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Musikalisches Tohuwabohu (IV): Lotte Kestner, Widowspeak, HAWK

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Lotte Kestner

Man kann mir viel erzählen, einen Bären jedoch lasse ich mir nicht aufbinden, nämlich dass in den vergangenen 20 Jahren ein besserer Dream-Pop als jener von Trespassers William gemacht wurde. Immer wieder weise ich gern darauf hin, dass es die Magie dieser Klänge war, die diesen Blog zum Leben erweckt hat. Leider gibt es die Band schon lange nicht mehr, aber was die Sängerin Anna-Lynne Williams seitdem unter dem Künstlernamen Lotte Kestner fabriziert, kann sich mehr als nur hören lassen! Das gilt auch für ihr neues Werk Off White, das soeben das Licht der Welt erblickt hat. Der Track Ghosts fasst all die Qualitäten Lotte Kestners zusammen. Da wäre zunächst jeder makellose Gesang, der große Intimität und Fragilität ausstrahlt. Nichts scheint leicht über die Lippen zu kommen, alles Fühlen und Grübeln ist von Verletzlichkeit geprägt. Der skeletthafte Sound wird von einem kargen Piano bestritten. Und doch erwächst aus einfachsten Mitteln eine intensive Atmosphäre, für deren Beschreibung man tief in die Schatzkiste jedes Thesaurus greifen muss. Man nehme die Worte gedankenverloren, selbstversunken, weltentrückt und stelle sich all das in einem beklemmenden, zwielichtigen Ambiente vor, dann bekommt man ein Ahnung über das, was Lotte Kestner an emotionalem Tiefgang auffährt. Doch neben all dem stillen Leiden, das eines ihrer Markenzeichen ist, existieren auch hoffnungsvollere Momente. In dieser Hinsicht wäre die angenehme Versonnenheit von In Glass zu nennen. Auch Eight Ball ist eine Offenbarung, weil sich Williams‘ verhallter Gesang wunderbar an diesen sachten Walzer schmiegt. Musikalisches Tohuwabohu (IV): Lotte Kestner, Widowspeak, HAWK weiterlesen

Stippvisite 26/08/2013 (Problemfall Amerika)

Man sollte sich um eine differenzierte Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten bemühen. Die USA sind mehr als nur eine überhebliche, ignorante Weltmacht. Sie sind mehr als nur eine kranke, bigotte Gesellschaft, die einem Peitschenknallkapitalismus huldigt. Amerika ist auch Mythos, intellektuelle und künstlerische Lebensader der Menschheit. All dies sollte man in die Überlegungen miteinfließen lassen, ehe man die eigene Haltung zu Amerika definiert. Doch wie immer man auch zu den Vereinigten Staaten steht, an einem wichtigen Kritikpunkt kann man einfach nicht vorbei. Das Gefangenenlager Guantanamo ist ein Schandfleck, weil es noch immer nicht geschlossen ist, weil es Menschenrechte missachtet, weil es dem vermeintlichen Bösen mit Bösheit begegnet, weil es die moralische Integrität einer Großmacht dauerhaft beschädigt. Die Werte einer Demokratie sind auch daran festzumachen, wie sie mit ihren Feinden umgeht. Wer glaubt, dass Humanismus auch mal Pause machen kann, hat nichts verstanden. Die Schmach Guantanamos ist aber keine rein amerikanische Angelegenheit, es ist auch ein Versagen Europas, das aus einer falschen Unterwürfigkeit heraus, das menschenrechtliche Versagen Amerikas kaum thematisiert. All das müssen wir uns vor Augen führen, wenn wir uns PJ Harveys neuen Track Shaker Aamer anhören. Shaker Aamer ist der Name eines britischen Staatsbürgers, der seit mittlerweile mehr als 11 Jahren ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in Guantanamo festgehalten wird. Das ist unentschuldbar. Dass PJ Harvey durch dieses Lied ihre Solidariät mir Shaker Aamer bekundet, stimmt mich jedoch hoffnungsfroh. Musik muss die Krallen der Überzeugung zeigen, darf sich nicht einfach in einem unpolitischen Elfenbeinturm verkriechen. Musik sollte sich nicht in diffusen Friedensgedanken wiegen, vielmehr das Elend klar benennen. So wie es PJ Harvey mit diesem als kostenlose Mp3 erhältlichen Lied sehr eindringlich tut. (via The Guardian)

