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Eine kleine Albenvorschau für das erste Quartal 2012

Man muss ja Vorsicht walten lassen, wenn man von einer Albenvorschau für das erste Quartal 2012 spricht. Google schnappt diese Worte arglos auf und lotst versehentlich auch Lieschen Müller auf unseren Blog. Und da man sich seine Leser leider nicht aussuchen kann, werde ich auf Verdacht gaaanz laaangsam sprechen. Damit auch der durchschnittliche Internet-Surfer nicht nur Bahnhof versteht. Hier geht es nicht um Vollständigkeit, vielmehr wollen wir unserer Ansicht nach feine Bands und Künstler auflisten, die uns in den nächsten Monaten mit neuen Werken erfreuen. Solche Musiker, auf die man sich seit Jahr und Tag verlassen kann, zumindest aber bereits eine starke Platte im Talon haben. Was wäre Musik ohne die Vorfreude auf kommende Alben geschätzter Künstler. Unter diesem Aspekt verspricht uns das erste Quartal so manche Sternstunden!


The Big PinkFuture This VÖ (Deutschland): 13.01. 2012; Label: 4AD
Vorgeschmack:


The Maccabees  Given To The Wild VÖ (Deutschland): 20.01.2012; Label: Cooperative
Vorgeschmack:


Ani DiFrancoWhich Side Are You On? VÖ (Deutschland) 20.01.2012; Label: Righteous Babe Records


Lana Del ReyBorn To Die VÖ (Deutschland): 27.01.2012; Label: Vertigo Berlin
Vorgeschmack:


Leonard CohenOld Ideas VÖ (Deutschland): 27.01.2012; Label: Columbia
Vorgeschmack:


AIR  – Le Voyage Dans La Lune VÖ (Deutschland): 03.02.2012; Label: Virgin


Sharon Van Etten – Tramp VÖ (Deutschland): 10.02.2012; Label: Jagjaguwar
Vorgeschmack:
Kostenloser Download von Serpents


TindersticksThe Something Rain VÖ (Deutschland): 20.02.2012; Label: City Slang
Vorgeschmack:


Damien JuradoMaraqopa VÖ (Deutschland): 24.02.2012; Label: Secretly Canadian
Vorgeschmack:
„Nothing is the News“ by Damien Jurado by DOJAGSC


The Magnetic FieldsLove at the Bottom of the Sea VÖ (Deutschland): 05.03.2012; Label: Domino Records


Dirty ThreeToward The Low Sun VÖ (Deutschland): März 2012; Label: Bella Union

SomeVapourTrails

Herrn Navratils musikalische Kapazunder

In einer Wiener Buchhandlung:

„Gehn S‘, werter Herr Navratil, jetzt müssen Sie mir aber verraten, was sie da wieder Sperenzchen im Schaufenster haben? Wird das nun etwa ein Musikhandel?“

„Wo denken Sie nur hin, Herr Professor! Aber man muss mit der Zeit gehen. Seit einigen Jahren san die Leut zu faul Bücher aufzuschlagen, darum braucht’s Hörbücher im Geschäft, sonst könnt ich schon lang zusperren. Und jetzt halt ein wenig Musik für die Kundschaft.“

„Verkaufn die nicht eh genug überall? Man kann ja nicht mal mehr im Elektro-Markt herumspazieren, ohne dass sich neben den Waschmaschinen diese CDs stapeln.“

„Ich bin da ganz bei Ihnen, Herr Professor. Die gibt’s bald schon neben dem Wurschtstand im Supermarkt. Aber das hier, ich sag’s Ihnen, das ist halt schon was anderes. Reclam, Sie wissen eh, die mit den kleinen Heftln, der Verlag bringt jetzt auch CDs mit echten musikalischen Kapazundern heraus. Für die Leut, die sonst nur lesen. Davon gibt’s eh nur mehr wenig, nicht wahr?“

