, sonst zweifelt noch jemand am schon verratzten Schein. Denn MySpace und Facebook sind böse und uncool, the Real deal sind Eigenwerbungen auf qype.

west germany is the hippest little club that you might not have been to… located at skalitzer str. 133 in x-berg (right at the kottbusser tor u-bahn station), you will find a small and grungy club space with a bar, stage, some side rooms and a nice terrace overlooking kotti. expect some really abstract and cutting edge bands like high places, begoo, nadja, telepathe and abe vigoda to name a few… door prices are cheap and the drinks too. the owners are very cool as well! it gets hot in there, so dress accordingly

(Quelle)

Also bitte, nicht einfach Klamotten übergestülpt. DRESS ACCORDINGlY!!! Wär ja noch schöner, wenn jeder so rumliefe, wie es ihm gefiele. Vergesst nicht, das WEST GERMANY ist der hippeste und coolste Laden, der so hip und cool ist, dass ihr euch noch nicht mal vorstellen konntet, dass es so hippe und coole Läden überhaupt gibt, bevor ihr da gewesen seit (hoffentlich passend gekleidet).

Die perfekte Location für die Dum Dum Girls, die teuer produziert so klingen, als hätten sie ihr Debüt in der Garage mit Flohmarkt-Equipment eingespielt. Mit Augenzwinkern macht das Spaß und ist nett anzuhören, ein paar Gehirnzellen muss man schon ausknipsen um, den Indie-Charme zu genießen. (In voller Länge und Breite, mehr dazu hier)

Und nicht böse sein, dass die super coolen Inhaber des West Germany noch richtig harte West-Währung verdienen wollen, sie arbeiten hart am super hippen, indie, die Worte wiederholen sich schon wieder Renomee. Auch wenn die Prinzen wohl viel zu uncool für solch nie gesehenes oder dagewesenes Indie-Etablishment sind, so pfeifen sie doch deren Lied „Man muss ein Schwein sein in dieser Welt“. Die verwuschelten Locken, der betont ausgeleierte Pulli verhüllen nur dürftig des Kapitalisten böse Absicht. Kohle her – ich scheiß auf dich. Die Band von heute, ist das Altpapier von morgen. Heute noch Cutting Edge Act, morgen nur noch ein Bierfahnen müffelndes Gähnen wert. Promotion was für Weicheier, die sich nicht selber auf Qype, Last.fm und so hypen können. Geladene Journalisten sind Kanaille, Blogger uncooles Mistvieh sowieso. Gästelisten was für Spießer, die nicht die Clubbetreiber bereichern wollen.

Am  Kottbusser Tor gelten noch andere Regeln, wer hier nicht merkt, dass er die wahre Indie-Subkultur erlebt und mit Euros bewirft, der ist zu Neukölln oder schlimmer Prenzlauer Berg, Friedrichshain und last but not least: böses Mitte verkommen. Die Dum Dum Girls brauchen auch weiter Berichterstattung wie nen Bissen Brot. Aber da wird drauf geschissen. Die haben schon mal im West Germany gespielt, dass ist Gütesiegel genug, das CBGB’s wirkt blass dagegen und hat nicht nur Blondies Weltruhm begründet. Die Dum Dum Girls glauben den Hype, Zugaben sind was für… ach ich wiederhol mich wieder…. aber süß sahen sie aus auf der Bühne und nett wars, klang ein Lied wie das andere, schön mitwippen konnt man, blieb von unverhofften Melodieschwenkern verschont. Schnell vorbei gings auch. Meine Begleiter haben die Terrasse genossen, ich das Bad in der Menge. Noch mal zahl ich für so was nicht, da kenn ich coolere und hippere und uncoolere und unhippere Gelegenheiten meine Euros mit mehr Spaß zu verschwenden. Aber ich war da im möglicherweise coolsten, hippesten Club der Welt, gemerkt hab ichs halt nicht, nur meinen Enkeln mal erzählen möglicherweise, wenn dem nicht noch erst mal Kinderkriegen im Weg stünde. Aber vielleicht werd ich in diesem Leben ja noch was anständiges, zieh nach Prenzlauer Berg und zelebriere mit Bionade den Abschied von der Suche nach dem Echten im Hype.