Albumtipp:

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Indie-Track-Auslese 2013 (Januar/Februar)

Heute wollen wir nochmals ein paar Songs hervorstreichen, die bei uns in den ersten beiden Monaten von 2013 für Enthusiasmus gesorgt haben. Eine kleine Indie-Track-Auslese eben, die hoffentlich die eine oder andere Empfehlung bereithält!

Big HarpYou Can’t Save ‘Em All (USA) Album: Chain Letters (VÖ: 08.02.2013 auf Saddle Creek)

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Release Gestöber 37 (Flume, Lotte Kestner, And So I Watch You From Afar, Preacher and Bear)

Wie immer sollen an dieser Stelle ein paar feine Alben in der gebotenen Kürze ans Herz gelegt werden. Unterschiedlicher könnte die heutige Mischung kaum ausfallen….

Flume

Ein Großstadtmärchen der verträumten wie coolen Art serviert uns der australische Produzent Flume mit seinem gleichnamigen Debütalbum. Der unter diesem Alias werkende Harley Straten zählt gerade einmal 21 Lenze, doch weiß er schon ganz genau wie der Hase läuft. Diese schicke Electronica stürzt sich nicht einfach kopflos auf den nächstbesten Dancefloor, sie reckt vielmehr die Hände in die Höhe, schwenkt sie unter dem Eindruck von Ekstase. Flumes Sound ist vielfältig, fährt mal R&B, dann wieder Hip-Hop oder Pop auf. Solch Abwechslungsreichtum macht diese Platte wunderbar kurzweilig, ein Fressen für Kenner und die Spaßfraktion, welche Musik ganz und gar über die Achselhöhle ausschwitzen möchte. Herzstück vieler seiner Tracks sind Synthies vom anderen Stern, welche er mit peppigen Hip-Hop-Beats und geisterischen bis überkindlichen Gesangssamples unterlegt. Neben solch grotesker Märchenhaftigkeit geht es auch oft funky oder cool zu. Als Highlights bleiben vor allem das melancholische Sleepless feat. Jezzabell Doran, ein wiegenliedhaftes Stay CloseInsane feat. Moon Holiday als betörender Electro-Pop, das schwabbelig-wabernde More Than You Thought mit feinem Ethno-Sample sowie Star Eyes, welches ich den werten Lesern bereits vor ein paar Wochen dringlichst empfohlen habe, im Gedächtnis. Natürlich ist auch On Top feat. T.Shirt prima, auf The Line Of Best Fit wird es sehr trefflich als Trance-Hop charakterisiert. Diese Review scheint ohnehin um keine skurrile Genrebezeichnung verlegen, bezeichnet sie den Titel Sleepless doch als „twinkling Disneywave“ bezeichnet. Kicher, kicher! Doch welche Worte man auch benutzen mag, das Urteil kann eigentlich nur positiv ausfallen. Diese Electronica-Platte wird sehr viele Anhänger finden, gut so!

