Schlagwort-Archive: Krautrock

Schatzkästchen 90: BEAK> – Sex Music

Damon Albarn wird ja gern als musikalischer Tausendsassa verehrt. Und ganz verkehrt ist diese Anerkennung nicht. Musikalische Connaisseure können aber noch spannendere Künstler nennen. Etwa den virtuosen Herrn Geoff Barrow. Bei diesem Namen mag es nicht sofort bei jedermann klingeln. Aber als eines der Hirne von Portishead hat er die jüngere Musikgeschichte entscheidend geprägt. Und was er seit einigen Jahren zusammen mit den Mitstreitern Billy Fuller, Matt Williams (bis 2016) und neuerdings Will Young als BEAK> auf die Beine stellt, kann sich ebenfalls hören lassen. BEAK> wird von den Beteiligten wohl vor allem aus Hobby betrachtet, die große Ambition diese Klänge mit sehr viel Tamtam zu vermarkten, kann ich bei besten Willen nicht erkennen. Das ändert jedoch nichts an der Großartigkeit, von welcher sich mindestens 99 Prozent aller Musikschaffenden so einiges abschauen könnten.

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Made in Germany, ha! – Klaus Johann Grobe

Deutschland, deine Künstler! Backen wir uns doch einen! Die Zutaten sind rasch zur Hand. Man nehme ein bisschen vom Charme deutscher Chansons der Sechziger und Siebziger, denke dabei an eine Hildegard Knef oder einen Manfred Krug, und füge das Easy Listening eines James Last hinzu. Man geize nur ja nicht mit krautigen Elementen, denn bekanntlich ist es das Genre, das Deutschland zur Musikgeschichte der letzten Dekaden beigesteuert hat. Auch auf NDW-Textlichkeit darf unter keinen Umständen verzichtet werden. Ein wenig Andreas Dorau ist ohnehin nicht verkehrt. Nicht vergessen, die Chose dann mit einer ordentlichen Portion PeterLicht zu würzen! Wenn man all dies kräftig verquirlt, erhält man Klaus Johann Grobe. All die Ingredienzien schreien förmlich nach Musikvergnügen made in Germany. Und tatsächlich ist das Album Spagat der Liebe purer Genuss! Doch einen Haken hat die Geschichte. Das Duo, das hinter dem für eine Band reichlich skurrilen Namen steckt, stammt aus der Schweiz!

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Beklemmung auch bei Sonnenschein – Vlimmer

Vielleicht gibt es ja für jede Musik einen ganz bestimmten Ort, an dem sie gehört werden sollte. Ein folkig-erhabenes Plädoyer für ein Zurück-zur-Natur könnte sich etwa als Kulisse einen plätschernden Gletscherbach verdienen, ein Industrial-Abgesang dagegen wäre auf einer Brache in einem aufgegebenen Industriekomplex gut angesiedelt. Wo also dürfte man Vlimmer, ein Projekt des im Berliner Speckgürtel beheimateten Musikers Alexander Leonard Donat, verorten? Da sich die EPs I und II als Mischung aus Krautrock, Wave und Shoegaze entpuppen, würde mir spontan der Berliner Untergrund in den Sinn kommen. Steigen wir also hinab in die Kanalisation und Schächte, in all die Katakomben und Kloaken dieser Stadt. Denn die dunkle, hoffnungsarme, einsame Enge der EP wird dieser Szenerie durchaus gerecht.

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Voll Fantasie und Wohlgefühl – This Is Head

Alle mal herhören! Heute möchte ich eine meiner Lieblingsplatten des Jahres vorstellen. Das Album hat von Bono-macht-einen-auf-Indie-Pop bis hin zu Space-Cowboy-Krautrock viel zu bieten. Der schwedischen Formation This Is Head darf man zu einem großartigen Werk gratulieren, zu einer unvergesslichen Platte nämlich, der man durchgängig die Freude an hypnotischen Rhythmen und launigen Melodien anmerkt. Das selbstbetitelte Album strahlt große Bescheidenheit aus, steht für lautere Liebe am Musizieren, vermag zu überraschen. Bei vielen durchaus guten Scheiben werde ich oft vom Gefühl beschlichen, dass das Zusammenschustern eines Werks ein echter Knochenjob ist, bei dem die Inspiration auch schon mal auf der Strecke bleibt. Dieser Eindruck fehlt bei This Is Head völlig, jedwede Sekunde kann überzeugen, jeder Track scheint leicht von der Hand zu gehen. Solch Unangestrengtheit verfängt beim Hörer ganz und gar.

