Fundstücke der Trüffelschweine – Lanterns on the Lake, Goldmund, Ezequiel Ezequiel

Ich habe ja ein gutes Näschen für nicht eben Übelkeit verursachende Töne. Meiner Einschätzung nach sogar einen ausgesprochen guten Instinkt. Und wenn ich nicht gleich einem Trüffelschwein die Schätze aufspüre, dann übernehmen dies andere Blogger mit ähnlicher Befähigung. Und so will ich drei Entdeckungen der letzten Wochen hier nochmals hervorstreichen und auch die mit Lob überhäufen, welche solch Perlen ans glänzende Tageslicht befördern.

Lanterns on the Lake

Dream-Pop aus Großbritannien überbringen uns Lanterns on the Lake. Gefunden habe ich diese in ätherischer Perfektion schimmernde Band bei Coast Is Clear. Tatsächlich zählt es zu den idiotensicheren Rezepten, „wohlmodulierte Melancholie“ – wie sie Coast Is Clear definiert – mit einer entrückten Frauenstimme zu paaren. Wenn dies mit genügend Hingabe hauchig-beseelt vorgetragen wird, dann enthusiasmiert solch Sound die Genre-Fetischisten. Bei Lanterns on the Lake freilich sehe ich die feinen Konturen derart wohlgestalt ziseliert, dass sich auch ein breites Publikum daran erfreuen könnte. Eigentlich haben wir es hier mit einer Art von Musik zu tun, die nach Exaltiertheit dürstende Kritiker verhungern lässt und wohl deshalb eher ein Fressen für Blogger bleibt, schlichtweg weil diese auch Fans sein können und Emotionen festpinnen dürfen, wo Profirezensenten immer nach großer Kunst Ausschau halten. Ich würde ja darauf wetten, dass viele der Tracks zu Ruhm und Ehren kämen, wenn sie als Hintergrundmusik in Fernsehserien und im Film eingesetzt würden. Gefühlskino eben, damit haben wir es hier zu tun. Anbei einige Streams der Band um Sängerin Hazel Wilde.

Die Single Lungs Quicken ist am 07.06. erschienen.

My Shield gibt es hier als kostenlose Mp3 (laut dem Blogger mit Erlaubnis der Band).

Weitere kostenlose Downloads, darunter das ebenfalls sehr schöne Under Stars, findet man auf Last.fm.

Goldmund

Herr Keith Kenniff, der unter anderem unter dem Namen Goldmund firmiert, scheint ja durchaus umtriebig zu sein und somit nicht unterbeschäftigt. Mir freilich brachte ihn jedoch erst das klienicum näher. In diesem Fall haben wir es einem in allen Farben leuchtenden Piano zu tun, welches „die gewichtslosen töne, für das bindende im schwebenden, für die momente, die man in der luft verbringt“ darreicht, wie es der werte Kollege formulierte. Es sind jedenfalls Klänge, die sowohl dazu prädestiniert wirken, bewegte Bilder zu untermalen, aber eben auch bei geschlossenen Augen ein Kino im Kopf lostreten. Seinem in diesem Monat erscheinendem Album Famous Places darf man mit Spannung entgegensehen.

Mehr musikalische Leckerbissen können hier begutachtet werden.

Ezequiel Ezequiel

Zuletzt will ich noch einen in London werkenden, argentinischen Musiker vorstellen, welcher als Ezequiel Ezequiel mit „zarten Songs, die zwischen Ambient, Folk und Electronica zu Hause sind„, punktet, wie Peter von den Schallgrenzen konstatiert. Herr Ezequiel Claverie entzückt mich in der Tat. Die Stärke der Musik liegt in einem gefühlsechten Vortrag, der durch gediegenes Songwriting und schlichtweg smarte Instrumentierung vielfach verstärkt durch die Boxen dringt, besonders wenn sich die Lieder durch von fern klingendes Hintergrundgeträller nochmals verdichten. Dann will die Begeisterung dafür kein Ende nehmen und ebenso die Verwunderung, dass hier kein Skandinavier oder gar Isländer ins Mikro singt. So fühle ich mich bei Up from the mountain an Sigur Rós erinnert, was wohl alles, wirklich alles über die Qualität dieser Musik aussagt.

Das Album Winter Rise samt dem ebenso aufregenden Dear Permafrost ist als freier Download verfügbar.

Sun dance by ezequiel ezequiel

Gegen Bekanntgabe einer E-Mail-Adresse erhält man den Song an dieser Stelle gratis.

Der Track Need ist hier als kostenloser Download verfügbar.

SomeVapourTrails

Ein Mixtape gegen die irdischen Töne des Sommers

Meine Gedanken queren die sengende Straße und schweifen in den belärmten Park , wenn ich so vom Balkon aus das grelle Leben sichte. Die Wirklichkeiten Kreuzköllns sind von irdischen Tönen beschickt, so prall wie stereotyp. Schwarz-Rot-Gold ranken sich Kopftücher um die Häupter mancher Frauen, selbst die ächzende Hitze vermag den perfekt gegelten Haare der flanierenden Checker nichts anzuhaben. Dickliche, nahezu albinohäutige Mädchen stapfen mit kurzem Minirock und lilanen Strümpfen vorbei, die Gesichter schick alternativ mit Piercings bedacht. Drogendealer dealen in den weiten Grünanlagen, sogar Asoziale gehen ihrem Tagwerk nach, leicht vertrocknet scheinen sie alle. Prosaisch legt der schwelende Sommer überraschungsarme Szenarien blank, um letztlich in der Gesamtschau doch vielfältig zu bleiben. Dieser Tage kennt mich der Computer kaum, mein leidender Rücken mag kein Sitzen, vom nassgeschwitzten Bett aus zu schreiben verbietet die Vernunft. So diktiere ich Gedanken dem Notizblock, während sich das Hoppeln viel zu schnell über Kopfsteinpflaster fahrender Autos und munteres Kindergeschrei mit von mir gewählter Musikbeschallung mengen.