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Unsere musikalischen Favoriten 2011 – Ein Zwischenstand und Vorausblick

Es gibt durchwachsene Jahre und grandiose Jahre. Bislang scheint 2011 noch einen schüchtern bescheidenen Eindruck zu hinterlassen, sich nicht voreilig entscheiden zu wollen. Natürlich verstecken sich feine Platten in den Tagen und Monaten des bislang so flugs verlaufenden Jahres. Aber zünftige Paukenschläge, welche das Herz in höchste Sphären katapultieren, fehlen bis dato mehrheitlich. Oftmals wird aus dem vermeintlichen Trommelwirbel dann doch ein Triangelgeklingel. Das gilt insbesondere für Alben, denen ich recht insbrüstig entgegen geharrt habe. Das neue Werk Take Care, Take Care, Take Care der mir ans Herz gewachsenen Post-Rock-Kulleraugen Explosions In The Sky wirkt ansprechend, aber nie völlig geniedurchblitzt. Die über alle Maßen verehrten The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble haben mich mit From The Stairwell zwar überzeugt, leider jedoch nicht derart enthusiasmiert, wie sie es mit ihren Vorgängerscheiben taten.  Ähnliches ließe sich auch über Joan As Police Woman oder The Low Anthem sagen. 2011 verlangt mir also Neuentdeckungen ab, zumal ich mit den gängigen Charts-Stürmern eher wenig anzufangen weiß. Herbert Grönemeyers Schiffsverkehr wirkt auf mich recht lustlos durchgewunken, die Foo Fighters etwa hatten auch schon mal distinktivere Hits im Repertoire. So sind es eben die jüngst aufgespürten Künstler, welche mir die erste Hälfte des Jahres speziell verzuckerten. Ein Ausblick auf demnächst zur Veröffentlichung anstehende Alben verspricht auch für den Rest des Jahres das eine oder andere Glanzlicht. Man darf gespannt bleiben, immer mit einem weit geöffneten Ohr den Neuerscheinungen begegnen…

Album-Favoriten 2011

Erland & The CarnivalNightingale

Joel AlmeWaiting For The Bells

Anna CalviAnna Calvi

Dark Dark DarkWild Go

Susanne SundførThe Brothel

Sin FangSummer Echoes

PapercutsFading Parade

Amon TobinISAM

Juliette CommagereThe Procession

Africa Hitech93 Million Miles

Lieder 2011:

Sin Fang – Two Boys

Sin Fang : Two Boys from morr music on Vimeo.

Low – Try To Sleep


Low – Try to Sleep (OFFICIAL VIDEO) von subpoprecords

Francesca Lago – On My Way Back From The Moon

Finde weitere Künstler wie Francesca bei Myspace Musik

Beady Eye – Wigwam (simfy)

Erland & The Carnival – Wealldie (simfy)

Dark Dark Dark – Something For Myself

Joel Alme – When Old Love Keeps You Waiting (simfy)

White Lies – Bigger Than Us


WHITE LIES – BIGGER THAN US (official music video) von elnino

Pat Appleton – Männer ohne Pferd

Lotte Kestner – Halo

Veröffentlichungsausblick:

Early Day Miners – Night People (VÖ 12.08.2011)
Beirut – The Rip Tide (VÖ 26.08.2011)
Tinariwen – Tassili (VÖ 02.09.2011)
Sóley – We Sink (VÖ 02.09.2011)
Dear Reader – Idealistic Animals (VÖ 02.09.2011)
Ladytron – Gravity The Seducer (VÖ 09.09.2011)
Cant – Dreams Come True (VÖ 09.09.2011)
dEUS – Keep You Close (VÖ 16.09.2011)
Ane Brun – It All Starts With One (VÖ 16.09.2011)
Shimmering Stars – Violent Hearts (VÖ 16.09.2011)
Laura Marling – A Creature I Don’t Know (VÖ 23.09.2011)
Björk – Biophilia (VÖ 30.09.2011)
Dum Dum Girls – Only In Dreams (VÖ 30.09.2011)
DJ Shadow – The Less You Know the Better (VÖ September 2011)
Noel Gallagher’s High Flying Birds – Noel Gallagher’s High Flying Birds (VÖ 14.10.2011)
Still Corners – Creatures Of An Hour (VÖ 14.10.2011)