DifferentStars

Konzert-Tipp: Mein Mio im Palais in der Kulturbrauerei am 20.02.10

Unsere Lokalmatadore haben schon wieder einen kleinen Sieg errungen und brauchen noch ein klein wenig Hilfe um den Echo-Gig zu ergattern. Daher Aufruf an alle, die gerne gute Musik hören und Mein Mio auf die Bühne der Echo Aftershow-Party hieven wollen:

Mein Mio sind unter den Top 5 und treten am 20.02.2010 im Rahmen des „Köstritzer Echolots 2010“ in der Kulturbrauerei auf! Der Sieger dieses Abends wird beim Echo 2010 in Berlin bei der Aftershow-Party auftreten!

Datum: Samstag, 20. Februar 2010
Zeit: 20:00 – 23:00
Ort: Palais in der Kulturbrauerei

Wir können dieses Konzert allen nur wärmstens ans Herz legen und haben die Jungs bereits zweimal live erlebt, nachzulesen hier und hier.

Für alle, die es noch nicht gesehen haben, nochmal das neue Video zur aktuellen Single Frag mich nochmal:

Links:

Offizielle Homepage

MySpace-Auftritt

DifferentStars

Ticketverlosung: The Happy End – 17.12.09 – Kaffee Burger, Berlin

The Happy End feiern am 17. Dezember ihr  „Echoes of Jericho“ T-Shirt-Album-Release-Konzert im Kaffee Burger in Berlin, Beginn ist 20 Uhr.
konzertverlosung
Ne witzige Aktion, wer das Album kauft, bekommt ein T-Shirt mit Download-Code ,der die Mp3s freischaltet. Wir verlosen 2×2 Tickets, hinterlasst uns einfach einen Kommentar. Teilnahmeschluss ist, da das Gewinnspiel erst heute reingepurzelt ist, am 17. um 15 Uhr. Gewinner werden von uns per Los bestimmt und dann via E-Mail benachrichtigt.

Merry Oger (Regie: Martin Fengel)

The Happy End – Merry Oger from The Happy End on Vimeo.

Links:


DifferentStars

Konzert-Tipp: Simon the Russian/ Mein Mio/ Tim Brownlow (Frontmann von Belasco/UK)

uselesssumma

Wir präsentieren: Der welterste Live-Auftritt von Simon the Russian! Am 16.12.2009 im Schokoladen, Berlin. Danach spielen Mein Mio und dann noch Tim Brownlow, im Pressetext steht, der sei Frontmann von Belasco (die ich nicht kenne, wahrscheinlich zu Recht, vielleicht aber auch nicht).

Über Simon und Mein Mio haben wir ja schon viel geschrieben, nachzulesen u.a. hier und hier und hier! Und wer den einen oder andern Blogbeitrag gelesen hat, der weiß auch schon, dass Simon nicht nur the Russian ist, sondern auch Bandmitglied von Mein Mio.

Und weil’s so schön ist,  hier noch mal das Video meines werten Co-Bloggers vom Mein Mio Auftritt im Festsaal Kreuzberg:


Mein Mio – Es gibt immer live@Festsaal Kreuzberg

somevapourtrails | MySpace Video

Die Musik von Simon the Russian anhören und ein paar Tracks kostenlos downloaden könnt ihr hier und hier.

Und so sieht das Glamour-Frühstück des Künstlers aus (untermalt von seinen Klängen):

Mit viel ohne Schirm, jedoch Charme und Hut statt Melone, folgt hier die persönliche Einladung zum Konzert von Simon:

DifferentStars

Bist du narrisch! – Ein Abend mit der Rampensau Helgi Hrafn Jónsson

Ab heute wollen wir die Leser unseres Blogs mit einem mehrteiligen Special über einen isländischen Singer-Songwriter verwöhnen, der aus mehrerlei Gründen die besten Voraussetzungen mitbringt, sich in deutschen Gefilden dauerhaft zu etablieren. Ein Teil der Strahlkraft von Helgi Hrafn Jónsson wird im in Kürze hier zu findenden Interview deutlich, welches wir im Rahmen seines Berliner Auftritts führen durften. Und auch unser klingender Adventkalender wird dem werten Herren ein Türchen widmen.