Dem Wüten des Sommers setze ich eine wohldefinierte Klarheit entgegen. Der Üppigkeit der Grelle kontere ich mit einem oft leisen, manchmal in eigentümlicher Verträumung ruhenden Sound. Es muss nicht immer ein hüftwackelnder Rhythmus sein, eine auf Sex getrimmte, brütende Aufdringlichkeit. Gerade die Noblesse einer Zeitlosigkeit, die Erfrischung einer Losgelöstheit, eben jene Nuancen fluten inmitten all des schrillen Treibens hervor, wehen die nötige Kühle über den Balkon, beschatten den dösenden Patienten. So jedenfalls verkommt der Sommer zu einer schweißverkrusteten Erträglichkeit.

Great Lake Swimmers – River’s Edge

Colapesce – Niente di più

Gem Club – Sevens (kostenloser Download)

Natureboy – Heart To Fool

The Innocence Mission – The Happy Mondays (kostenloser Download)

Gabby Young & Other Animals – We’re All in This Together

Lanterns On The Lake – Lungs Quicken

Sun Kil Moon – You Are My Sun (Stream)

SomeVapourTrails

Stippvisite 24/06/2010

Vorfreutipp:

Zugegeben, ich habe !!! stets nur en passant verfolgt, aber der erste Appetithappen auf das am 20. August erscheinende Album Strange Weather, Isn’t It? überzeugt mich vollends. AM/FM nennt sich der Track und kann gegen Angabe einer E-Mail-Adresse auf der Webseite der Band kostenlos heruntergeladen werden. Die Platte wird auf dem Blog sicher zu gegebener Zeit ausgiebig besprochen.

!!! (Chk Chk Chk) – AM/FM (taken from Strange Weather, Isn’t It?) by Warp Records

Belustigungstipp:

Wenn sich die taz wirklich ins Zeug legt, dann kann sie selbst unlustige Comedians locker verdammt humoresk aussehen lassen. Was Redakteur Deniz Yücel derzeit in seiner WM-Kolumne hinkritzelt, wird  zu einer vernachlässigbaren Mixtur aus bemühten Witzeleien und Holzhammerprovokation. Der Charme erschließt sich eher in den vor Political Correctness strotzenden Kommentare, die selbst eine halbgare Satire zu einem Rassismus fördernden Staatsakt ausrufen. Wenn zivilisatorische Errungenschaften wie Toleranz tatsächlich durch die Verwendung des Wortes „Neger“ bereits als bröckelnd anzusehen sind, hat die Gutmenschelei der taz-Leser absolut nichts bewirkt. Das wäre in der Tat wesentlich schlimmer als der Pennäler-Humor eines Journalisten, der Anelka als Analka tituliert.

Hörtipp:

Dass Coast Is Clear als Indie-Instanz in deutschen Breiten Geltung erlangt hat, daran zweifle ich schon längst nicht mehr. Gerade in den letzten Wochen sind dort einige Perlen vorgestellt worden. So zum Beispiel die britische Formation Lanterns on the Lake, die fein gesponnenen, lauschig leichten Dream-Pop anbietet. So zumindest mein restlos positiver Eindruck nach mehrmaligem Lauschen des Songs Lungs Quicken.

Schwedentipp:

In Skandinavien wachsen die Singer-Songwriter so verbreitet wie hierzulande nur Unkraut. Jennie Abrahamson darf als neuestes Beispiel fungieren. Das Album While the sun’s still up and the sky is bright erscheint Anfang August und gerät ersten Eindrücken zufolge zu einer ziemlichen stimmigen Angelegenheit. Schöne Melodien mit Wiedererkennungswert, sauber dargeboten, mit einem Auge auf den Mainstream schielend und dennoch nicht flach, all das kann man auf der Haben-Seite verbuchen.

Verlosungstipp:

Wer in Köln wohnt, Freitag abends keinerlei WM-Verpflichtungen im Kalender auffindet und die 80er nicht eben in schlechter Erinnerung trägt, kann sich einen Überraschungs-Gig von OMD bei Spex live im Rahmen der c/o Pop zu Gemüte führen. Das Comeback-Album namens History Of Modern wird im September die Plattenläden heimsuchen. Hand aufs Herz, waren Orchestral Manoeuvres In The Dark nicht eine der interessantesten Gruppen dieser Zeit? Mehr Infos zur Ticketverlosung findet ihr hier.

Downloadtipp:

Ich habe schon öfters auf die famose Sharon Van Etten hingewiesen, sie auch in meinem Genre-Lexikon der Singer-Songwriter genannt. Auf betterPropaganda ist gerade der Song I Couldn’t Save You als kostenloser Download verfügbar. Unbedingt anhören, freilich wieder schlichtweg exquisit.

Das soll es für heute auch schon wieder gewesen sein. Viel Vergnügen!

SomeVapourTrails