SomeVapourTrails

Stippvisite 10/07/11

Unser Blog verkrümelt sich mitunter allzu gern in lichten, geschmacklichen Höhen. Da fehlt es vielen potentiellen Lesern wohl am entsprechenden Rüstzeug, um jenen Geschmacksolymp zu erklimmen. Als Trostpflästerchen hält das Internet jede Menge Blogs bereit, die Durchschnittlichkeit zelebrieren. Mit solchen fraternisieren wir nach Möglichkeit nicht. Man holt sich ja schnell etwas, so ein kleines Herpesbläschen à la Animal Collective kann eine ganze Plattensammlung verseuchen. Ein weiterer Ansteckungsherd ist freilich die musizierende Zunft selbst. Beim ständigen Durchforsten des Veröffentlichungsdschungels zieht man sich ab und an eine veritable Tropenseuche zu. Nicht zuletzt deshalb sterilisieren wir unsere Tastatur immer und noch öfter, ehe wir neue Empfehlungen auf unseren Blog tippen. Verlinken vorzugsweise auf Kollegen, die den guten Geschmack hochhalten und nicht aus jedem Rülpser einer Lady Gaga eine Schlagzeile zimmern. So auch heute.

Covertipp:

Beyoncé gehört zu der Sorte Stars, die in Musikvideos ständig Sex-Appeal versprengen wollen – in etwa so vehement wie der Exorzist das Weihwasser. Frau Knowles zählt wirklich nicht zu meinen Lieblingen. Die werte Anna-Lynne Williams, ihres Zeichens Frontfrau von Trespassers William und solo unter dem Deckmantel Lotte Kestner aktiv, darf sich hingegen meiner Bewunderung sicher sein. Was sie aus dem Beyoncés Hit Halo macht, spottet dem mickrigen Original in jeglicher Hinsicht.

Lotte Kestner hat im Juni Stolen, eine Sammlung von Coverversionen veröffentlicht. Dazu noch eine EP mit weiteren entliehenen Songs als Nachschlag gereicht. Peter von den Schallgrenzen erinnerte mich mit seinem Beitrag daran. Eine unbedingte Empfehlung, die ich mit mehreren Ausrufezeichen hier nochmals wiederholen – und demnächst vertiefen – möchte. Album und EP kann, darf und sollte man dort beziehen.

Blogtipp:

Wir sind der Blog des Monats auf Der Impuls. Und haben darum ein paar Fragen bezüglich unserer Beweggründe beantwortet. Nicht etwa aus Höflichkeit geben wir die dort gestreuten Komplimente gerne zurück. Der Impuls fügt sich zweifelsohne in die Liste der lohnenswerten deutschen Musikblogs ein. Und hat es sogar in Lesezeichenleiste geschafft. Solch einen Ritterschlag erteile ich aus eingangs erwähnten Überlegungen nur wenigen Kollegen.

Ohrwurmtipp:

Wer hinter diesem ausgesucht schlechten Plattencover üble Klänge vermutet, der wird enttäuscht werden. Die britische Formation Milk Maid veröffentlichte soeben mit Yucca ihr Debüt beim renommierten Label FatCat Records. Die diesem Album entnommene Single Not Me will ich begeisterten Herzens als sonniges Ohrwürmchen titulieren. Peter von Coast Is Clear sieht „eine latente Popizität“ gegeben, die mit „sägigen Gitarren begleitet“ wird und somit „ein wohliges End-80er/Früh-90er Feeling“ erzeugt. Ich könnte es nicht besser ausdrücken.

Tourtipp:

Miles Benjamin Anthony Robinson – solch ein Name kommt kurzatmigen Menschen nur schwer über die Lippen. Man sollte jedoch die Puste aufwenden, weil der Amerikaner ein erstklassiger Singer-Songwriter ist. Seine 2010 mit einjähriger Verspätung auch in hiesigen Breiten erschienene Platte Summer Of Fear kann sich wirklich sehen lassen. Wir haben ihn bereits mehrfach auf dem Blog gelobt und wollen daher auch seine anstehende Tour durch Deutschland keinesfalls unterschlagen. Mehr Details und eine kostenlose Mp3 des Song The Sound findet der werte Leser auf der Webseite des Labels Saddle Creek.

