Schlaglicht 71: Lindi Ortega

Die Unrast derer, die ständig unterwegs sind, sei es aus schnöden beruflichen Gründen oder aber wegen eines ruhelosen Gemüts, taugt bestens zum Sinnbild für einen unsteten Lebensweg, der keineswegs in kalkulierten Bahnen verläuft. Die kanadische Country-Musikerin Lindi Ortega erzählt in ihrem Lied Til The Goin‘ Gets Gone also vom Leben hinterm Steuer eines Autos, unterbrochen nur von Übernachtungen in billigen Motels. Gerade Nordamerika mit seinen endlosen Highways eignet sich gut als Gleichnis für die Reise des Lebens. Immer weiter dem Ziel entgegen, getrieben von Sehnsüchten und aufgehalten von Frustrationen. Davon berichtet auch diese akustische Ballade. Die Zeilen „All the rundown dirty motels/ All the cities and small towns/ Leave ‚em in the rear view mirror/ While the wheels keep spinning round/ ‚Cause I gotta keep goin‘, I gotta keep goin‘ on“ geben dem Song mit wenigen Worten viel Ambiente. Man vermag die Rastlosigkeit mit den Händen zu greifen. Und durchaus verstehen, warum bei manch Gemütern die Reise stets in die Ferne schweift, das eigentliche Zuhause keinen beständigen Reiz versprüht.

 Weiterlesen

Free Sampler: The Muse January 2013 Sampler

Auch 2013 schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits sehe ich mich nicht in der Tradition von Schnäppchenseiten, die Dinge für lau oder noch billiger anbieten, andererseits ist eine kostenlose und vollständige Kostprobe der beste Weg, um neue Hörer zu gewinnen. Daher werden wir wieder öfter auf kostenlose Downloads oder gar Sampler verlinken, in der Hoffnung, dass es den von uns geschätzten Künstlern neue Fans einbringt.

Nach ein paar Jahren des Bloggens glaube ich zu meinen, dass mir keine Musikmagazine mehr fremd sind. Ich weiß, welche ich genauer beobachte, ebenso vermag ich im Brustton der Überzeugung einige Webseiten zu benennen, die man höchstens alle Jubeljahre mal besuchen muss. Das Magazin American Songwriter war mir bis dato allerdings gänzlich unbekannt. Diese Bildungslücke hat meine werte Co-Bloggerin jedoch gefüllt, als sie mir unlängst den aktuellen kostenlosen Sampler von American Songwriter empfahl. Tatsächlich tummeln sich darauf jede Menge Acts, die wir entweder gerade erst oder aber demnächst mit jeder Menge Lob überträufeln werden. Beginnen wir mit der wundervollen Country-Stimme von Lindi Ortega. Erst am Wochenende habe ich hier ihr jüngstes Album Cigarettes & Truckstops über den grünen Klee gelobt, weil es Schmachten, Leiden und Verruchtheit wunderbar zelebriert. Schön, dass der Titeltrack ihrer Platte auf dieser Zusammenstellung vertreten ist!

 Weiterlesen

Release Gestöber 35 – Teil 2 (Das Beste 2012 mit Grimoon, Lindi Ortega, Tiny Ruins)

Musikblogger sind wie Kaninchenzüchter. Wenn ein Karnickelexperte einen Rammler im Stall hat, dann will er diesen selbstverständlich Gleichgesinnten voll Stolz vorführen. Auch dem Blogger brennt es auf der Seele, wenn er ein Album bislang unerwähnt gelassen hat. Daher seien kurz nach Jahresende noch ein paar tolle Platten von 2012 mit einem kräftigen, wenngleich späten Ausrufezeichen versehen.

Grimoon

Es gibt Platten, die zu schön für diese Welt sind. Sie wirken viel zu elegant geschnitten, um sich in hektischen Zeiten wie diesen prollig vor dem Hörer aufzubauen und mit mächtigen Kurven Eindruck zu schinden. Die italienisch-französische Formation Grimoon etwa hat mit ihrem im Frühjahr 2012 veröffentlichten Album Le déserteur ein sehr hintergründiges, atmosphärisch dichtes Werk erschaffen. Es weist eine starke chansonesque Note auf, dazu gesellt sich Folk sowie ein wenig Rock. Alles wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, wie es sich für eine subtile Platte auch geziemt! Wer unbrachial übermittelte Botschaften zu schätzen weiß, der wird bei Le déserteur fündig. In der Literatur gehört die Beschäftigung mit vergangenen Gräueln zum guten Ton, auch das europäische Kino hat sich um die Aufarbeitung der Geschichte verdient gemacht. Hier hinkt moderne Musik oftmals hinterher, bleibt hoffnungslos gegenwartsbezogen, verloren in das eigene Ich hofierende Gefühlswelten. Und wenn es mal doch um den Krieg geht, dann wird meist eine die Geschichte der Menschheit ignorierende Naivität zur Schau gestellt. Nun haben Grimoon mit diesem Album das Thema Krieg nicht gedankenschwer seziert, aber sehr wohl eine interessante Facette hervorgehoben. Das Leben nach dem Krieg nämlich. Die Überwindung von Leid wird bei Tango de guerre vorgetanzt, Monument aux déserteurs wiederum taucht in die Gedankenwelt derer ein, die sich dem Kampf verweigerten. Allerdings wird man dieser Platte nicht gerecht, wenn man sie auf ein Thema reduziert. Denn Le déserteur forscht auch nach dem Sinn des Lebens, erkennt, dass man sich bei seinem Leben nicht einfach auf eine GPS-Navigation verlassen kann (Directions). Die Flucht in die Fantasie, die Abkehr von der Realität wird im ebenfalls famosen Song Draw On My Eyes ersehnt.