„Geschätzter Navratil, die Chefitäten solcher Firmen machen heutzutage viel zu viel Faxn.“

„Wem sagn S‘ das, Herr Professor! Aber jetzt, wo die Kundschaft die Bücher eh schon am Taschen-Computer liest, muss ich halt auch das Sortiment erweitern. San ja nur noch drei Jahre bis zur Pension. Ich mag’s mir gar nicht vorstellen, was mein Enkerl dann aus dem Laden macht. Der streift heut schon durchs Geschäft und murmelt was von fehlendem Wehlan.“

„Sie machen mir Sorgen, werter Navratil. Wo soll ich denn dann meinen Schnitzler oder Kraus zum Verschenken kaufen? Was mich dran erinnert, weshalb ich Ihnen den Besuch abstatte. Ich bräuchte ein Präsent.“

„Gehn Sie mit der Zeit, nehmen S‘ doch eine CD.“

„Herr Navratil, glauben Sie wirklich, dass meine Enkeltochter das präferiert?“

„Na, wie alt ist das Fräulein denn?“

„Sie stellen vielleicht Fragen, die Kinder wachsen ja so schnell heran. Ich meine, sie wär 20. Die Julia studiert Architektur.“

„Glauben sie mir, Herr Professor. Die Jugend reißt sich heut nicht mehr um Schnitzler. Schenken Sie ihr doch einmal eine CD. Ein bisserl Abwechslung hat noch nie geschadet.“

„Sie sind mir vielleicht einer, geschätzter Navratil. Na gut, packen Sie mir halt zwei ein. Die Kleine kommt eh immer mit Stöpsel im Ohr daher, so verkehrt wird das schon nicht sein.“

Wir verlassen hier den Schauplatz, wollen uns gar nicht erst ausmalen, welche Freude der Professor im Ruhestand seiner für Rihanna schwärmenden Enkelin macht, als er ihr die gesammelten Erfolge eines Lou Reed und Leonard Cohen überreicht. Und doch scheint dies Szenario aus den feuchten Träumen von Reclam und Sony entsprungen, denn die in der klassischen Reclam-Optik gehaltene Musik Edition will laut Pressemitteilung „mit dieser CD-Serie gezielt auch Konsumentenkreise ansprechen, die sich hauptsächlich im Buchhandel bewegen„. Heute nun erscheint die zweite Tranche mit sechs weiteren Best-Of-Alben. Und da ich für den Start der Reihe viel Kopfschütteln übrig hatte und über Sinn und Zweck sinnierte, will ich noch einmal Grundsätzliches überprüfen.

Mal ehrlich, gibt es wirklich noch Herrn und Frau Bücherwurm? Zeitgenossen beiderlei Geschlechts, die das gedruckte Buch über die Maßen schätzen und deren Zeitbegriff während des Stöberns in den prallvollen Buchregalen flöten geht. Menschen eben, die Kindle aus Überzeugung missachten. Sind diese dann wirklich so sehr fokussiert, dass Sie das geschriebene Wort verehren, der Musik hingegen kaum frönen? Was für ein Versäumnis wäre das, denn mit die größte Poesie findet sich in der Musik wieder. Eben beispielhaft bei Leonard Cohen, der seit über 40 Jahren trotz Zäsuren und Auszeiten als Meister des Songwritings glänzt, mit kunstvoll arrangierten Bildern wie „And the sun pours down like honey/ On our lady of the harbour“ (aus Suzanne) oder knapp gefassten Idyllen „I loved you in the morning, our kisses deep and warm, your hair upon the pillow like a sleepy golden storm“ (Hey, That’s No Way To Say Goodbye) und in der Schlichtheit fast schon unverschämten Lebensweisheiten wie „The poor stay poor, the rich get rich/ That’s how it goes/ Everybody knows“ (Everybody Knows). Cohens Düsternis giert nicht nach Licht, seine Schönheit glimmt brüchig, sein Œuvre kennt keine Posen, überdauert allgemeingültig die Zeiten. Der unter dem Reihentitel All Time Best firmierenden Zusammenstellung kann man auch wirklich keine schweren Versäumnisse vorwerfen. Von genialen Frühwerken wie Famous Blue Raincoat und eben Suzanne über den gereiften Könner, der auch die Achtziger mit Würde gemeistert hat (First We Take Manhattan), bis hin zu dem vor mittlerweile 10 Jahren erschienenen, lapidar betitelten Comeback Ten New Songs, welches mit A Thousand Kisses Deep vertreten ist, werden alle Dekaden abgedeckt. Unberücksichtigt bleibt lediglich sein Wirken in den späten Siebzigern. Auch dieses Mal wurde eine bereits mit dieser Tracklist erhältliche Compilation, Greatest Hits betitelt, in die Reclam Music Edition überführt. Das allein wäre weniger rügenswert als der Umstand, dass Amazon die Greatest Hits derzeit fast um die Hälfte günstiger anbietet. Neben lobenswerten Liner Notes, ausgewählter Diskografie und Zeitleiste hätten auch die Lyrics im Booklet Platz finden müssen. Ein Makel der Reihe!