Miles Benjamin Anthony Robinson – The Sound from Saddle Creek on Vimeo.

Konzertermine:

17.07.11 Berlin – Comet Club
18.07.11 München – 59:1
20.07.11 Köln – Blue Shell
21.07.11 Wiesbaden – Schlachthof

Erinnerungstipp:

Ich habe vor knapp zwei Jahren die EP eines in Berlin lebenden kolumbianischen Musikers namens Mil Santos in meinem Briefkasten vorgefunden und Creo als ersten Appetithappen genussvoll wahrgenommen. Nun scheint die Zeit reif und ein Album vor der Veröffentlichung. Sehr gut. Die erste Kostprobe lässt Gutes erahnen.

Damit will ich es für heute bewenden lassen. Demnächst mehr.

SomeVapourTrails

Warte auf mich im Universum der Different Stars

Namensgeber unseres Blogs und Bloggernamen sind die fantastischen Trespassers William, deren Sängerin Anna-Lynne Williams auch auf Solopfaden als Lotte Kestner feinste Musik kreiert. Auch sonst ist Anna-Lynne musikalisch umtriebig und weißt eine Vielzahl von Kollaborationen mit anderen Musikern auf. Jüngst veredelte sie Wait For Me von Motopony mit ihren Backing Vocals. Die Single kann via Bandcamp käuflich erworben werden.

Free Downloads von Motopony:

Links: Motopony MySpace, Lotte Kestner MySpace

Mehr zu Lotte Kestner bei uns:

„Was wusste Goethe schon von der Liebe“ – Bespechung von China Mountain der Debüt-CD von Lotte Kestner.

DifferentStars

Überirdisches im Wohnzimmer

Zugegeben – ich bin heute in einer seltsamen Stimmung. Der Versuch, mich mit dem extensiven Hören von Röyksopps Junior zu retten, verfrachtete mich kurzzeitig in eine etwas alberne Stimmung. Am Ende half aber nur mal wieder Mazzy Star. Irgendwie ist es schwer zu widerstehen mindestens einmal in der Woche einen Beitrag über die von mir so geliebte Dream Pop Band zu schreiben.

Zum Glück ist mir jedoch gestern ein besonderes Juwel in die Hände gefallen aus dem Eternal Heaven meiner Lieblingsbands. Anna Lynne Williams – Sängerin von Trespassers William ist im Moment sehr umtriebig. Neben ihrem Soloprojekt Lotte Kestner zaubert sie immer neue Kollaborationen hervor.

Besonders ist All The Dark You Need There – von überirdischer Schönheit das Lied, ganz im Kontrast zum sehr weltlichen Wohnzimmer, in dem diese Aufnahmen stattfanden.

Lotte Kestner and Joe Fraley – All The Dark You Need There

Links:

www.myspace.com/annalynnew (Lotte Kestner)
www.myspace.com/klum (Joe Fraley)

Kuscheln im Bett mit Lotte…

Let’s Go To Bed – für mich die Devise dieser trüben Tage. Davon kann auch Anna-Lynne Williams aka Lotte Kestner ein Lied singen. Eingeschneit – von den lieben Bandmitgliedern und dem Rest der Welt abgeschnitten, sang sie die Coverversion des The Cure Songs ein. Trespassers William Bandkollege Matt hat einen schönen Remix gezaubert. Diesen gibt es jetzt auf der französischen Fanseite http://lieinthesound.fr/als kostenlosen Download. Mit dieser teilen wir nicht nur den Namen, sondern auch die Liebe zu Trespassers William. Immerhin spielte das Different Stars Album der Shoegazer beim Kennenlernen und Verlieben von SomeVapourTrails und mir eine große Rolle…mehr erfahrt ihr bei Über Uns 😉

Im Bett ist es auf jeden Fall schöner und kuscheliger als im Dschungelcamp…was Lotte Kestner im Dschungel zu suchen hatte, fragte und beantwortete SomeVapourTrails hier.

