Musikalischer Quartalsbericht 2009 (I)

Januar, Februar und März liegen nun hinter uns. Eine kurze Zusammenfassung der Highlights, Neuentdeckungen und natürlich auch der kakophonischen Katastrophen bietet sich folglich an.

Beginnen wir mit dem in jeder Hinsicht durchschnittlichsten Album des noch jungen Jahres. Man hört die einzelnen Songs an, nur um sie mit dem nächsten Wimpernschlag dem Vergessen preiszugeben. Sie tun nicht mal weh, sonst würde sich zumindest diese Erinnerung ins Hirn prägen. Die Rede ist natürlich von U2s neuer Platte No Line On The Horizon. Aber natürlich hat sich auch diese CD von Bono und Kumpanen verkauft. Die Herrschaften könnten wohl auch die Platte „Live aus dem Trappistenkloster“ aufnehmen und damit Kohle verdienen. Ein weitaus größeres Ärgernis ist da schon der Hype um Glasvegas. Aber das Hochloben langweiliger Bands von der Insel hat ja mittlerweile Tradition, in vorangegangenen Jahren wurde man mit den Arctic Monkeys oder Franz Ferdinand beglückt. Apropos Franz Ferdinand, selbige sind auch 2009 noch keinen Deut interessanter geworden. Es gibt eben doch Konstanten im Musikbusiness. Eine dieser bedeutete immer auch, dass Johnny Cash als unantastbares Gütesiegel galt. Die Scheibe Johnny Cash Remixed jedoch darf getrost als schlechtestes Album der letzten drei Monate gewertet werden. Wenn sich Snoop Dogg über den Altmeister hermacht, ist dies Grabschändung der übelsten Sorte. Wann kommt endlich die Gefängnisstrafe für zweitklassige Remixer, die sich an formidablen Liedern vergehen?

Wenden wir besser den schönen Dingen zu. Pete Doherty bewies mit Grace/Wastelands, dass er zu mehr als nur Skandalgeschichtchen taugt. The View fragten Which Bitch? und lieferten frische, verrotzte Mucke ab. Die Tradition allerfeinsten Songwritings hielt Little Hells von Marissa Nadler hoch, dessen entrückte Stimmung gefiel und gefiel und gefiel. Dass Antony and the Johnsons mit The Crying Light einen weiteren Meilenstein setzen würden, war abzusehen – und sollte dennoch nochmals erwähnt werden. Das Comeback von Selig rief jede Menge Kritiker auf den Plan und dies völlig zu Unrecht. Wer allerfeinsten deutschen Rock nicht mag, der sollte bei Peter Maffay bleiben. Und Endlich Unendlich ist famos.

Das Jahr ist jung, die Zahl der Newcomer hingegen groß. Abgefeiert wurde Soap & Skin und es erscheint zwecklos das Potential zu leugnen. Noch wenig bekannt in Deutschland ist der Songwriter Mike Bones, welcher mit seinem zweiten Album A Fool For Everyone ein Meisterwerk geschaffen hat. Hier harrt ein Ausnahmetalent einer breiten Wahrnehmung. Auch deutschsprachiger Pop kann abseits jedweden nervtötenden Gebarens stattfinden, wie Lalah mit dem Debüt Ich wär so weit unterstrich. Und The Glam versprachen mit Escapism, dass man auch von Deutschland aus die Musikwelt erobern kann.

So vielfältig sich dies erste Quartal auch musikalisch präsentiert, einige brilliante Alben tummeln sich bereits in der Veröffentlichungswarteschleifen und garantieren keinerlei Abflauen an allerschönstem Nachschub.

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Trällern wie Gott in Frankreich – Lalah

Wenn mir die werte Mitbloggerin DifferentStars eine CD vor den Latz knallt, so wie sie einem räudigen Straßenköter einen Knochen vor die Füße wirft, und in ihren Augen dieses auffordernde Funkeln liegt, dann töst in meinem Kopf das roboterhaft geleierte „Muss rezensieren!“. Also gut, hören wir uns mal das Machwerk an…

Lalah nennt sich die Künstlerin, Ich wär so weit das Album. Hinter Lalah steckt Dörte Benzner, die laut Press Kit Komponistin, Sängerin, Schlagzeugerin und – so wörtlich – an guten Tagen Poetin ist. Nun schimpft sich ja eine erkleckliche Schar an Zeitgenossen Sänger und Poeten, in Berlin scheint es auf nahezu auf jedermann anwendbar, der nicht bei drei auf den Bäumen ist. Erkunden wir uns also mal die Platte an und schauen, was hinter den groß gespuckten Tönen steckt.

lalah

Lalah

Ich wär so weit ist ein absolut kurzweiliges, an Abwechslungen reiches Album, in welchem jedes Lied seine musikalische Eigenheit aufweist und mit inspirierten Lyrics daherdackelt, die noch keinen Rauschebart angestaubter Abgedroschenheit tragen. Was da in den Gehörgängen schunkelt, ist mit einer Menge Kreativität angereichert, ein Mehr an nur auf Betroffenheit getrimmte Texte. Das ausladend intonierte Zähmen wummert in der Manier eines James-Bond-Titel-Tracks durch die Boxen, das gespenstische Ich wär so weit flirtet mit Glubschaugen gen Trip-Hop-Attitüden. Über allem schwebt eine liebliche Stimme mit Biss, mehr als nur schieres Gesäusel, das gemahnt eher an ein cleveres, mitunter zärtliches Trällern wie Gott in Frankreich. Auch der ausgelatschte Groove spiegelt die Entspanntheit wider. Man dankt Gott, dass nicht wie so oft Ambition mit Angestrengtheit verwechselt wird.

ichwarsoweit

Kommen wir zu den Schwachstellen, die meiner Meinung nach rar gesät sind. Trotz des durchgängig hohen Niveaus der Scheibe ist kein absoluter Gassenhauer auf dem Album vertreten. Das ehrt Lalah einerseits – schließlich hat sie ein vielseitiges Werk ohne Füllmaterial abgeliefert, andererseits wird die unaufdringlich hohe Qualität wohl leider einmal mehr nur von absolut audiophil veranlagten Fetischisten wahrgenommen. Schade, denn herrlich verquere Tracks wie die sehnsuchtsvolle Ode an die See in Form von All meine Liebe oder auch das spritzige, wortspielerische Duett Vergessen mit der nett getröteten Trompete unterhalten ungemein.  Der unprätentiöse, chansonesque Vortrag von Nicht mehr verliebt wäre ein weiteres Beispiel für die Vielseitigkeit eines gut produzierten Albums, dessen Eroberung dem Hörer sehr zu empfehlen ist. Auf alle Fälle verifiziert Frau Benzner die These, dass intelligentes deutschsprachiges Songwriting mitunter federleicht vorgetragen kann, ohne dass man mit dem Holzhammer der Bedeutungsschwere erschlagen wird.  Weiter so! Und ein Dank an meine Mitbloggerin, die mich zu diesem Hörerlebnis gezwungen hat.

Lalah – EPK – Album – Ich Wär So Weit

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