Helgi(Berlin)

Gestern gastierte Helgi Jónsson im Saal 101 im Berliner Admiralspalast, bestach mit einer rundum kurzweiligen, musikalisch intensiven und ungewöhnlich charmanten Show. Zahlreiche Besucher strömten in den Admiralspalast, entflohen dem adventlichen Trubel der Friedrichstraße, begehrten die stimmungsvollen Songs eines zukunftsträchtigen Talents zu hören. Doch vorher gab seine Landsmännin Ragga Gröndal eine Kostprobe ihres Talents ab. Was meiner Co-Bloggerin DifferentStars nicht gefallen mochte, rang mir durchaus positive Eindrücke ab. Frau Gröndals Darbietung isländischer Folklore fehlte vielleicht eine gewisse eigenständige Note, die Tatsache jedoch, dass sie blaue Strümpfe zu einem vermutlich für die ländlichen Regionen der Insel nicht untypischen Kleid trug, sorgte jedenfalls für eine nachhaltige Erinnerung.

Kurz nach 22 Uhr enterte Helgi Jónsson mit zwei Begleitmusikern die Bühne, zauderte nicht lange und intonierte inbrünstig ein brandneues Lied namens I am God. Sofort wurde der Raum in den Bann des in hingebungsvoller Trance schwelgenden Sängers gezogen. Da werden ja schwere Geschütze aufgefahren, dachte ich so bei mir. Und wunderte mich ein wenig über das Bühnen-Alter-Ego, welches sich so komplett von der Person zu unterscheiden schien, die ich zuvor im Backstage-Bereich als humorvollen, sehr lebendigen und eloquenten Menschen erlebt hatte. Noch irritierter zuckte meine Augenbraue, als sich der Sänger auf Englisch vorstellte. Herr Jónsson hat seine Studienzeit in Graz und Wien verbracht und beherrscht die deutsche Sprache ausgezeichnet – mit Schwerpunkt auf Idiome der Alpenrepublik. Doch bereits nach dem zweiten Song taute er auf, begann in herrlichstem österreichischem Dialekt zu parlieren, mutierte zu einer an Scherzen reichen, selbstironischen Rampensau, die die hochgradig tiefgründige, ab und an bleischwere, stets beseelte Aura seiner Lieder mit launigen Kommentaren brach und für allgemeine Erheiterung sorgte. Und doch bändigte er das amüsierte Publikum stets, schuf Sekunden der Besinnung, ehe sich abermals Schwaden nachdenklicher Schönheit im Saal fläzten.

Unter kollektivem Prusten erzählte der gesellige Sänger, wie sein Song Ashes Away bereits zu Studienzeiten entstand, nachdem eine am Keyboard mit Aufnahmefunktion nach eigenem Urteil geniale Komposition von seinem WG-Genossen versehentlich mit dem eigenen ungelenken Spiel gelöscht worden war. Auch Helgis Wunsch einmal derart erfolgreich zu sein, dass er es sich leisten könne, zwischen seinen Liedern leichtgeschürzte Schönheiten, wie man sie vom Boxen kennt, per Tafel die Songs ankündigen zu lassen, wurde belächelt. Worauf Herr Jónsson diese Vision dann auf den Aufmarsch isländischer Bauernjungen mit politischen Botschaften downgradete. Und all die spitzbübischen Kommentare waren von dem schönsten aller Dialekte durchtränkt und mit typisch östereichischen Ausdrücken wie Bist du narrisch gespickt.

Und doch war es die wundersam wirkende Musik, allen voran September , welche unterstrich, dass er kein Dampfplauderer oder schlichte Epigone isländischer Lichtgestirne ist. Sein Singsang perlte schimmernd, oft von einem Schlagzeug untermalt, welches nicht nur den Rhythmus vorgab, vielmehr schönste Klangeffekte kreierte. Auch Dry Run oder das mitreißende, als letzter Track vor der obligatorischen Zugabe gespielte Digging Up A Tree überzeugten die ihm bereits vollends verfallenen Besucher.

Nach gut 80 Minuten entließ Helgi Hrafn Jónsson ein durch und durch zufriedenes Publikum, das neben guter Laune besonders die Eindrücke virtuoser, charismatischer Klänge aufgesogen hatte. Für mich persönlich eines der authentischsten Konzerte, welches ich je gesehen habe. Der Sänger will Deutschland auch 2010 mit seiner Anwesenheit beehren. Und dies ist  ein Versprechen, dessen Einhaltung man herbeisehnen sollte.

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