Ich gehe jetzt dahin zurück, wo es zur Zeit am schönsten ist…

DifferentStars

Was wusste Goethe schon über die Liebe?

Ach, wie oft mokieren wir uns doch über bildungsresistente Amis? Dass eine Songwriterin als Pseudonym ausgerechnet die Protagonistin eines Goethe-Werks wählt, zeugt von literarischem Horizont und programmatischer Finesse. Lotte Kestner, den Shoegaze-Connaisseuren unter dem echten Namen Anna-Lynne Williams, Frontfrau der fantastischen Band Trespassers William, bekannt, hat 2008 ihr Debüt China Mountain vorgelegt.

Anna-Lynne Williams (mit Kollegen von Trespassers William)
Anna-Lynne Williams (mit Kollegen von Trespassers William)

Auf diesem Blog wurde das Album bereits in der Jahresrückschau erwähnt, doch allmählich ist es hoch an der Zeit eine ausführlichere Würdigung vom Stapel zu lassen. Zumal die Ohren meiner werten Mitbloggerin DifferentStars ein Liedchen von Lotte Kestner unlängst als Untermalung zum Dschungelcamp erlauschten. Warum sich solch eine Perle dorthin verirrte, findet man hier begründet. Womit auch bewiesen wäre, dass nicht alle bei RTL dem Irrsinn Musik = Bohlen anheimfallen.

Genug der Einführung, stürzen wir uns volle Pulle in medias res. Akkustischer Folk, eine becircend ätherische Frauenstimme und sehr viel Traurigkeit – da schlitzen sich beim Zuhören die Pulsadern quasi von selbst auf. Lotte Kestner vermeidet überflüssiges Geklimper, verhätschelt uns mit scheppernd-schleppenden Gitarrenakkorden, die ihrem ausdrucksstarken gesanglichen Vortrag Raum zum Atmen lassen. Die reduzierte Aura des Werks wummert derart authentisch aus den Boxen, so als säße Frau Williams auf dem Sofa gegenüber und sinniere bei Kräutertee und Dinkelplätzchen über das Scheitern von Beziehungen, Bitterkeit und Sehnsucht. Das kann sie gut, ja geradezu mit poetischer Perfektion, welche genug Interpretationsflächen erlaubt. Zeilen wie „if my love was a sailor/ he’d use his boat for ill/ to sail beyond the reach/ of the one who loves him still“ gefallen, Sätze wie „what i want sometimes is a roof somewhere/ the same one each time, like a real woman“ sagen mehr über Wünsche aus, als oftmals in ganzen Romanen zu finden. Frau Williams zeigt dem werten Goethe, wie der Hase läuft. Das Gefühl „love sleeps where it’s not wanted/ in your bed, in your bed“ atmet mehr dramatischen Pathos als jedweder dilettantische Selbstmord.

Die Zeitgenossen, denen selbst Mark Medlock (ha, schön den Faden wieder aufgenommen, nicht wahr?) zu depressive Liedchen anstimmt, diese Leute werden mit Lotte Kestner keine Freude haben. Wer sich jedoch ab und an auch eine Portion Nachdenklichkeit als Sahnehäubchen eines verregneten Wochenendes gönnt, den vermag China Mountain zu betören. Wer sich – so wie ich – in Lotte Kestners Kreation entgültig verliert, dem seien die B-sides von China Mountain mit dem formidablen Falling Out Of Love empfohlen, welche man bei der Künstlerin direkt bestellen kann (siehe dazu ihre MySpace-Seite).

Links:

Interview mit Anna-Lynne Williams

MySpace-Auftritt (inklusive Hörproben) von Anna-Lynne Williams

SomeVapourTrails