 Weiterlesen

50 Albumschmankerln 2012

Hier nun also der zweite Teil unserer Jahresbestenliste. 40 Alben und 10 EP haben wir als Empfehlungen ausgewählt. Wie schon für unsere 75 Lieblingstracks 2012 gilt auch in diesem Fall, dass diese Liste von Auslassungen lebt. Natürlich wären Get Well Soon oder auch Leonard Cohen heiße Anwärter auf einen Platz in dieser Aufzählung, wenn wir denn jenen Alben heuer mit der gebührenden Ausführlichkeit gelauscht hätten. Doch wenn uns der wöchentliche Veröffentlichungszirkus etwas anderes weismachen möchte, gute Alben werden nicht schnell ranzig. Können auch erst mit ein paar Jahren Verzögerung gefestschmaust werden. Ob ein Musikjahr also beweihräuchert werden darf, das entscheidet sich oft erst lange nach dessen Verstreichen. Das, was uns jedoch bereits jetzt nachdrücklich in Herz und Hirn haften geblieben ist, haben wir folglich hier zusammengetragen. Wir wünschen viel Vergnügen beim Durchstöbern!

Alben

Born To Die_ Lana Del Rey - CMS Source1. Lana Del ReyBorn To Die

 Weiterlesen

Unsere 75 Lieblingstracks 2012

Hier ist sie also nun, die Jahresbestenliste unser Lieblingssongs. Eine Momentaufnahme, zugegeben. Wenn wir am Ende des Jahres die persönlichen Favoriten Revue passieren lassen, dann stellen wir oft ganz verdutzt fest, welch zweifelslos prima Musik uns in jedem Jahr wieder durch die Lappen gegangen ist. Doch das Jahr hat eben nur 365 Tage, selbst wenn man jeden zweiten Tag ein neues Album für sich entdeckt, hat man gerade einmal 180 Alben gelauscht. Das ist nichts im Vergleich zur Fülle an Neuerscheinungen. Dazu kommen noch einzelne Tracks, die sich der geschäftige Blogger tagtäglich so anhört. Das ergibt in der Summe mindestens 3000 neue Tracks pro Jahr, gar nicht die gefühlten Millionen Tracks mitgerechnet, welchen man mit leidendem Augenaufschlag begegnet, die man bereits nach wenigen Sekunden auf Nimmerwiederhören verabschiedet. Von daher ist eine jede Bestenliste eines Blogs nur ein klitzekleiner Ausschnitt einer Gesamtwirklichkeit. Zugleich ist solch eine Zusammenstellung auch programmatisch zu verstehen, sie stellt den eigenen Geschmack zur Schau, grenzt sich ab. Wir machen nicht den Diener vor einer cleveren PR-Kampagne von Frank Ocean, finden Tame Impala schauerlich. Diese Liste will weder hip noch obskur und auch in keinster Weise vollständig sein. Sie soll unsere von Herzen kommenden Empfehlungen dieses Jahres nochmals unterstreichen. Mehr nicht.

Songliste2012

 Weiterlesen

Free Christmas Compilation: Ho! Ho! Ho! Canada 4

Heiß ersehnt und nun endlich da, The Line Of Best Fit ist nun schon im vierten Jahr wahrer Quell der Weihnachtsfreude. Regelmäßige Leser unseres Blogs werden wissen, dass uns Kanada musikalisch besonders am Herzen liegt. Und natürlich beinhaltet dieser Weihnachtssampler auch einen ganz speziellen Liebling von uns. Lindi Ortega ist besonders live eine Wucht und eine der talentiertesten Alternative-Country-Vertreterinnen, die uns in den letzten Jahren begegnet ist.