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Photo Credit: Tobias Widman

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Schlaglicht 23: BEAK>

Dieser Tage verlasse ich mich aus sommerlicher Faulheit heraus in puncto Musik sehr auf das, was an diversen Newsmails so hereinflattert. Daher hätte ich fast die Veröffentlichung einer neuen EP von BEAK> verpasst, wenn ich nicht auf Nicorola, einem der wenigen Musikblogs meines Vertrauens, darauf gestoßen wäre. BEAK> ist mehr als nur ein obskures Indie-Projekt, einer der Köpfe ist schließlich kein Geringerer als Geoff Barrow von Portishead. Die nun veröffentlichte BEAK> <KAEB Split EP umfasst 4 Tracks, die von Spoken Word über Reminiszenzen an Simon & Garfunkel bis hin zu Krautrock allerlei aufbieten. So konsistent die Ästhetik bei Portishead angelegt ist, der werte Nico weist nicht umsonst darauf hin, dass dies um den Preis geschieht, in 21 Jahren gerade einmal 3 Studioalben veröffentlicht zu haben, so sehr ist BEAK> dem Experiment, einer spontanen Produktivität verpflichtet. Der erste Track The Meader etwa tönt als ganz old-fashioned gestrickter, treibender Krautrock. Bereits diese Nummer lohnt den Kauf. Auch Broken Window mit seinem Drone-Charakter und den hypnotischen Prog-Rock-Elementen fällt hörenswert aus. Danach jedoch wird es richtig schräg. When We Fall entpuppt sich als gedämpfte Ballade im Stile von Simon & Garfunkel. Dieser Song ist so überraschend wie liebenswürdig. There’s No One vermischt Rap mit sakralem Chorälen, steigert sich in eine derwischhafte Spoken-Word-Performance samt psychedelischen Effekten hinein. Solch theatralische Grenzgängerei sollte man durchaus auf sich wirken lassen. Schlaglicht 23: BEAK> weiterlesen

Schlaglicht 21: This Is Head

Vor 2 Jahren hat mich die schwedische Formation This Is Head mit ihrem Song Time’s An Ocean enorm beeindruckt. Beim ersten Hören kam sofort der Gedanke an die Urgesteine von James auf. Im September 2015 nun veröffentlichen die Schweden ihr mittlerweile drittes, diesmal nach der Band benanntes Album. Und eben jene Kreativität, die bei der Namensgebung gespart wurde, haben die Schweden in die neuen Songs investiert. Die ersten Vorboten erscheinen mir hochinteressant. Die Band bietet nämlich Indie-Rock mit starker Kraut-Attitüde feil. Da wäre da zum einen der famose Track Timmerdalen, dessen hypnotischer Flow zu entzücken weiß. Timmerdalen ist instrumental angelegt, mehr als ein wenig Hüsteln aus dem Hintergrund ist gesanglich nicht zu vernehmen. Diese Space-Rock-Nummer ist Wucht und Wonne. Ein weiteres, nicht minder gelungenes Lied, dem man bereits lauschen darf, nennt sich People. Auch hier wird ins goldene Jahrzehnt des Prog-Rock zurückgedüst. Und ebenfalls bereits vorab zu genießen ist Natten, ein Stück das The Line Of Best Fit wie folgt beschrieben hat: „Tribal percussion and gliding refrains fade into clear-cut vocals and driving riffs, glimmering drones paving way for potent rhythms and dynamic vocals.“. Schlaglicht 21: This Is Head weiterlesen

Regional ist besser 4: Feverdreamt

Krautrock mit orientalischer Note, fabriziert in Berlin. Das klingt spannend, allerdings auch schräg, sodass man beim ersten Hören des Albums Terban Te Ban darüber staunt, wie dezent und klischeefrei hier zu Werke geschritten wird. Das Projekt Feverdreamt ist nämlich keine typische Crossover-Ausgeburt, es offeriert vielmehr einen im Schwelgen, im Gedanken begriffenen Sound, einen Mix aus psychedelischen Elementen, Post-Rock, Drone und Ambient. Und über all dieses wird ein mit Fortdauer des Werks immer stärker hervortretender, exotischer Gesang der Marke selbst ertüfteltes Wüsten-Esperanto gelegt. Obwohl – besser: gerade weil – diese Musik flüchtig und schwer greifbar wirkt, dem Bandnamen somit sehr gerecht wird, ruht in ihr ein mitunter meditativer Charakter. Zhudan Zhudal etwa erwächst zu einem fast zwölfminütigen Traum, dessen Verschachteltheit an ein Labyrinth erinnert. Der Sound drängt vorwärts, nur um den Kreis zu schließen und wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Es mutet wie ein Drogentrip unter einer mit Sand gefüllten Glasglocke an. Laxmadan Tu wiederum hängt im Vortrag morgenländischer Melancholie nach, eine sachte, in Chiffren dampfende Schwere liegt über diesem Track. Yodan Fu verlagert sich endgültig in einen sich dahinschleppenden Wachdämmer. Diese Musik in jenem Zustand wimmernder Trance hat mich schon längst um den Finger gewickelt. Weil sie wunderbar zu täuschen weiß, eine eigene, im Grunde ok­zi­dentale Fantasie eines von archaischer Schönheit beseelten Nahen Ostens entfaltet. All die Exotik trägt die Sehnsucht an geträumte Fremde in sich. Auch deshalb könnte der Name dieses Projekts nicht besser gewählt sein. Feverdreamt kreiert Mal für Mal eine Fata Morgana, die flackert, flirrt und flimmert. Das epische Antrebax Nox steht in bester Kraut-Tradition, es wirkt hypnotisch, lullt ein, spornt die Vorstellungskraft an. Es erschafft eine in Cinemascope getauchte Weite samt unruhigem Horizont.