Streifen wir noch kurz das zweite Album, welches der Buchhändler Navratil dem alten Professor aufgeschwatzt hat: Lou Reed, nicht eben ein musikalisches Leichtgewicht und nur widerspenstig in eine Werksschau zu pressen, weil sich Reed oft erst über das gesamte Konzept eines Albums entfaltet. Als zweites Problem dieser Zusammenstellung erweist sich der Umstand, dass der Fundus von Sony nur bis Mitte der Achtziger mit Reeds Liedern bestückt ist. All Time Best deckt daher gerade ein Drittel seiner Karriere ab, zugegebenermaßen die besten und besonders schillernden Jahre des Singer-Songwriters, der in den Jahren nach der Trennung von The Velvet Underground Obskures, Großartiges und Durchwachsenes anbot. Perfect Day oder Walk On The Wild Side, nicht zu vergessen Vicious, entstammen dem großen Wurf Transformer (1972), das wunderbare Coney Island Baby dem gleichnamigen Album von 1976, The Gun repräsentiert das famose The Blue Mask, mit dem Reed 1982 seine Renaissance einleitete. Manch Song, speziell das sehr schwachbrüstige Sally Can’t Dance, zeigt den taumelnden, keineswegs unantastbaren Künstler. Und die Songs von Berlin verlieren an Wert, wenn sie aus dem Kontext der Scheibe gerissen werden. All Time Best wirkt somit wie eine mit Klecksen übersäte Visitenkarte, deren Adresse schon längst nicht mehr stimmt. Lou Reed hat mit New York (1989) zumindest noch eine weitere Glanztat zu verantworten, die bloß das sture System der Plattenlabels vor Neuhörern zu verheimlichen scheint. Und natürlich, abermals hat Sony eine als The Very Best Of bereits vorliegende Sammlung in das zugegeben sehr schicke, mich immer schon ansprechende Design der Musik Edition eingebracht.

Vermutlich bin ich Realist genug, um die Grundprämisse dieser Kooperation zwischen Reclam und Sony als reine Geschäftemacherei zu erachten. Ob man Bücherwürmer mit Hilfe des Renommees von Reclam wirklich zur Musik hin ködert? Ich würde es ja eigentlich verneinen. Aber wenn selbst Real CDs zu stolzen Preisen verhökert, diese ja nicht aus Lust und Laune in ihrem Sortiment führt, warum also sollen nicht auch Läden wie Thalia oder Hugendubel mit der Musik Edition reüssieren? Irgendwer kauft immer irgendetwas, und sei es Leonard Cohen als Geschenk für die gepiercte Enkelin. Es soll nichts Schlimmeres passieren…

Link:

Reclam Musik Edition

SomeVapourTrails