 Weiterlesen

Stippvisite 21/10/11 (Über Gänsehautschmeichler und Verschwiegenheitseide)

Mal wieder ein paar kleine musikalische Leckerbissen, mundgerecht dargereicht. Man will ja den werten Leser nicht völlen. Diese Tipps freilich zergehen auf der Zunge, wecken ein Verlangen nach mehr. Sie lösen also exakt die Anforderung ein, die an ein Appetithäppchen zu stellen ist. Man lasse es sich schmecken!

Technicolortipp:

Manch Konzert findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, gerade so als hätten die zufällig Eingeweihten einen ewigen Verschwiegenheitseid abgelegt. In einer nun durchaus renommierten Berliner Lokalität nur 40 Besucher begrüßen zu dürfen, lässt drei Schlüsse zu. Entweder hat die Künstlerin das musikalische Talent einer Stubenfliege oder ihre Musik ist in einer derart verwinkelten Genre-Nische angesiedelt, dass nur ausgewiesene Fetischisten um die Ecke spähen, oder freilich die Promotion lässt zu wünschen übrig, erzeugt nicht genügend Tamtam. Im Falle der Kanadierin Lindi Ortega zweifle ich an allen drei Folgerungen. Und doch war ihr Auftritt in Berlin (Roter Salon) am 15.10.11 nicht wirklich gut besucht. Jede noch so monotone Indie-Band lockt mehr Leute hinter dem Ofen hervor. Schade eigentlich, denn Ortega bietet keineswegs Country-Schmalz. Sondern präsentiert quirlig-nostalgisches Technicolor, wie ich jüngst voll Gefallen konstatiert habe. Auch live machte sie eine sympathisch kauzige, im Habitus an Amy Winehouse erinnernde Figur. Ich lege daher den geschätzten Lesern ein Erlauschen des Albums Little Red Boots nahe. Selbiges wird nun nach Verschiebung des Veröffentlichungstermines am 11.11.11 in Deutschland erscheinen. Das sollte wirklich kein Geheimnis bleiben.

Lindi Ortega – Little Red Boots sampler by Last Gang Entertainment

Gänsehauttipp:

Wir bleiben in Kanada. Wenden uns der in Toronto beheimateten Band Ohbijou zu. Mit dem jüngst veröffentlichten Album Metal Meets scheint der Band ein kleines Wunder geglückt. Wem der schwammige Begriff Indie-Pop bereits aus den Ohren staubt, sei auf den vollen orchestralen Sound, die engelhaft fiepsige Stimme von Sängerin Casey Mecija und eine geradezu majestätische Eleganz hingewiesen. So zumindest mein Eindruck, nachdem ich mir die Songs Niagara, Anser und Balikbayan mehrfach angehört habe. Speziell Niagara ist ein Gänsehautschmeichler der obersten Kategorie. Man höre und staune! Ich hoffe, das Album bei nächster Gelegenheit ausführlich vorstellen zu können. (via Exclaim!)

Metal Meets ist am 27.09.11 in Kanada erschienen, ein Erscheinungsdatum für Deutschland entzieht sich meiner Kenntnis. Den Track Niagara gibt es hier als kostenlosen Download.

Konzerttipp:

Noch eine Formation, die mich vom ersten Akkord an überzeugt hat: Other Lives, welche durch Americana der hintergründig ausgefeilten Sorte mit Kammerpop-Elementen punkten. Das in hiesigen Gefilden am 26.08.11 auf PIAS erschienene Album Tamer Animals sollten sich nicht nur Genre-Fans zu Gemüte führen. Wenn das Label nämlich die Streicher-Arrangements mit Ennio Morricone und Philip Glass vergleicht, dann stellt das keine der branchenüblichen Übertreibungen dar. Der Track Woodwind orientiert sich durchaus an Glass, auch Dark Horse kennt solch Einsprengsel, Old Statues hat in der Tat viel Western-Flair. Als Highlights möchte ich As I Lay My Head Down und For 12 (unten als kostenlose Mp3 verfügbar) nennen. Abermals eine uneingeschränkte Empfehlung! (Mit Dank an Coast Is Clear, der mich durch seinen Post wieder an die Band erinnert hat.)

Other Lives – For 12 (Official Video) from tbdrecords on Vimeo.