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Chaos am Buffet – Trans Am

Was ist wohl lebensgefährlicher? Sich mitten auf eine frequentierte Autobahn zu stellen oder aber sich bei einer Veranstaltung vor dem Buffet zu positionieren, um stolz zu verkünden, dass selbiges nun eröffnet sei? Jede Schlacht ums Buffet radiert hundert Jahre zivilisatorischen Fortschritts binnen weniger Minuten aus. Wir lieben die Vielfalt, die uns ein üppig angerichtetes, abwechslungsreiches Büffet bietet. Alle erdenklichen Canapés dürfen es sein, natürlich sollen auch mit Oliven oder Cocktailtomaten verfeinerte Käsespießchen sowie Garnelenringe nicht fehlen. Je kunstvoller und vielfältiger die Kalten Platten drapiert sind, desto lustvoller und sabbernder wühlen wir darauf herum. Wir delektieren uns an der breiten Palette von Köstlichkeiten. Umso eigenartiger finde ich es, dass wir es etwa bei der Musik gerne kohärent haben. Ein Album hat gefälligst einen vorherrschenden Musikstil aufzubieten, ein Zuviel an Abwechslung überfordert uns. Dann bemängeln wir fehlende Durchdachtheit. Eine Schallplatte muss zehnmal die gleiche Soße anbieten, die sich lediglich in Nuancen unterscheiden darf. So mag es der Durchschnittshörer. Und aus diesem Grund wird Volume X der US-Trios Trans Am auf wenig Gegenliebe stoßen.

Trans Am ist ohnehin die Sorte Band, die man zwar dem Namen nach kennt, von der man aber so gar nichts im Plattenschrank stehen hat. Mit ihrem zehnten Album hat die Formation allerdings endgültig den Vogel abgeschossen und viele potentielle Fans vergrätzt. Denn sie beackert berserkhaft die Musikgeschichte, gerade so als müsste sie uns hier und heute in einem Crashkurs erklären, was gestern und vorgestern angesagt und modern war. Volume X ist – mit Verlaub – Kraut und Rüben. Schon die ersten zwei Songs unterstreichen diesen wirren Genre-Mix. Der Opener Anthropocene etwa ist so gut, wie synthielastiger Rock nur sein kann. Chaos am Buffet – Trans Am weiterlesen

Ein eigenartiger Umgang mit dem Backkatalog – Holger Czukay

Wenn Musiker und Bands eine Wiederveröffentlichung ihrer Alben von vor dreißig Jahren spendiert bekommen, oder oft auch selbst initiieren, dann wird in aller Regel mehr geklotzt denn gekleckert. Ein Remastering nach den Regeln der Kunst ist ohnehin eine Selbstverständlichkeit, dazu wird das Werk von einst meist mit Demoversionen, Livemitschnitten und unters Mischpult gefallenen Tracks aufgefettet. Mitunter macht all das Sinn, zumindest für die eingefleischtesten Fans. Umso erstaunter war ich, dass mit Der Osten Ist Rot_Rome Remains Rome dieser Tage eine Zusammenstellung erscheint, die zwei Alben Holger Czukays auf ein einziges eindampft. Welch eigenartiger Umgang mit dem Backkatalog eines großen Musikpioniers!

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Zwischen Ritualtanzonomatopoesie und Weltraumeroberungswahn – LADA

Es existieren gute und böse Überraschungen. Wenn ein Sondereinsatzkommando um 6 Uhr früh versehentlich deine Wohnung stürmt, obwohl sie es eigentlich auf die Hanfplantage des Marihuana-Jüngers im Stockwerk über dir abgesehen haben, dann wäre das wohl eine böse Überraschung. Wenn du dagegen eine E-Mail bekommst, dass ein dir unbekannter, über fünf oder mehr Ecken verschwippschwägerter Onkel aus Nigeria das Zeitliche gesegnet und dir Billionen hinterlassen hat, dann sich das unerwartet gute Nachrichten – nicht für den Onkel wohlgemerkt. Überraschungen funktionieren also dann, wenn sie aus heiterem Himmel daherdackeln und nicht mit allerlei Erwartungshaltungen durchsetzt sind. Ich lasse mich auch gerne verblüffen, vielleicht weniger vom Alltag – aber von Musik allemal. Und das ist der Hamburger Formation LADA mit ihrem Album Vitamine vorzüglich gelungen. Was das Trio an Experimentierfreude im Köcher hat, macht mich staunen, mit jedem Hördurchlauf mehr. Hier vermengt sich Krautrock mit improvisatorischem Flair und gefühlten hundert Genres, wabert scheinbar ziellos dahin, nur um urplötzlich hynoptische Kraft zu entwickeln. Ob der Sound in Schwaden durch einen gedämpften Raum tanzt oder sich im Orbit beim Anblick der Sterne räkelt, ob klaustrophobisch dicht oder in die unendliche Weite flutend, stets reibt man sich so gebannt wie ungläubig die Ohren. LADA besitzen die ungeheuer positive Eigenschaft, immer und immer wieder überraschen zu können.

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