Boulevard of the Nameless (V)

Sogar in Zeiten des Internets scheint es mitunter schwer, harte Fakten über einen Musiker zusammenzutragen. Und da ich im Prinzip zu der Gattung Hörer zähle, die ein Lied oder Album immer gern in einen Kontext stellen und die Komposition als Teil der Lebensumstände des Schöpfers sehen, fällt es mir zugegebenermaßen schwer, ohne viel Hintergrundinformation auf die Musik allein zurückzufallen. Genau dies freilich geschieht bei Larvae. Hinter diesem Namen verbirgt sich der in Atlanta ansässige Matthew Jeanes, welcher als Mastermind zusammen mit Chris Burnett und Bryan Meng diesen Electronica-Act formt und nach eigenen Angaben bereits seit 1997 an diesem Projekt werkelt. Viel mehr lässt sich aus verschiedenen Quellen nicht extrahieren, doch genügt es, um das vage Bild eines im besten Sinne Besessenen entstehen zu lassen.

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Das mit einem überaus spannenden Repertoire aufwartende, in Berlin beheimatete Label Ad Noiseam veröffentlichte im Herbst 2008 das aus zwei EPs bestehende Album Loss Leader, welchem ich mich momentan weder entziehen kann – noch will. Insbesondere die unter dem EP-Titel Turning Around zusammengefassten ersten vier Titel der CD ergeben eine wundervolle Vermengung von Post-Rock-Elementen mit hochgradig melodiösem Downtempo. Die Konsistenz der Verträumung schöpft aus einer harmonischen Dichte, die vor allem vom Kontrast der filigranen Gitarren und nahezu zärtlichen Beats lebt. So schreit jede Faser des Openers Turning Around gleich einem verzückenden Tagtraum, bauschen sich flauschige Synthies auf, in welchen es sich gut dösen lässt, ehe eine atmospärische Woge sacht Chakra für Chakra benebelt. Auch Giftshop oder Heavy arbeiten nach diesem Prinzip, ersinnen einen unverkennbaren, mitreißenden Rhythmus, dessen Liebreiz sich nicht nur Genre-Fetischisten eröffnen mag.

Im zweiten Teil wuselt ein weitaus härterer Entwurf unter dem Titel Monster Music 2 aus den Boxen. Grobe Beats in IDM-Manier türmen sich auf luftiger Ambient-Verspieltheit. Sorgsam wird ein Gegenentwurf zur Wärme der ersten Hälfte gezeigt, bahnt sich eine Kälte den Weg – wie vor allem im roboterhaften Gigan And The Mysterians etabliert. Und mit dem Rausschmeißer Oxygen Destroyer überzeugt sogar die Verknüpfung zwischen den skizzierten wuchtig-hackigen Beats und dem durch Gitarre geprägten Shoegaze-Sound der Anfangstracks.

Speziell konzipierte Musik wird immer nach speziell gesinnten Ohren lechzen. Die Schönheit dieser Scheibe freilich beschert Larvae einen Eintrag auf dem Boulevard of the Nameless. Verbunden mit dem Wunsch, dass solch bravourös gestaltete Musik nicht länger in namenloser Unbekanntheit verharrt.

Link:

Offizielle Webpräsenz von Larvae

Label-Seite

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