Konzerttermine:

04.11.11 Zürich (CH) – Abart
10.11.11 Köln – Blue Shell
12.11.11 Weissenhäuser Strand – Rolling Stone Weekender
13.11.11 Berlin – Privatclub
14.11.11 München – Kranhalle

Other Lives – Tamer Animals Sampler by tbdrecords

SomeVapourTrails

Quirlig-nostalgisches Technicolor – Lindi Ortega

Wenn der massenkompatiblen Ausprägung im Country-Bereich Emotionen aus der Seele fluten, bleibt im Flusensieb des eigenen Gefühlshaushalts lediglich ein undefinierbar klebriger Batzen zurück. Nun gab und gibt es Großmeister des Genres, die erfolgreich die völlige Verstopfung des Country-Metiers zu verhindern wussten wie wissen. Und längst existiert eine Gegenbewegung namens Alternative Country, deren Empfindungsrückstände mehr als bloß musikalisches Kleingeld darstellen. Was sich bei der Kanadierin Lindi Ortega so im Flusensieb verfängt, schimmert und funkelt gleich an einer dunklen Locke aufgefädelten Glitzerperlchen. Das Album Little Red Boots kommt nicht im züchtigen Western-Outfit, welches kein Schweißfleckchen zu trüben vermag, daher. Neben allem leidenschaftlichen Glitter und zuckervergossenem Herzschmerz schwappt bei Frau Ortega ein Faible für gute, alte Patina über, eine aufrichtige Bewunderung für die Zeiten quietschbunten Technicolors, die wesentlich mehr Pfiff und Flair versprühten als der so saubermännische und doch glitschige Hochglanz der Gegenwart.

Little Red Boots bietet in der nicht gerade opulenten Länge von 37 Minuten viele Ohrwürmer von süchtig machender Qualität. Die Chose erinnert mehrfach an den frühen Chris Isaak, gepaart mit der hellstimmlichen Inbrunst einer Dolly Parton. Dazu gesellt sich ein kecker und sentimentaler, ab und an lasziver – aber nie die populäre Fick-mich-Keule schwingender – Vortrag Marke Ortega. Genau so wird ein Schuh daraus, ein hübscher kleiner roter sogar.

Lindi Ortega – Little Lie from Last Gang Records on Vimeo.

Ehe ich mindestens einem halben Dutzend Liedern meine Begeisterung ausspreche, muss ich vor allen anderen den Song I’m No Elvis Presley loben. Wenn ich mir die launigsten 2 Minuten des bisherigen Musikjahres rauspicken müsste, mir fiele kaum etwas gelungeneres ein als dieser wuselig altmodische Titel, bei dem man sich die Sängerin gut im Petticoat vorstellen mag. Beim nicht minder feinen Titeltrack Little Red Boots trifft man hingegen auf den rätselbestickten, umherziehenden Vamp, der eine Lippenstiftspur hinterlässt. Markant auch die Rockabilly-Nummer Little Lie, die gleich zu Beginn der Platte jeden Gedanken an eine Unschuld vom Lande beiseite schiebt. When All The Stars Align erinnert mich wie bereits erwähnt an eine Mischung aus Chris Isaak und Dolly Parton, All My Friends schlägt in die selbe Kerbe. Mit Jimmy Dean kommt nach Presley gleich die nächst Ikone der Fünfziger zu ihren Ehren. Country hin, Country her – dieser Song vermag sogar den schlimmsten Verächter um den Finger zu wickeln. Wie für das Genre unumgänglich mangelt es mit Dying Of Another Broken Heart auch nicht an einer vor Liebespein triefenden, den guten Geschmack jedoch stets wahrenden Ballade („I should hold a funeral for every love I’ve lost/ Bury pieces of my heart under the winter frost/ And in the spring they’ll all be covered in forget-me-nots/ I’m dying of another broken heart„). Ortega schlüpft in viele Kostüme – und alle passen wie angegossen.

Lindi Ortega – Little Red Boots sampler by Last Gang Entertainment

Lindi Ortega schaut tief in die Seele des Country, kehrt dabei nie das Unterste zuoberst, schenkt dem überwiegend kitschversifften Metier eine altmodische Lauterkeit zurück, wie das nur die besten Singer-Songwriter können. Little Red Boots entpuppt sich als eine blendende Scheibe, deren Gefühle nie zu einem schleimigen Etwas zusammenpappen. Wo sich Country sonst häufig in seichten Idyllen und hoffnungslos plumpen Emotionen suhlt, überschüttet uns Ortega mit geschmeidig funkelndem Temperament. Ohne allzu neumodische Mätzchen in der Instrumentierung, ohne das leiseste Cowgirl-Klischees beschert uns die junge Kanadierin ein quirlig-nostalgisches, in kräftigen Farben koloriertes Album, das an Kurzweil kaum zu übertreffen scheint. Ich bin entzückt!

Little Red Boots ist am 09.09.11 auf Last Gang Records erschienen.

Konzerttermine:

15.10.2011 Berlin – NBI
16.10.2011 Hamburg – Astra Stube
18.10.2011 Köln – Barinton

Link:

Offizielle Homepage
Lindi Ortega auf Facebook

SomeVapourTrails